Ausgabe 
12.6.1904
 
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Nr. 24.

Gießen, den 12. Juni 1904.

11. Jahra.

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Mitteldeutsche

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Ueber Revolution.

Die Sozialdemokratie ist die Partei der blutigen Revolution! Von allen gegen unsere Partei gerichteten Angriffen ist dies einer der am häufigsten wiederholten. Reichskanzler und Staatsminister, die Junker im Herrenhause, die nationalliberalen Aktionäre in der Scharf⸗ macherversammlung erheben ihn, wie die Pfaffen auf der Kanzel und der Zünftler in der In⸗ nung und jeder blöde Kriegervereinler plappert ihm nach. Dabei wird die Vorstellung aufrecht⸗ erhalten, als beabsichtige die Sozialdemokratie den gewaltsamen Umsturz, als wolle sie mit Flinte und Dolch, Galgen und Köpfma⸗ schine eine Aenderung der bestehenden Verhält⸗ nisse herbeiführen. Daß wir eine revolutionäre Partei sind, haben wir noch nie bestritten, es ist aber auch schon unzähligemal dargelegt worden, was wir unter Revolution verstehen. Diejenigen, welche vor dem Worte erschrecken, wie auch die frommen und geistlichen Herren, die uns mit derartigen Angriffen bekämpfen, mögen sich zu Gemüte führen, was der Züricher Pastor Kutter, aus dessen BuchSie müssen wir in letzter Nummer einige Auszüge brachten, über Revolutionen und deren Berechtigung, ja Notwendigkeit sagt.

In dem AbschnittDie Sozialdemokratie ist eine revolutionäre Partei untersucht Kutter die Einwände, die gegen Revolutionen erhoben werden, und fragt, ob es wahr wäre, daß die Entwicklung die einzige wahre Form für den Fortschritt sei. Der orthodoxe Pfarrer vertritt hier Austchten, die sich auch mancher unter uns hinter die Ohren schreiben darf. Er sagt unter anderm: Dem gegenüber sei es merkwürdig, wie gerade die revolutionären Gewalten innerhalb der Weltgeschichte, gerade die Mächte, die mit ihrer jedesmaligen Gegenwart im stärksten Widerstreit sich befanden, dem Fortschritt Bahn gebrochen hätten.Die Entwicklung von der man mehr schön und sentimental als klar zu reden weiß immer ist sie nur die Auswirkung eines revolutto⸗ nären Ereignisses und auf der an⸗ deren Seite die Vorbereitung einer neuen Revolution. Sie bewegt sich stets nur zwischen den Revolutionen, deren Fülle und Reichtum sie in das friedliche Nacheinander geschichtlichen Verlaufes zerlegt. Eine Entwick⸗ lung im modernen Sinne des Wortes, d. h. ein stetig ununterbrochene gibt es nicht. Die bloße Revolutton ist falsch auf dem geschichtlichen so gut wie auf dem naturwissenschaftlichen Gebiete. Eine Verblendung ist es, wenn der Sozial⸗ demokratie Gewaltsamkeit und revolutionäre Gesinnung vorgeworfen wird. Man sieht nicht, daß fie revolutionär sein muß, eben deshalb, weil sie selbst sein muß. Was sein und gelten muß, das ist immer revolutionär für seine Um⸗ gebung mag es sich nun mit Worten oder Kanonen bemerklich machen. Wo immer man das neue Testament aufschlage, fährt er fort, finde man die Revolution. Habe Christus nicht selbst Kampf und Streit vorausgesagt, indem er sprach:Ich bin nicht gekommen, Frieden

u bringen, sondern Krieg!Wo im ganzen Neuen estamente fänden wir eine Bestätigung für unsre sentimentale Christlichkeit, die alles Neue im sanfsen Hauche seliger Herzensrühr⸗

ungen herbeiführen möchte. Revolutionär sei der lebendige Gott; der rück⸗ sichtsloseste Umstürzler sei er.Da bläst der Sturmwind des lebendigen Gottes in die dürren Blätter: die Sozialdemokratie.

Die Kirche, die Vertreter der Besitzenden riefen die Revolution herbei, denn sie erschöpften durch ihre Schandtatendie Geduld des Höchsten.

Schandtaten! Meine Feder erlahmt, wenn ich davon reden soll. Wohin das Auge schaut, Vergewaltigung der Kleinen durch die Großen. Ein ununterbrochenes, aufs tiefste empörendes Aus beutungssystem. Druck und Fesseln überall. Die Erde hat der Güter genug für jedermann, Wälder genug für schwache Lungen, Wasserströme genug für müde Glieder, Sonne, Luft, Wärme genug für die Millionen alle, die leben möchten. Aber um⸗ sonst ist das Rauschen der Wälder, der Ströme, umsonst gießt die Sonne ihre Strahlen über die grünen Auen. Sie sehen es nicht, sie dürfen es nicht sehen. Sie sind angeschmiedet an die unerbittliche Macht der Maschine, an die uner⸗ bittlichere des Bodenbesitzers. Da gibt es kein Entrinnen, keine Aussicht auf Aenderung, Er⸗ leichterung. Wo einmal der Mammon ein Menschenherz umkrallt hat, da ist die Hölle auf Erden. Da wird nichts bewilligt, was nicht bewilligt werden muß.

In dieser glühenden Schilderung der be⸗ stehenden Zustände fährt Kutter weiter fort, um dann die Gesellschaft also anzuklagen:

Die Gesellschaft hat kein Recht, über Re⸗ volution zu klagen. Dieser Vorwurf ist in ihrem Munde wir wiederholen es eine unerträgliche Heuchelei. Sie mißhandelt die niederen Klassen und spricht von Revolution, wenn diese ihr Joch abzuschütteln suchen aus welchem Grunde, mit welchem Verstande? Ist es der Wille Gottes, daß die Geringen dienen und sich im Staube krümmen, dann kann gerade so gut das Gegenteil davon einmal sein Wille sein. Es gibt keinen schändlicheren Mißbrauch des Willen Gottes, als dieses Gerede. Ja, wenn es gilt, Reichtum, Privilegien, An⸗ sehen, Stellung, Vorzüge aller Art zu schützen, dann spricht man von Gott, der das alles sogefügt und festgesetzt habe. Aber gilt es das Recht der Gedrückten, dann spricht man von der Hölle, vonsatanischen Gelüst en, die sie erfüllen. Man glaubt an Gott, um den Mammon zu schützen und an den Satan, um die Niedrigen einzuschüchtern. Das Unrecht der Großen ist das Recht, und das Recht der Kleinen ist das Un⸗ recht. Die Armen dürfen sich nicht rühren. Sie werden aufden Himmel vertröstet. Erheben sie ihre Häupter, schütteln ste an ihren Ketten, dann fährt die Gesellschaft Kanonen gegen sie auf, betet die Kirche zu Gott gegen den Geist des Aufruhrs und der Hölle. Mit welchem Rechte? O, sagt es uns, wenn ihr könnt!

Warum darf der Arme nicht leben, warum darf er nicht ein sorgenloses Dasein führen, wie ihr, warum muß er sich in Gram und Elend verzehren, etwa weil ihr sonst nicht so viele Dividenden zu verteilen, nicht so schöne Häuser und Lustgärten zu bauen vermöchtet; weil sein Schrei nach Leben unangenehm euch an die Ohren schlägt? Ist das ein Grund, ihn nieder⸗

Der gewaltsamste zuschlagen, daß seine Existenz euch stört? Hat

den Armen nicht derselbe Gott geschaffen zu dem ihr alle Sonntage betet, daß er euch euern Mammon erhalte? Wenn das Leiden Gottes Wille ist, wenn ihr für die Schmerzen keinen andern Trost habt, als daß sie gut und heilsam seien wohlan, warum empört ihr euch gegen di e, die euch drohen, warum redet ihr von Revolution und Gewaltat, wenn eure Throne wanken? Wenn ihr die Armen drückt, warum ist es dann ein Unrecht, wenn sie sich eurer zu entledigen nein, bloß zu erwehren suchen?

Und alle die Fragen beantwortet der mutige Pfarrer und wahre Christ ganz in unserm Sinne. Er sagt, die Mammonsdiener redeten von Revolution, weil sie für ihr Geld fürch⸗ teten. Die Sozialdemokratie habe aber durch die Tat bewiesen und beweise es aufs neue mit steigender Klarheit jeden Tag, daß sie die größte Friedenspartei sei. Es gebe heute keine bessere Garantte des inneren Friedens als die Sozialdemokratie.

Das Arbeiter⸗Dasein

wird von Leuten, die ein Juteresse daran ha⸗ ben, die Arbettersklaven in Zufriedenheit zu erhalten, als ein rechtglückliches geschildert gegenüber den quälenden Sorgen, mit denen sich die armen Kapitalisten herumzuschlagen

haben. Ein preußischer Regierungsrat,

Herr Kolb in Wiesbaden, wollte gern die Freuden und Annehmlichkeiten des Arbeiter⸗ lebens kennen lernen und stieg deshalb in das Proletarierheer hinab. Vielleicht wollte er dann alsschlichter Mann aus der Werkstelle in die Reihen der Ordnungskämpfer eintreten und umso kräftiger gegen die Sozialdemokratie zu Felde zu ziehen. Er wird also Arbeiter. Zwar nicht in Deutschland, dessen Arbeitsver⸗ hältnisse ihm vermutlich allzu ungünstig scheinen, dafür aber in den Vereinigten Staaten von Amerika, von denen er wohl gehört haben mochte, daß sich dot ein Arbeiter besser steht als ein preußischer Regierungsrat. Seine Er fahrungen als Arbeiter hat nun dieser schlicht⸗ Regierungsrat aus der Werkstatt niedergee schrieben und wird sie demnächst als Buch er⸗ scheinen lassen. Das Buch ist uns noch nicht bekannt schreibt derVorwärts aber aus der Vorrede veröffentlicht der Verlag eine merkwürdige Stelle, die folgendermaßen lautet:

Um die Existenzbedingungen des amerikani⸗ schen Proletariats, welches auch in seinen deutschen Bestandteilen vom kommunistisch en Evangelium nichts wissen will, kennen zu lernen, gab es nur einen, übrigens ja nicht neuen Weg: ich mußte selber Arbeiter werden. Zeit hatte ich. Keinerlei gesellschaftliche Rücksichten banden mich. Und wieder aufhören konnte ich jeden Augenblick. So ent⸗ schloß ich mich zu einem Versuch. In Chicago.

So glatt freilich, wie ich mir eingebildet, ging die Sache nicht. Sechs volle Wochen dauerte es, bis ich überhaupt Arbeit fand, wiewohl ich zu jeder ehrlichen Hantierung bereit war und kein Mittel unversucht ließ. Endlich glückte mir's in einer Brauerei. Aber die Freude war kurz. Schon nach Mo⸗ natsfrist jagte man mich wieder davon. Um keine Zeit mehr zu verlieren, nahm ich Empfehlungen zu Hilfe, welche mir die Tore einer Fahrradfabrik er⸗ schlossen. Dort habe ich drei Monate hindurch im Montiersaal am Schraubstock gestanden. Einen letzten