Ausgabe 
12.6.1904
 
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Seite 2.

Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 24. 5

Monat verlebte ich dann noch in einer Arbeiterherberge San Franziscos. Gearbeitet habe ich dort nicht mehr. Die Energie war mir aus⸗ gegangen.

Nicht unparteiisch, sondern mit vorgefaßter An⸗ und Absicht war ich dabei zu Werke gegangen. Fremd, ablehnend stand ich der modernen Ar⸗ beiterbewegung gegenüber. Gegen sie und gegen die, welche ihr Vorschub leisten, wollte ich Material gewinnen im Umgang mit dem ihr gleichfalls abholden, sozialpolitisch indifferenten Proletariat der Vereinigten Staaten. ö

Mir ist geschehen, wie wohl jedem aus unsern Reihen, der ehrlich um diese Fragen sich mübt: ich fand Probleme, wo ich Axiome wähnte.

Es ist nicht leicht möglich, so bemerkt hierzu unser Zentralorgan, in wenigen Worten die ganze Furchtbarkeit der sozialen Frage zusam⸗ menzudrängen, als es dem Verfasser in diesen Sätzen gelingt. Er geht nach Amerila, sucht Arbeit. Sechs Wochen bleibt er auf der Straße. Enolich gelingt es ihm, Unterschlupf zu finden. Nach wenigen Wochen fliegt er. Und nun nimmt er Empfehlungen zu Hllfe, um eine Stelle zu erringen. Nach dreh Monaten ist er erschöpft. Er kann nicht mehr. Die Erfahrung macht ein Mann, der in behaglichen Verhält- nissen aufgewachsen, einen gesunden ungebrochenen Kräftevorrat aufgespeichert hat und den keine wirkliche Sorge um seine Existenz bedrückt. Drei Monate nicht allzuschwerer Proletarier⸗ arbeit genügen, um ihm die Fortsetzung des Experiments unmöglich zu machen.

Herr Kolb ist nach Amerika gegangen, weil dort bei der Mehrheit der Arbeiterdas kom⸗ munistische Evangelium keinen Eingang ge⸗ funden hat. Er will gerade bei demsozial⸗ politisch indifferenten Proletariat Material gewinnen gegen die moderne Arbeiterbewegung. Wenn die angeführten Sätze einen Sinn haben sollen, so ist Herr Kolb, der mit dem Dünkel eines preußtschen Regierungsrats nach Amerika ging, als Mensch zurückgekehrt, der an das kommunistische Evangelium glaubt, der zum Anhänger der modernen Arbeiterbewegung ge worden ist. Sein Buch wird zeigen, ob er diese notwendige Folgerung zieht.

politische Rundschau..

Gießen, den 9. Juni 1904.

Der Reichstag

hat am Dienstag seine Sitzungen wieder auf⸗ genommen. Auf der Tagesordnung stand das Reblausgesetz, bas in der zweiten Lesung durchberaten wurde und das Münzgesetz, das ebenfalls die zweite Lesung passierte. Die Beratung darüber wurde am Mittwoch fort⸗ gesetzt und schließlich das Gesetz nach den Kom⸗ missionsbeschlüssen gegen die Stimmen der Linken angenommen. Hierauf folgte die zweite Lesung des Gesetzes über die Ka ufmanns⸗ 90 0 8 85 die am Donnerstag fortgesetzt wurde.

Gegen Staatsstreichgelüste,

wie sie in der letzten Zeit bei den junkerlichen Herrenhäuslern und anderen Scharfmachern sich zeigten, wendet sich scharf der Heidelberger Nationalökonom Prof. Max Weber. Er ver⸗ höhnt in seinem in der Frkftr. Zeitung er⸗ schienenen Aufsatze die Sehnsucht nach einem starken Manne und spöttelt über dieBier⸗ bantpolitik des Herrn v. Jagemann, der kürzlich den Staatsstreichrechtlich zu begründen suchte. Mit anerkennenswertem Mute erklärt Weber:

Wenn wir mit Recht das gelegentliche Kokettieren mit dem WorteRevolution seitens eines Teiles der Sozialdemokratie leichtfertig und einer großen Partei unwürdig finden(), so verlangt das Kokettieren mit der Revolutionvon oben auf seiten von Leuten, die im Ernstfall ja sehr weit vom Schuß sein würden, die denkbar schärfste Zurückweisun g. Dazu, um einen Verfassungskonflikt herbeizuführen und dann, auf die Bajonette des stehenden Heeres gestützt, eine Weile fortzuwursteln, dazu bedarf es wahrlich keines großen

* Axiom: Lehrsatz, der eine unbedingte Gewiß⸗ heit in sich trägt, keines Beweises bedarf, etwas zweifel⸗ los sicheres. Problem: Noch zu lösende Aufgabe; zweifelhafte Frage.

Staatsmanns, nicht einmal einesstarken Mannes. Es genügt dazu ein gewissenloser Dummkopf oder ein politischer Abenteurer an der Spitze der Reichs⸗ verwaltung. Aber dann aus diesem Konflikt uns wieder herauszuhelfen, ohne daß nicht nur unsre Welt⸗ stellung, unsre Einheit und Unabhängigkeit von Ausland, sondern auch die Rechtssicherheit aller unsrer Institutionen für viele Generationen in die Brüche gingen, dazu bedürfte es nach der Eigenart unseres Staatswesens und unserer Lage eines Staatmannes, der eine ganz andere Taille hätte, als alles, was heute in Deutschland irgendwo ankommenden Männern herumläuft.

Prof. Weber fragt dann keck nach den Leist⸗ ungen des monarchischen Regiments:

Seit bald 15 Jahren leben wir unter einem Regime, welches einen so stark persönlich⸗monarchischen Charakter an sich trägt, wie dies selten irgendwo der Fall war. Würden wir nun fragen, was denn eigentlich dieses Regime geleistet hat, selbst auf demjenigen Gebiet, wo angeblich bas monarchische Regiment seine spezifische Leistungsfähigkeit zeigen soll: dem der äußeren Politif, so würde der Vergleich mit den demokratisch verwalteten Großstaaten ein für uns sicherlich nicht schmeichel⸗ hafter sein.

Danach hält der Mann also die Republik für eine bessere, leistungsfähigere Regierungs⸗ form. Das ist auch unsere Meinung. Für die freie Aeußerung seiner Meinung wird Herr Weber aber nicht lange auf die Quittung zu warten brauchen.

Staatskapitalistischer Terrorismus.

Vergangene Woche wurde in St. Johann⸗ Saarbrücken ein Prozeß S der uns ein Stück der modernen Sklaverei offenbart, unter der die Arbeiterschaft seufzt. Der Berg⸗ mann Krämer hatte in Flugblättern der staat⸗ lichen Grubenverwaltung terroristisches Vor⸗ gehen vorgeworfen. Daß dieser Vorwurf unbegründet ist, will der Staatsanwalt er⸗ härten. Und nun kommen sie alle, die Berg⸗ sklaven des Staates, und erzählen, wie man sie als nationalliberales Stimm⸗ vieh zur Urne trieb, vonder Stelle jagte und jahrzehntelaug verfolgte, wenn sie Neigung gezeigt hatten, von ihrem Koali⸗ tionsrecht Gebrauch zu machen, Glied für Glied wird dieKette aufgezeigt, die der Staat diesen verängstigten, schlecht genährten, kränklichen Menschen um den Leib geschlungen hat, bis endlich sogar ein Zeuge erscheint, dem man so gründlich das Reden ausgetrieben hat, daß er selbst unter Eideszwang die Wahrheit zu sagen sich fürchtet und fragt, wer ihn vor Maßregelung schütze, wenn er die Wahrheit sagte! Eine große Anzahl Zeugen, Bergarbeiter und katholische Geistliche bekundeten, daß die Arbeiter bei der Reichstagswahl kolonnenweise zur Wahlurne geführt und von den Grubenbenbeamten be⸗ obachtet wurden, wie sie wählten. Diejenigen, welche nicht nationalliberal, sondern Zentrum oder gar sozialdemokratisch wählten, wurden entweder entlassen, oder bekamen Lohnabzug, kurz, wurden auf alle mögliche Art schikaniert. Selbst das Zentrum, das anderwärts, wo es die Macht hat, in Wahlbeeinflussungen macht was es kann, muß sich hier unter die national⸗ liberalen Herrengewalten beugen! Die Ver⸗ teidigung des Angeklagten führt Rechtsanwalt Gen. Heine.

Mit derNot der Landwirtschaft ist es wirklich nicht so schlimm, wie es die Agrarier und ihre Presse fortgesetzt darstellen. Vielmehr sind schon oft Beweise dafür erbracht worden, daß sich die Lage der Landwirtschaft in den letzten Jahren entschieden gebessert hat. Das beweist auch der anhaltende Rück⸗ gang der ländlichen Zwangsver⸗ steigerungen in Preußen, der sich aus einer im letzten Heft der Zeitschrift des preußi⸗ schen statistischen Bureaus enthaltenen interessan⸗ ten Abhandlung vom Regierungsrat Dr. Kuh⸗ nert ergibt. Danach hat die Gesamtzahl der Zwangsversteigerungen ländlicher Besitzungen seit 1886 ständig abgenommen, mit Ausnahme des Notjahres 1892, und zwar ins⸗ gesamt von 2979 Grundstücken mit 110 963 Hektar Fläche auf 1134 Grundstücke mit 35 764 Hektar Fläche: für die Grundstücke von 2 Hek⸗ tar und darüber von 2903 Grundstücken mit 109 190 Hektar Fläche auf 899 Gründstücke mit 35 474 Hektar Fläche.

Ländliche Zwangsversteigerungen werden teilweise auch von andern als rein wirtschaft⸗ lichen Ursachen mit beeinflußt. Um so mehr zeigt sich, daß das agrarische Geschrei von der allgemeinen Notlage der gesamten deutschen Landwirtschaft infolge der Caprivischen Han⸗ delsverträge eine Vorspiegelung falscher Tat⸗ sachen ist. 5

Verkrachte antisemitische Gründung.

In Hannover ist eine antisemitische Bankgründung nach dreijähriger Mißwirtschaft mit einem Defizit von 174 Millionen Mark verkracht. DerDirektor, Schu⸗ mann mit Namen, erhielt für seinjüdisches

Treiben 2 Jahre Gefängnis, drei Aufsichts⸗

ratsmitglieder je 1 Monat resp. 6 Wochen. Der intellektuelle Urheber der Gründung, der anti⸗ semitische Dauer-Reichstagskandidat Dr. Lind⸗ ström, wurde am Abend nach der Gerichtsver⸗ handlung im Hotel tot aufgefunden. Er war ganz plötzlich gestorben. Natürlich an Gehirn⸗ schlag. Man sieht, die Erlöser Germaniens aus der jüdischen Knechtschaft haben den Bank⸗ gaunern vom Stamme Israel nichts vorzu⸗ werfen.

Ein christlich⸗antisemitischer Wunsch.

Das antisemitische BlattSachsenschau in Magdeburg brachte kürzlich diese Notiz:

Ein achtenswerter Waren hausbrand suchte am Freitag früh das Warenhaus von Gebr. Barasch hierselbst heim. Selbstverständlich wurde der Brand bald gelöscht. Es ist zu bedauern, daß das Feuer nicht zu einer Zeit aufkam, in welcher das Waren⸗ haus von Landwirten und deren Frauen und Töchtern gefüllt war, welche bei ihrem Besuch der landwirtschaftlichen Ansstellung fast aus⸗ nahmslos dem Warenhaus einen Besuch ab⸗ statteten. Die guten Leute hätten daun einmal etwas erlebt, an das sie ihr ganzes Leben ge⸗ dacht haben würden. 0

Wahrhaft christliche Nächstenliebe, nicht wahr? Hier kommt die rohe antisemitische Gesinnung, wie sie auch sonst bei verschiedenen Gelegen⸗ heiten, in Konitz, in den Pückleriaden usw.

äußerte, so recht zum Vorschein.

Der Zweck heiligt die Mittel.

Um diesen Grundsatz der Jesuiten drehte sich ein in Trier verhandelter Prozeß, den dieser Tage der frühere Jesuit Graf Hoensbroich und der Zentrumsabgeordnete Kaplan Dasbach gegen einander führten. Der letztere hatte einen Preis von 2000 Gulden angeboten, wenn der Beweis erbracht würde, daß der erwähnte Grundsatz sich in irgend einer jesuitischen Schrift finde. Hoensbroich glaubt den Beweis erbracht zu haben, erhielt aber die 2000 Gulden trotz dem nicht. Deshalb verklagte er Dasbach. Das Gericht wies die Klage ab, weil hier nicht eine Auslobung, sondern eine uneinklagbare Wette vorliege. Auf die Frage, ob der vom Kläger entnommene Beweis geglückt sei, ging das Ge⸗ richt nicht ein. Nun ist's also wie vorher. Unsere Bewertung der Jesusten hätte keine Aenderung erfahren, wie der Prozeß immer ausgehen mochte.

Deuunzianten⸗ Seuche.

Wegen Majestätsbeleidigung ist in Essen ein Bäckermeister, der von einem entlassenen Gesellen denunziert wurde, zu bier Monaten Gefängnis verurteilt worden. Der Angeklagte bezeichnete sich alsguter Pa⸗ triot- und bestritt seine Schuld, jedoch das Gericht hielt den Denunziauten für glaub⸗ würdig. Ebenfalls wegen Majestätsbeleidig⸗ ung wurde von demselben Gericht ein Bergmann zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Das Gericht nahm an, daß der Angeklagte die be⸗ leidigenden Worte nur un v orsichtiger⸗ weise ausgestoßen und ihm eine böswillige Absicht ferngelegen hat. In diesem Falle war ein Briefträger der schmutzige Angeber. Hütet Eure Zungen, es laufen überall solche Lumpen herum! g

Bei den belgischen Wahlen

zeigen die Stimmenzahlen, wie unsere Partei bei dem dort herrschen Pluralwahl⸗System in