Ausgabe 
12.6.1904
 
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Nr. 24.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Reichstagswahlrechts das Wahlrecht für den preußischen Landtag, so wäre damit zweifellos einegründliche Abhilfe geschaffen. Und v. Manteuffel sprach sein Bedauern über die Aufhebung des Sozia⸗ listengesetzes aus, wie ja die Junker im Reichstage schon oft der Sehnsucht nach einem neuen Ausdruck gaben. Einem Arbeiter mit leidlich gesunden Sinnen wird also Herr Stackmann über diese volksfeindlichen Absichten nicht täuschen. Es wurden in der Versamm⸗ lung noch der Vorstand gewählt und schließlich hochte Herr Schlabach Herrn Stackmann an.

h. Ueber die hohen Preise der Lebens⸗ mittel in Wetzlar und besonders der Fleischpreise Hagte dieser Tage ein imWetzl. Anz. veröffentlichtes Eingesandt. Es wurden da die Preisverhältnisse Wetz⸗ lars und der Nachbarstädte verglichen, die billigere Preise aufweisen. Besonders das Schweinefleisch könnte bei den jetzt ziemlich niedrigen Schweinepreisen entschieden billiger sein. Nicht mit Unrecht macht das Eingesandt den Innungsring für die unverhältnismäßigen Preise verantwortlich. Dagegen versuchte zwar ein ge⸗ lahrter Metzgermeister eineschlagende Wider⸗ legung, die ihm aber in den Augen aller Verstän⸗ digen gründlich mißglückt ist.

Aus dem Rreise Marburg⸗RNirchhain.

r. Vom Brotkrieg in Marburg. Unbeant⸗ wortet ließen die Marburger Bäckermeister das Flugblatt des Konsum⸗Vereins an sich vorübergehen. Höchstens zog man über dieUnverschämtheit her, welche nach Ansicht der Marburger Bäckermeister sich die Verwaltung des Vereins herausgenommen hatte, indem sie die Mar⸗ burger Bevölkerung über die Bäckerwirtschaft aufklärte. Daß die Marburger Bäckermeister durch Unterbieten der Brotpreise sich selbst geschadet haben, werden sie wohl selber einsehen. Der Zweck des ganzen Manövers, den Konsumverein zu vernichten, ist vollständig fehlgeschlagen. Gerade das Gegenteil ist eingetreten. Die Mitglieder⸗ zahl des Vereins ist seit der Kriegserklärung beträchtlich gestiegen und beträgt jetzt über 400. Auch der Brot⸗ konsum mitsamt der ganzen Bäckerei hat sich seit der Zeit bedeutend gehoben. Die Marburger Bäckermeister haben unbewußt für den Konsumverein agitiert, und die Mitglieder des Vereins haben bewiesen, daß sie sich durch schöne Redensarten nicht irre machen lassen, sondern dem Verein treu bleiben.

r. Zur Bauarbeiter⸗-Aussperrung. Wäh⸗ rend die ausgesperrten Maurer zu Unterhandlungen gerne bereit sind, und darum auch nachgesucht haben, verharren die Unternehmer auf ihren Herrenstandpunlt, und lehnen jedes Verhandeln ab. Sie haben sogar 500 Mark Konventionalstrafe auf etwaiges Nachgeben festge⸗ setzt. Dabei drängt die Arbeit, im ganzen Umkreise suchen sie Arbeitskräfte, Den Fremden wollen sie einen höheren Lohn zahlen, als die Marburger Maurer ver⸗ langen. Einige Unternehmer wollten die Forderungen bewilligen, aber nicht unterschreiben. An Arbeits⸗ willigen sind außer 4 Nassauern, welche ja als Streik⸗ brecher bekannt sind, noch die Poliere und einige alte Mardorfer Maurer stehen geblieben, im ganzen 12 Personen Die jüngern Leute sind meist abgereist und die Haltung der übrigen Ausgesperrten ist eine gute; so werden sich wohl die Unternehmer bald zu Unter⸗ handlungen bereit finden lassen. Zuzug ist fernzuhalten! Am Montag fand im Hildemannschen Saale eine öffentliche Maurerbersammlung statt, in welcher wiederum der Vor⸗ fitzende des christlichen Verbandes Becker und Hütt⸗ mann vom Zentralverband sprachen. Beide ermahnten die Ausgesperrten zu festem Zusammenhalten; sie sollten sich auch nicht durch die Drohung der Unternehmer, daß eine große Zahl Italiener herangezogen würdenß, machen lassen. Die Italiener seien auch nicht mehr so rückständig, führte Hüttmann aus, sie wären auch nicht mehr mit allem zufrieden, wollten auch nicht hungern, obwohl sie es darin schon weiter gebracht hätten, als die hiesigen Arbeiter. Der Ausgang des Kampfes werde davon abhängen, wie die Arbeiter ihre Einigkeit bewahren. Er wies dann auf Aschaffenburg hin, wo die Unternehmer für 50 bis 60 Pfennig die Stunde fremde Arbeiter herangezogen hätten, nur um denen am Orte ihre billigen Forderungen nicht bewilligen zu müssen. Hieran erkenne man, wie die Unternehmer ihre Arbeiter behandelten, namentlich diejenigen, die schon lange bei ihnen gearbeitet hätten und dann etwas Lohnerhöhung verlangten. Im weiteren wurden die Streikenden ermahnt, die größte Ruhe zu bewahren und jeden Exzeß zu vermeiden. Wer abreisen könne, solle es tun. Am Schlusse der Ver⸗ sammlung wurde die Streikunterstützung ausbezahlt. Den Streikenden soll eine größere Summe von einem unbe⸗ kannten Spender aus Marburg überwiesen worden sein.

r. Auch die Maler und Weißbinder regen sich. Sie hielten am Dienstag eine Versammlung im

Hildemannschen Saale ab, in welcher der Gauleiter

Zimmermann aus Frankfurt referierte und welche

über die Antwort der Arbeitgeber auf die eingereichten

Forderungen beraten sollte. Damit war man bald fertig, denn es ist nur eine einzige eingegangen. Ueber die weiteren Schritte war man sich sofort klar. Man be⸗ schloß, die Meister nochmals um Antwort zu ersuchen und zu einer gemeinsamen Sitzung einzuladen. Eine Resolution fand Annahme, in der das Bedauern über das Verhalten der Meister ausgesprochen wird und die einzelnen Kollegen ersucht werden, keine Abmachungen mit ihren Arbeitgebern zu treffen, sondern sie an die Kommisston verweisen. Ferner wird den ausgesperrten Maurern Unterstützung in ihrem Kampfe versprochen.

Bekanntmachung der Gewerkschafts⸗ kommission. Die Protokolle vom Heimar⸗ beiterschutzkongreß sind bei den Delegierten der einzelnen Gewerkschaften zu haben.

Kutscher, Fuhrleute, Packer, Aus⸗ laufer! Eine öffentliche Versammlung der Transportarbeiter findet Montag Abend im Lokale Jes⸗ berg statt. Gen. Habich t⸗Frankfurt wird sprechen.

r. Die Einzeichnungsliste zum Ausflug zum Kreis fest nach Steinberg liegt im Lokale von D. Jesberg auf, und wollen die Genossen regen Ge⸗ brauch davon machen.

Selbstmord des Mörders.

Vor dem Darmstädter Schwurgericht wurde am Mittwoch gegen den Wirt Adam Rothermel verhandelt, der angeklagt war, den auf seinem Hof wohnenden Auszügler Taglöhner Wältz ermordet zu haben. Zeugen der Tat sind nicht vorhanden, mehrere Sach⸗ verständige bekunden aber übereinstimmend, daß der ermordete Wältz unmöglich Selbstmord begangen haben könne. Als am Donnerstag früh die Verhandlung sortgesetzt werden sollte, wurde mitgeteilt, daß sich der Angeklagte in seiner Zelle erhängt habe. Somit hatte der Prozeß ein schnelles Ende.

Von einer Friedhofsschändung

wird aus Elkenroth im Kreise Alten⸗ kirchen berichtet. Dort sind eines Nachts auf dem Friedhofe, der von Protestanten und Ka⸗ tholiken gemeinsam benutzt wird, fast alle Grabdenkmäler und Grabhügel der Protestanten zerstört worden. Der kon⸗ fessionelle Friede, dessen ber Ort sich früher erfreute, set durch die Gründung einer rein katholischen Arbeiterkolonie, die von Trappisten geleitet werde, nicht ungestört geblieben.

Entgleiste Ordnungsleute.

Der Beigeordnete und Gemeindevorsteher Franz Will er aus Unterflockenbach, ein großer Ordnungsheld vor dem Herrn, wurde am Freitag von der Darmstädter Strafkammer zu 4 Monaten Gefängnis verurteilt, weil er in den Jahren 1903 und 1904 aus den Teller⸗ sammlungen der Kirche, die er als Vertrauens⸗ mann zu besorgen hatte, wiederholt Geldbe⸗ träge entwendete und für sich verbrauchte. Der Rendant Kraemer bei der Kreisvieh⸗ kasse in Berleburg ist nach Unterschlagung von 60 000 Mark verschwunden. Ueber sein Vermögen wurde der Konkurs verhängt. Der Durchbrenner wurde in Cassel erwischt und verhaftet. Ein gräflicher Kindes⸗ mörder. In Dresden erfolgte die Verhaf⸗ tung des aus Brünn(Oesterreich) gebürtigen Grafen Rossequter de Miramont. Er soll verdächtig sein, sein Jahre altes unehe⸗ lich geborenes Kind durch Herunterstürzen von der Treppe mißhandelt und dadurch den Tod des Kindes absichtlich herbeigeführt zu haben.

Zum Konitzer Mord

wird noch mitgeteilt, daß der verhaftete Meaß⸗ loff einem Kriminalbeamten Einzelheiten über die Ermordung Winters angegeben habe. Da⸗ raufhin hätten Haussuchungen statigefunden.

Kleine Mitteilungen.

* Sängerkrieg in Goßfelden. Bei dem Bundesfest des Oberhessischen Sängerbundes, das am Sonntag in Goßfelden abgehalten wurde, kam es, wie dieKl. Pr. berichtet, nach dem Absingen des Liedes Brüder, reicht die Hand zum Bunde zwischen aus⸗ wärtigen Burschen zu einer Schlägerei, bei der man auch die beiden Gendarmen bedrohte, sodaß diese von ihren Waffen Gebrauch machen mußten. Mehrere Burschen trugen Verletzungen davon.

Seite 5.

Drei Kinder verbrannt. In Haß loch bei Rüsselsheim a. M. spielten drei Kinder in einem Schuppen und setzten darin befindliches Stroh in Brand. Der Schuppen brannte nieder und alle drei Kinder kamen in den Flammen um.

* Bergarbeitertod. Auf der ZecheBruch⸗ straße bei Essen wurde der Bergmann Knepper durch hereinbrechende Kohlenmassen verschüttet. Auf der ZecheProsper stürzte der Bergmann Weiner in den Schacht. Beide waren sofort tot.

Partei-Machrichten.

Wahlkreis Friedberg Büdingen. Parteigenossen!

Die statutengemäße Generalversammlung des Kreiswahlvereins findet am Sonntag, den 10. Juli, vormittags 10 Uhr, in Vilbel mit nachfolgender Tagesordnung statt:

Bericht des Vorstandes; . Kassenbericht; . Unsere Stellung zu den Kommunalwahlen; Die bevorstehenden Landtagswahlen; Landeskonferenz und etwaige Anträge zu der⸗ selben; 6. Stellungnahme zum Parteitag in Bremen; 7. Anträge; 8. Vorstandswahl. Indem wir bitten, zu vorstehender Tagesordnung Stellung zu nehmen, ersuchen wir etwaige Anträge an den Unterzeichneten einzusenden. Mit sozialdem. Gruß Der Vorstand, J. A.: J. Ihl.

*(Das Lokal wird noch angegeben.)

Aeltere Jahrgänge derNeuen Zeit gesucht. Der Sozialdemokratische Verein von Bielefeld sucht Zwecks Vervollständigung der Bib⸗ liothek folgende Jahrgänge derNeuen Zeit zu kaufen: 1. Jahrgang(1883), 3.(1886), 10.(1891/92) 2. Band, 13.(1894/95) 2. Band, 14.(2895/95) 1. Band. 16.(1897/98), 17.(1898/99). Es wird gebeten, ge⸗ fällige Angebote an Genossen Adolf Zenker, Bielefeld, Schulstraße 20, zu richten. i

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Versammlungskalender. Samstag, den 11. Juni.

Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb(Wiener Hof). Vortrag: Kosten des Lebenshaltung. Ref. Vetters. Metallarbeiter Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig.

Friedberg. Wahlverein. Vecsammlung abends

Uhr bei Ihl. Ref. Busold. Sonntag, den 12. Juni.

Gießen. Trans portarbeiter.

9 Uhr Versam mlung imWiener Hof. Montag, den 13. Juni.

Gießen. Schneid er verband. Versammlung bei Orbig.

(Die Versammlungs⸗Anzeige in voriger Nummer war irrtümlich.)

Gießen. Freie Turnerschaft. Abends 9 Uhr bei Löb Mitglieder⸗Versammlung. T. O.: Geschäft liches. Anschaffung einer Standarte.

Br efkasten.

R.-Mrbg. Auf Ihren Wunsch teilen wir gerne im Interesse von Freunden einer kostenlosen Zeche mit, daß jeder sich eine solche in der Wirtschaft vom starken Hannesche verschaffen kann. Er braucht dort bloß, nachdem er gegessen und getrunken, den Konsu m⸗ verein zu loben, da kann er sicher sein, sofort, ohne daß man Bezahlung haben will, kabelmäßig schreell hinausbefördert zu werden.

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Abends

Abends 9 Uhr

Das Münchener Panoptikum, von Jos. Burghausen ist von Samstag, den 11. Junt ab auf einige Tage auf Oswalds Garten in Gießen zu sehen. Es bietet viele Sehenswürdigkeiten und ist sein Besuch unsern Lesern zu empfehlen.

Empfehlenswerte Schriften.

Die Kolportage⸗Kommisston des Wahlvereins Gießen, Wirtschaft Orbig empfiehlt:

(Bei kleineren Bestellungen von außerhalb wird ge⸗ beten, den Betrag nebst Porto event. in Briefmarken gleich beizufügen. Adresse: Expedition der Mitteld. Sonntags⸗Zeitung Gießen.)

Der Zukunftsstaat der Junker. Man⸗ teuffeleien gegen die Sozialdemokratie im preußischen Herrenhaus. Mit Einleitung und Anmerkungen von Kurt Eisner. Preis 20 Pfg.

Wider die Pfaffenherrschaft. Kulturbilder aus den Religionskämpfen des 16. und 17. Jahr⸗ hunderts. Reich illustriert. Von Emil Rosenow. In Heften zu 20 Pfg. komplett in 50 Heften.

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