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Mitteldentsche Sonutags⸗Zeitung.
Seite 7.
„Jawohl, Herr Pfarrer,“ rief Tobias,„die
will ich heiraten!“
Nun war die Reihe zu staunen und nicht begreifen zu können an dem alten Herrn. Die Pfarrerin hatte ein„Ah“ ausgestoßen, in welchem ebensoviel Vergnügen als Ueberraschung lag; denn ste war gut und freute sich des Ausgangs nicht um ihret⸗, sondern um der Bäbe willen. Dieser hatte sich im eigentlichen Verstande das Herz im Leibe 1 ran Die plötzliche Ver⸗ setzung aus dem Abgrunde der Pein in den 1 877 des Glücks wirkte auf ste wie ein
chreck; aber schnell erholte ste sich und strahlte nach der ersten Verwirrung die Seligkeit ihres Innern um so schöner aus den schwarzbraunen Augen, in die jetzt zum Ueberfluß noch ein liebevoller und stolzer Blick des Burschen fiel.
Der alte Herr, alles dies nicht gewahrend, weil er nur auf den alten Schneider sah, rief endlich mit der herzlichsten Verwunderung:„Die Bäbe?— Ja, wie kommt er denn auf die?“ — Die vollkommene Unschuld dieser Frage hätte die Pfarrerin beinahe lachen gemacht. Wenn ste aber die Verlautbarung ihrer Heiterkeit unter⸗ drückte, so konnte und wollte sie doch den Schein auf ihrem Gesicht nicht zurückhalten; sie sah mit wahrem Vergnügen, mit der angenehmsten Frauenschelmerei vor sich hin.
Der alte Schneider antwortete:„Du lieber Gott— wie geht's nicht in solchen Sachen? Sie gefällt ihm halt, und er meint eben, nur die koͤnat' sein Glück machen!“—„Ja“, fügte Tobias hinzu,„das ist auch wirklich meine Meinung, Herr Pfarrer. s ist nicht nur darum, weil sie mir von Person am besten gefällt, sondern weil ste so geschickt ist und so fleißig und alle Arbeit so gut kann, wie ich gesehen hab'; deswegen hab' ich sie gewählt!“ AUeber den Vater kam jetzt der Schalk. Ueber⸗ zeugt, daß der alte Herr von dem Vorgange
e Hause keine Ahnung hatte, und ver⸗ langend, der so gerühmten Bäbe, ebenfalls auch der Frau Pfarrerin, etwas hinauszugeben fuhr er fort:„Und dann, Herr Pfarrer, denkt man eben auch: im Pfarrhause lernt man gute Sitten und einen frommen Lebenswandel— und das ist am End doch die Hauptsach'!“— Die Pfarrerin warf einen Blick auf ihn, als ob sie sagen wollte:„Du impertinenter Spitzbube!“ während das Mädchen ein wenig betroffen zu Boden sah. Der alte Herr dagegen nickle, wie zu einem Ausspruch, dem er aufs innigste bei⸗ stimmte.„Ja, ja, Eber,“ versetzte er würdig, da habt Ihr recht!— Und es ist wahr, die Bäbe hat bei uns etwas gelernt, so kurze Zeit sie da ist, und macht jetzt dem Pfarrhause Ehre. Sie ist brav, tätig, gehorsam, gutwillig— und hat sich immer musterhaft aufgeführt.“
Das war der Pfarrerin denn doch zu bunt; unfähig, ihr Gerechtigkeitsgefühl länger zurück⸗ zuhalten, bemerkte sie:„Nun, nun, so ganz ohne Geschichten, die man gern anders gewünscht hätte, ist's doch nicht abgegangen! Fehler hat sie schon auch gemacht, und ein ganzer Engel ist sie grad' nicht!“— Der alte Herr, mit dem wohlwollend satirischen Lächeln eines Mannes, der seine Hälfte necken will, entgegnete:„Ja freilich, ihr Frauen wißt immer was und habt immer was zu klagen. Euch kann man nie genug tun!— Aber,“ setzte er gegen die beiden Schneider gewendet hinzu,„gegen mich ist sie immer gut und dienstwillig gewesen, und ich hab' nie was Unrechtes von ihr gesehen.— Was wahr ist, muß man sagen.“
„Tobias und die Bäbe hatten sich während dieser Reden unbemerkt vergnügte Blicke zuge⸗ worfen, womit sie sich wechselseitig erklärten: Wir bedauern's doch nicht!“ Nach den letzten Worten trat das Mädchen ein wenig vor und sagte, das Haupt senkend mit einer reizenden Mischung von Ernst und Scheinheiligkeit:„Ach, Herr Pfarrer, die Frau Pfarrerin haben die Wahrheit gesprochen! Es ist allerlei geschehen, was nicht hätte geschehen sollen, und ich hab' mich gar mancher Fehler anzuklagen! Ich bin lange nicht so gut, wie Sie meinen, Herr Pfarrer — nein, ich hab' meinen Teil Sünden trotz der Mühe, die ich mir gebe, besser zu werden. Aber Sie halten eben andere Leute für gut, weil
Sie selber so gut sind, Herr Pfarrer, und in!
Ihrer Güte nur das Schöne an andern sehen und Tugenden, die Sie am Ende nur selber haben. Ich dank' Ihnen für Ihre Meinung von ganzem Herzen; aber leider, ich verdiene
ste nicht! (Fortsetzung folgt.)
Zum Nachdenken.
Wohin man nur blickt, steht man arme, darbende Menschen, welche oft im Elend ver⸗ kommen.
Tausende und Tausende von Menschen sieht man, Männer wie Frauen, schwitzend in harter Arbeit und dennoch voll Sorgen, Kümmernis und Entbehrung lebend.
Und ihre armen Kinder... Sie erwartet das gleiche Los, wenn nicht noch schlimmeres. Denn der Kampf ums Dasein verschärft sich von Jahr zu Jahr.
Und da inmitten der Massenarmut erheben sich wie Oasen einige Paläste und Villen. In feine Stoffe gekleidet, auf weichen Teppichen bewegen sich da andere Menschen Hie Reichtum und Luxus, Ueberfluß und Verschwen⸗ dung, das Reich des Goldes!——— dort der Hunger und die Sorge!
Die große Masse des Volkes wird diesem Reiche des Goldes geopfert, dem sogenannten „Glucke“ einiger Wenigen.
Und merkwürdig! Der Reiche frißt“ die Armen und die große Masse der Armen blickt dabei treu und ergeben auf die Herren der Welt, sie als Ernährer betrachtend.
„Wären keine Reichen da, wie sollten wir Armen wohl leben können?“ reden die Un⸗ sinnigen.
„Wir Reichen geben euch Armen Verdienst und Brot, wir ernähren euch und eure Familien!“ so sagen die Reichen zu den Arbeitern, und diese blicken voll Dank und Ergebenheit zu jenen empor.
Man kann wirklich glauben, daß das erste, was der Reiche dem Armen wegfrißt, sein Gehirn ist, seine Vernunft.
Die Reichen haben doch das Gold und Silber und alle Reichtümer.
Aber holt nicht das Gold, Silber, Kupfer und Nickel der Arme schwitzend aus dem Schoße der Erde?
Ja, der Arme hob das Gold und der Reiche nahm es ihm ab und gab dafür Silber. Und der Arme dankte.
Und er hob Silber aus dem Schoße der Erde und prägte es, in Schweiß gebadet, zur Münze und erhielt für das Silber eine Kupfer⸗
oder Nickelmünze und— dankt
Und er hob aus der Erd schwitzend das Kupfer und erhielt dankend ein Stück Brot.
Und sie, die Armen, standen früh morgens auf, bevor die Sonne aufgestanden war, pflügten die Erde, säeten und erzeugten Korn und backten Brot und die Reichen nahmen das Brot ihnen ab und gaben den Armen—— Hungertuch. Und die Armen dankten.
Alles schaffen die Armen. Sie bauen die
Hauser, pflastern die Straßen, sie arbeiten als Maschinenbauer, sie produzieren Rohstoffe und
bearbeiten dieselben, sie füllen die Magazine der Reichen mit allen möglichen Waren— und preisen dabei die Reichen als Ernährer.
Sie gaben den Reichen ihre Arbeit her und sie nannten die Herren: Arbeit, geber“.
Sie gaben den Reichen ihre Arbeit her und nannten sich selbst: Arbeit, nehmer“.
Blinde!
Und die Reichen nahmen und nehmen dem Volke alles und betrachten sich als Ernährer und Wohltäter der Menschheit.
Sie nehmen die Arbeit des Volkes und nennen sich Arbeitgeber“.
Sie nehmen dem Volke die Arbeitsfrüchte weg und nennen das Volk Arbeit, nehmer“.
Die minderwertigsten Arbeitsfrüchte geben sie dem Volke in Form des„Lohnes“ zurück und verlangen einen doppelten Dank: den Dank
*... Wie der Löwe das Wild frißt in der Heide so fressen die Reichen die Armen. Jes. Sir. 13
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eee ee und den Dank als Lohn⸗ „geber“.
Und sie nennen das alles die heilige Ord⸗ nung. Und ernennen die Hüter dieser„Ordnung“ und— das Volk muß sie unterhalten.
Und bauen die Gefängnisse für die Störer der Ordnung, das heißt, sie lassen das Volk die Gefängnisse bauen
Und die„heilige Ordnung“ ist eine große, gewaltige Presse
Der beste Saft des Volkes wird durch sie ausgepreßt und verwandelt sich in glänzendes Gold, welches in den Taschen der Besttzer der schrecklichen Presse verschwindet.
Die Rächerglocken läuten dabei
Und alles lobt die Kultur und den Fortschritt.
Und so täglich blind und ergeben kriecht das souveräne Volk in die Presse.
So ist es und so wird es bleiben, so lange falle Volke nicht die Schuppen von den Augen allen.
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Splitter. Ich habe die feste Ueberzeugung, daß jeder
große Fortschritt in der Naturerkenntnis un⸗
mittelbar oder mittelbar auch eine entsprechende Vervollkommnung des sittlichen Menschenwesens herbeiführen muß. f
Ernst Haeckel,
*
* Wer selbstbewußt in eigner Achtung steht, Wer mild und warm durchs kalte Leben geht, Wer mehr zu tun hat und zu schaffen, Als auf des Nächsten Schritt und Tritt zu
gaffen, Wer edel denkt, nur der allein Wird aus den bessern Ständen sein.
Humoristisches.
Der Kanzler. Er redet viel und redet schnell, Er redet dunkel bald, bald hell, Er redet laut, er redet leis— Und doch er oft nichts zu sagen weiß. Ein hoffnungsvoller Jüngling. „Ihr bestes Zeugnis ist wohl das Impfzeugnis 2“— Studeut:„Wieso gnä' Frau?“— Dame:„Nun, es ist das einzige, das den Vermerk trägt: Mit Erfolg!“ Redeblume: Festredner(bei Uebergabe einer Bismarcksäule an die Stadt):„... Und so rage denn fortan die steinerne Figur des eisernen Kanzlers wie aus Bronze gegossen als golden⸗leuchtendes Wahrzeichen einer ehernen Zeit!“
Scherzfrage. In welcher Stadt gab es den ersten Zeitungsredakteur?— Antwort: In Lystra in Klein⸗ asien, denn Apostelgeschichte, Kap. 14, V. 8, heißt es: „Und es war ein Mann in Lystra, der mußte sitzen.“
HOieschichtskalender.
183. März. 1881: Kaiser Alexander II. von Rußland durch Bomben erschossen.
14. 1892: 1. Gewerkschaftskongreß in Halberstadt. 1883: Karl Marr, f.
15. 1900: Spitzelminister Puttkamer, 7. 1896: Bebel bringt den Peters⸗Skandal vor den Reichstag.
16. 1902: Studenten⸗ und Arbeiterunruhen in Petersburg.
17. 1890: Bismarcks Entlassung. lagerungszustandsdebatte im Reichstag.
18. 1871: Kommunekampf in Paris. Barrikadenkampf in Berlin.
19. 1848: Fr. Wilh. IV. Proklamation„An
meine lieben Berliner.“ 2
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75 Pfg. das Vierteljahr.
Dame:
1879: Be⸗ 1848:


