Ausgabe 
12.6.1904
 
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Nr. 24.

Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 3.

Nachteile kommt. Es erhielten die Sozialde⸗ mokraten 302,771, die Liberalen 264,932, die Christlich⸗Demokraten 17,495, das Kartell(Lib. u. Sozial.) 21,815 Stimmen; zusammen für die Oppositionsparteien 607,013 Stimmen. Da die katholische Partei 506,305 Stimmen hatte, ergiebt sich eine Minderheit für die Regierung von 100,708 Stimmen. Besonders beachtens⸗ wert ist, daß die Sozialdemokratie mit 302,771 Stimmen nur 18 Sitze bekommt, die Liberalen mit 264,932 Stimmen aber 22 Sitze und die Klerikalen mit 506,305 Stimmen 38 Sitze.

Genosse Emile Vandervelde bemerkt im Peuple zu dem Wahlergebnis:Der 29. Mai bedeutet eine Niederlage der Sozia⸗ listen, aber zu gleicher Zeit einen Sieg des Antiklertkalismus. Die Regie⸗ rung hat von nun an Blei in den Flügeln. Ihr Fall ist nur mehr eine Frage der Zeit. Und zu den Verlusten der Arbeiterpartei meint er:Wir köunen uns das Zeugnis geben, daß noch nie eine Wahlcampagne methodischer, hin⸗ gebungsvoller, mit stärkerem sozialistischen Be⸗ wußtsein geführt worden ist. Woher kommt es nun, daß wir in der Mehrzahl der Kreise im Rückgang sind, während die Liberalen überall, nach einer kaum nach Wochen zählenden Ar⸗ beit, Boden gewonnen haben? Das hat unsrer Meinung nach nicht seinen Grund darin, daß das Proletariat schwankend, die Arbeiterklasse weniger sozialistisch geworben wäre, daß die wirklichen Kräfte der sozialistischen Partei ge⸗ ringer wären als früher. Unsere Organi⸗ sation schreitet vorwärts, unsere Genossenschaften nehmen stetig an Ausdehnung zu. Aber seit zehn Jahren haben wir unstreitig von der Untätigkeit, der Entmutigung und namentlich von der Uneinigkeit des Libera⸗ lis mus Vorteil gehabt. Viele Leute stimm⸗ ten für uns, die die sozialistische Propaganda kaum berührt hatte, die aber lokale Streitig⸗ keiten oder die Hartnäckigkeit der Doktrinäre von ihrer wahren Partei entfernten.

Diese verschiedenen Elemente seien nach der Einigung der Liberalen in deren Lager zurück⸗ gekehrt.Für eine zähe und feurige Partei wie die unserige, schließt Vandervelde sind ernste Prüfungen oft heilsamer als Siege. Um Gegner zu besiegen, die gelernt haben, sich zu verteidigen, genügt es nicht, sich auf die natürl iche Hülfe der wirtschaftlichen Entwicklung zu verlassen. Sie arbeitet sicherlich für uns, aber ste befreit uns nicht von der Pflicht, sel bst zu arbeiten.

Arbeiter als Bürgermeister.

Bei den letzten Gemeinderatswahlen in Frankreich wurde in Dijon(spr. Dischong), der Hauptstadt des Departemens Cote d'Or (ca. 60 000 Einwohner) ein einfacher Arbeiter, ein Bahnhofskofferträger zum Bürgermeister gewählt. Darüber hat die bürgerliche Presse Frankreichs und auch Deutschlands viel ge⸗ spöttelt und den Mann als unfähig hingestellt. Gewisse Leute glauben eben, daß nur derjenige zu einem derartigen Amte fähig ist, der zugleich über einen gefüllten Geldbeutel verfügt. Vom demokratischen Standpunkt läßt sich doch gewiß

nichts dagegen einwenden, wenn der zum Bürger⸗

meister Gewähltegewöhnlicher Kofferträger war. Er muß allerdings die nötigen Fähig⸗ keiten dazu haben. Und daß dies zutrifft, geht aus der Mitteilung eines Zeitungskorrespondenten hervor, der mit Barabant, so heißt der neue Bürgermeister, eine Unterredung hatte. Letzterer erzählte dabei kurz seinen Lebenslauf. Danach hat Barabant mit 13 Jahren die Schule ver⸗ lassen und zunächst als Kellner debütiert. Später trat er in den Bahndienst ein. Dort wurde er Kofferträger erster Klasse und hat als solcher fast nur Bureaudienst getan; er war bei der Expedition der Eilgüter beschäftigt.Meine Karriere ist trotzdem nicht sehr brillant gewesen. Bedenken Sie, daß ich seit dem 18. Lebensjahre diese Funktionen ausübe und daß ich seitdem weder avanciert bin, noch eine Gehaltserhöhung erhalten habe; wäre das Avancement regulär vor sich gegangen, müßte ich schon seit langem Stationsvorsteher sein. Barabant erzählt dann weiter, daß er diese Karriere nicht gemacht habe, weil er schon seit dem Jahre 1899 Sekretär

der sozialistischen Förderation des Cote d'Or sei; außerdem ist er Gründer und Herausgeber eines kleinen sozialistischen Organs. In unzähligen Versammiungen in Dijon und der Umgebung ist er als sozlalistischer Redner und Organisator aufgetreten. Aus alledem ist ersichtlich, daß der gewöhnliche Kofferträger sich als ein Mann entpuppt, der immerhin über einen hohen Grad von Intelligenz verfügt und bei anderen Bil⸗ dungsmitteln es wahrscheinlich noch viel weiter gebracht haben würde. Im übrigen teilt er noch mit, daß die frühere reaktionäre Mehrheit der Stadtverwaltung ein Defizit von 193 Frs. hinterlassen habe.

Russisch⸗japanischer Krieg.

Um Port Arthur.Auf Befehl des Zaren sollen, wie berichtet wird, die Russen alle Anstrengungen machen, Port Arthur zu entsetzen und in der Tat soll Kuropatkin seine Truppen nach dem Süden zu dirigieren. Diese Bewegung wird allgemein als ein Fehler be⸗ zeichnet, weil durch die Abkommandterung größerer Truppenkörper nach der Halbinsel Kwantung die Stellung der Russen bei Liao⸗ jang bedeutend geschwächt würde, so daß ein Vorstoß der Armee Kurokis gegen die ent⸗ blößten russischen Stellungen unter lunständen von Erfolg gekrönt sein könnte. Auderseits machen die Japaner alle erdenklichen Anstreng⸗ ungen, sich Port Arthurs zu bemächtigen. Am Montag hätten sie einen kombinierten Land⸗ und Seeangriff unternommen, der aber gee⸗

chei: ert sei. Eine russische Nachricht vom Mittwoch meldet sogar dieVernichtung der japanischen dritten Armee. Hier haben die Russen sicher geflunkert; so schnell geht die Vernichtung nicht.

Bittere Not herrscht in Wladiwo⸗ sto k. Durch den Krieg, das Bombardement und den Wegzug aller Behörden, Lehraustalten und vieler Privater sank die Bevölkerung um mehr als die Hälfte. Der Wegzug dauert fort. Es herrscht völlige Arbeits losigkeit. Die materiellen Lebensbeding⸗ ungen sind äußerst drückend und neue Kredite in den Banken unerhältlick. Besonders akut ist die Notlage der Hausbesitzer. Die Agrarbanken subhastieren immer mehr Immobilien, aber die Käufer fehlen.

Das russische Volk kriegsmüde. Ein militärischer Mitarbeiter der Pariser Petite Republique berichtet über ein Gespräch, das er mit einem ihm befreundeten russischen Marine⸗ Offizier gehabt haben will, welcher der russischen Botschaft sehr nahe steht. Der Betreffende soll gesagt haben, das Volk ist des Krieges müde, der nur in Folge einer unerklärlichen Neigung des Zaren für Alexejew noch fort⸗ dauere. Alexejew sei einer der jämmerlichsten Admirale, den die russische Flotte je besessen habe. Port Arthur dürfe absolut nicht in die Hände der Japaner fallen, leider sei aber dieser

Ausgang unvermeidlich und weder die Energie

der Garnison, noch die zur Verfügung stehen⸗ den Berufsmilitärs könnten ihn lange ver⸗ zögern. Ich bin in der Lage, zu erklären, sagte angeblich der Offizier, daß wir gegen⸗ wärtig in Rußland nur noch auf eine Inter⸗ vention des Königs von England warten, um die Friedens⸗Präliminarien zu diktieren.

Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung.

Soldaten als Helfer gegen Strei⸗ kende. In Posen sind die Maler ausge⸗ sperrt, weil sie sich weigerten, einen Revers zu unterschreiben, durch den sie sich verpflichten sollten, weitere zwei Jahre zu den Bedingungen des alten Tarifs zu arbeiten und dem Zentral⸗ verband der Maler nicht anzugehören. Die Arbeitswilligen der Provinz, auf die man ge⸗ rechnet hatte, blieben aus, und nun fand sich die Militärverwaltung als Retter in der Not bereit, den Unternehmern Soldaten zur Ver⸗ fügung zu stellen. Das paßt den Unternehmern, wenn sich die Arbeiter gegen die Anschläge auf ihr Koalitionsrecht wehren, sorgt die Militär⸗

verwaltung für Ersatz. Damit wäre der Zweck der seligen Zuchthausvorlage auch erreicht. Ob die Arbeiter von ihrem gesetzlichen Recht, sich zu organisieren, Gebrauch machen dürfen, würde dann noch lediglich von dem guten Willen der Arbeitgeber und der Militärbehörde abhängen. Eine Beschwerde gegen die Verwendung von Soldaten ist bereits bei dem kommandierenden General Herrn v. Stülpnagel in Posen ein⸗ gereicht worden; ob aber die Soldaten darauf⸗ hin zurückgezogen worden sind, davon sind wir zur Zeit noch nicht unterrichtet. Arbeiter aus unserer Gegend werden kaum Lust empfinden, nach jener gesegneten Gegend als Arbeitswillige zu gehen, daher braucht wohl nicht vor Zuzug gewarnt zu werden.

Lohnbewegungen. Der Streik der Schrei⸗ ner in Offenbach dauert noch fort; ebenso kam noch keine Einigung der Maurer in Mainz mit ihren Arbeitgebern zu stande. In Darmstadt traten die Zimmerleute in den Ausstand, weil die Unternehmer eine Erhöhung des Stundenlohnes ablehnten. Der Berliner Bäckerstreik ist noch uicht ganz beigelegt. Eine Anzahl Meister haben mit dem Gesellenverbande vor dem Einigungs⸗ amte einen Tarifvertrag abgeschlossen und ihnen folgen täglich mehr. Nur eine Minderheit Innungsmeister verhält sich halsstarrig. Ver⸗ schiedene Geschäfte zogen ihre früher gegebenen Zusagen wieder zurück; mehrere dieser Erklär⸗ ungen erwiesen sich als gefälscht; etwa 30 Meister erklärten, daß sie tyre Bewilligungen nicht zurückgenommen hätten.

pon Uah und gern.

Hessisches.

Die Zweite Kammer des Land⸗ tags ist von dem Präsidenten auf 28. Juni einberufen, an welchem Tage eine Reihe An⸗ träge aus dem Hause, darunter derjenige des Genossen David, die Vorschulen an den mittleren Lehranstalten, sowie der des Abge⸗ ordneten Reinhart(natl.), die Einführung von Verkehrsabgaben auf schiff⸗ baren Flüssen betreffend, beraten werden sollen. Am 29. Juni soll die Wahlrechtsvor⸗ lage an die Reihe kommen, welche die Bündler, verschiedene Nationalliberale, die sogenannten ländlichen Abgeordneten gerne bis zum Herbst und dann noch weiter hinaus verschleppt hätten, um sie schließlich vollendsversumpfen zu lassen. Gegen diese Verschleppungstaktik hat der Kammervorstand einmütig Stellung ge⸗ nommen. Aus der Kammer wurde über die Bera⸗ tung des Vorstands geschrieben, es habe darüber Einigkeit geherrscht,daß auf eine derartig weite Hinausschiebung dieser wichtigen Vorlage unter keinen Umständen eingegangen werden könne.

Nach den Mitteilungen der anwesenden lanbwirtschaftlichen Vertreter haben bis Ende Juni die unaufschiebbaren landwirtschaftlichen Arbeiten zum größten Teile ihre Erledigung gefunden. Von den Unterzeichnern des an den Herrn Präsidenten gerichteten Wunsches selen übrigens höchstens acht Herren durch landwirt⸗ schaftliche Arbeiten im Juni abgehalten und auf diese werde dadurch Rücksicht genommen, daß die Kammer erst nach Beendigung der Heuernte einberufen werde. Wir bezweifeln übrigens stark, daß nur ein einziger der Herrenländlichen Abgeordneten durch die Heuernte wirklich verhindert ist, an ein paar Sitzungen teilzunehmen.

Der Wahlrechtsausschuß hielt am Dienstag wiederum Sitzung ab und zwar vor⸗ und nachmittags. Abg. v. Brentano er⸗ stattete Bericht über die Vorlage. Dem Kom⸗ promiß⸗Antrage Gutfleischs wurde schließlich zugestimmt, nachdem man dem Wunsche der Bauernbündler, die Gemeinde Wieseck dem Wahlkreise Gießen zuzuteilen, nachge⸗ geben hatte. Darauf wurde der Ausschußbericht sowie die Wahlkreiseinteilung für Oberhessen endgiltig genehmigt. 5

Fraktion Drehscheibe und das Wahlrecht. Der Landesausschuß der