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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 11.
„Neutralitäts⸗ Erklärungen.“
Unter diesem Titel veröffentlichte der dänische Satiriker Ewald in der Kopenhagener Zeitung „Politiken“ folgende Skizze:
St. Petrus trat vor Gottes Tron und erstattete Bericht über den russisch⸗japa ni⸗ schen Krieg.
Als er zu Ende war, stürzte der russiche Engel auf die Knie und rang die Hände.
„Hilf den Russen, o Herr! den rechtgläubigen Russen!“ bat er.„Der Zar wird dich preisen in St. Petersburg, wird vor Dir knieen in Moskau und sich vor Dir auf sein Angesicht werfen in Kasan!“
„Zerschmettere die grausamem, ungerechten Russen!“ bat der finnische 11 5 und erhob seiun dunkles, tränenfeuchtes Antlitz.
Der französische Engel flüsterte in das rechte Ohr des Herrn:„Stehe den Russen bei, sonst macht Frankreich bankrott!“
Der englische Engel neigt sich gegen das linke Ohr des Herrn:„Laß die Japaner weiter⸗ stegen, damit wir nicht in die Zwangslage kommen, ihnen beistehen zu müssen!“
„Stürze ste alle beide ins Verderben!“
seufzte der chinesische Engel aus der Tiefe seines Herzens.
„Wo ist der japanische Engel?“ fragte Gott.„Ich sehe ihn nicht.“
„Er ist in den Krieg gegangen.“ sagte St. Petrus.„Er liegt jetzt im Anschlage und schießt auf Port Arthur.“
Gott sah von dem einen zum andern. Dann dei Lächeln über sein unergründliches An⸗ gesicht.
„Petrus, höre!“ sagte er. uns neutral verhalten!“
„Wir werden
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Der Sieg des Schwachen.
Erzählung von Melchlor Meyr.
(Fortsetzung.)
Sie war in der untern Stube allein— der Geistliche erquickte sich in der Gartenlaube — als die Bäbe von der Küche hereinkam, um eine Frage wegen des Mittagessens an sie zu richten. Das Mädchen zeigte das gefaßte, still⸗ hoffende, sanft melancholische Gesicht, das man seit dem entscheidenden Gespräch im Hause an ihr gewohnt war. Die Frau gab ihre An. weisung und fuhr dann mit der Miene des Bedauerns, ja der Anklage fort:„Bei dem Schneider hat's gestern wieder Streit gegeben! Hast du schon was davon gehört?“
„Ja,“ versetzte die Bäbe mit dem Tone der Ergebung;„aber nichts Genaueres. Man hat mir nur gesagt, daß Vater und Sohn hinter⸗ einandergekommen sind.“— Die Pfarrerin fuhr fort:„Mir ist dieser ewige Unfriede fatal, sehr fatal. Ich wüßte nicht, was ich drum gäbe, wenn ich nichts mehr davon hörte!“
„Ich bedauer' es auch,“ erwiderte die Bäbe, „aber ich kann nichts dafür.“—„Wirklich nicht?“ versetzte die Frau,„Hast du dir keinen Vorwurf zu machen? Hast du das Wort, das du mir gegeben, nicht gebrochen?“
„Nein, Frau Pfarrerin“, entgegnete das Mädchen.„Einmal, vor acht Tagen, abends gegen neun Uhr, sind wir uns zufällig auf der Gasse begegnet; aber wir haben kaum eine Minute miteinander gesprochen und uns nur unser Leid geklagt.“—„Und du hast nicht an ihn geschrieben? Hast du ihn nicht durch Klagen dazu gebracht, daß er seinen Vater mit Zumut⸗ ungen erzürnte?“—„Nein,“ war die entschiedene Antwort.„So wahr ich vor Ihnen stehe!“
Die Frau schwieg. Nach einer Pause be⸗ gann sie:„Der Handel ist um so unangeneh⸗ mer, als man in dem Fall, daß Tobias auf seinem Kopf bleibt, kein Ende davon absehen
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kann. Den alten Eber bringt ihr nicht dazu, daß er euch nachgibt. Den kenn' ich besser!“
„Es mag sein,“ versetzte die Bäbe.„Ich muß es eben annehmen, wie's kommt.“
Das Gesicht der Pfarrerin erhellte sich, wie durch eine Anwandlung von Laune, und ste sagte:„Das Gescheiteste wär', wenn für dich jetzt eine gute Partie auskäm'! So ein reicher Witwer etwa, der oft froh ist, wenn er ein tüchtiges Hausweib kriegt zu seinem Geld und seinen Kindern. Und das würdest du abgeben, dafür könnt ich einstehen!“/
Die Bäbe schüttelte unwillkürlich den Kopf und sah zu Boden.—„Wie,“ rief die Pfarrerin, „du würdest so einen Antrag ausschlagen?“— „Ja, Frau Pfarrerin,“ erwiderte das Mädchen. „Solang' der Tobias keine andere heiratet, heirat' ich auch nicht!“—,„ Das ist ja ernsthafter, als ich gedacht hab',“ rief die Frau.„Aber,“ setzte sie nach einer Weile hinzu,„was findest du denn nur so Besonderes an dem Menschen? Ein nettes Bürschchen ist er; aber solang' ich ihn kenne, der Spott des Dorfes, furchtsam wie ein Hase und doch wieder eitel und prahlerisch — kurz, ein Schneider, wie's nur einen geben kann!— Hast du denn das nicht auch gehört und gesehen?“—„Allerdings, Frau Pfarrerin“, entgegnete die Bäbe mit Ernst;„aber das macht mir nichts, seitdem ich ihn besser kennen gelernt hab' und weiß, wie er's in seinem Herzen meint. Seine Fehler sind Kleinigkeiten, die er ablegen wird mit der Zeit. Und wenn ihm auch was davon bliebe— meinen Sie, Frau Pfarrerin, daß ich nicht imstande wär', mich seiner anzu⸗ nehmen? In meinem Beisein würd' ihm nie⸗ mand etwas tun— dafür ständ ich gut!“
Die Wangen des Mädchens hatten sich höher gefärbt und ihre Augen einen so mutigen Schein bekommen, daß die Frau sich nicht enthalten konnte, ste beifällig anzusehen und zu nicken, als ob sie sagen wollte:„Du wärst imstande!“— Die Bäbe fuhr fort:„Der neue Streit zwischen Vater und Sohn ist zu bedauern, und ich kann ganz ehrlich sagen, daß er mir so unlieb ist wie Ihnen. Aber was wird dran schuld sein? Daß der Vater ihn wieder hat zwingen wollen, die andere zu nehmen, und daß er sich nicht dazu hat bringen lassen. Und das muß mir doch auch wieder gefallen an ihm, und ich muß denken: wenn ihm auch manches fehlt zu einem rechten Mann— die Hauptsach hat er doch! Wenn er so furchtsam gewesen ist von jeher und sich nichts getraut hat und nun einem so starken und gewalttätigen Mann, wie sein Vater ist, doch nicht nachgibt, sondern sich gegen ihn stellt und lieber alles aushält, als von mir läßt— muß ich ihm doch auch lieber sein als alles? Und so einen Menschen sollt' ich lassen? Lieber sterben, Frau Pfarrerin— gleich auf der Stell'!“
In die Augen des Mädchens waren Tränen gekommen, die sie nicht zu verbergen bemüht war. Die Pfarrerin schwieg, denn hierauf war nichts mehr zu sagen. Zu rechter Zeit ließ sich aus der Küche ein Geprassel hören, wie von einem überlaufenden Hafen. Die Bäbe wischte sich die Augen mit ihrer Schürze und eilte hinweg.
Das Mittagessen verlief ruhig; für den Geistlichen, der auf den Ruf der Bäbe schon sehr vergnügt vom Garten gekommen war, un⸗ gemein heiter. Der wuͤrdige Herr befand sich dermalen ganz und gar wohl und damit fähig, sich an allem aufs innigste zu freuen. Die Blumen im Garten hatten ihn nie so glücklich gemacht wie heute, und an dem Schatten in der Laube hatte er sich noch nie so wundersam gelabt wie bis zu dem Augenblick, wo man ihn zum Essen rief. Ein frischgedeckter Tisch am Sonn⸗ tag, mit blankem Tischtuch, blanken Servietten, Reinheit und Reinlichkeit strahlend und duftend, und dazu die sichere Aussicht auf ungewöhnlich gute Speisen, können die Laune eines Mannes nicht niederschlagen, der sich bei höherm Wohl⸗ sein auch eines stärkern Appetits erfreut. Unser Geistlicher, liebevoll, wie er war, unterhielt das Gespräch wieder mit Loben; nach den Blumen und der Laube pries er die Suppe, das Rind⸗ fleisch und den Braten— und schwer war es zu sagen, welche Anerkennung gefühlter klang.
Er nickte dankbar der Gattin zu, und ein paar freundliche Blicke ftelen auch auf das Werkzeug, das die Gebote der Anordnerin vollstreckend den zweiten Preis errungen— auf die ab⸗ und zugehende Bäbe. Nach Tisch zog er ein Zigarren⸗ täschchen, das er für seltene Gelegenheiten bei sich führte, aus der Tasche des Ausgeherocks F er wollte heute sogar rauchen! Die Frage der Pfarrerin:„Wird es dir nicht schaden, liebes Männchen?“ mit einer Hinweisung auf seine völlig hustenfreie Kehle beantwortend, zündete er an und war mitten im behaglichsten Dampfen, als die Bäbe den Kaffee brachte.
Auf einmal, wie sich auf etwas besinnend, rief er:„Mein, Frau, wie ich aus der Kirche egangen bin, ist mir's gewesen, als hätt' ich hinter mir sagen hören, beim Schneider Eber hätt's Händel gegeben zwischen Vater und Sohn. Hast du was erfahren?“— Das Mädchen konnte, wenn auch jede sonstige Bewegung doch ihr Erröten nicht verhindern; die Frau bemerkte: „Jawohl, unsere Nachbarin hat mir dasselbe gesagt.“—„Was haben denn aber die auf einmal miteinander?“ fragte der Pfarrer ernsthafter.„Sie sind doch immer ganz gut ausgekommen?“—„Man sagt allerhand“, ver⸗ setzte die Gattin.„Der Vater will, daß Tobias die älteste Tochter des Bach⸗Webers heirate—“ —„Und der mag sie nicht?“ ftel der alte Herr ein.—„So scheint's“, bemerkte die Frau.— „Hm, hm,“ versetzte der Pfarrer.„Das Mäd⸗ chen ist nicht die Schönste, aber ordentlich und fleißig, und der Weber ist ein Mann, der gut steht. Ist er wirklich so heikel, der junge Bursch — oder hat er sein Aug' auf eine andere ge⸗ worfen?“
Die Pfarrerin schwieg hierauf, weil ihr nicht gleich eine in ihrem Sinn passende Antwort einfiel; die Bäbe fühlte, daß ihr Gesicht hochrot war, und wendete sich ab, um in die Küche zu gehen. Die Verlegenheit dauerte indes nur einen Moment; denn nach kurzer Pause klopfte es stark an die Tür, wie„Herren“ nicht zu klopfen pflegen, und auf das„Herein“ des Geistlichen traten durch die geöffnete Tür der alte Schneider und Tobias.
Beide waren in ihrem besten Staat; ihre Mienen ernst, feierlich, namentlich die des Alten. Etwas umgelenk, aber doch mit jener Würde, die der Bauer bei Gelegenhett anzunehmen pflegt, verneigte fich dieser und sagte:„Guten Tag, Herr Pfarrer! Guten Tag, Frau Pfarrerin!“ —„Guten Tag, Eber,“ erwiderte der überraschte Herr, indem er die beiden verwundert betrachtete. „Was führt euch zu mir?“— Der Alte trat einen Schritt näher und sprach:„Eine eigene Sach', Herr Pfarrer— mein Sohn will heiraten.“ Tobias ergriff jetzt seinerseits das Wort und sagte mit einigem Erröten:„Ja, Herr Pfarrer, das will ich.“.
Die Pfarrerin sah staunend auf die zwei Leute, die offenbar einig waren, und wußte nicht, was sie denken sollte. Die Bäbe stand an der Seite wie angewurzelt, ihr Gesicht brannte und ihre Brust bebte. Tobias hatte ihr keinen Blick zugeworfen— der Vater war zufrieden, durchaus zufrieden— der Sohn hatte sich ihm gefügt— ste war aufgeopfert!
Mit dem reinsten Vergnügen erwiderte der alte Herr:„Also der Tobias hat nachgegeben und heiratet die Tochter des Bach⸗Webers?— Ihr seht, ich weiß schon alles!“— Der alte Schneider zauderte zu reden, indem er bescheiden vor sich hinlächelte. Der Pfarrer erinnerte sich, daß die Magd in der Stube war, und in der Meinung, daß der Vater vor dieser nicht mit der Sprache herauswolle, winkte er ihr und sagte:„Bäbe, geh' in die Küche!“
Das Mädchen hatte gesehen, wie Tobias auf die Rede des Pfarrers höher gerötet vor sich hinschaute, just wie einer, der sich schämt! Mit dem schwersten Herzen von der Welt, mit un⸗ endlicher Bitterkeit und kaum ihre Tränen zu⸗ rückzuhalten vermögend, schickte sie sich an, die Stube zu verlassen. Da rief aber der alte Schneider:„Ja, Herr Pfarrer, die darf nicht fort— die gehört zur Sach!“—„Die Bäbe?“ rief der alte Herr verwundert.—„Ja, Herr Pfarrer,“ versetzte der Schneider.„Die ist's ja grad', die mein Sohn heiraten will!“—


