Ausgabe 
12.6.1904
 
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Seite 6.

Mitteldentsche Sountaas⸗Zeitung.

Nr. 24.

Gute Patrioten schlechte Steuer zahler.

Der frühere Kaufmann und jetzige Privatier V. in Düsseldorf hatte seit einer Reihe von Jahren sein Einkommen auf etwa 3000 Mark angegeben, während er 1216 000 Mk. jähr⸗ lich eingenommen haben soll. Das Gericht hielt nur für erwiesen, daß der Angeklagte in den Jahren 1899, 1900 und 1901 insgesamt 407,50 Mk. zu wenig an Steuern gezahlt habe. V. wurde daher in eine Geldstrafe von 2445 Mark, den sechsfachen Betrag der hinterzogenen Steuer, verurteilt.

Eine große altmärkische Bauern hochzeit

wurde kürzlich, wie wir imVorwärts lesen in Groß⸗Bierstedt gefeiert, wo der Landwirt Busse mit der Besitzerstochter Amanda Winne aus Wistedt den Bund fürs Leben schloß. Da ungefähr 400 Gäste teilnahmen, waren zwei Zelte errichtet worden. Es wurden geschlachtet: Zweigqinder, sechs starke Kälber, zwei Schweine sowie viele Hühner; ferner waren besorgt wor⸗ den Zentner Steinbutt, 1 Zentner Spargel; gebacken wurden 170 Butterkuchen, 60 Topf⸗ kuchen, 30 Stollen, 20 Blech Zuckerkringel, 1000 Pfannkuchen und 10 mächtige Baum⸗ kuchen. Damit kein Gast zu dursten brauchte, waren auch gewaltige Mengen Getränke, Wein, Bier, Kaffee usw. zur Stelle.

Die Not der Landwirtschaft wird man bei diesem respektablen Festschmaus hoffentlich nicht zum Unterhaltungsthema gewählt haben.

Unterhaltungs-Cril.

Feühlingsglaube. Die linden Lüfte sind erwacht, Sie säuseln und wehen Tag und Nacht, Sie schaffen an allen Enden. O frischer Duft, o neuer Klang! Nun, armes Herze, sei nicht bang! Nun muß sich alles, alles wenden. Die Welt wird schöner mit jedem Tag, Man weiß nicht, was noch werden mag, Das Blühen will nicht enden. Es blüht das fernste, tiefste Tal: Nun, armes Herz, vergiß der Qual! Nun muß sich alles, alles wenden.

Ludwig Uhland.

Auf der Wanderschaft. Erzählung von Robert Schweichel, 2(Fortsetzung)

Hans vermochte kaum die Augen von ihr zu wenden, wie sie so frei und leicht daherge⸗ schritten kam.Gehen Sie nur voraus, sagte er zu den jungen Damen, während er den Riemen setner Reisetasche durch den Henkel der Handtasche zog.Ich hab' noch mein Bier zu bezahlen. Als er ihnen einige Augenblicke später folgte, fand er sie vor einer Bude am Wege stehend, in der alle möglichen, den Reisen⸗ den nötige, nützliche und angenehme Dinge feil gehalten wurden. Fräulein Irma, wie sie von der Freundin genannt worden, vervollständigte ihre Reiseausrüstung durch einen zierlichen Bergstock, der oben mit einem Gemshorn ge schmückt war.

Es ist eigentlich eine Torheit, daß ich gerade diesen Stock gewählt habe, sagte sie im Weiterschreiten;denn Gemsen gibt es doch wohl keine mehr im Harze, nicht? Sie schaute fragend nach Hans zurück.

Wenn es hier je welche gegeben hat, so sind sie längst, wie Bären und Wölfe, aus⸗ gerottet, gab er zur Antwort.Aber der Stock ist hübsch, und ich denke, daß die Damen das Hübsche dem Wahren vorziehen.

Fräulein Irma warf der Freundin einen etwas verwunderten Blick zu, und diese erwiderte pedantisch kühl:Das ist denn doch keine allge⸗ mein zutreffende Behauptung, lieber Mann, und ich für meine Person protestiere dagegen.

Der Pseudoführer lachte still vor sich hin und dann begann er auf sich selbst ärgerlich u werden, daß er sich auf das Abenteuer ein⸗ gelassen hatte. War es doch nicht länger als

zwei Tage her, daß er, von Ballenstedt das 1 1

iebe Selketal aufwärts wandernd, nach Alexis⸗

bad und von dort so ziemlich ganz denselben Weg gekommen war, den er nun die beiden jungen Damen führen sollte. Und hatte er, obgleich er ein Mann war, nicht selbst das Hübsche dem Wahren vorgezogen? Denn Fräu⸗ lein Irma war jedenfalls eine hübsche Erschein⸗ ung, und er freute sich ihrer biegsamen Gestalt, die auf kleinen Füßen in derben Bergschuhen leicht und dennoch so fest vor ihm herschritt.

Sie waren mitlerweile auf der Brücke am Waldkater auf das linke Ufer der Bode ge⸗ langt. Hans hatte seine gute Laune wiederge⸗ funden und er nannte den Mädchen mit man⸗ cher humoristischen Bemerkung die schroffen im Sonnenschein sich badenden Felswände und Klippen, welche die strudelnd schäumende Bode zu beiden Seiten bedrängten. Er machte ste auf die hoch hinaufreichenden runden Kanten aufmerksam, welche der wilde Wasserlauf einst in die Felsen geschliffen hatte und zeigte ihnen die Treppe, die bei dem Waldkater in 1120 steinernen Stufen sehr beschwerlich zu dem Hexenplatz hinaufführte. Sie kamen an der Schnurre vorüber, den Trümmern des einst herabgestürzten Gipfels der Roßtrappe, über welche jetzt ein bequemer und schattiger Weg im Zickzack hinaufleitet, und standen dann auf der Teufelsbrücke vor dem Bodekessel. Schäu⸗ mend stürzte das Wasser aus den engen Wegen hervor in den Kessel, dessen Oberfläche schein⸗ bar ganz unbewegt in unheimlichem Schwarz zwischen den hohen Bergen dalag.

Da hinein hat der Sturm die Krone vom Haupt Brunhilde's geweht, als sie auf der Flucht vor dem wilden Grafen Bodo von ihrem Renner glücklich über das Tal auf die Roßtrappe getragen wurde. Der Schimmel des Grafen aber sprang zu kurz, und Roß und Reiter stürzten zerschmetternd in den Abgrund. Der plumpe Fels dort zur Rechten ist der ver⸗ steinerte Hund, der die Krone bewacht. Nur ein Sonntagskind kann sie heben. So be⸗ richtete Hans, absichtlich in eintöniger Sprach- weise, wie sie den erzählenden Führern eigen zu sein pflegt.

Fräulein Irma hatte aufmerksam zugehört, indem sie in das schwarze Wasser schaute. Ihre Freundin aber fragte mit spöttisch gekrausten Lippen:Und das glaubt das Volk noch heute? Und das glauben auch Sie?

Diese und ähnliche Sagen leben noch heute im Harz, erwiderte Hans mit Ernst.Es sind Niederschläge und Nachklänge aus der Zeit, als noch Wodan mit seinem göttlichen Hofstaat in dem sonnigblauen Himmel über uns thronte und im wilden Sturm über die Berge jagte. Was wollen Sie? Wie die Men⸗ schengeschlechter, so lösen die Götter einander ab und hinterlassen den Nachkommen ihr Erbe. Aber sehen sie hier den Weg im kühlen Buchenschatten; er führt uns gemächlich auf den Hexentanzplatz.

Die jüngere Dame, die sich sinnend auf das Geländer gestütz: hatte, richtete sich langsam auf und folgte den beiden Andern, die schweigend vorausgingen.

Sie lesen wohl sehr viel? begann nach spräch Weile Fräulein Julie wieder das Ge⸗ präch. 5

Ich möchte wohl, aber mein Gewerbe läßt mir wenig Zeit dazu, entgegnete Hans.

Aber dann haben Sie eine gute Schule besucht.

Nur die Volksschule, wie alle meines Glei⸗ chen. Und auch die nur bis zu meiner Einseg⸗ nung im dreizehnten Jahr. Dann mußte ich in die Welt hinaus, um für meinen Lebens⸗

unterhalt selbst zu sorgen. Ich wurde Möbel⸗

tischler.

Es ist seltsam, Fräulein Julie wiegte den Kopf;denn Sie sprechen durchaus wie ein gebildeter Mann.

Ich möchte es sein, denn Bildung macht fret, betonte Hans Gruber unwillkürlich stark. Aber freilich, geistige Bildung allein macht nur halb frei.

Was verstehen Sie denn unter halber Freiheit? 2

Bevor er jedoch antworten konnte, rief Fräulein Irma heiter:Dann sind Sie wohl ein Sonntagskind? Und als ein solches werden Sie eines Tages oder Nachts auch die Krone Brunhilde's heben.

Ach nein, gnädiges Fräulein, seufzte er. Ich bin ein Werktagskind. Aber gedulden Sie sich nur, das Sonntagskind wird schon kommen, das sie hebt wie auch den Nibelungenhort, der im Rhein liegt: das poetische Genie.

Den Tag möchte ich noch erleben, rief Fräulein Julie.Denn unsere Literatur ach, Torheit, wir atmen ja in diesem herrlichen Buchenwald die köstlichste Poeste. Sie blieb stehen, ließ den Kneifer fallen, und ein wärmeres Licht leuchtete im Umblick aus ihren grauen Augen. Ihre Freundin trat zu ihr, während Hans langsam vorausging, und er hörte sie mit halber Stimme singen:

Auf die Berge will ich steigen, Wo die dunkeln Tannen ragen, Bäche rauschen, Vögel singen, Und die stolzen Wolken jagen. Lebet wohl, ihr glatten Säle, Glatte Herren, glatte Frauen! Auf die Berge will ich steigen, Lachend auf ieee

Die beiden Mädchen standen auf dem um⸗ gitterten Vorsprung des Hexentanzplatzes und schauten in das Bodetal tief unter ihnen, das gleich dem aufgesperrten Rachen eines Unge⸗ heuers erschien; die Klippen, Schroffen und Felsnadeln waren die Zähne darin.Groß artig! rief Fräulein Irma nach einer Weile tief aufatmend, und ihre braunen Augen glänz⸗ ten.Mir ist es grausig, laß uns fortgehen, flüsterte ihre Freundin, die ganz blaß gewor⸗ den war.

Ach ja, Deine Nerven, Du Arme, äußerte die Andere mitleidig und fügte tröstend hinzu, während sie zurückgingen:Aber sie werden wieder stark werden in der Bergluft und den Eisenbädern von Alexisbad.

Ja, bis dann die Schule wieder beginnt, antwortete Fräulein Julie mit einem Anflugt von Bitterkeit.

Sie waren beide Lehrerinnen an derselben Mädchenschule. Julie Mohr unterrichtete in verschiedenen wissenschaftlichen Fächern, Irma Schäfer im Zeichnen und Turnen.

Unter den Birken und Cbereschen vor dem Gasthause saßen viele Sommerfrischler und Touristen bei Kaffee und Bier. Die Freundinnen sahen sich nach ihrem Führer um; sie wollten aufbrechen. Hans, der sie nicht aus den Augen verloren hatte, näherte sich ihnen schon.

Es ist ein Charakterkopf, flüsterte Irma Schäfer.Sieh nur, wie ruhig und klar er aus den Augen schaut. Ich möchte ihn zeichnen.

Die Freundin fand keine Zeit zur Antwort.

Wollen die Damen nicht erst ein wenig ausruhen? fragte Gruber.Sie sind des weiten Wanderns wohl noch nicht gewöhnt.

(Fortsetzung folgt.)

Allerlei

Der Arbeitsverdienst der Hausfrau. Gedanken eines Knaben über die Arbeit seiner Mutter. Die Mutter weckt früh morgens, macht Feuer, giebt mir mein Frühstück und schickt mich in die Schule. So erzählte mir ein halberwachsener Knabe über den Anfang der täglichen Arbeiten seiner Mutter.Dann geht sie und weckt den Vater, macht sein Frühstück in Ordnung und da heißt's Obacht geben, sage ich Ihnen, sonst kommt Vater in schlechte Laune, sieht nach, daß seine Kleider rein sind und läßt ihn daun gehen. Hierauf macht sie, daß die übrigen Kinder Frühstück bekoemmn und schickt auch die zur Schule. Zuletzt früh⸗ stückt auch sie selbst mit der Kleinsten. 1 Wie alt ist die Kleinste? frug ich.Ach, sie ist schon groß; sie ist bald zwei Jahre und kann schon sprechen und gehen.Und was kannst denn Du, Großer?Ich? O, ich kann mir schon selbst Geld verdienen.So! Wie viel verdtenst Du denn im Tage?Ich ver⸗ diene 5 Mk. in der Woche, und der Vater ver⸗ dient 3 Mk. täglich. a

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