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Seite 4.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 24.
nationalliberalen Partei hielt am Sonntag in Darmstadt eine Sitzung ab unter Vorsttz des Grafen Oriola und unter Ausschluß der Oeffentlichkeit. Die Beratungen drehten stch nur um die Wahlrechtsvorlage. Auf ein Referat des Abg. Reinhart darüber
folgte eine erregte Debatte, in der fast sämtliche
Redner gegen den vom Ausschuß der Zweiten Kammer geänderten Regierungsentwurf sprachen. Schließlich fand folgende merkwürdige Resolu⸗ tion Annahme:
„Der Landesausschuß, ohne über die Frage der indirekten oder direkten Wahl und über die Kautelen der letzteren sich heute auszusprechen, ist der Ansicht, daß der neue Wahlreform⸗Gesetzentwurf nur in Ver⸗ bindung mit einer den Inhalt desselben bildenden Aen⸗ derung der Wahlkreiseinteilung und die Einteilung in Wahlkreise in dem Landtag im Einverständnis mit der Regierung zur Verabschiedung gebracht werden soll.“
Ein echt nationalliberales Produkt! Der Leser wird sich vergeblich fragen, was eigentlich mit diesen dunkeln Sätzen gesagt sein soll.
Gießener Angelegenheiten.
— Unter der Wertzuwachs steuer, die in verschiedenen deutschen Städten einge⸗ führt ist und sich sehr gut bewährt hat, ver⸗ steht man die Steuer auf die mühelosen und vielfach ungeheuern Gewinne, welche die Be⸗ sitzer von Grund und Boden dadurch erzielen, daß die Stadt sich ausdehnte, und Grundstücke, die bisher nur als Feldland Verwendung fan⸗ den, zum Bauland einbezogen werden. Wir halten— solange der Grund und Boden noch nicht Gemeineigentum geworden ist— eine solche Steuer für durchaus angebracht. Denn den höhern Wert bekommt der Boden nicht durch die Arbeit des Besitzers— der hat keinen Finger gerührt— sondern durch die Tätigkeit der Gesamtheit.— Der Besitzer wartet vielmehr ganz ruhig, bis man sein Stück Land, auf dem vielleicht nur Unkraut wächst, braucht, und die reife Frucht fällt ihm dann von selbst in den Schoß. Er bekommt für den Quadrat⸗ meter den zehn⸗, ja oft den 20 und 30fachen Preis dessen, was er dafür bezahlt hat. Ein gutes Beispiel dafür bietet sich jetzt in Gießen, nach⸗ dem die Schwarzlach als Baugelände erschlossen worden ist.
Das ganze hier in Betracht kommende Ge⸗ biet umfaßt 254 410 Quadratmeter. Davon sind zu Straßen und Plätzen 68 431 Quadrat⸗ meter vorgesehen. Die Stadt besttzt von dem
Gelände 65 935 Quadratmeter, wovon 19 892
oder 30,2% zu Straßenland Verwendung finden.— Nun betrachten wir, welch nettes Geschäftchen ein Privatmann macht, der in der Schwarzlach Bauland besitzt. Der Stadtver⸗ ordnete Löber z. B. besitzt dort 27331 Quad⸗ ratmeter, wovon nach dem Bebauungsplane 7814 oder 28 ½% in Straßenland fallen. (Gegen den Plan hatte Herr Löber Einspruch erhoben, weil nach seiner Ansicht von seinem Lande zuviel für Straßen weggenommen würde.) Vor der Anfstellung des Planes repräsentierte das Grundstück Löbers(Quadratmeter zu 60 Pfg. gerechnet), einen Wert von 16 398,60 M. Jetzt bekommt er: 1. für die 7814 Quadrat⸗ meter Straßenland(a Mk. 1,12)= 8751,68 Mark. Für die 19517 Quadratmeter Bau⸗ land— mindestens 8 Mk. pro Quadrat- meter— also: 156 136 Mk., ergibt zusammen Mk. 164 887.68. Abzüglich des vorigen Wertes verbleibt also ein Gewinn von mindestens 148 489,08 Mk.— Das ist ein nettes Stückchen Geld und wohlgemerkt, ein mühe⸗ loser Gewinn! Der Grundbesitzer braucht seinetwegen keine Hand anzurühren und keinen Schritt zu gehen! Da ist es doch nur ange⸗ bracht, wenn der Gesamtheit ein Bruchteil des durch ihre Arbeit geschaffenen Wertes wieder zufließt. Würde z. B. 25% Wertzuwachssteuer erhoben, so wären in diesem Falle 37 122,25 Mark an die Gemeinde abzuführen. Das wäre gewiß nicht unbillig; dem Grundbesitzer blieben immer noch über 110000 Mk. reiner Gewinn. — Selbstverständlich machen wir diese Dar⸗ legungen nicht Herrn Löbers wegen— viele andere würden den Gewinn mit der gleichen Ungentertheit einstreichen— aber sie beleuchten ein Stück unserer heutigen Ordnung und zeigen,
wie manche einer zum reichen Manne wird durch—„Fleiß und Sparsamkeit“— natürlich.
— Italiener sind jetzt in großer Zahl in Gießen als Bau⸗ und Erdarbeiter, besonders bei der Kanalisation beschäftigt. Warum diese ausländischen Arbeitskräfte herangezogen werden, wo es deren doch hier genug giebt, ist ja allgemein bekannt. Sie sind eben billiger und die Herren Unternehmer können größeren Pro⸗ fit aus ihnen herausschlagen. Die hiesigen Geschäftsleute sind aber insofern im Nachteile, als die Italiener nur einen Bruchteil des ver⸗ dienten Geldes hier wieder verkonsumieren, ein großer Teil davon wandert ins Ausland. Die Leute sind noch bedürfnisloser wie die Deutschen; ste sollen hier in„Wohnungen“ hausen, die diese Bezeichnung gar nicht ver⸗ dienen und, wie uns mitgeteilt wird, aller Be⸗ schreibung spotten. Solche Zustände bilden eine Gefahr für die hiestge Bevölkerung in ge⸗ sundheitlicher Beziehung und die Polizet sollte da einmal gehörig kontrollieren.
— Das Schwurgericht, das in diesem Quartal gar nicht zusammentreten sollte, weil nur ein einziger Fall vorlag, hat diesen doch am Montag abgeurteilt. Die zuletzt in Nieder⸗ mörlen beschäftigt gewesene Dienstmagd Stieg⸗ litz hatte sich wegen Kindesmord zu verant⸗ worten. Sie war geständig und wegen eines gleichen Verbrechens bereits mit 2½ Jahren Gefängnis vorbestraft. Die Geschworenen sprachen sie schuldig und sie erhält unter Zubilligung mildernder Umstände 4 Jahre 2 Monate Ge⸗ fängnis.
— Vierter Klasse. Ueber die Zustände bei den Arbeiterzügen gehen uns von Ar⸗ beitern, welche dieselben benutzen müssen, leb⸗ hafte Klagen zu. Die Wagen vierter Klasse sind fast stets in unzureichender Zahl vorhanden und sie werden in geradezu beäugstigender Weise vollgepfropft, müssen weit über die vor⸗ geschriebene Zahl Passagiere aufnehmen. Da⸗ gegen rollen Wagen dritter Klasse fast leer mit. Besonders ist das immer bei dem Zuge 6.26 abends in der Richtung nach Gelnhausen der Fall. Es kann doch unseres Erachtens keine Schwierigkeit machen, wenn ein Wagen vierter Klasse mehr einrangiert wird. Warum ges hieht das nicht?
Aus dem Rreise gießen.
Bürgermeister und Schullehrer. Am Samstag wurde vor dem Gießener Land⸗ gericht ein Beleidigun gsprozeß verhandelt, den der Lehrer Jung in Grüningen gegen den dortigen Zürgermeister Gilbert ange⸗ strengt hatte. Dabei trat fast das halbe Grü⸗ ningen als Zeuge auf. Im großen und ganzen handelte es sich um müßigen Klatsch und man sollte nicht meinen, daß ernsthafte Männer wegen solchen Bagatellen prozessen. Der Bürgermeister wurde zu 175 Mark Geld⸗ strafe verurteilt und hat den größten Teil der Kosten zu tragen, die wohl an die tausend Mark betragen dürften. Wie sagt der Dichter: Ja, ja, Prozesse müssen sein!
— Der Kindesmord in Eberstadt dürfte noch weitere Strafverfahren im Gefolge haben. Vom Justizminister soll gegen den Abg. Köhler und die„Hungener Landpost“, in welcher Köhler seine den Fall betreffende Interpellation vor der Einreichung im Land⸗ tage abdrucken ließ, Strafantrag wegen Beleidigung des Staatsanwalts Reuß gestellt sein.— Es soll übrigens einwands⸗ frei festgestellt sein, daß die Mina Görlach tatsächlich heimlich geboren hat.
Aus dem Rreise Alsfesd-Cauterbach
* Wenn Gott an allem schuld sein soll. Der Landwirt Häußer in Lanzenha in ist offenbar ein gläubiger Christ, deshalb ist er der Meinung, daß der Herrgott alle Dinge geschehen läßt. Das lehrte ihn allerdings die Religion, doch beachtete er die weitere religiöse Vorschrift nicht, daß der Christ auch das ihm widerfahrene Unangenehme in Demut und Geduld tragen soll, sondern er schimpfte auf seinen Herrgott, wenn ihm etwas nicht nach dem Kopfe ging. Besonders geriet er in Zorn, wenn ungünstiges Wetter eintrat. So, als ein Gewitter im August 1902 einen Teil der noch auf dem Felde befindlichen Frucht ver⸗
nichtete. Damals erging er sich in nicht wiederzugeben⸗
den Worten; und als im vorigen Sommer das Krie⸗ gervereinsfest verregnete— er ist auch Kriegervereinler— sagte er:„E Kießeldunnerwetter soll dreinschlagen! Wir müssen den Alten oben absetzen!“ Deshalb hatte er sich am Dienstag vor der Gießener Strafkammer wegen Gotteslästerung zu verantworten. In der zitierten Aeußerung wird nun zwar eine solche nicht gefunden; wohl aber in den Schimpfworten, die er gelegentlich des Gewitters fallen ließ. Und trotzdem ihm der Pfarrer ein gutes Zeugnis ausstellte und ihn als gläubigen Christen bezeichnete, der nur in der Trun⸗ kenheit jene Worte gebrauchte, wird er zu sechs Wo⸗ chen Gefängnis verurteilt.
b. Sittlichkeit auf dem Lande. Vor dem Alsfelder Schöffengericht wurde am Montag gegen den Karl Schlitt aus Leusel verhandelt, der wegen Be⸗ leidigung seines früheren Dienstmädchens, der Elise Kern ans Angenrod, angeklagt war. Er ist beschuldigt, das Mädchen, welches als Nebenklägerin auftrat, wiederholt unzüchtig berührt zu haben, weshalb es den Dienst ver⸗ ließ. Der Angeklagte machte geltend, daß es das Mäd⸗ chen nur auf Erpressung abgesehen habe, denn es hätte mit andern Männern geschlechtlich verkehrt. Dies be⸗ stritt es unter ihrem Eide, zwei Zeugen, Mörle und Schombert, beschworen jedoch das Gegenteil. Der An⸗ geklagte, verteidigt vom Rechtsanwalt Reh, wurde frei⸗ gesprochen, das Mädchen jedoch wegen Meineidsverdachts sofort verhaftet. So kann die Angelegenbeit noch sehr schlimme Folgen für das erst 17jährige Mädchen haben, während seine gewiß nicht ganz unschuldigen Verführer frei ausgehen.
Aus dem Nreise Wetzlar.
h. Die konservative Partei des Rheinlandes hielt am Sonntag im Schützen⸗ garten in Wetzlar ihre Generalbersammlung ab. Das Wetzlarer Amtsblatt tischte seinen geduldigen Lesern darüber einen 5 Spalten langen Be⸗ richt auf.— Herr Stackmann, der Land⸗ tagsabgeordnele für Wetzlar, hielt einen Vor⸗ trag über„Die innerpolitische Lage“, bei welcher Gelegenheit er auch auf die Sozial- demokratie und das allgemeine Wahlrecht zu sprechen kam. Dabei gab er nach dem Bericht des Amtsblattes Dinge zum Besten, die er wirklich nicht verantworten kann und die mit den Tatsachen im schreiendsten Widerspruch stehen. Er sagte:
„Die konservative Partei ist übereinstimmend mit andern Parteien der Meinung, daß die Sozialdemokratie eine außerordentlich große Gefahr ist.(Huh! D. R.) Es ist in letzter Zeit die Meinung verbreitet, als ob die Sozialdemokratie durch freundliches Zureden sich mausern werde zu einer Partei, die man als eine radi⸗ kale Reformpartei bezeichnen könne, die sich auf den Boden der bestehenden Verhältnisse stellen und nur weit⸗ gehende Forderungen stellen werde. Wir sind der Auf⸗
fassung, daß dies grundfalsch ist.(Wir auch! D. R.)
Die Sozialdemokratie bleibt der Feind der bestehenden Gesellschaft.(Der Gesellschafts o rd nung muß es heißen. D. R.) Wenn wir nicht wollen, daß die Grund⸗ lagen der Religion, Familie und das Eigentum ver⸗ nichtet werden sollen, müssen wir den Kampf mit ihr mit allen Mitteln aufnehmen. Da wird uns dann der Vorwurf gemacht, daß wir eine Scharfmacher⸗ Partei seien, die die Regierung hineinhetze und daß wir mit dem Feuer spielen. Dieser Ansicht sind unsere Red⸗ ner, Graf Mirbach und Freiherr von Manteuffel, ent⸗ gegengetreten und haben sie widerlegt.(Wer lacht da nicht 2) Die konservativen Vertreter sind nicht der Ansicht, daß gegenwärtig ein Sozialistengesetz gemacht werde, aber auch nicht, daß das allgemeine Wahlrecht aufge⸗
hoben werde(Was?). Wohl sind sie dafür, daß die
Regierung bekunde, daß sie voll und ganz von der Ge⸗ fahr der Sozialdemokratie überzeugt ist.“
Wenn Herr Stackmann das wirklich gesagt hat, was in dem Bericht steht, dann muß man sich tatsächlich uber die Kühnheit wundern, mit der er unwahre Behauptungen aufstellt. Wenn einer nach den Staatsstreich⸗Reden der Junker Manteuffel, Graf Mirbach, v. Buch und Konsorten vehauptet, daß die Konserva⸗ tiven weder das Wahlrecht beseitigen, noch ein ein neues Sozialistengesetz wollten, der kennt entweder jene Reden nicht, oder er täuscht absichtlich die Oeffentlichkeit. Aus der in der Buchhandlung Vorwärts erschienenen Broschüre, „Der Zukunftsstaat der Junker“, welche Aus⸗ züge aus den Reden der konservattven Führer nach dem amtlichen Stenogramm wieder⸗ gibt, kann jeder leicht feststellen, wie sich diese Sorte„Volksvertreter“ zu dem Wahlrecht stell⸗ ten. Um nur einen Satz anzuführen, sagte Graf Mirbach:„Setzten wir an die Stelle des
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