Ausgabe 
13.3.1904
 
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Seite 2.

Mittcldeutsche Sountags⸗Zeitung.

zollfreien Auslande zu halten, die Last des Zolls ganz von den Arbettern tragen zu lassen.

Nach wie vor muß deshalb die Parole für die Sozialdemokratie bleiben: Bedingungsloser Kampf gegen die Lebensmittel zölle! Kampf gegen den Brotwucher! Hier helfen keine zweideutigen Redensarten; hier heißt es, klar und scharf Stellung nehmen. Wer die Schlachtlinie ver⸗ läßt oder Verwirrung in die Reihen der Kämpfenden trägt, besorgt damit die Geschäfte der Todfeinde der Arbeiterschaft..

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-Mit demFall Schippel hat sich, wie bemerkt, die Reichstags⸗Fraktion in einer Sitzung am Mittwoch voriger Woche befaßt. Nachdem der Fraktions⸗Vorstand über die Angelegenheit Schtppel⸗Kautsky und die in der Sache statt⸗ gefundenen Erörterungen in der Parteipresse Bericht erstattet hatte, beschloß die Fraktion folgende Erklärung:

1.Die Art und Weise, wie Schippel sowohl in literarischen Arbeiten als in Vorträgen die Agrarzölle behandelt, steht im Widerspruch mit der von der Partei beschlossenen Taktik und ist geeignet, Unklarheit und Zer⸗ splttteruug in dem Kampfe gegen die Lebens mittelzölle zu erzeugen.

2. Trotzdem Schippel behauptet, bei seinen Aeußer⸗ ungen nur über die Ansichten der Gegner referiert zu haben, führten seine Ausführungen zu der Annahme, daß er seine eignen Ansichten über die Agrarzölle zum Ausdruck gebracht hat.

3 Der Umstand, daß Schippel sich bei parlamenta⸗ rischen Beschlüssen dem Votum der Fraktion angeschlossen hat, ändert nichts an der Tatsache, daß seine in Wort und Schrift geäußerte Meinung über die Agrarzölle den Geguern Gelegenheit gegeben haben, die Stellung der Partei in diesen Fragen zu bekämpfen.

4. Das unklare, zu Mißdeutungen führende Ver- halten Schippels in Zollfragen ist mit einer wirksamen Vertretung von der Partei wiederholt festgelegten Stell⸗ ung zu diesen Fragen unvereinbar und führt zu einem für die Partei und die Fraktion unerträglichen Zustand.

5. Es ist erforderlich, daß Schippel ungesäumt Ver⸗ aulassung nimmt, auf eine klare, unanfechtbare Weise der Oeffentlichkeit gegenüber festzustellen, welche grund⸗ sätzliche Stellung er den Agrarzöllen gegenüber ein⸗ nimmt.

Die Fraktion fordert in Rücksicht auf die Notwendig⸗ keit einheitlicher und übereinstimmender Propagierung der Paꝛteibeschlüsse Schippel auf, Zollfragen fortan nur in einer jede Mißdeutung ausschließenden Weise zu behandeln.

Eine prinzliche Bestie.

Gegen den bekannten und berüchtigten Ko⸗ lontalhelden Prinzen v. Arenberg fand vorige Woche erneut eine Verhandlung es ist schon die vierte wegen Tötung des Eingeborenen Cain in Südwestafrika statt. Wegen dieser Tat war der Prinz erst zum To de verurteilt worden, dann wurde er zu 15 Jahren Zucht⸗ haus begnadigt; durch einen weiteren Gnaden⸗ akt wurde die Zuchthausstrafe in Gefängnis⸗ strafe umgewandelt. Schließlich hatten die ein⸗ llußreichen und zahlungsfähigen Verwandten des Prinzen die Wiederaufnahme des Verfahrens durchgesetzt, weil der Prinz bei Verübung des Mordesgeisteskrank gewesen sei. Das Kriegsgericht schloß sich dieser Meinung an und erkannte auf Freisprechung. Und in der Tat, die Zeugen bekundeten von dem Prinze! ee von so viehischer Roheit, so blut⸗ gtertger Mordlust, daß jedem Leser der Prozeß⸗ verhandlungen sich die Ueberzeugung aufdrängen muß, daß dieses Scheusal kaum in normaler Getstesverfassung sich befinden kann. Was die Zeugen über die zahlreichen viehtschen Exzesse angaben, ist geradezu ungeheuerlich und läßt fühlenden Menschen die Haut erschauern. Schon der achtjährige Knabe verübte haarsträubende Roheitsakte. Daß er seine Lehrer durch⸗ prügelte, waren noch die harmlosesten seiner Taten. Sein Hauptvergnügen bestand in bei⸗ spiellosen Tierquälereien. Gefaugenen Fischen pflegte er die Augen aus zustech en. Katzen hackte er die Pfoten ab und warf e dann den Hunden vor. Kleine Hunde ließ er von den größeren Kötern zerfleischen. Einem Seiden⸗ spitz, der ihm von einem großen Köter nicht übel genug zugerichtet zu werden schien, biß er den Schwanz ab. Als er heranwuchs,

verübte er seine Scheusäligkeiten namentlich auf der Jagd. Kaum dem Knabenalter entwachsen feiert er mit Straßendirnen die wüstesten Orgien. Und die Familie Arenberg, die dem höchsten katholischen Adel angehört, steckte diesen geborenen Verbrecher nicht etwa in eine Heil⸗ anstalt, sie hielt ihn just für geeignet, ihn als Volkserzieher auf die Rekruten loszu⸗ lassen. Als Offizier ließ er sich ebenfalls zahl⸗ reiche Roheiten und Exzesse zu schulden kommen, wegen Soldatenmißhandlung erhält er eine milde Strafe.

Jetzt aber läßt man das arme prinzliche

Tier alsKulturträger auf die schwarze Rasse los. Er saͤuft und paart sich mit herbei⸗ geschleppten Negerweibern und da er dort gar keine Schranke seiner prinzlichen Freiheit findet wen wundert es, daß er schließlich die letzte menschliche Maske abwirft. Um ein Weib besitzen zu können, das ihren Mann liebt, ermordet er diesen Mann. Aber er ermordet ihn nicht wie ein gewöhnlich geborner Mörder im offenen Kampf, in dem Leben gegen Leben steht. Auch als Mörder bleibt er Durch⸗ laucht und Vorgesetzter! Er befiehlt sein Opfer zu fesseln, und Kadavergehorsam fesselt es. Er befiehlt seinem Untergebenen, nach dem Gefesselten zu schießen, und der gehorsame Soldat schießt. Subordination, Unterwerfung, sagt der Kriegs⸗ minister, ist die erste Tugend des Soldaten..

Der verurteilte Prinz Arenberg war ein traurig entsetzliches Beispiel der menschlichen Entartung, ein Beweis, daß kein Rang und Stand vor dem Unglück geschützt sei, Bestien zu seinen Mitgliedern zu haben. Er war aber auch nicht mehr als das. Einbedauerlicher Einzelfall, und weiter nichts. Der freige⸗ sprochene Prinz Arenberg aber, der blöd sinnige, irre Despot im kleinen, erhebt sich als der riesenhafte furchtbarste Belastungszeuge wider ein System, dem die aufgeklärte, menschlich freie geistige Bewegung der Sozial⸗ demokratie den Untergang zugeschworen hat. Prinz Arenberg ist das traurige Ergebnis der heutigen Ordnung mit ihrem Vorrecht der Geburt der Herrenwillkür und dem Kadaver⸗ gehorsam.

Politische Rundschau.

Gießen, den 10. März 1904.

Schlechte Schützen, gute Patrioten!

Ein königstreuer Soldat, der ein paar Kreise schlechter schießt, ist mir viel lieber als ein sozialdemokratisch gesinnter Soldat, der befser schießt. So hat sich der preußische Kriege minister v. Einem in der Maße des deutschen Reichstags ge⸗ äußert.

Dieses Wort, das historisch werden wird und dem gegenwärtigen Kriegsminister die Un⸗ sterblichkeit sichert, sei bloß deswegen mit be⸗ sonderer Hervorhebung zitiert, damit eine ferne Zukunft unsrer Zeit nicht den Vor⸗ wurf mache, sie sei an ihren bedeutendsten Er⸗ scheinungen vorübergegangen. Der preußische Kriegsminister ist der Meinung, daß es bei der Verteidigung des Vaterlandes, der sich wie er wohl weiß kein Sozialdemokrat zu ent⸗ ziehen gedenkt, auf das Schießen nicht ankommt. Man gebe also dem Soldaten keine Patronen mit, wenn sie in den Krieg ziehen, sondern packe ihnen die Schriften des Korbmachers Fischer und die Reden des Grafen Bülow in dem Tornister.

Lieb Vaterland, kannst ruhig sein!

Weltmarschall Waldersee

ist am Sonntag in Hannover, 72 Jahre alt, gestorben. Sein Tod erweckt die Erinnerung ar den berüchtigten Hunnenzug, dessen General⸗ isstmus der Verstorbene war. Seine Rolle als solcher bekam durch die ganze Art, wie jene Aktion in Szene gesetzt wurde, durch die Ab⸗ schiedsfeiern und sonstigen Veranstaltungen bei seiner Abreise, einen etwas komischen Anstrich. Ein komplettesunverbrennliches Asbesthaus in seiner Ausrüstung, begleitet von einem Leib⸗

China. Dort fand er aber keine Gele. große Taten zu tun, dieVorschuß⸗Lordeer verbrannten mit dem Asbesthause. In den letzten Jahren des Bismarcks⸗Regimentes hatte die Stöcke r⸗Waldersee⸗Clique bedenklichen po⸗ litischen Einfluß und viel fehlte nicht, so wäre Waldersee Reichskanzler geworden.

Roheiten der Pückler⸗Partei.

Bei einer antisemitischen Versammlung, die am Dienstag in Berlin stattfand und in der Abg. Böckler das ThemaMandelstamm und Silberfarb behandelte, begingen die Teutschen rohe Ausschreitungen. Ein Antisemit gab nach dem Vorwärts der Hoffnung Ausdruck, daß auch wir in Deutschland bald ein Kischinew haben würden. Damit begann die Versammlung vom Bildlichen zum Tätlichen überzugehen. Ein russischer Student nach dem andern wurde am Kragen genommen, ver⸗ hauen und hin ausgeworfen, ganz be⸗ sonders zeigte sich als guter Schüler Pücklers Herr Bruhn, der dem einen Studenten das Auge so stark verletzte, daß er die Unfallstation 7 mußte. Selbst Frauen, die vor den tobenden Antisemiten flüchteten, wurden zu Boden geworfen und unter wüsten Beschimpf⸗ ungen mit Füßen getreten. Nachdem die Anti⸗ semiten sämtliche im Saale anwesenden Gegner hinausgeworfen hatten, ging die Schlägerei im Garten weiter fort, ohne daß die Polizei ein⸗ geschritten wäre. Antisemitische Kultur!

Wahlen in Belgien.

Am Pfiungstmontag dieses Jahres finden in Belgien Neuwahlen zur Kammer statt und zwar sind die Hälfte der Mandate zu erneuern. Unsere Parteigenossen werden natürlich lebhaft in die Wahlbewegung eingreifen. Das belgische Wahl⸗ recht ist für die Arbeiter sehr ungünstig; es ist das Pluralwahlrecht, wonach höher Be⸗

steuerte und akademisch Gebil dete zwei und noch

mehr Stimmen haben. Bisher waren in der Kammer vertreten: 96 Klerikale, 34 Sozialisten, 34 Liberale und 2 christl. Demokraten. Von den Sozialisten scheiden 20 aus.

Der Dreyfus ⸗Prozeß

erlebt eine neue Auflage. In dem Prozeß von Rennes wurde Dreyfus bekanntlich verurteilt, bald darauf aber begnadigt. Um seine Unschuld darzutun, arbeitete der Verurteilte unablässig darauf hin, eine Revision seines Prozesses her⸗ beizuführen. Das ist ihm auch gelungen; vorige Woche begannen vor dem Pariser Kafsationshofe die Revistonsverhandlungen. Von der Staats⸗ behörde wurden eine Reihe Fälschungen von Dokumenten festgestellt, welche die Grundlage der Verurteilung Dreyfus bildeten. Verübt wurden diese Fälschungen von Mitgliedern des Generalstabes und andern hohen Offizieren. Alle diese Tatsachen machen eine neue Unter⸗ suchung nötig.

Vom russisch⸗japanischen Krieg.

Wladiwostok bombardiert. Diese Meldung kam anfangs der Woche. Damit hat die längere Pause in den kriegerischen Aktionen wieder durch ein ernsteres reignis eine Unterbrechung erfahren. Von russischer Seite wurde darüber berichtet, daß am Sonntag Mittag ein japanestsches Geschwader vor Wla⸗ diwostok(befestigter russischer Hafen östlich von Korea) erschien, welches alsbald das Feuer eröffnete und eine Stunde lang unterhielt. Das feindliche Geschwader, heißt es weiter, richtete sein Feuer aus einer Entfernung von 8 Werst von der Küste auf die Küstenforts, die Batterien und die Stadt; doch richteten die Geschosse keinen Schaden an. Die meisten der abgefeuerten Geschosse, ungefähr 200 an der Zahl, krepierten nicht, 7 sie mit Lyddit eladen waren. Unsere Batterien, bei denen ich der Kommandant General Woronetz, der Brigadekommandeur General Artamanow sowie die übrigen Befehlshaber befanden, antworteten nicht, sondern warteten ab, ob der Feind näher

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