Ausgabe 
11.9.1904
 
Einzelbild herunterladen

* 1 1 1

2

A

K cee e ññ

Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 37.

Aus den Gefilden der Voll- blut Agrarier

brachte derVorwärts dieses Kulturbild. Auf dem einem Herrn Baron von König gehörenden Gute Wortnicken bei Pobethen wohnt die 24 Jahre alte Ortsarme Amanda Gutzeit mit ihrem dreijährigen Kinde. Ortsarme ist sie deshalb, weil sie sich beim Fall von einem Fuder Getreide einen Fuß so verletzt hat, daß 0 zum Teil arbeitsunfähig ist. Anfangs Mai ieses Jahres klagte das Mädchen den in dem⸗ 17 5 Hause wohnenden Instmannsfrauen, daß er etwa 25 Jahre alte Inspektor Tim m sie mit unsittlichen Anträgen belästige. Am 31. Mai war das Mädchen auf dem Felde beschäftigt, und da sie nicht das Kind allein zu Hause lassen wollte, nahm ste es mit. In⸗ zwischen war es aber auf dem Felde eingeschlafen, und nun trug sie das Kind nach Hause. Wegen dieses Arbeitsversäumnisses machte ihr der In⸗ spektor Vorwürfe. Es kam zum Wortwechsel, und im Verlaufe des Streites schlug nun der Inspektor in der unbarmherzigsten Weise auf das Mädchen mit einem Stock ein. Als das wehrlose Geschöpf auf der Erde lag, schlug er es auf den Leib und auf die Brust. Dann be⸗ arbeitete er den Körper des Mädchens noch mit seinen Füßen, bis es sich nicht mehr er⸗ heben konnte. Er soll dann im Fortgehen ge⸗ sagt haben, daß er das Mädchen noch tot⸗ schlagen werde. Die schwer Mißhandelte schleppte sich nun bis an den Weg, bis zu einem Baum, und blieb hier liegen. Dort fanden sie Instmannsfrauen und brachten sie nach ihrer Stube. Der Inspektor kümmerte sich nun weiter nicht um das schrecklich zugerichtete Mädchen. Erst als die Wirtschafterin ganz energisch einen Arzt verlangte, ließ er einen holen. Dieser hielt die Sache für sehr bedenklich und verordnete kalte Umschläge. Am dritten Tage untersuchte sie noch ein anderer Arzt, und dieser ordnete die sofortige Ueberführung des Mädchens nach dem Krankenhause an. Hier lag das Mädchen bis zum 13. Juni. Der Herr Baron aber wünschte, daß das Mädchen zurückgebracht werden möge, da es ihm zu viel Geld koste. Zurückgekehrt nach dem Gute verlangte der Inspektor, das Mädchen solle arbeiten. Dazu war sie aber nicht im⸗ stande. Vierzehn Tage nach der Entlassung aus dem Krankenhause war das Mädchen wieder vollständig erkrankt, und die Nachbarn verlangten, der Baron möge einen Arzt holen lassen. Dieser lehnte das aber ab. Der Inspektor ließ das »skädchen dennoch zu einem Arzt bringen, und dieser war ganz erstaunt, daß man das Mädchen schon aus dem Krankenhause entlassen habe. Er ordnete an, daß man es wieder dahin bringen solle. Das erlaubte aber der Herr Baron nicht. Und die Frau Baronin hatte schon, als das Mädchen zu Hause lag, angeordnet, daß es kein Essen erhalten solle,weil es nicht krank, sondern nur faul sei. So lag nun das Mädchen sechs Wochen lang zu Hause in ihrer elenden Kammer. Vom Gute erhielt sie keine Nahrungs⸗ mittel, sie war auf die Mildtätigkeit der selbst armen Instfrauen angewiesen. Den Jungen ernährte eine Frau, die dafür pro Tag 5 Pfg., etwas Schleudermilch und ein Brot pro Woche erhielt. Doch die Justiz war auf dem Posten! Sie ging mit einer unerbittlichen Strenge gegen den Inspektor vor, und dieser hatte sich kürzlich vor dem Schöffengericht zu Königsberg zu verantworten. Der Inspektor leugnete auch gar nicht, sondern meinte, das Mädchen habe ihn durch Widerspenstigkeit und Ungehorsam gereizt. Auch habe er sich in der Notwehr befunden, weil das Mädchen ihn angeblich mit einem Spaten bedroht haben soll. Der Amtsanwalt beantragte eine Geldstrafe von 60 Mk. Das Gericht ver⸗ urteilte auch den Inspektor zu drei Mark Geldstrafe. Es lebe die Gerechtigkeit!

5

Religion Privatsache!

In derFrkftr. Ztg. lesen wir ein recht belehrendes Zwiegespräch eines Japaners mit einem Deutschen. Der Japaner, der in

Würzburg Medizin studiert, äußert sich darin

in interessanter Weise über die Stellung des Staates in Japan gegenüber den Reli⸗ Narren Der mit dem Japaner seit langem efreundete Deutsche wagte eines Tages die von den Japanern stets als unhöflich aufgefaßte Frage, die wir vom Gretchen aus demFaust kennen:

Zu welcher Religion bekennen Ste sich eigentlich?.

Warum fragen Sie das? war die aus⸗ weichende Gegenfrage des Japaners.

Nun Sie müssen doch bei Ihrer Imma⸗ trikulation an der deutschen Universität die Rubrik, die nach Ihrem Religtonsbekenntnis fragt, ausgefüllt haben!

Ja geht bei Ihnen in Deutschland das die Universitätsbehörde etwas an?

Dann waren Sie eben doch wohl gezwungen, bei Ihrer Anmeldung bei unseren Polizeibehörden irgend eine Angabe über ihr Glaubensbekenntnis zu machen.

Ich habe keine gemacht, geht denn das in Europa die Polizei etwas an?

Sie müssen aber doch in Japan am Gym⸗ nastum oder in der Volksschule irgend einen bestimmten Religionsunterricht genossen haben.

Ja wird denn in Deutschland die Religion auf der Schule gelehrt?

Wie bringt denn sonst der Japaner dem kindlichen Gemüte bei: Das sollst Du tun, dies darfst Du nicht tun, sonst kommst Du in die Hölle und beleidigst Gott usw. 2

Mein Lieber, lehrt denn bei Ihnen das etwa die Religion? Sie verwechseln ja Religion mit Moral und Ethik. Freilich wird bei uns in Japan in der Familie und in der Schule der Begriff gut und böse den Kindern durch Erziehung und Unterricht bei⸗ gebracht. Aber diese Begriffe sind doch, sollte ich meinen, auf der ganzen Kulturwelt vollständig gleich. Ebensowenig wie Sie sich ohne Weiteres in der Philosophie als Anhänger von Kant oder Schopenhauer oder Nietzsche oder einem anderen Philosophen bezeichnen werden, ebenso⸗ wenig kann ich Ihnen sagen, was ich für ein Religionsbekenntnis habe: ich weiß es einfach nicht. Wenn Sie wollen, bin ich Buddhist, denn meine Mutter ist Buddhistin. Wenn Sie wollen, bin ich Schintoist, denn mein Vater ist Schintoist; ich selbst aber bin in Wirklichkeit keines von beiden; mein Vater ließ mir eben keinen Religtonsunterricht geben, weil die Religion in Japan reine Privatsache der Familie ist, etwa wie Sie in Deutschland den Kindern nach Belieben Klavierunterricht geben lassen. Wenn Sie wollen, können Sie mich einen Christen nennen, denn ich nahm als junger Mann eine Zeit lang bei einem protestantischen Pfarrer in Japan Religionsunterricht, weil es mich interessterte. Aber deshalb bin ich doch kein Protestant? Ich kenne natürlich auch die Lehren des Buddhismus und Schintoismus und trotzdem bekenne ich mich zu keiner der drei genannten Konfesstonen. Ich habe auch nicht das geringste Bedürfnis, mich irgend einem Religionssystem anzuschließen.

.

Der Reiseherzog. (Ein Marchen.)

Vor vielen, vielen Jahren, als die Hunde noch ohne Maulkorb umherliefen und die Katzen noch nicht als Hasenbraten auf den Tisch ge⸗ langten, da gab es einen mächtigen Herzog, der weit und breit bekannt war und den man den Reiseherzog nannte. g

Sein liebstes Vergnügen war nämlich, viele Reisen zu machen. Zu Lande und zu Wasser, im Sommer und im Winter, stets streifte er umher. Bald lebte er in der Umgebung der Wendekreise, wo die Leute von Lebertran leben, bald wieder suchte er die subtropischen Länder auf, um die Apfelsinen vom Baume essen zu können.

So kam es, daß er bald in der ganzen Welt bekannt wurde, und überall sah man ihn gern; denn wenn er kam, so empfingen ihn die anderen Herzöge stets mit vielen Ehren und großem Gepränge. Man warf Gelder unter das jauchzende Volk und die Schulkinder hatten

einen freien Tag. Auf dem Markte schmorte ein riestger Ochse, von dem sich jeder ein Stück abschneiden konnte. Daneben sprudelte aus fl Springquellen roter und weißer Wein in olchen Mengen, daß abends kein Mensch mehr nüchtern war.

Eines Tages war nun ein anderer Herzog auf den Gedanken gekommen, das Andenken seines Vaters durch ein großes Fest zu feiern. Er konnte es nicht anders tun, denn die Denk⸗ mäler hatte man damals noch nicht erfunden. Acht Tage sollte dieses Fest dauern und alle Herzöge der Welt sollten daran teilnehmen.

Und sie folgten gern der Einladung. Sie kamen aber nicht allein, sondern viele Männer ihres Volkes zogen noch mit, um die unerhörte Pracht, die sich entfalten sollte, mit eigenen Augen zu schauen.

Nur der Reiseherzog war allein gekommen. Er hatte die Einladung weit, weit bei den Feuerländern empfangen und nicht mehr Zeit gehabt, sein Reich aufzusuchen.

Als alle Herzöge versammelt waren, begannen die Festlichkeiten, die einen Glanz und eine Pracht zeigten, daß allen Zuschauern und es waren nicht wenige die Augen übergingen. Fest folgte auf Fest, bis schließlich der letzte Tag herankam.

Erwartungsvoll umdrängte das herbeigeeilte Volk die Tribüne der Herzöge. Auch die zwölf Männer aus dem Lande des Reiseherzogs, die vom Volke zu dieser Sendung erwählt worden waren, standen in der Nähe der blumenge⸗ schmückten Terrasse.

Da legte sich das erregte Murmeln der Menge; denn die Herzöge waren auf der Tri⸗ büne erschienen. Einer von ihnen trat vor und hielt eine Ansprache an das Volk. Er redete in blumenreicher Sprache und mit Begeisterung und Geschick. Und alles Volk jubelte ihm zu, als er geendet hatte und rief:Heil unserem Freunde und Gönner!

Nur die Männer aus dem Lande des Reise⸗ herzogs blieben stumm; ste kannten den gewal⸗ tigen Redner nicht.Wer ist der Herzog? wandten sie sich fragend an die Umstehenden, und lautes Lachen tönte ihnen entgegen.

Selbst die Abgesandten der fernsten Wüsten⸗ länder, wie die der Eisregionen, schüttelten lächelnd das Haupt, bis sich schließlich einer der Unwissenden erbarmte und sie fragte:Wie, Ihr kennt den Herzog nicht, den ja alle Welt kennt? Das ist der Reiseherzog!

Da fielen die zwölf nieder auf ihr Kniee, und der älteste von ihnen sprach bewegten Tones die Worte:Du höchstes Wesen dort oben über dem Firmamente, Dank sei, daß du uns diese Reise verstattet hast! Denn nun ist uns das Glück zuteil geworden, das bisher nur den Wenigsten in unserem Lande bescheert war. Unser Herzog, der es liebt, umherzustreifen in fremden Zonen und Ländern wir haben ihn gesehen, wir haben ihn gehöret! Damit brach er entseelt zusammen; die Freude hatte ihn getötet!

Der Reiseherzog fuhr aber nach am selben Abend gen Osten in ein fern, fern gelegenes Land, wo, wie es heißt, ein See war, den er

noch nicht gesehen hatte. ch nicht gesehen h Sozial. Montagsblatt.

.

A C Den 5 Unterhaltungs-Ceil.

ůůů

N

In dieFreiheit.

Ein fester Schritt auf dem Korridor

Zu ungewöhnlicher Stunde.

Es rasseln die Riegel.Gefangener, vor! Ich bring' Euch erfreuliche Kunde!

Nicht länger weilt Ihr an diesem Grt,

Ihr seid in die Freiheit entlassen!

Die Freiheit, die deutsche! Das seltsame Wort, Kaum kann's der Gefangene fassen.