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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 50.
eingeweicht und zu Panierbrot verbacken. Die Teigmaschine, in welcher der Teig für Panier⸗ brot hergestellt wurde, ist seit einem Jahr ein⸗ mal ausgewaschen worden. Die eingeweichten Nudeln stehen oft so lange in der Teigmaschine, daß sie stellenweise dicke Schimmelpilze zeigen. Der Staatsanwaltschaft Darmstadt ist Anzeige erstattet worden und veranlaßt dieselbe jedenfalls einmal eine eingehende Untersuchung in der„Hoffabrik“.
Gießener Angelegenheiten.
—„Liberale“ Kundgebung zur hessi⸗ chen Wahlreform. Am Montag Abend and in Steins Garten eine von den Liberalen (dem freisinnigen und nationalliberalen Verein) einberufene Versammlung statt, in welcher Abg. Dr. Gutfleisch einen Vortrag über die Wahl⸗ rechtsvorlage hielt. Der Besuch war sehr mäßig, namentlich fehlten die Arbeiter, von unserer Partei waren etwa 20— 25 Mann erschienen. Wenn in der„Frkftr. Ztg.“ und„Kl. Presse“ gesagt wurde, daß die Versammlung von So⸗ zialdemokraten stark besucht gewesen wäre, so ist dies durchaus unrichtig. Warum sich unsere Genossen schlecht beteiligten, davon weiter unten. Gutfleisch schilderte eingehend die Behandlung, welche die Wahlrechts⸗Vorlage bisher erfahren hat und durch die agrarischen und antisemitischen Quertreibereien sie zu Falle zu bringen. Be⸗ sonders wollte man von Seiten der ländlichen Abgeordneten den Städten nicht diejenige Zahl Vertreter zubilligen, die ihnen nach Einwohner⸗ zahl und Steuerleistung zukäme. Man habe nunmehr den Städten 12, dem Lande jedoch 43 Abgeordnete gegeben, das sei offenbares Unrecht. Besonders wandte sich der Redner gegen die Zusammenlegung Wiesecks und Heu⸗ chelheims mit Gießen. So, wie die Vorlage jetzt aussehe, dürfe sie nicht Gesetz werden. Der Vorsitzende schlägt folgende Resolution vor:
Die heute im Neuen Saalbau zu Gießen
versammelte Wählerschaft aller politischen
Parteien stimmt der Regierungsvorlage„be⸗
treffend das Wahlrecht zum Landtag“ freudig
zu, weil darin endlich das direkte Wahlrecht und eine Vermehrung der Abgeordneten der
Städte geboten wird.
Sie erhebt dagegen entschiedenen Protest
gegen die Beschlüsse der zweiten Kammer,
welche das Wahlrecht der Städte von neuem verkümmern und insbesondere dabet die Stadt
Gießen mit den Orten Wieseck und Heuchel⸗
heim für die Wahl verbinden und damit in
schwerster Weise in die politischen Rechte dieser Orte und noch mehr in die der Stadt
Gießen eingreifen will.
In der Diskussion sagte nur Gen. Vetters einige Worte. Er bemerkte, es set traurig, wie die Landtagsmehrheit die„Wahlreform“ betreibe. Jahrelang werde schon daran herum⸗ gedoktert, ohne etwas zu Stande zu bringen. Aber die Freisinnigen machten ja selbst noch Schwierigkeiten, indem sie das Sonderwahlrecht der kleinen Städte aufrecht erhalten wollten, weswegen sie sogar an die Erste Kammer pe⸗ titionierten. Nach einer kurzen Erwiderung Gutfleisch's, der bestritt, daß diese Petition von der Freisinnigen Partei ausgehe, sondern die Vertreter der 3 kleinen Städte suchten eben nur ihre jetzigen Rechte zu erhalten, wird die Resolution beschlossen.„Einstimmig“, wie der Vorsitzende Justizrat Metz konstatterte. Wenn es auch in der Versammlung von uns unter⸗ lassen wurde, gegen die Resolution ausdrücklich Widerspruch zu erheben, sind wir damit trotz⸗ dem nicht einverstanden und wir würden da⸗ gegen gestimmt haben, wenn durch Händeauf⸗ heben abgestimmt worden wäre. Diese Vor⸗ lage mit ihren„Kautelen“ begrüßen wir keines⸗ wegs mit Freuden.
Mit Freuden zu begrüßen wäre aber gewesen, wenn eine gewaltige Kundgebung der gesamten Bürgerschaft zu Stande gekommen wäre. Das war leider nicht der Fall, von Arbeitern sah man, wie gesagt, wenige. Warum? Man er⸗ innere sich an den Reichstagswahlkampf! Da war es gerade Herr Gutfleisch mit, der unsere Partei und die Arbeiter mundtot machte und das ist noch nicht vergessen worden.
— Zwei Soldatenselbstmorde sind in den letzten Tagen im hiesigen Regimente vorgekommen. In beiden Fällen handelt es sich um Rekruten. Einer derselben, namens Wagner aus Großen-⸗Buseck erhängte sich im Walde bei Rödgen. Vorher hatte er sich in einem Briefe an seine Eltern über die Behand⸗ lung in der Kaserne beklagt. Der andere soll ein Elsässer sein. Die Gründe des Selbst⸗ mordes sind in beiden Fällen angeblich unbe⸗ kannt. Allzu liebevolle Behandlung von Seiten der militärischen„Erzieher“ wird die Rekruten wohl nicht zu dem verzweifelten Schritte getrieben haben. Uebrigens wird bei solchen Vorkommnissen immer eine merkwürdige Heimlichkeit beobachtet. Jedenfalls wäre es gut, wenn die Militärbehörde der Presse über solche Dinge Mitteilung machte. So soll im Sommer, wie uns mitgeteilt wurde, in der Militärschwimmanstalt ein Soldat ertrunken sein, man hat auch über diesen Fall nichts gehört.
— Die Generalversammlung der Ortskrankenkasse am Mittwoch war nur mäßig besucht. Geschäftsführer Fourier er⸗ stattete zunächst Bericht über den Ortskranken⸗ kassentag in München. Er ging hierbei beson⸗ ders auf den dort gehaltenen Vortrag des Dr. May über die Lungentuberkulose ein, die von den Ortskrankenkassen durch zweckmäßige
Einrichtungen bekämpft werden könnte. Nach
einer kurzen Diskusston, die sich an den Vortrag schloß, wurden die Wahlen der Revisoren und Vorstands mitglieder vorgenommen. Zu Revi⸗ soren wurden bestimmt: Atzbach, W. Schmidt, Sickert. Als Vorstandsmitglieder von Seiten der Arbeitgeber: Wolf, Haas, Nauheimer und als Ersatzleute Abermann und Appel. Von Seiten der Mitglieder: Holtberg, Krüger, Krug, Wiegandt. Als Ersatzleute: Amend, Franz, Stock, Treiber.
Die allgemeine Sterbekasse Gießen hielt am Sonntag im„Gambrinus“ ihre General⸗ versammlung ab, zu der 110 Mitglieder erschienen waren. Sie tritt jetzt in ihr 16. Lebensjahr und hat zur Zeit 1359 Mitglieder. Im verflossenen Jahre war ein Zuwachs von 174, ein Abgang von 14 Mitgliedern zu verzeichnen. Während seines 15 jährigen Bestehens hat der Verein 148 Sterbefälle unter seinen Mitgliedern gehabt und wurden hierfür in Sum wa 23625 Mark ausgezahlt. Die Sterbekasse ist wieder in der angenehmen Lage, vom 1. Januar 1905 ab, das Sterbegeld von 250 Mark auf 270 Mark zu erhöhen. Der Verein besitzt einen Reservefond von 6349 Mark und ist mithin im Stande, selbst in außergewöhnlichen Fällen, seinen Verpflichtungen nachzukommen.— Das Eintrittsgeld beträgt für eine Person:
im Alter von 16— 25 Jahren Mk. 1.—
VVV VVT 5„ 35—40„„ 4.—
10„ 40—45„„ 7.—
Bei der Aufnahme ist außerdem noch ein Sterbefall⸗ beitrag von 25 Pfennig zu bezahlen.— Für jeden Sterbefall eines Mitglieds ist der Kasse ein Beitrag von 25 Pfennig zu entrichten, welcher durch den Kassen⸗ boten gegen Quittung erhoben wird. Ein von Gießen wegziehendes Mitglied kann auch ferner bei der Kasse verbleiben, wenn der Megzug desselben dem Vorstande mitgeteilt wird.
Zur Auskunft in allen Fragen ist Herr Schuh machermeister H. Seidewand, Teufelslustgärtchen 20. Herr Dachdeckermeister Emil Noll in Löbershof 8 und Herr Bureau-Vorsteher Bruchhäuser, Wolfstraße 8, gerne berett.— Bei der Vorstandswahl wurden die 3 ausscheidenden Mitglieder wiedergewählt und zwar Emil Noll als zweiter Vorsigender, Karl Bonarius als Schriftführer und August Bock als Beisitzer. In den Aufsichtsrat wurden gewählt die Herren Fourier, Diehl. Holtberg, Müller und Schnecko.
Eigentümlicher Weise hat das Kreisamt der Erhöh⸗ ung des Sterbegeldes nicht zugestimmt!
— Weihnachtsbücher. Ein Parteifreund schreibt uns: Viel mehr als die Schule be⸗ deuten für die geistige Stellung des Menschen die Bücher, die er liest. Wie mancher große Mann ist nur mit ihrer Hilfe durch Selbst⸗ unterricht seinen niederen Verhältnissen ent⸗ wachsen. Wir brauchen ja nur an unseren Bebel zu erinnern. Nun hat auch gewiß von unsern Lesern der eine oder der andere die Absicht, seinen Kindern zu Weihnachten ein
Buch zu schenken. Da möchten wir ihm einen
guten Nat geben. Es ist ja so schwer, unter der Masse von Büchern, die alljährlich au Markt kommen, die guten wirklich herauszu⸗
finden. Da gibt es nun ein Verzeichnis der
besten und billigsten Sachen, das eine große Zahl pädagogisch und literarisch er⸗ fahrener Männer aus ganz Deutschland zu⸗ sammengestellt hat.
den
Wer eine Postkarte an Herrn Wilh. Seuger in Hamburg, Wagner⸗ straße 53 schreibt, bekommt dieses Verzeichnis
kostenlos zugeschickt. Es ist in Gruppen über⸗
sichtlich eingeteilt, so daß man leicht für jede Altersstufe das Passende herausfinden kann. Diese 5 Pfennig für eine Postkarte machen sich Denn wer nach dem genannten erzeichnis wählt, ist sicher, für wenig Geld
15 bezahlt.
nur gute Ware zu erhalten, während in den 9 ö Geschäften oft reinster Schund verhältnismäßig
viel zu teuer verkauft wird. Den Buchhändlern
aber empfehlen wir dringend, sich dies Ver⸗
zeichnis ebenfalls schicken zu lassen, um sich 1 danach zu richten. Selbst in einigen wenigen
Punkten, wo wir mit den Ansichten des ge⸗
nannten Prüfungsausschusses nicht ganz einer Meinung sind, müssen wir doch immer sagen, daß er jedenfalls nichts schlechtes empfiehlt. Die bösen Hurrageschichtsbücher oder christlich⸗⸗ moralischen Erzählungen, mit denen so vielfach (auch bei der sog.„gebildeten Jugend“) der junge Geist ein ganz falsches und oberflächliches Bild von der Welt eingeprägt bekommt, 1 5
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in dem Verzeichnis zum Glück völlig. können also nur zuraten. Dem können wir nur zustimmen. Zugleich
machen wir auch auf unsere Parteiliteratur
aufmerksam, die viele für Weihnachtsgeschenke
passende Bücher aufweist. Wegen unseres knap⸗ pen Raumes ist es uns nicht möglich, auch nur
einen Auszug davon zu vringen; unsere Expe⸗ 1 dition übermittelt aber jeden, der es wünscht, die Kataloge der Dietz'schen und der Vorwärts ⸗
Buchhandlung.
— Ein schweres Unglück hat unsern Genossen Georg Dahmer, Vorsitzender der Ortskrankenkasse, betroffen. Sein 6 jähriges Söhnchen starb nach kurzem Krankenlager an Gehirnentzündung. Wir dürfen wohl im
Namen aller Parteifreunde den Eltern das 0
herzlichste Beileid aussprechen. Aus dem Nreise gießen.
n. Ueber den Zust and der Straße Gießen⸗ 9
Krofdorf führen die Krofdorfer, Launsbacher ꝛc. Ar⸗
beiter, die sie täglich benutzen müssen, lebhafte Klage. b Besonders die Strecke der Gießener Gemarkung ist für Fußgänger fast unpassierbar, in dem tiefen i a 5 1
bleibt man in der Dunkelheit beinahe stecken. unerhört, daß nichts zur Besettigung dieses tatsächlich bodenlosen Zustandes getan wird. Wenn man doch
wenigstens die neue Straße noch vor dem Winter fertig
gestellt hätte! Man will aber, wie es scheint aus Spar⸗
samkeitsgründen, die alte Straße so lange als möglich
benutzen. Wir find überzeugt, wenn„bessere“ Leute
den Weg täglich benutzen müßten, wäre er gewiß in Ordnung, den Arbeitern mag aber der Schmutz zu den
Stiefeln hineinlaufen!
o. Wasserleitungsfrage in Trohe. Unsere 1 Gemeinde will sich endlich auch eine Wasserleitung zu:
legen, die schon längst notwendig gewesen wäre. Denn es sind nur 3 Brunnen im Orte, davon gehören zwei der Gemeinde, die haben aber fast das ganze Jahr kein
Wasser. Am Dienstag Abend befaßte sich eine Bürger⸗ Man beschloß, falls das Wasser der in Aussicht genommenen Quelle gesundheitlich 1
versammlung mit der Frage.
einwandfrei ist, dieselbe zu fassen. Für unsern Ort liefert dieselbe jedoch zu wenig Wasser. Einführung von
Wasseruhren lehnte die Versammlung merkwürdigerweise ab!
Aus dem Rreise Alssesd⸗Cauterbach. 1 ü
b. Alsfeld. Die am Montag stattgefundene Gemeinderatswahl bedeutet für uns einen ganz
erfreulichen Erfolg und unsere Genossen lönnen damit
zufrieden sein, wenn es auch diesmal noch nicht gelang,
einen Sozialdemokraten aufs Rathaus zu bringen. Unsere Kandidaten erhielten Stimmen: Eder 153, Jako
155. Das ist fast das doppelte dessen, was unsere
Genossen bei der letzten Wahl aufbrachten, damals hielt Eder 79, Jakob 83 und Dechert 95. Dies war die Wahlbeteiligung bedeutend größer als früheren Wahlen, es stimmten von 811 Wahlberech⸗ tigten 510 ab, also 63 Prozent, die vorher nie er⸗ reicht wurden. Arbeiten unsere Parteigenossen elfrig unablässig weiter und sorgen namentlich für guten 2
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