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Seite 4.
Mitteldentsche Sonntags Neitung.
Von Nah und Fern. Hessisches. — Die Zweite Kammer tritt am
nächsten Mittwoch zu ihren Beratungen zu⸗ sammen.
— Ein Bündnis der Liberalen und Sozialdemokraten ist in Mainz zu den bevorstehenden Stadtverordnetenwahlen zustande
ekommen. Dasselbe richtet sich gegen das entrum, für das dadurch der Wahlkampf aussichtslos wird. Von den zu besetzenden 17 Mandaten erhalten die Demokraten 3 Sitze, die sie auch bisher hatten, die Sozialdemo⸗ krat en sechs(zwei scheiden aus), die National⸗ liberalen vier(fünf scheiden aus), die Deutsch⸗ Freisinnigen drei(fünf scheiden aus). Außer⸗ dem wird von den Parteien der keiner Fraktion angehörende Stadtverordnete Ring wieder auf⸗ gestellt. Das Zentrum verliert einen Sitz, es scheidet Sanitätsrat Dr. Müller aus.
Gießener Angelegenheiten.
Auf zur Stadtverordnetenwahl! Par⸗ teigenossen! Durch amtliche Bekanntmachung vom 5. November wurde der Wahltermin für die Stadtverordnetrenwahlen auf Dienstag, den 15. November festgesetzt, während vorige Woche der 23. als mutmaßlicher Wahltag be⸗ zeichnet wurde. Es bleibt also sehr wenig Zeit zur Wahlagitation übrig. Infolge des früheren Termins nahm unser Wahlverein in seiner Versammlung am Samstag Abend Stellung. Die früher eingesetzte Kommisston erstattete kurz Bericht, wobei die Frage, ob eine„gemischte“ oder reine Liste aufzustellen das Richtigere sei, einer eingehenden Erörterung unterzogen wurde. Dem Vorschlage der Kommission, einige bürger⸗ liche Kandidaten mit auf den Zettel zu nehmen, stimmte die Versammlung zu, ebenso dem weiteren, uur acht Parteigenossen aufzustellen. Dem⸗
emäß wurden die Genossen Beckmann, eur, Krumm, Kaufmann, Baum, Glaser, Diehl, Schneidermeister, Fourier, Geschäftsführer, Muhl, Friseur, Petersen, Schneider und Vetters, Redakteur als Kan⸗ didaten proklamiert. Ferner wurde beschlossen, drei bürgerliche Kandidaten mit auf unseren Zettel zu nehmen und zwar die Herren: Dr. Ebel, Dr. Gutfleisch und Loos. Die beiden letz⸗ teren gehörten bisher zu dem Stadtprrordneten⸗ kolleg; alle drei bieten einigermaßen Gewähr, daß sie den sozialdemokratischen Forderungen weniger einseitig und schroff gegenüberstehen. Die Versammlung gab zu der so gestalteten Liste ihre Zustimmung. Es befinden sich auf unserem Zettel also nur elf Namen, während 16 Stadtverordnete zu wählen sind.
Parteigenossen! Burch die frühere Ansetzung des Wahltermins bleibt uns also, wie schon bemerkt, nur noch wenig Zeit zur Agitation. Umsomehr muß sie ausgenutzt werden und es ergeht deshalb an jeden einzelnen die Mahnung, zu tun, was in seinen Kräften steht. Jeder muß in seinen Bekauntenkreisen für Abgabe unseres Stimmzettels wirken. Wir brauchen hier nicht nochmals unsere kommunalpolitischen Forderungen darzulegen, es ist wiederholt in Unserem Blatte geschehen und wir können in dieser Beziehung noch auf unser am Sonntag zur Verteilung gelangendes Flugblatt verweisen. Uebrigens muß sich jeder gerecht denkende Bürger sagen, daß die Sozialdemokratie, die Vertreterin der werktätigen Bevölkerung, der Kleinhand⸗ werker, Unterbeamten und Arbeiter, die auch in Gießen die Mehrheit der Einwohner dar⸗ stellen, ein gutes Recht auf mehr Vertreter im Stadtrat haben. Wir sehen aber aus allen bürgerlichen Vorschlagslisten, daß sie von den zur Wahl stehenden 16 Mandaten fünfzehn mit Vertretern der besitzenden Klassen besetzen wollen. Nur ein einziges Mandat wollen sie uns gnädigst überlassen. Gerechtigkeit? Danach fragen die Herren nicht, sie, die Ver⸗ treter der Minderheit der Einwohnerschaft, beanspruchen die absolute Herrschaft! Unsere Partei hat bescheidenerweise nur acht Kandi⸗ daten aufgestellt, die anderen acht Mandate den Bürgerlichen uberlassend. Deshalb kann auch jeder Angehörige einer anderen Partei unsern
Zettel ohne Aenderung abgeben. Für unsere Par⸗ teifreunde ist das selbstverständlich. Die Männer, welche wir zur Wahl empfohlen haben, werden ihre Pflicht im vollsten Umfange erfüllen, wie es unsere beiden Genossen in der Stadtverord⸗ neten⸗Versammlung bisher jederzeit getan haben. Darum nochmals: Auf zur Wahl!
— Die Wahlzeit zu der am Dienstag stattfindenden Stadtverordnetenwahl ist auf die Stunden von 11 Ubr vormittags bis 7 Uhr abends festgesetzt. Die Wahl wird
im Bürgermeistereigebände vorgenommen und zwar haben die Wähler nach dem Anfangsbuchstaben ihres Namens nach folgender Ordnung abzustimmen:
A bis Go im Zimmer Nr. 10, Gr bis Ii im Zimmer Nr. 11, Lo bis Schl im Zimmer Nr. 12,
Schm bis Z im Zimmer Nr. 15.
Die amtliche Bekanntmachung macht weiter darauf aufmerksam, daß diejenigen Stimmbe⸗ rechtigten, welche mit der Entrichtung der Ge⸗ meindest euer zur Zeit der Wahl sich länger als zwei Monate im Rückstande befinden, zur Abstimmung nicht zugelassen werden und daß daher alle diejenigen, welche bis zum 10. No⸗ vember mit der Entrichtung des 2. Zieles der Gemeindesteuern(das im Juli fällig war) im Rückstande waren, nur dann abstimmen können, wenn sie einen solchen Rückstand noch bis zur Wahl abführen und, daß solches geschehen, der Wahlkommission durch Vorlage der Steuer⸗ quittung nachweisen.
— An die Arbeit! tesen Sonntag Vormittag müssen die Flugblätter zur Stadt⸗
verordnetenwahl verteilt werden. Dazu wollen
sich die Parteigeno ssen recht zahlreich zur Ver⸗ fügung stellen und sich bis spätestens 10 Uhr in der Wirtschaft Orbig einfinden. Je mehr Leute, in desto kürzerer Zeit ist die Arbeit getan!
— Amtsblättlich⸗verlogene Sozia⸗ listen⸗Vernichtung. In seiner Donners tagsnummer leistet sich der„Gieß. Anzeiger“ einen Hetz⸗Artikel gegen unsere Partei, der von Lüge und Heuchelei strotzt. Unser Landkalender, der demnächst wieder zur Verteilung gelangt und der sich, wie der Anzeiger ganz richtig be⸗ merkt, auf dem Lande immer größerer Be⸗ liebtheit erfreut, weil die Bauern ganz genau wissen, daß alles, was darin steht, die Wahr⸗ heit ist, gibt ihm Veranlassung, unter dem Titel„Die Sozialdemokratie und die Bauern“ ein Bündel„oller Kamellen“ aufzuwärmen, die irgend ein agrarisch⸗antisemitischer Schweinburg vor etlichen fünfzehn Jahren zusammengefabelt
hat und mit denen seit dieser Zeit die Junker
und ihr nationalliberaler und antisemitischer Anhang krebsen geht. Da werden unter anderem ein paar Sätze aus der„Sächs. Arheiterztg.“ von 1890 zitiert, deren damaliger Redakteur in das anarchistische Fahrwasser geraten war, dem aber die Dresdener Genossen sehr bald das Handwerk legten. Teistler hieß der Mann, und wenn wir nicht irren, ist er später irgendwo Kreisblattredakteur geworden! Der An⸗ zeiger lügt und fälscht, aber bewußt, wenn er behauptet, der„Vorwärts“ habe geschrieben: „Die Ernte gehört nicht den Bauern, sondern allen Menschen“. Daß die Ernte den Bauern gehört, wird jeder Sozialdemokrat ohne weiteres erkennen. Der Vorwärts schrieb aber— auch das ist zwölf oder dreizehn Jahre her—: Die Erde gehört nicht den Bauern ꝛc. Diese Fälschung, die der Anzeiger hier aufs neue unternimmt, ging vor zehn Jahren und dann bei jeder Reichstagswahl so oft durch die bürger⸗ liche Presse und wurde von der sozialdemo⸗ kratischen so oft zurückgewiesen, daß die An⸗ zeigerleute wissen müssen, daß es sich um eine Lüge handelt. Und wenn es wirklich der eine, der den Schwindel am Ende aus einem alten antisemitischen Blatte ausgeschnitten hat, infolge seiner jugendlichen Unerfahrenheit nicht wissen sollte, wäre es Pflicht seines Kollegen, ihn darüber aufzuklären und vor solchen berech⸗ tigten Vorwürfen zu schützen, wie wir sie hier erheben müssen.„Darum frohlocken die Sozial⸗
demokraten, wenn der Bauer und mit ihm der kleine Handwerker und Gewerbetreibende zu
grunde geht und rühren keine Hand, den Unter-
gang zu verhindern“, sagt der Anzeiger schließ⸗ lich. O, diese erbärmliche Heuchelefk Haben etwa die Sozialdemokraten bisher in den
Regierungen gesessen und die Mehrheit in den 1 Parlamenten gehabt? Nein, das waren die „Ordnungsleute“, die Vertreter der Kapita⸗
listenklasse und diese ist es, die Bauern,
Handwerker und Gewerbetreibende ruiniert. Das 4
wissen heutzutage auch die Bauern, zu einem großen Teile wenigstens, und darum wählen sie auch nicht ihre Metzger selber, sondern wählen— sozialdemokratisch. 5
— Nehmt Euch ein Beispiel daran! Nach dem schönen Wahlerfolg in Frankfurt erhalten wir heute fend früh eine neue Siegeskun de von Offenbach! Glänzend haben unsere Genossen dort gesiegt! Alle dreizehn Sozialdemokraten sind gewählt und zwar mit einer Mehrheit von 200— 500 Stimmen! Dieser herrliche Sieg fällt umso⸗ mehr ins Gewicht, als unsere Offenbacher Ge⸗ noffen von der dortigen Fabrikantenklique in einer empörend schamlosen Weise bekämpft wurden und ganz besonders Ulrich, der allein auszuscheiden hatte, unerhört verleumdet wurde. Hat alles nichts genützt! Nun haben unsere Genossen von 36 Sitzen 25 inne, also die große Mehrheit. Ein Bravo den Offenbachern! Wir wissen, die Erwählten werden das Vertrauen der Bürgerschaft nicht täuschen.
— Wirrnis im Amtsblatt.„Der Stern der Sozialdemokratie beginnt zu er⸗ blassen“. Mit diesen Worten leitet der„Gieß. Anz.“ in der Donnerstag⸗Nummer einen Artikel über die italtenischen Wahlen ein, in dem der „Rückgang der Sozialdemokratie“ das Leitmotto bildet. Die Wahlen in allen Ländern hätten uns in der letzten Zeit Niederlagen gebracht. Nun, möglich, daß Wir aach Niederlagen er⸗ leiden, bei den Machtmitteln der Gegner ist das ja selbstverständlich. Hätten wir immer und überall gesiegt, so hätten wir längst die Macht in den Händen. Was aber Italien be⸗ trifft, so haben sich dort unsere Stimmen fast verdoppelt. Doch in einem anderen Artikel über die amerik. Präsidentenwahl spricht der „Anz.“ selbst von starrer Zunahme der sozialdemokr. Stimmen und allerdings stiegen dieselben von 200 000 bis über eine halbe Million. Merkwürdigerweise sagt aber das Amtsblatt gar nichts von der Frankfurter
Wahl, die nicht wie Rückgang aussieht. Und
Offenbach? Es lebe der Rückgang!
— Jawohl,„alle Bevölkevrungsschichten“. Man schreibt uns: Das vor einigen Wochen im Gast⸗ haus„Zum Löwen“ von einer Versammlung eingesetzte Wahlkomitee hat in verschiedenen Sitzungen im Schweiße seines Angesichts sich abgequält— um— wie es im „Gieß. Anz.“ hieß, einen„allen Bevölkerungsschichten genehmen Wahlvorschlag“ zu Stande zu bringen. Dieser
O, krieh de Krank!
ist nun ersch'enen und siehe, allen Berufszweigen ist f
Rechnung getragen, nur den wichtigsten, den am meisten gedrückten Arbeite rstand hat man vergessen! nein
nicht vergessen, absichtlich bei Seite geschoben. Man gönnt eben den Arbeitern keine ihrer Zahl ent⸗
sprechende Vertretung,. Kandidaten nahm das großmütige„Löwenkomitee“ 15 aus bürgerlichem Lager, und das nennt man dann einen allen Bevölkerungsschichten Wahlvorschlag. Wir schreiben dies nicht aus Aerger oder Verdruß, im Gegenteil, wir freuen uns, von neuem bestätigt zu sehen, daß die Bürgerlichen nur sich für
befähigt halten, im Rathaus zu raten und zu tateu,
den Arbeitern überlassen sie das Steuerzahlen und
Mund halten. Arbeiter! Laßt Euch eine derartige Be⸗ 1 handlung nicht bieten, gebt am Wahltage die richtige
Antwort, wählt Mann für Mann die sozialdemokratischen Kandidaten! 1
— Tarifvertrag im Gießener Bau⸗ gewerbe. Wie kürzlich schon mitgeteilt, haben
die Gießener Bauunternehmer mit dem Maurer ⸗ verband einen Vertrag über die Arbeitsbhe ⸗ dingungen vereinbart, dessen hauptsächlichste Be⸗ stimmungen folgende sind: 4 Die Arbeitszeit beträgt zehn Stunden, von 6 Uhr morgens bis 6 Uhr abends mit den üblichen Pausen. Ueberstunden, Nachts⸗ und Sonntagsarbeiten sollen möglichst vermieden werden. Samstags endet die Arbeit unter Wegfall der Vesperpause um 5 Uhr.
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Von den 16 zu nominierenden g
rechnungtragenden 1 N
S„ n


