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Seite 4.
Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung
die Regierung bereits große Summen veraus⸗
gabt hat— stritten die anttsemitischen Agrarier und Bauerubündler. Im Verlaufe der Debatte meinte der Antisemit Bähr:„Das meiste Geld, welches für die Landwirtschaft vom Staat ausgegeben wird, ist rein zum Fenster hinausgeworfen.“ Die Regierung wollte nun nicht das Odium auf sich laden,„Geld zum Fenster hinauszuwerfen“, Ministeralrat Braun erklärte, daß die Regierung sich für die Zukunft überlegen würde, Gelder zur Hebung der Rindviehzucht anzufordern, auch habe sie nichts dagegen, wenn schon der für diesen Zweck im diesjährigen Voranschlag vorgesehene Betrag von 91350 Mk. gestrichen würde. Nun standen die antisemitischen Agrarier, wie die beträbten Lohgerber da, denn„so bös hatten ste es nicht gemeint“, Herr Weidner beschwerte sich in der folgenden Sitzung darüber, daß die Regierung die Ausführungen der Agrarier „gar zu ernst“ genommen habe und er plädierte für mildernde Umstände für sich und seine Mit⸗Agrarier. Der Landtag gab dem auch nach und bewilligt den Posten. Unsere Bauern hatten aber hier Gelegenheit, ihre „berufenen“ Vertreter kennen zu lernen und werden sich über diese Herren ihre eigenen Gedanken machen.
Gießener Angelegenheiten.
— Meinungsfreiheit. Zu dem„Fall Schippel“ hat unsere Reichstagsfraktion Stel⸗ lung genommen und den in dieser Nr. unseres Blattes abgedruckten Beschluß gefaßt. Der Gleß. Anz.“ sieht durch diesen Beschluß die Meinungsfreiheit in unserer Partei gefährdet und bemerkt am Schlusse einer darauf bezüg⸗ Itchen Notiz:
„Nur sollen, so bemerkt die„Köln. Ztg.“,
die Sozialdemokraten nicht sagen, daß ste die
Partei der Freiheit seien, denn in keiner
Partei wird so schroff die eigene Meinungs⸗
äußerung unterdrückt wie bei ihnen.“
Was der Anzeiger der Köln. Ztg. nach⸗ redet, ist ein Unsinn. Eine Partet, in der efne„Meinungsfreiheit“ im Sinne des Anzeig. maßgebend wäre, müßte unrettbar dem Ruin verfallen. Jede Partei oder Gesellschaft, die stch zusammenschließt, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, legt ihre Grundsätze in einem Programm oder Statut fest. Gewiß mögen in einem solchen auch weniger wichtige Punkte enthalten sein, bezüglich deren den Parteimit⸗ gliedern ein gewisser Spielraum gelassen ist; die Haupt grundsätze sind aber bindend für sie, andernfalls können sie eben der Partei nicht angehören. Wer das sozialdemokratische Pro⸗ gramm anerkennt, wird nicht in die freisinnige Partet eintreten und wer seine Ueberzeugung in dem freisinnigen Prograum ausgedrückt findet, wird sich nicht bei der Sozialdemokratie eiuschreiben lassen. Nach der Religion z. B. fragen wir unsere Parteimitglieder uicht, das Programm betrachtet sie als Privatsache. In einem Protestantenverein aber wird die Reli⸗ gionszugehörigkeit eine Hauptfrage sein, man wird dort keinen Katholiken oder Juden auf⸗ nehmen.— Bezüglich der Zollfrage hat un⸗ sere Partei grundsätzlich und klar Stellung genommen; wer diese Grundsätze nicht auerkennt, nun, der muß sich eben darüber und über seine fernere Zugehörigkeit zur Partei erklären, be⸗ sonders wenn er Abgeordneter ist. Bei einer grundsatz, und rückgratlosen Mischmaschpartei mags ja anders sein, da ist man froh, wenn man etnen Kandidaten hat und fragt nicht viel, was er will oder ob er überhaupt ein Programm hat, bei der zielbewußten Sozialdemokratie geht das nicht.— Wir sind überzeugt, daß der ein⸗ fachste Arbeiter die hier dargelegten Selbstver⸗ ständlichkeiten begreift, ob das beim„Gießener Anzeiger“ der Fall ist, möchten wir allerdings nicht garantieren..
h. Der Konsumverein Gießen und Umgegend hielt am vorigen Sonntag eine außerordentliche General ver samm⸗ lung im„Gambrinus“, ab, welche zahl⸗ reich, auch von Frauen, besucht war. Den Hauptpunkt der Tagesordnung bildete die Be⸗ richterstattuug über die erste Hälfte des laufenden
Geschäftsjahres. Wie in voriger Nummer be⸗ reits erwähnt, hat dieses Halbjahr ein günstigeres Resultat zu verzeichnen. Eingangs semes Be⸗ richtes wies der Geschäftsführer auf die Preis⸗ reduzierung hin, die bei einer Anzahl Artikel eingetreten sei. Ebenso sei in der Zusammen⸗ setzung unseres Warenlagers wesentliche Aen⸗ derung zum Bessern eingetreten. Doch klagte er über die noch viel zu bemerkende Interesse⸗ losigkeit der Mitglieder. Mancher wolle nur nicht auf die Kaffeetasse oder den Kalender, oder was es sonst in anderen Geschäften zu Weih⸗ nachten gibt, verzichten, ohne daran zu denken, daß er es im Laufe des Jahres zehnfach be⸗ zahlen müsse.— Dem Berichte des Kassterers sei hier nur das Wesentlichste entnommen: Der Umsatz hat sich seit vor einem halben Jahre um zirka 20% gehoben, was aber in Anbetracht der Mitgliederzunahme nicht sehr viel ist. Die Darlehen sind bis auf einen Rest, der ebenfalls bald zur Rückzahlung gelangt, getilgt worden; trotzdem sind die Kassenverhältnisse noch derart gute, daß alle Waren gegen bar eingekauft werden können, was nicht unbedeutende Vorteile mit sich bringt. Die Mitgliederzahl hat sich jetzt auf 275 gehoben. Desgleichen ist auch der Reingewinn von diesem halben Jahre um 50% höher als derselbe vom letzten ganzen Geschäftsjahre. Die Befriedigung über diesen günstigen Bericht war allgemein. Dem Vor⸗ stande wurde auch hier wieder nahe gelegt, sein Augenmerk auf Einführung weiterer Artikel zu richten, welchen Wünschen nach Möglichkeit Rech⸗ nung getragen wird. Zum Schlusse richtete der Vorsitzende noch einige anfeuernde Worte besonders an die Frauen, diese ermahnend, die Vorteile dieser Organisation, welche ganz be⸗ sonders auch im Interesse der Frauen wirkt, nicht zu verkennen und ihr die größtmögliche Förderung angedeihen zu lassen, damit sie weiter blühe und gedeihe.
— Das Schwurgericht, welches vergangene Woche tagte, hatte vier Fälle abzuurteilen. Am Mon⸗ tag standen drei polnische Bergarbeiter von der Grube „Friedrich“ in Trais⸗Horloff vor den Schranken, um sich wegen Raubes bezw. der Beihülfe dazu zu verantworten. Der Hauptangeklagte Jzydorczak soll Anfangs Dezember eines Abends mit den Brüdern Marsalek gezecht und darauf in die Wohnung eines anderen polnischen Arbeiters, der auf dem Werke Nacht⸗ schicht hatte und dessen Frau allein zu Hause war, eingedrungen sein und der Frau 50 Mk. unter dem Kopfkissen mit Gewalt fortgenommen haben. Die bis spät in die Nacht dauernde Verhandlung ergibt, daß die Affaire nicht so schlimm ist, Gegen die beiden Marsalek zieht der Staatsanwalt selbst die Anklage zurück, den Izydorczak sprechen die Geschworenen des einfachen Diebstahls für schuldig. Er wird zu 5¼ Monaten Gefängnis verurteilt, die beiden Mitangeklagten freigesprochen.— Dienstag hatte sich die Dienstmagd Elis. Vaupel aus Breitenbach wegen Kindes mord zu verantworten. Die Verhandlung geht unter Aus⸗ schluß der Oeffentlichkeit vor sich. Der Wahrspruch der Geschworenen lautet auf Schuldig und es erfolgt die Verurteilung der Angeklagten zu drei Jahren Ge⸗ fängnis.— Wegen Sittlichkeits vergehen stand am Mittwoch der Schneidermeister Keitzer aus Lauter⸗ bach vor den Geschworenen. Er wird beschuldigt, gegen das noch nicht 16 Jahre alte Dienstmädchen Gerwig einen unsittlichen Angriff ausgeführt und dabei Gewalt angewendet zu haben(Vergehen gegen§ 1761 des R.⸗St.⸗G.⸗B.). Ein zahlreiches Zeugenaufgebot muß in dieser Sache auftreten, die Bekundungen lassen in⸗ dessen die Tat des Angeklagten als nicht allzuschlimm erscheinen. Der Spruch der Geschworenen lautet auf Nichtschuldig, worauf er von Strafe und Kosten frei⸗ gesprochen wird.— Die Unterschlagung s⸗ affaire am hiesigen Bahnhofe gelangte am Donnerstag zur Verhandlung. Wegen Verbrechen im Amte hatte sich der Stations⸗Assistent E. Fisch er zu verantworten. Er war am Fahrkartenschalter des Bahnhofs bedienstet und hat in dieser Eigenschaft nach und nach 1398 Mk. unterschlagen. Damit der Fehl⸗ betrag nicht entdeckt werde, fälschte der Angeklagte die Monatsabrechnungen. Doch die Sache kam zufällig heraus und F. wurde Mitte Januar verhaftet. Er legte ein offenes Geständnis ab. Das Urteil lautet auf 10 Monate Gefängnis; die Ehrenrechte werden ihm nicht aberkannt und 1 Monat Untersuchungshaft angerechnet.
— Mehrere Volksversammlungen, die am Samstag bis Dienstag iu Heuchelheim, Wieseck, Gießen und Lollar stattfanden, be⸗ schäftigten sich mit den sanitären Zuständen in
den Bäckerelen und den Maßregelungspfänen.
der Gießener Bäckerinnung. Als Referent war der Gauleiter des Bäckerverbandes Leidig aus Frankfurt erschienen. Er führte den Ver⸗
sammlungen, welche alle gut besucht waren,
die tieftraurigen Lohn⸗ und Arbeitsverhältnisse vor Augen, schilderte die sanitären Mißstände in den Bäckereien und besprach die Notwendig? keit gesetzlicher Reformen. Seine Ausführungen wurden in allen Versammlungen beifällig auf⸗ enommen. Folgende Resolution wurde in jeder Versammlung einstimmig angenommen:
„Die heute tagende öffentliche Volksversammlung erklärt sich mit den Ausführungen des Referenten ein⸗ verstanden. Sie verurteilt das brutale Gebahren der⸗ jenigen Gießener Bäckermeister, die einen Angriff auf die Gesellenorganisation planten und somit den Frieden zwischen beiden Korporationen zu stören suchen. Die Versammelten versprechen, die Organisation der Bäckerei⸗ arbeiter in der Abwehr dieses Gewaltaktes, soweit es in ihren Kräften steht zu unterstützen und wünschen, daß das Problem einer Volksbäckerei in den Kreis der Er⸗ örterung gezogen werden möge. Ferner wünscht die Versammlung, daß der vom Staatssekretär Posadowski angekündigte Bäckereientwurf baldigst Gesetz werden möge.“
Sein arbeiter feindliches Gesicht zeigt der„Gieß. Anz.“ auch bei dieser Gelegenheit. In gehässiger Weise verdreht er den Sach⸗ verhalt, wagt hier von einem Terrorismus der Gesellen zu reden, und fordert die Bürger⸗ schaft zur Unterstützung der Innungsleute auf, Ob der Redakteur noch nichts von den ekeler⸗ regenden Zuständen in Bäckereien Seba hat, deren Besettigung sich der Gesellen-Verband an⸗ gelegen sein läßt?
Aus dem Rreise gießen.
— Staufenberg. Eine Volks ver⸗ sammlung findet diesen Sonntag, nachmitt. 4 Uhr im Saale des Herrn Zecher statt. Stadtverordn. Krum m⸗Gießen spricht über; „Was wollen die Sozialdemokraten.“ 1
— Geistlichkett und Sozialdemo⸗ kratie. Unter Bezugnahme auf den Artikel der Frau Dr. Michels„Christliche Toleranz“ in der vorletzten Nummer unseres Blattes und die Berichte über die Affaire mit der roten Schleife erhielten wir von Herrn Pfarrer Sommerlad in Watzenborn eine ziemlich lange Zuschrift. Wir können sie mit dem besten Willen nicht im ganzen Umfange aufnehmen — der Herr Pfarrer verlangt es auch gar nicht wir lassen deshalb alle nebensächlichen und persönlichen Ausführungen fort. Die Zuschrift agt: 0 0 9 die Verfasserin urteilt, wie es eben Frauenart ist, recht oberflächlich, alles nach der Schablone und beweist damit, daß sie von den Verhältnissen eines Dorfes, den Daseinsbedingungen, Lebensgewohnheiten und das Leben regelnden und gestaltenden Sitten und Mächten keine Ahnung hat, oder daß ihr wenigstens das rechte Ver⸗ ständnis dafür abgeht. Dem gegenüber sei es mir ge⸗ stattet, ein Argument ins Feld zu führen, das freilich nicht für den Parteifanatiker, aber für jeden ruhig und objektiv urteilenden Mann sein Gewicht erweisen wird.
Ich stehe schon an 14 Jahren im Dienste der hiesigen Gemeinde. Ich bin in Freud und Leid mit der Ge⸗ meinde verbunden worden. Ich habe mich bemüht, allen ohne Unterschied der Person nach Kräften zu dienen. Ich habe denn auch in dieser ganzen langen Zeit keinerlei Anfechtungen und Differenzen mit Gemeindegliedern ge⸗ habt. Als ich vor 14 Jahren mein Amt hier antrat, gab es doch auch schon Arbeiter, auch viele Angehörige Ihrer Partei. Ich stand mit allen, ich kann es wohl sagen, auf gutem ja auf dem besten Fuße. Es gab keine unkirchlichen oder antikirchlichen Elemente. Logisch betrachtet, ist auch gar nicht abzusehen, warum ein Angehöriger der sozialdemokratischen Partei Antichrist oder irreligiös sein sollte. Ich habe mich von politischen Agitationen fern gehalten, um meinem Dienst an dern ganzen Gemeinde nicht zu schaden.
Die Darstellung Ihrer Korrespondentin ist darum zumal eine völlig schiefe, wenn sie versucht, mich als einen Vertreter des„Kapitalismus“, der herrschenden Gesellschaftsklasse gegenüber den armen Arbeitern hinzu⸗ stellen Das hätte hier gar keinen Sinn. Die „Reichsten“, die„Herrschenden“ sind hier mittlere, oder eigentlich kleinere Bauern von mäßigem Wohlstande. Am besten situiert sind Arbeiterfamilien, wenn mehrere erwachsene Personev, oft 3—5 zugleich, auf Arbeit gehen. Ich selbst denke nicht daran, ein„Arbeiterfeind“ „Scherge des Kapitalismus“ zu sein, wie es die besa Korrespondentin auffaßt. Ich bin selbst aus den Kres des arbeitenden Volks hervorgegangen. 225
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