Seite 6.
Mitteldentsche Sountaos⸗Zeitung.
Nr. 28.
Bei einer andern Gelegenheit, als er von der Reichs⸗ tagsverhandlung über die Interpellation unserer Genossen betreffend das preußische Landarbeiterknebel⸗Ge⸗ setz berichtet, schwingt Freund Burkhard den Weihwed el über den Parade⸗Arbeiter Franz Behrens, zur Zeit Privatdozent des sozialen Kursus und behauptet, Abg. Müller⸗Meiningen habe betont,„daß Franz Behrens bei dieser Frage die Interessen der Landarbeiter vertreten habe“. Im 99. Sitzungsprotokoll, Seite 3211-3214 ist in der Rede des Abg. Müller auch nicht das Geringste zu finden, daß Behrens, die Interessen der Landarbeiter gewahrt haben soll.— Im Gegenteil, auch hier haben nur die Sozialdemokraten, die Interessen der Landarbeiter und zwar ganz energisch gewahrt, deun sie zwangen, die sich in die Arme der reaktionären Junker⸗ sippe flüchtende Regierung, Rede und Antwort zu stehen — Die gehässige zynisch⸗gemeine Kritik, sowohl des „Volks“ als auch des„Volksfreund“(von Behrens selbst geschrieben) zeigt, wie gerade die Christlich⸗sozialen die Interessen der Landarbeiter verraten.— Bei Beh⸗ rens kann von Wahrung der Interessen der Land⸗ arbeiter ganz und gar keine Rede sein, denn die von ihm unterschriebene servile Petition gegen den Gesetz⸗ Entwurf ist erst mehrere Tage nach stattgehabter Interpellation im Landtag eingegangen, nachdem unsere Genossen durch ihre begründete Ausführungen dem Ent⸗ wurf schon— hoffentlich— den Todesstoß versetzt hatten. Und die Petition ist auch dadurch hinfällig geworden, daß beim Einlaufen derselben die Schlußworte des Re⸗ gierungsvertreters:„Der Reichskanzler wird unter diesen Umständen zur Wahrung der Rechte des Reiches überhaupt nichts tun“ schon gefallen waren. Somit hat die Petition höchstens die Bedeutung einer harmlosen Vogelscheuche auf dem von der Sozialdemokratie gepflügten und bestellten Felde!
Auch die Auslieferung der Schule an das Pfaffen⸗ tum begrüßen die Christlich⸗sozialen mit Freudengeheul. Im Anfang der Schulkompromiß⸗Aera, haben sie hin und wieder die Nationalliberalen„verulkt“, dann nahmen die Christlichen in Köln— ohne Widerspruch— eine Resolrtion an, worin der Schulantrag Hackenberg⸗Heyde⸗ brand⸗Zedlitz dankbar begrüßt wird.
Wir sehen auch hieran wieder, daß wenn es sich um gewaltsame Eindämmung alter Volksrechte handelt, die ganze reactionäre Bande zusammen Sturm läuft und unter dem Deckmantel der Religion nach derselben Weise das Volk einzuschläfern suchen, die Heine das Harfen⸗ mädchen singen läßt:
„Sie sang das alte Entsagungslied, Das Eia popeia vom Himmel, Womit man einlullt wenn es greint, Das Volk, den großen Lümmel.“
Die Christlichsozialen bringen durch ihr ganzes Tun den Wahrheitsbeweis, für die Worte des Profe ssoren Dr. Sohm, die derselbe auf dem Leipziger Kongreß für die innere Mission sprach:„Im Kampfe der Gesell⸗ schaftsklassen ist das Christentum zum Kampfmittel entwürdigt worden.— Man hat das Christentum für ein bestimmte Art der Gesellschafts⸗ und Herrschafts⸗ klassenordnung in Anspruch genommen. Daher die in vielen Kreisen eingetretene Entartung des Christentums zu einem Deckmantel der Selbstsucht und zugleich der Haß, der nach Aenderung ihrer Lage strebenden Masse gegen das Christentum.“— Wenn so die Gegner der Sozialdemokratie selber uns nachweisen, daß die Feind⸗ schaft gegen das christlich⸗soziale Dogma seitens der Arbeiterklasse durchaus berechtigt ist, dann bedarf es keines weiteren Nachweises.— Vor Jahren schrieb der christ⸗ lich⸗soziale Pfarrer Kötzschke in einem offenen Briefe an den„König Stumm“:„Warum soll die Sozialdemokratie niemals einen guten Gedanken haben— hat sie doch einen berechtigten Kern. Wir werden aus Schleppen⸗ trägern der Herrn von Bildung und Besitz zu ihren Gegnern.“
Die heutige christlich-soziale Bewegung zeigt aber, daß sie aus Reaktion und Egoismus den Mauserungs⸗ prozeß nicht durchmachen konnte und Schleppenträger der Herren von Bildung und Besitz geblieben ist, weil es ihr an Ehrlichkeit fehlt, den Kampf gegen den Mammon aufzunehmen.— a Louis Trott.
Tolstoi gegen den Krieg.
Der bekannte russische Schrifsteller Graf Tolstoi hat ein scharfes Manifest gegen den Krieg erlassen, das in der englischen„Times“ veröffentlicht wird. Die„Zeit“ druckt einige Auszüge davon ab, von denen folgende wieder⸗ gegeben seien:
„Wieder Krieg!“ schreibt er.„Wieder zweck⸗ loses Leiden; wieder Betrug und Brutaliste⸗ rung der Menschen.“
„Menschen, die tausende Meilen voneinander getrennt find, Hunderttausende solcher Menschen — Bubddhisten, deren Gesetze selbst die Tötung von Tieren verbieten, und Christen, die sich zur Lehre der Brüderlichkeit und Liebe bekennen—, zu Wasser und zu Lande suchen sie sich gegen⸗
seitig, um sich in grausamster Weise zu töten, zu foltern, zu verstümmeln!“
„Es geht etwas vor, was in seiner Grau⸗ samkeit, Falschheit und Dummheit unfaßbar, unmöglich erscheint. Der russische Zar, derselbe Mann, der alle Nationen zum Frieden ermahnt hat, er verkündet öffentlich, daß er, ungeachtet all seiner Bemühungen im Interesse des ihm so teuren Friedens— Bemühungen, die darin 5 Ausdruck sinden, daß er von anderer Leute Länder Besitz ergreift und seine Armeen zur Verteidigung dieser ge⸗ stohlenen Länder verstärkt— daß er, infolge des Angriffs der Japaner, anbefehlen müsse, das den Japanern zu tun, was diese begonnen haben, nämlich sie zu morden. Und indem er diesen Appell zum Mord veröffentlicht, ruft er Gott an und bittet den himmlichen Segen über das grauenhafteste Ver⸗ brechen der Welt. Und der japanische Kaiser hat das gleiche mit Bezug auf die Russen getan.“
„Dieser unglückselige, bandenumstrickte junge Mensch, der als Führer von 130 Millionen anderer Menschen anerkannt wird, der von nieman⸗ den betrogen u. zum Selbstwiderspruch gezwungen wird, dankt den Truppen, die er seine eigenen nennt, für den Massenmord, den ste in Verteidigung der Länder verüben, die er mit noch Fee Rechte ebenfalls die seinen nennt. Alle beschenken sich gegenseitig mit scheußlichen Heiligenbildern, an die nicht nur kein Mensch unter den Gebildeten mehr glaubt, sondern die selbst der ungebildete Bauer aufzugeben beginnt— und sie alle beugen sich zur Erde vor diesen Bildern und küssen sie und halten pomphafte, trügerische Reden, an die auch keiner von ihnen glaubt. Wohlhabende Leute steuern kleine Teile des unredlich erworbenen Mammons zu dem Mordzwecke bei, während die Armen, von denen die Regierung alljährlich 1 Milliarden erhebt, sich ebenfalls verhalten glauben, ihr Scherflein herzugeben. Die Regierung ermuntert Scharen von Müßiggängern, welche die Straßen durch⸗ ziehen und das Porträt des Zaren spazieren tragen und singen und Hurra brüllen und unter dem Vorwand des Patriotismus tausendfache Ausschreitungen verüben. Und über das ganze Russenreich hin, in Palast und Hütte rufen die Priester, die sich Christen nennen, den Gott der Liebe an, daß er das Werk des Satans, das Menschengeschlechte, segnend unterstütze!“
*
„Was aber sollen wir tun, wir hier in Rußland, in diesem Augenblick, wo die Feinde uns schon angegriffen haben, wo sie Unsere Leute töten, wo sie uns bedrohen— was soll der russische Soldat, der Offizier, der General, der Zar, der Bürger tun,“ wird man mich fragen.„Sollen wir dem Feinde erlauben, unseren Besitz zu stören, unsere Arbeitsprodukte fortzunehmen, unsere Brüder zu töten?...“ Meine Antwort darauf ist: Was immer die Umstände sein mögen, ob der Krieg begonnen sei oder nicht, ob Tausende von Russen und Japaner getötet seien, ob nicht nur Port Arthur falle, sondern selbst Petersburg und Moskau in Gefahr wären: ich kann nichts anderes tun, als was Gott von mir erwartet, ich kann als Mensch weder mittelbar noch unmittelbar am Kriege teilnehmen; ich kann nicht, ich will nicht und ich werde nicht.
„Was bezüglich der Feinde, die uns ange⸗ griffen haben? Meine Antwort ist wieder jene der Apostel:„Liebet eure Feinde, und ihr werdet keine haben!“ Seine Feinde lieben, heißt nicht, sie abschlachten, um das Recht zu erwerben, sie mit Opium zu vergiften, wie es die Engländer getan; nicht sie hinzumorden, um ihr Land zu rauben, wie es die Franzosen, die Russen, die Deutschen getan.“
*
* *
„Mittlerweile fährt der Zar, die vor allem verantwortliche Persönlichkeit, fort, seine Truppen vor sich Revue passieren zu lassen, ihnen zu danken, sie zu belohnen, sie anzufeuern. Er ruft die Reserven ein. Und seine getreuen Unter⸗ tanen legen Leib und Habe vor ihm nieder, den sie nur mit den Lippen den„geliebten Monarchen“ nennen.... Und je schlimmer
die Lage für Rußland sich gestaltet, um so frecher lügen die Zeitungsschreiber, um so schamloser verwandeln sie schmähliche Niederlagen in Siege, weil sie wissen, daß nie⸗ mand sie Lügen strafen wird: und im stillen heimsen sie das Geld für Abonnements ein. Je mehr von dem Gelde des Volkes für den Krieg verwendet wird, desto mehr stehlen die verschiedenen Behörden und Spekulanten, denn sie wissen, daß niemand sie zur Verantwortung ziehen wird, weil jedermann das gleiche tut. Das auf Totschlag einexerzierte Militär, welches Jahre in der Schule der Unmenschlichkeit und Gemeinheit und des Müßigganges ver⸗ bracht hat, freut sich, weil der Krieg ihnen besseren Sold und das allgemeine Schlachten Gelegenheit zum Avancement verschafft....“ *
*
*
Der letzte Teil des Aufsatzes ist nach der
Schlacht am Yalu geschrieben. Der Ton dieses Teiles ist noch schärfer als der des ersteren. Tolstoi fragt, wann das irregegeführte Volk sich endlich entschließen werde, seine Sache in die eigene Hand zu nehmen. Wann, fragt er, werden sie einmal zu den Zaren, Mikados, Ministern, Priestern, Generälen, Redakteuren und Spekulanten sagen: „Geht und stellt euch selbst in diesen Kugel⸗ regen, wir haben keine Lust mehr zu gehen und werden auch nicht mehr gehen.“ „Die deutsche Russenpresse ist ganz entsetzt über den Wagemut des alten Einsiedlers. Sie empfindet die Streiche, die der religiöse Schwär⸗ mer dem Zarismus verabfolgt, als Hiebe in's eigene Antlitz. Die Rheinisch⸗Westfäl. Zeitung erwartet, daß die Schergen des Zarismus end⸗ lich gegen den Wehrlosen gewaltsam einschreiten nud schließt mit folgendem Geständnis:
„Ein freisinniges Rußland, das aber erst auf dem Wege Tolstois durch greuelvolle Um⸗ wälzungen entstehen könnte, wäre unser Tod⸗ feind; das absolutistische Rußland, dessen In⸗ dividualität wir schonend sich entwickeln lassen, wird uns lange hinaus ein guter Nachbar, ein kaufkräftiger Abnehmer unseres Kultur⸗ Ueberschusses und nötigenfalls ein treuer Ver⸗ bündeter sein können.“
Das absolutistische Rußland ist allerdings ein treuer Verbündeter der deutschen Großindustrie, die nach zarischem Muster über die Arbeiter herrschen möchte und die da fürchtet, daß sein Sturz auch ihr Herrentum gefährdet. Und dies sich zu erhalten, möchte sie mit Vergnügen auch einen Tolstoi rädern und vierteilen lassen.
r
Die Kriege und die Volkskrast. (Schluß).
Werfen wir schließlich einen Blick auf die materielle Seite der Kriege, die Kosten. Eine hervoragende Autorität stellt fest, daß seit 1852 fast drei Millionen Männer dem Kriege geopfert worden sind, wobei die Wunden und Krankheiten, die in der Folge zum frühen Tod führen, außer Rechnung blieben. In dieser Zeit haben sich die Kriegskosten auf sechzig Milliarden Mark belaufen. Frankreich allein hat im 19. Jahrhundert ca. sechs Millionen Menschen verloren. Der Krimkrieg berechnete sich nach Engel auf rund 8 Milliarden, wopon allein zwei Milliarden auf England entfielen. Der italienisch⸗österreichische Krieg verschlang 1 ¼ Millarde, der Krieg der Nordamerikaner gegen die Südstaaten(18611865) kostete ihnen 18 Milliarden, den Südstaaten 9 Milliarden; der deutsch⸗französische Krieg einschließlich der 5 Milliarden Kriegsentschädigung, Frankreich allein 14 Milliarden, deutscherseits werden die Kosten auf rund 1 Milliarde 264 Millionen Mark beziffert. Der russisch⸗türkische Krieg von 1877 verschlang 4¼ Milliarden Mark.
Die Kriege werden trotz ihrer kürzeren Dauer immer kostspieliger. Nach Berndts sta⸗ tistischen Mitteilungen hat den Deutschen jeder kampfunfähig gemachte Franzose 50000 Mark Auslage gekostet. Beim neuesten Krupp'schen Geschütz kostet ein Schuß 6800 Mars, und zwar kommen anf das Geschoß selbst 2600 Mark, auf die Ladung Pulver mit 485 Kilogramm 760 Mark und auf die Abnutzung des Geschützes
N N ö


