Ausgabe 
14.2.1904
 
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Nr. 7.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 7.

10 Unterhaltungs-Ceil.

Der Sieg des Schwachen. Erzählung von Melchior Meyr. (Fortsetzung.)

Der Brief war aus einem kleineren Orte in Michigan. Der Schreiber, der im Ries Bauernknecht gewesene Andreas Holl, meldet, daß er endlich einen Platz gefunden habe, ganz nach Wunsch, und giebt zunächst eine Schilder⸗ ung der Ueberfahrt. Für den Sohn des Rieses, wo auch die geringeren Leute verhältnismäßig nicht schlecht leben und insbesondere auch die Ehehalten ihre Anforderungen zu steigern be⸗ ginnen, ist es charakteristisch, daß er sich über die Schiffskost aufhält und von Erbsen und Bohnen sagt, man hätte mit ihnen schießen können! Die Fahrt, ohne besondere Abenteuer, währte lang.Sechsundstebzig Tage mußten wir auf dem Wasser herumschwimmen, aber dann kamen wir nach Quebec in der Früh', wo die Sonne aufging; das schaute uns herr⸗ lich entgegen, da war Freude auf dem Schiffe! Nach einer Schilderung seiner weiteren Erleb⸗ ussse, woraus hervorgeht, daß er erst nach Versuchung mehrerer den ihm entsprechenden Dienstherrn gefunden hat, fährt er fort:Nun gehts mir so gut, daß ich's für's erste gar nicht besser wünsche. Aber iu Amerika denkt man nicht dran, immer zu bleiben, wo man ist; denn da kann's einem immer besser gehen, und Gott weiß, wie weit man's noch bringen und was man da am Ende noch werden kann. Denn da ist kein solches Lumpenleben wie bei euch in Deutschland!

Als Tobias so weit gekommen war, hielt er inne. Der Andres war in der Schule einer der Besten gewesen, obwohl nicht so fleißig wie er ein gescheiter, lustiger, später indes zum Leichtsinn, zumPrangen(Prahlen) und Rechthaben geneigter Bursch, der nicht überall guttat und schon im Ries mehrfach die Plätze gewechselt hatte. Daß er nun so schreiben konnte, war doch auffallend! Das hatte alles Händ' und Füß' und klang so vornehm! Der Stolz namentlich in der letzten Zeile flößte ihm Respekt ein und erregte sein ganzes Wesen. Er sah nit Ernst auf den Tisch. Die Alte, die aus dem Bisherigen nur das Geschick und Glück ihres Sohnes herausgehört hatte, war erfreut, gerührt und ermunterte, nach mehr begierig, zum Weiterlesen.

Tobias las eine Schilderung des Dienstes. Wie er an die Summe kam, welche der An⸗ dres täglich erhielt, entfuhr ihm ein Schrei der Ueberraschung es war viermal so viel, als er im besten Falle mit der Nadel verdiente! Was muß das für ein Land sein! murmelte er und las weiter.Das Leben ist freilich auch teurer wie bei euch; aber man lebt besser und kann sich doch noch etwas ersparen. Wer etwas gelernt hat und brav arbeitet, der muß hier vorwärts kommen, es kann sich gar nicht fehlen besonders, wenn einer ein Handwerk versteht und die Landwirthschaft dazu! Dann ist sein Glück so gut wie gewiß!

Der Sqyueider hielt wieder inne. Die letz⸗ ten Zeilen waren ihm wunderbar durch die Seele gegangen er verstand ja ein Hand⸗ werk und die Landwirtschaft dazu! Er war ja derjenige, dessen Glück in dem vande gewiß war; denn fleißig und arbeitsam war er auch! Sein Gesicht erhielt einen mutigen Aus⸗ druck, er erhob den Kopf, und zu der Alten ge⸗ wendet rief er nachdrücklich:Euer Andres 90957 Gescheiten gemacht das sag' ich

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Ja, du liebs Gottele, erwiderte das Weib, wenn's nur alles so ist, wie er schreibt! Nun, wir wollen das Best' hoffen!

Tobias, den Umstand benützend, daß sie an ihrem Tische allein saßen und auch der benach⸗

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barte leer geworden war, las den Schluß des

Briefes mit erhöhtem Tone und einem Aus⸗ druck, der dem Inhalt entsprach. Er lautete: Ja, ein anderes Leben hat man schon hier wie bei den Bauern in Deutschlaad. 7

Wie sich mancher Dienstbote von früh mor⸗ gens bis in die Nacht plagen muß um seine etliche Kreuzer, wo er verdient, es ist wirklich bedauernswert, wenn man zurückdenkt. Dem Pfarrer und Beamten muß der Bauersmann das Geld hintragen, wo er das ganze Jahr mit seinem Schweiße verdienen muß. Das ist in Amerika nicht; da haben wir so gut jede Mahlzeit wie die Herren Beamten in Deutsch⸗ land. So lange der Bauer bei euch noch einen Kreuzer im Beutel hat, so lange ist er immer zufrieden und gibt her, was er hat; da kann man freilich dem Dienstboten nicht so viel Lohn geben. Bei uns, was einer sich mit Rechten er⸗ worben hat, das gehört ihm, und er läßt dann seinen Dienstboten so viel zukommen, daß ste mit der Zeit auch Herren werden können. Wo will bei euch daheim einer weiter kommen? Wenn einer ein armer Teufel ist, dann bleibt er es eben sein Lebtag! Hier ist auch keine Polizei und kein Gendarm; wenn wir gerade beisammensitzen des Nachts, gehen wir heim, wenn es uns freut, manchmal spät, auch manch⸗ mal früh. Hier gibt's keinen Unterschied unter den Menschen, einer ist so gut wie der andere. Mein Herr muß mir die Ehr' antun wie ich ihm! er zahlt mir den Lohn, und ich tu' ihm die Arbeit und im übrigen sind wir gleich, wie's auch recht ist. Der Beamte ist hier un⸗ ser Beamter und muß tun, was uus zum Nutzen ist und was wir gerne sehen; und grad so der Pfarrer auch. In Amerika hat man keinen Respekt vor so einem, als ob's unser Herrgott selber wär'! Man läßt sich von ihm unterrichten, aber nichts dreinreden und befehlen. Wenn der Bauer in Deutschland zum gnädigen Herrn aufs Gericht muß, da schlottern ihm die Knie; und wenn ihn der Pfarrer einmal krumm ansieht, da meint er, er hätt' ein Ver⸗ brechen begangen und er wär' ein schlechter Kerl. Wie können die Menschen nur so ein⸗ fältig sein! Ist nicht einer den andern wert, und muß sich nun einer fürchten vor dem au⸗ dern und sich abängstigen aus lauter Dumm⸗ heit? Solch elende Leut' sollte man nach Ame⸗ rika schicken, da würden sie bald anders werden! Ich hab' die Herren grad nicht so arg gefürch⸗ tet wie mancher andere, aber doch noch viel zu viel, und ich kann jetzt gar nicht begreifen, wie ich so ein Narr hab' sein können! Was ein Mensch aus sich macht, das ist er! Wer seinen Charakter nicht behauptet, ist Tropf und an seinem Elend nur selber schuld! Liebe Mut⸗ ter und Geschwister, ich zweifle daran, Deutsch⸗ land noch einmal zu sehen; 9 wüßte nicht, was ich draußen tun sollte. en Herren einen Sklaven machen?

Nein, das tu' ich nicht, und ich dauke Gott, daß er mir dies eingeprägt hat. Lebt alle wohl und gesund; mit dem nächsten Brief will ich euch ein Päckchen Taler schicken, und lang wirds nimmer dauern, so kann ich euch auf mein Gut nach Amerika einladen!

Dieser im ersten Amerikastolz geschriebene und schon eine gewisse Journalbildung verratende Brief übte auf unsern Schneider die tiefste Wirkung. Das Selbstgesühl des Andres erhob seine Seele, die verächtungsvollen Ausdrücke über die Furchtsamen trafen ihn ins Herz; aber er las sie nicht kleinlaut, sondern mit Kraft, denn er wollte sich ja strafen durch die Wahrheit! Indem er die Schwäche seines We⸗ sens mit dem neuen Amerikaner verdammt, tilgte er sie weg und konnte völlig eins werden mit ihm. Die letzten Sätze las er mit einer Miene, als ob er der Andres selber wäre, und als ob sich die Herren im Ries nun vor ihm zu verkriechen hätten.

Nachdem er eine Minute bedeutsam ge⸗ schwiegen, gab er der Witwe den Brief zurück und sagte:Der Andres ist ein Mann, vor dem man Respekt haben muß. So ist's, wie er sagt, und nicht anders!

Nicht wahr? versetzte die geschmeichelte Mutter,er schreibt beinah so schön wie ein Pfarrer!

Bah, entgegnete Tobias verächtlich,wie ein Pfarrer! Die wann so schreiben könnten, ja, dann wär's gut! Aber so kaun man nur in Amerika schreiben, sonst nirgends in der gan⸗ zen Welt! 5

Er ergriff den Krug, dem er schon während des Lesens zugesprochen hatte, und leerte ihn mit einem Zuge, heroisch wie seine Empfind⸗ ungen. Dann zahlte er und fragte die Alte, ob sie mit ihm nach Hause gehen wollte. Diese war mit der Halben, die ste sich hatte bringen lassen, gleichfalls zu Ende und freute sich, auf

dem Heimwegeinen Unterhalt zu haben.

Wie sie hintereinander den Fußweg hin⸗ gingen, der sie nach Hause führte, war die Unterhaltung doch nicht so groß, wie das Weib gehofft haben mochte. 0

Den Geist des Schneiders beschäftigte das Gelesene. Er sah mit rotem Gesicht schweigend vor sich hin; zuweilen erhob er den Kopf, blickte stolz und wild in die blaue Luft und nickte gewichtig. An i

Schon hatten sie die Hälfte des Weges hin⸗ ter sich, als er endlich den Mund öffnete und seine Gedanken verratend sagte:Das muß ein merkwürdiges Land sein, das Amerika! Euer Andres hat mit der Sprach' gut fortgekonnt, schon wie er noch hier gewesen ist; aber so ei⸗ nen Brief schreiben! solche Dinge sagen! Das muß ja eine Luft dort sein, wo einem die Dummheit von selber vergeht und wo man ge⸗ scheit und couragiert wird im Schlafe.

Ja, ja,'s ist wahrhaftig war, erwiderte die Alte:wer hätte das geglaubt? i

Tobias 8 5 fort:Und Geld verdient man sich auch mehr, als hier der Brauch ist! Kreuz⸗ sakkerment da begreift man ja gar nicht, warum noch ein Mensch bleiben mag in dem Deutschland da! 1

s ist schier so, versetzte das Weib; aber es kann halt auch nicht gleich jedes so fort, wie's will.

So ist's, bemerkte der Schneider.Man⸗ cher könnt' aber wohl fort und ging' auch fort, wenn er wüßt', wie's wär's! Ich glaub', es werden noch viele hineingehen von unserer Gegend. N

's kann wohl sein, versetzte die Alte.

Tobias verstummte wieder und verharrte in seinem Schweigen, bis sie ans Dorf kamen.

Als sie in die Gasse einbogen, kam ihnen der geistliche Herr entgegen, der den schönen Abend zu einem Spaziergang benutzen wollte. Tobias beschloß sogleich zu handeln, wie es sei⸗ nen jetzigen Ansichten entsprach; vorübergehend rückte er nur ganz leicht den Hut und sagte: Guten Abend, Herr Pfarrer! in einem Tone, als ob er einen Kameraden grüßte.

(Fortsetzung folgt.) Humoristisches Eine Vertrauensperson.

Besuch:Ihr tut ja heut' alle so geheimnisvoll! Was ist denn los bei Euch?

Schlächt ers söhnchen: Wir haben einen neuen Gesellen zum Wurstmachen kriegt... und der wird jetzt vereidigt.

Der Fürst auf dem Kostümfest. Ja das Regieren ist eine schwere Aufgabe die andern amüsieren sich hier ich studiere neue Möglichkeiten der Uniformierung.

Unbegreiflich. Alte Frau(die Zeitung lesend):Und ich kann halt doch nit glauben, daß die Erde inwendig ganz voll Feuer ist; wieso hätt' ich dann nachher allweil kalte Füß'?(Megg. Bl.)

GSHieschichtskalender.

14. Februar. 1887: Verhängung des kleinen Belagerungszustandes über Stettin.

15. 1901: Kriminalkoumissar Thiel in Berlin zu 3 Jahren Zuchthaus verurteilt. 1781: Gotthold Ephr. Lessing 5.

16. 1894: Exploston auf dem KriegsschiffBran⸗ denburg. 42 Tote. 1834: Rouget de l'Isle, Mar⸗ seillaise⸗Komponist, f.

17. 1898: Grubenunglück in Bochum, 110 Tote. 1856: Heinrich Heine, f.

18. 1587: Marie Stuart hingerichtet.

19. 1837: Georg Büchner, soztaltstischer Dichter, F.

20. 1890: Reichstagswahl. Vernichtung des Kartells. 1810: Andreas Hofer erschossen.