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Mitteldeutsche Sountaas⸗Zeitung.
U Nr. 37.
schreibt über die Arbeiterverhältnisse auf den Hochofenwerken an der luxemburgischen Grenze:
„Durch den immerwährenden Arbeiterwechsel und den Rückgang in der Qualität der Arbeit hat sich auch hier endlich die Erkenntnis Bahn gebrochen, daß die Verwendung ständiger und tüchtiger 5 bei höherem Lohn für den Unternehmer immer billiger ist, als die 1 1 geringer Arbeitskräfte bei niedrigen
nen.“
Von dieser Erfahrung könnte auch das Un⸗ ternehmertum überall profitieren. Den ae einzuführen, hat die Generalversammlung der Zigarrenfabrik Menziken(im Aargau) für ihre Arbeiterinnen beschlossen. Das deutsche Unternehmertum hält aber immer noch eine Verkürzung der Arbeits⸗ zeit für den„Ruin“ der deutschen Industrie. —.—.
Von Nah und Lern. Hessisches.
— Die geregelten Finanzen der sozialdemokratischen Partet haben schon oft den blassen Neid der„Ordnungs“parteien erweckt und besonders der Antisemiten, die der Pleitegeier ja mit besonderer Hartnäckigkeit verfolgt. Bei der Hirscheltruppe mag sich das wohl etwas gebessert haben, seitdem sie beim Junker⸗ bunde in die Kost geht, trotzdem empfindet man dort gewaltigen Aerger, wenn jemand der Sozialdemokratie eine Zuwendung macht. Im Geschäftsberichte unseres Parteivorstandes ist mitgeteilt, daß ein Genosse einen Fonds von 50000 Mk. gestiftet hat, der nur im Notfalle, namentlich, falls ein neues Sozialistengesetz käme, angegriffen werden darf. Zu dieser Mit⸗ teilung, die durch die gesamte Presse ging, machte das Hirschelblatt in Friedberg die von giftigem Neid diktierte Bemerkung:„Warum nennt sich der jüdische Stifter nicht?“— Nun, wir sind überzeugt, wenn irgend ein Jude der deutschen„Reform“ ⸗Partet nur den hundert⸗ sten Teil obiger Summe gespendet hätte, er wäre im Friedberger Pückler⸗Blättchen als hoch⸗ edler Wohltäter gepriesen worden, auch wenn er sonst der schmutzigste Charakter gewesen wäre. Genierten sich doch die antisemitischen Abg. Böckel und Werner auch nicht, für jüdische Journalisten gegen Entgelt zu schreiben. Wäre der„Juliusturm“⸗Stifter ein Jude, würden wir uns natürlich nicht weniger freuen, denn er hätte damit bewiesen, daß er ein vernünftiger und uneigennütziger Mann ist. Das Hirschel⸗ blatt hat aber wie gewöhnlich daneben gehauen, wie wir zufällig hörten, ist der Stifter ein 1 hoher Offizier und das sind in der
egel keine Juden.
— Einen schönen Erfolg erzielte unsere Partei bei der am Montag stattgefundenen Gemeinderatswahl in Pfungstadt. Der Wahlkampf war ziemlich lebhaft, es beteiligten sich von 1300 Wahlberechtigten 980 an der Wahl. Unsere Genossen erhielten 410— 504 Stimmen. Die gegnerischen Stimmen hielten sich in gleicher Höhe. Gewählt wurden drei Bürgerliche und zwei Sozialdemokraten, die Genossen Raab und Crößmanu. Die Freude bei unsern Genossen ist groß, denn zum ersten Mal ziehen nun auch Sozialdemo⸗ kraten in das Pfungstädter Rathaus ein.
Gießener Angelegenheiten.
— Schauergeschichten über die So⸗ zialdemokratie zu verbreiten, ist eine be⸗ sondere Spezialität der Amtsblätter. Was dabei für dummes Zeug verzapft wird, dafür liefert die Mittwochsnummer des„Gieß. Anz.“ wieder einen schlagenden Beweis. Da druckt das hochweise Amtsblatt den Kohl einer Ber⸗ liner Korrespondenz ab, in der die zum Bremer Parteitag gestellten Anträge lächerlich ge⸗ macht werden sollen. Als Ausgeburt des „Terrorismus“ empfindet der Anzeiger beson⸗ ders einen Hamburger Antrag auf Einführung von einheitlichen— Parteimarken!„Doch, was soll man erst dazu sagen, daß ein Antrag der Parteigenossen vom 3. Hamburger Wahlkreis so ziemlich die unpopulärste Einrichtung— ein Klebegesetz, einführen will! Jeder Par⸗
teigenosse muß danach Marken kleben, mo⸗ natlich 15 Pfg., zum Besten der Parteikasse. Sechs Marken im Rückstand, und der Säumige wird„als zur Partei zugehörig nicht mehr angesehen.“ Ein höchst drakonisches Klebegesetz.“
Mit diesen Worten will das Amtsblatt vor der Sozialdemokratie und ihrem„Terrorismus“
raulich machen. Freilich kommt es etwas spat damit. Solche fürchterliche Markenkleberei wird in der Sozialdemokratie schon seit 30 bis 40 Jahren betrieben. Und nicht nur in der soztaldemokratischen Partei, sondern in jeder Gewerkschaft, ja fast in jedem Gesangverein oder Rauchklub werden Marken geklebt. Die hochweisen Schriftleiter in der Schulstraße können sich davon leicht überzeugen, wenn sie ihre Nase in das Verbandsbuch eines Gewerk⸗ schaftlers steckten. Die Arbeiter werden ihnen auch sagen, daß die Markenkleberei bis jetzt die praktischste Art der Beitragsquittung und sogar sehr„populär“ ist. Der Skribifax weiß und versteht also nichts und soll lieber Byzantiner⸗ Artikel zu Prinzenverlobungen schreiben, auf dem Gebiete ist er sicher besser zu Hause. So stets auch mit dem Maidemonstrations⸗ abzeichen, über das der Anzeiger höhnt. Haben wir schon seit mehr als zehn Jahren! Glaubt da das Amtsblatt was Neues zu ver⸗ künden! Es hat aber geschlafen, mitsamt seinem Berliner Schmock.
Schließlich zeugt der Umstand, daß 117 Anträge eingebracht worden sind, von lebhafter Tätigkeit in unserer Partei. Wenn die Partei des Anzeigers, die Nationalliberalen„Partei⸗ tag“ abhalten, kümmert sich kein Teufel darum und sie selber wagen sich nicht an die Oeffent⸗ lichkeit. Und wenn es auch, wie das Reptil prophezeit, in Bremen heftige Debatten gibt, die Sozialdemokratie geht daran nicht zu Grunde! Im Gegenteil, sie schärft ihre Waffen, mit denen sie über die Unterdrücker und das Aus⸗ beutertum siegen wird, trotz des Geschreibsels der kapitalistischen Soldschreiber.
— Ein gewesener Kreisblatt⸗Re⸗ dakteur schildert in der„Frkftr. Ztg.“, wie die öffentliche Meinung in den Amtsblättern gemacht wird. Seine Mitteilungen sind seh interessant und überaus kennzeichnend für den Wert und den Charakter der Amtspresse. Wir werden uns das Vergnügen machen, in der nächsten Nummer einiges wiederzugeben.
— Musikalisches. Im Gießener An⸗ zeiger tobte kürzlich ein Streit über die Militär⸗ marschmusik zur nachtschlafender Zeit herüber und hinüber. Die einen verhöhnten diejenigen, die sich unseres Erachtens ganz mit Recht darüber beschwerten, wenn zu einer Zeit, wo die Mehrheit der Einwohner noch seine Nacht⸗ ruhe notwendig hat, durch die Straßen ge⸗ trommelt und gepfiffen wird. Wenn es richtig ist, daß infolge dieser Diskussion die sonntäg⸗ lichen Promenadekonzerte von der Militärmustk eingestellt werden sollen, so wird wohl Gießen daran auch nicht zu Grunde gehen. Höchstens wird dem Bürgertum gezeigt, wie der von ihm angebetete und gefütterte Militarismus mit ihm verfährt. Könnte er's, würde er murrende Bürger in den Kasten stopfen.
— Die Generalversammlung des Konsum⸗ vereins für Gießen und Umgegend am Sonntag war nicht so zahlreich besucht, wie sie es hätte sein sollen. Zu dem Berichte des Vorstandes über das ab⸗ gelaufene Geschäftsjahr, der gedruckt vorlag, wurden von Seiten des Vorsitzenden Keßler und des Kassterers Nie wisch noch einige weitere Erläuterungen gegeben. Nach kurzer Debatte wird die Jahresrechnung genehmigt, ebenso der vom Aufsichtsrat vorgeschlagene Verteilungs⸗ plan des Reingewinnes. Von letzterem, im Betrage von 2663 Mk., werden den Mitgliedern 4 Prozent Rückvergütung für bezogene Waren gewährt, also für den Schein à 20 Mk. achtzig Pfennige. Außerdem werden die bei Beginn des Jahres vollbezahlten Ge⸗ schäftsanteile mit 4 Prozent verzinst. Weiter finden die Vorschläge bezüglich der Rücklagen und Remnuera⸗ tionen der Vorstandsmitglieder ꝛc. ebenfalls die Billi⸗ gung der Versammlung. Die statutengemäß ausschei⸗ denden Aufsichtsrats⸗, sowie die Vorstandsmitglieder, wurden wiedergewählt. Ein Antrag des Aufsichtsrats, die Verkaufsstelle Sonntags um 2 Uhr zu schließen, fand Annahme. Damit war die Tagesordnung erschöpft und der Vorsitzende schloß die Versammlung mit dem Ersuchen an die Mitglieder, auch fernerhin das ihre
zur gedeihlichen Weiterentwicklung der Genossenschaft beizutragen. 5 N
fr. Im Gewerkschaftskartell disku⸗ tierte man in der letzten Sitzung wieder über dte Errichtung einer Auskunftsstelle für
Arbeiterangelegenheiten. Es wurde beschlossen, eine solche zu errichten und mit der Auskunfts⸗ erteilung vorläufig den Redakteur der Mittel⸗ deutschen Sonntags⸗Zeitung zu betrauen.— Ferner wird ein Rezitationsabend auf den 28. Oktober festgesetzt, an welchem der bekannte Rezitator Walkotte das Lustspiel„Thal des Lebens“ von M. Dreyer zum Vortrag bringen wird. Mit dem Eintritt soll's gehalten werden wie früher: Gewerkschafts mitglieder und deren Familien haben freien Eintritt. Schließlich wurde einem Antrage, die diesjährige Weih⸗ nachtsfeier wie im vorigen Jahre mit allen
hiesigen Gewerkschaften gemeinschaftlich zu be⸗
gehen, zugestimmt.
— Ein Soldat des hiesigen Regiments, der Musketier Ohly, hat sich am Freitag früh mit seinem Dienstgewehr erschossen. Was den jungen Mann, der im ersten Jahre diente und aus einer geachteten Gießener Familie 5 zu diesem Schritte veranlaßte, ist nicht
ekannt.
Aus dem Nreise gießen.
Gemeinderats wahlen fanden u. a. in Annerod und in Rödgen statt. In ersterem Orte wurden die beiden bisherigen Gemeinderäte Launspach und Feuster wieder und Maurer Schmidt neugewählt und zwar mit 45—61 Stimmen. Die Gewählten waren von Seiten der Arbeiter aufgestellt. In Rödgen, wo am Freitag gewählt wurde, unterlag die von unsern Genossen auf⸗ gestellte Liste.
— Wieseck. Wie schützt man sich vor Schwindsucht? Ueber diese Frage hielt der prak⸗ tische Arzt Herr Dr. Arndt in Wieseck am Samstag Abend einen etwa 1½ stündigen Vortrag im Saale zum Gambrinus. Hierzu hatte sich eine recht zahlreiche, meist der Arbeiterbevölkerung angehörige Zuhörerschaft eingefunden. Redner wies einleitend auf die hohe Sterblichkeitsziffer hin, welche bei den Schwindsuchts⸗ kranken in Erscheinung tritt— in den zehn Jahren von 1891-1900 starben in Preußen 727020 Menschen an Tuberkulose— und ging dann sehr genau auf die in dieser Beziehung in Wieseck selbst bestehenden Verhältnisse ein. Es gelang ihm, mit Hilfe einer von ihm selbst nach seinem Krankenbuch ausgearbeiteten Statistik(sie umfaßt die Zeit vom 1. April 1904 bis zum 31. Juli) zu beweisen, daß durch die gegenwärtige Art des Zigarrenfabrikations⸗ betriebes, soweit die Bezirke Gießen und Wieseck in Frage kommen, die Tuberkulose dem weiblichen Ge⸗ schlecht, welches ja zum allergrößten Teile in dieser Industrie tätig ist, erheblich mehr gefährlich geworden ist, als dem männlichen. Dann die übrigen Faktoren, die allerdings auch in sehr erheblichem Maße für die Entstehung bezw. Verbreitung der Schwindsucht in Be⸗ tracht kommen, nämlich vor allem die hiesigen, überaus mangelhaften Wohnungsverhältnisse und die oft unzureichende Ernährung; diese Faktoren sind naturgemäß für beide Geschlechter annähernd gleich; dazu kommt, daß die oft vererbte Neigung zur Schwindsucht noch niemals irgendwo eines der beiden Geschlechter bevorzugt hat. Also muß die gegenwärtige Zigarrenfabrikation bei einer großen Anzahl von Ar⸗ beiterinnen Schuld an deren Tuberkulose sein. Folgende Zahlen beweisen diesen Satz: Das Zahlenverhältnis aller männlichen zu allen weiblichen Tuberkulösen beträgt 37 männliche: 24 weiblichen= 1 männlichen : 0,6 bis 0,7 weiblichen, d. h. also: die Mädchen und Frauen sind, wie meist in der Gesamtbevölkerung, be⸗ züglich der Zahl der Tuberkulösen, um etwas weniger als um die Hälfte der männlichen Fälle günstiger gegen⸗ über den Männern gestellt. Dagegen ändert sich das Verhältnis bedeutend zu Un gunsten der Frauen und Mädchen, wenn wir die Zahl der männlichen Kranken mit denen der weiblichen bezüglich der verschiedenen Tuberkulose stadien(Krankheitsabschnitten) vergleichen. Dann ergibt sich Folgendes: In Wieseck hat erst rund der 15. Teil aller männlichen Tuberkulösen wenig, rund der 5. Teil gar keine Aussicht auf irgend welche Besse⸗ rung der Arbeitsfähigkeit. Beim weiblichen Geschlecht aber hat schon ein Sechstel(J) aller Tuberkulösen wenig Aussicht und schon ein Drittel gar keine Aussicht auf Besserung der Arbeitsfähigkeit.
Gesamtzahl aller Kranken= 599, darunter Tu⸗ berkulöse 61= 10,1 Prozent oder 16,5 Prozent unter allen 368 innerlich Kranken.
Die Tuberkulose⸗Sterblichkeitsziffer für Wieseck beträgt 1 Proz. bezw.(für die 368 innerlich Kranken) 1,6 Proz.
Von 14 Kranken im letzten Stadium starben 6 34,2 Proz. Die Gesamtzahl aller Tuberkulösen ist
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