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Seite 6.
Mitteldenische Sonutags⸗Zeitung.
Nr. 50.
Politische Rundschau.
Faule Zustände bei den Antisemiten.
Ueber die finanziellen und Organisations⸗ Verhältnisse in der sächsischen„Reformpartei“ führt ihr Häuptling, der große Oswald Zi m⸗ mermann in einem vertraulichen„Mahnwort“ an seine Getreuen lebhafte Klage. Unser Leipziger Parteiorgan schreibt darüber: Es ist auch wirk⸗ lich erbärmlich bestellt um die sächstsche Reform⸗ partei. Organisation„is nich“, und Geld gleich gar nicht. Wie soll aber Herr Oswald Zim⸗ mermann den Sozialdemokraten in Sachsen die „letzten“ 21 Wahlkreise abnehmen, wenn hinter den reformerischen Offizieren keine Soldaten stehen, die das nötige Kleingeld zur Nieder⸗ werfung der Sozialdemokratie aufbringen können? So kann und darf es nicht weiter gehen, ruft Herr Oswald seinen„Getreuen“, die sich als so unsichere Kantonisten erweisen, zu.„Die deutsche Reformpartei hat ihre geachtete Stellung im Königreich Sachsen vor allem der rührigen
Werbearbeit, ihrer zielbewußten Tätigkeit gegen
die Sozialdemokratie zu verdanken. Die beiden einzigen national vertretenen Reichstagswahl⸗ kreise im Königreich Sachsen gehören der Re⸗ formpartei an. Das sollte(ja solltel) ein Ansporn für alle sein, um unserer Partet die vorderste Reihe im Kampfe zu sichern. Nach dem beispiellosen Wahlerfolg von Marienberg schten es(nämlich dem großen Oswald), als weun die Geister erwachten, als wenn es auf der ganzen Linie vorwärts gehen sollte. Die Leitung des Landesvereins hat sich redliche Mühe gegeben, neue Wege zum Ausbau der Bewegung zu weisen, sie vermag, trotz einzelner erfreulicher Fortschritte, aber bisher nicht von einem allgemeinen Erfolge ihrer Bemühungen zu sprechen.“ Die Erfolge sind ausgeblieben, trotz der eifrigen Werbearbeit des bedauerns⸗ werten Zin'mermann. Da wird von dem Generalkommando eine aufklärende Schrift über die neuere(h Stellung der Reformpartei zur Sozialgesetzgebung gewünscht. Oswald setzt sich hin und schreibt über die„neuere“ Stellung der Partei zur Sozialreform— so was kann man doch nicht aus den Aermeln schütteln. Als das Werk fertig, wurde es natürlich fleißig gekauft und studiert? J wo, vom Kaufen war doch nicht die Rede. Nun liegt der Segen da und Oswald soll sich nicht ärgern? Dann wird ein Flugblatt gewünscht über„die Aufgaben deutscher Mittelstandspolitik'“. Macht Zimmer⸗ mann! Aber denkt ihr, es wird gekauft? Kuchen!
Das Flugblatt enthielt zwar die Leitsätze der
reformerischen Mittelstandsretterei, es fand viel Lob, aber verbreitet wurde es nicht. Noch schlimmer als mit der Organisation stebt es mit dem Kassenwesen. Hier machen sich die„Mißstände“ am ärgsten geltend. Wir fühlen es dem Zimmermann nach! Wie soll er ohne Moneten den Kampf gegen die Sozial⸗ demokratie führen? Nicht einmal die Mitglieds- beiträge werden an den Landesverein abgeführt. Unter solchen Verhältnissen müssen selbst„be⸗ währte Mitarbeiter amtsmüde und mißmutig werden“. Das ist gar nicht zu verwundern. Glücklicherweise hat aber Oswald den Mut noch nicht verloren.„Hoffentlich“, ermahnt Herr Zimmermann seine Parteigenossen,„wird dieses Mahnwort gelesen und beachtet“— denn „ich bin der Ueberzeugung, daß Zeit und Volksstimmung„unserer“ Sache günstig
sind.“ Eine starke Ueberzeugung gehört dazu allerdings! Besser wie in Sachsen wirds übri⸗
gens nirgends in der antisemitischen„Partei“ aussehen. Ueberall großmäuliger Radau, es steckt aber nichts dahinter.
Unsittlicher Moralprediger.
Vorige Woche wurde in Heigenbrücken bei Aschaffenburg der Kaplan Deppisch wegen Vornahme unsittlicher Handlungen mit schulpflichtigen Kinder verhaftet. Es soll sich um über zwanzig Fälle handeln. Deppisch war auf der Kanzel ein großer Moralprediger, der auch gelegentlich eifrigst vor dem verderblichen Einfluß der sozialdemokratischen und liberalen Presse warnte. Die alte Geschichte von dem
Wolfe im Schafspelze trifft eben heute noch immer zu!
Ein feiner Pastor.
Vor einiger Zeit wurde an der Koblenzer Straftammer gegen drei Einwohner aus Bacharach a. Rh. wegen verleumderischer Beleidigung des evangelischen Pfarrers Zimmer mann verhandelt. Nach mehrtägiger Verhandlung sprach die Strafkammer die An⸗ geklagten frei. Es handelte sich um die Be⸗ hauptung eines unsittlichen Angriffs gegen eine Frau H. In den Urteilsgründen war aus⸗ geführt, daß die eidliche Bekundung des Pfarrers Zimmermann nur„bewußt wahrheitswidrig“ abgegeben sein könne. Weiter war gesagt: „daß Zimmermann, als sein Schwiegervater seine Rechtfertigung vor Gericht verlangte, eine bewußt falsche Aussage gemacht habe, in der Erwartung, seiner bestimmten eidlichen Versicherung werde mehr Gewicht und Glauben beigemessen werden, als der uneidlichen An⸗ gabe der Frau H.“ Die gerichtliche Vorunter⸗ suchung gegen Zimmermann wegen Meineides ist jetzt eröffnet worden.
Idyllen aus einem Gebirgsdorfe.
Frei nach dem Leben von Ludwig Schierk.
4.(Fortsetzung.)
Die guten Hüttenleute gingen ihr scheu aus dem Wege; denn der arme alte Kasten war der Gefährte des Unglücks.
In jenen barbarischen Zeiten wußten die Apostel der Humanität noch nichts von einer Versicherung gegen Unfälle. Aber der Graf, dem die Hirsche im Walde gehörten, kam ihren Ideen zuvor.
Es war ein schöner Maitag, als er einst das Eisenwerk mit seinem Besuche beehrte. Elastischen Schrittes ging er zwischen den dröhnenden, sausenden Maschinen umher und sah den Gestalten nach, die ihm im Vereine mit jenen Maschinen den Champagner auf den Tisch zauberten. Im Uebermaße des Behagens beugte er sich vor; da faßte eines der Räder den gräflichen Rock. Aber im gleichen Augen⸗ blick griff eine schwielige rußige Hand nach dem Rade.
Eine Stunde später fuhr der tötlich erschreckte Graf in seinem Korbwagen nach dem viertür— migen Schlosse mit dem klugen Vorsatze, nie wieder die gefährlichen Räume des Werkes zu betreten. Zur selben Zeit lag ein blutender, alter Hüttenmann ächzend auffärmlichem Stroh; man schnitt ihm den zerschmetterten Arm ab.
Ein richtiger Hüttenmann braucht aber zwei Arme. Der Graf, dem die Hirsche im Walde gehörten, tat einen tiefen Griff in seine Kasse. Er kaufte die Drehorgel und lieh sie dem armen, alten Hüttenmann. Der nahm sie auf den Rücken und wanderte nach dem Städtchen, wo der Landesfürst das Gericht unterhält. Der Weg war weit, aber der Alte gewöhnte sich daran. Beim ersten Hause hielt er an und spielte den Marsch. Der Leinenfabrikant, der den Lohnwebern das Brot gab, trommelte ver⸗ mug auf den Tisch; dann warf er eine
upfermünze aus dem Fenster. Störte ihn aber bie gute Drehorgel in seinem weinschweren Mittagsschlummer, dann ersetzen ein paar kräftige Schimpfworte die Kupfermünze.
Aber der alte, einarmige Hüttenmann ge⸗ wöhnte sich auch daran.
Er stellte sich vor das zweite Haus und spielte das Tanzmotiv. Da machte er zwei Glückliche. Ein Ehepaar hatte sich hier vor fünf Tagen ein warmes Nest gebaut. Das Zimmer zeigte hübsche Bilder, denen man die Ratenzahlung nicht ansah; auf dem Fußboden lagen weiche, anständige Teppiche. Alles nahm einen Anlauf zu bequemer Häuslichkeit. Die
junge Frau machte große mitleidige Augen über den Einarm. Straße, und die Spenderin erhielt von dem liebenden Gemahle einen dankbaren Kuß. Aber die Zeit vergeht und die Silberstücke nehmen ab. Als unser Einarm nach Monden an der⸗ selben Stelle steht, da lehnt ein blasses Weib tränenfeuchten Auges am Fenster. Er hebt erwartungsvoll den Kopf; da steht er in tief enttäuschte, gramdurchfurchte Züge, und er trottet, noch mit der Hälfte des Tanzmotives in seinem Kasten, davon. g
Einmal steht er unter einem kleinen, ver⸗ gitterten Fenster. Er spielt das Lied an den Landesvater, der im Städtchen das Gericht unterhält. In seiner Befangenheit prüft er den Ort nicht. Er befindet sich vor dem Arrest, der die bösen und schädlichen Personen zur Bestrafung aufnimmt. Eine braune Hand er⸗ scheint am Gitter und läßt eine dürre Brot⸗ rinde auf seinen Kasten fallen. Da macht er sich eilig davon; er ist noch nicht der Elendeste unter der Sonne.
Allmählich wurde unser guter, alter Einarm mit seiner Drehorgel sehr vertraut. Ihre Weisen verschmolzen ihm nach und nach zu jener dröh⸗ nenden, furchtbaren Melodie, die er sein Leben lang gehört hatte. Mochte der Marsch locken, das Tanzmotiv schmeicheln, das Lied an den Landesvater erschüttern; er vernahm zuletzt immer nur den einen ewigen Sang:„Das Geld regiert die Welt.“
Als man ihm auf dem Kirchhofe ein Holz⸗ kreuz mit einer gedankenreichen Inschrift setzte, fiel die alte Drehorgel an den gräflichen Eigen⸗ tümer zurück. Man hüllte die arme Musikantin in den Gummiüberzug und stellte sie in den stillen Winkel... für alle Fälle.
Die jüngeren Hüttenleute sangen bisweilen auch andere Melodien; denn der traurigste Vogel zwitschert ab und zu ein fröhlich Stücklein.
Aber man mußte die dunstige Schenke auf⸗ suchen, die der alte Jude im„Erbgerichte“ hielt, wollte man diese Musik hören.
Gehen wir, lieber Leser!
W.
Man überschreitet den Dorfbach, in dem sich der wahnsinnige Müller ertränkte. Die Brücke ist nur schmal, und Du mußt wohl Acht haben, denn der Abend ist sehr dunkel.
Ein spindeldürrer Schneider, der das Mode⸗ bedürfnis der armen Dorfleute befriedigt, trat es einst durch das morsche Holz. Es heißt darum das Schneiderloch. Der Arme hinkt seitdem; wir treten vorsichtig darüber hin.
Nun kommt der holperige Dorfweg, den der Müller mit den Federbüschen hinabschritt, die ihn ins Gefängnis führten. g
Endlich stehst Du die Ruine; der schmale Lichtschein, der aus einer Fensterspalte dringt, zeigt uns das Nest der Eule. Auf schlüpfrigem Boden tappt man sich hin; an der niedrigen Türe stieß sich mancher Hartkopf das Stirabein noch härter.
Wir treten ein.
Es ist ein niedriges Gemach, das sich über braunem Lehmboden wölbt. Ueber einem langen Tische, der die Mitte einnimmt, qualmt eine Lampe. Noch sind die„Stammgäste“ nicht da. Eine Gestalt von abstoßender Häßlichkeit macht sich in einer Ecke zwischen Flaschen und Gläsern zu tun.
Das ist der Jude. Er wird Isaak oder Lazarus oder Markus heißen, wie alle alten Juden; aber kein Mensch im Dorfe weiß es. Jeder denkt nur an das Getränk, das er feil⸗ bietet, keiner an ihn. Um den Kopf hat er ein grobes Wolltuch gewunden, aus dem das harte Gesicht mit der Riesenbrille eulenhaft hervorguckt. Es ist zugig in seiner Behausung, und Jehovah hat sein Volk gegen die Dämonen der Gicht nicht zu schützen vermocht.
Auf dem Tische in der Mitte sitzt eine hübsche Dirne.
Sie führt dem Alten das Hauswesen und
Platte des Tisches in einer Stellung, die man im Salon des Leinenfabrikanten, der den Lohn⸗
Ein Sülberstück flog auf die
In der Mitte hat die Brücke ein Loch.
bedient die Gäste. Zur Zeit sitzt sie auf der
webern das Brot gibt, sehr anstößig finden 4


