Ausgabe 
10.7.1904
 
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Nr. 28.

Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 7.

3440 Mark. Die Herstellung eines solchen Ge⸗ schützes kostet einschließlich der nicht unbeträcht⸗ lichen Montagekosten 329000 Mark. Mit dem 93. Schuß wird es unbrauchbar.

Die Vervollkommnung der Waffen verschlingt einen guten Teil der materiellen Mittel eines jeden Staats. Auf die Mtlitäretats der ein⸗ zelnen Großstaaten einzugehen, verbietet uns der Raum, doch sei noch eine Auslassung des rus⸗ sischen Staatsrats von Bloch in der Wiener Wage wiedergegeben, die die Kriegskosten der e für die fünf Großmächte Deutschland,

esterreich, Italien, Frankreich und Rußland auf 104,89 Millionen Frank= 81 Millionen Mark pro Tag berechnete. Hierzu kämen jedoch die tägliche Unterstützung der Familien der Truppen, welche er für Deutschland auf cd. 1600000 Mark, für Oesterreich auf 400 000 Mark, für Italien auf 390000 Mark, für Frankreich auf 1100 000 Mark, für Rußland aber auf 520 000 Mark berechnet hat.

Das sind die Kosten im Falle eines Kriegs. Doch auch die Kosten des bewaffneten Frie⸗ dens sind ungeheuere. Frankreich hat für seinen bewaffneten Frieden innerhalb der Zeit von 22 Jahren 22 Milliarden Frank ausgegeben. Was Deutschlands bewaffneter Friede dem Volk kostet, weiß es selbst gut genug. Wir wollen an die Riesenzahlen des ordentlichen und außer⸗ ordentlichen Militär⸗ und Flottenetats, die Reichsschulden, Pensionsetats u. s. w. hier nur erinnern. Aber es ist wahr, was von Bloch ausgeführt hat: Noch 50 Jahre bewaff⸗ neten Friedens und Europa ist ver⸗ nicht et. 9

Die Friedenskomödie in Haag berühren wir hier nicht; trotz ihr ist der Burenkrieg, der cubanische Krieg, die deutsche chinesische Expe⸗ dition, der jetzige japanisch⸗russische Krieg und noch ein halbes Dutzend kleinerer Feldzüge mög⸗ lich gewesen. Die Kriege werden sich auch noch ferner nicht sobald beenden; das brutale Recht des Stärkeren, das Rauf⸗ und Faustrecht wird noch wiederholt seine Gewalt geltend zu machen wissen; aber es naht dennoch die Zeit, wo auch die Kriege derOrdnung und dem Recht im freien Leben weichen müssen. Ihre Abschaffung geht durch die sung der großen sozi⸗ allen Frage, in der der letzte Klassen⸗ kampf zugleich mit dem letzten Rassen⸗ und Nationalitätenkampf ausgefochten wird, und die Arbeiterklasse hat in diesem letzten entscheidenden Kriege ihre große, weltgeschichtliche Misston zu erfüllen.

(Aus dem Tabakarbeiter.)

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Unterhaltungs-Ceil.

Freie Turner. Von Robert Seidel.

Wir heben die Arme

Doch nicht um zu beten, Wir wollen sie stählen

Um streitbar zu treten

In Reih und in Glied: Der Wahrheit zur Ehr, Der Freiheit zum Schutze Und dem Volke zur Wehr.

Wir üben die Füße, Doch nicht um zu fliehen; Wenn mächtige Feinde Auch gegen uns ziehen; Wir eilen zum Streite Und halten drin Stand Bis zum heiligen Tod Für der Freiheit Land.

Wir beugen die Kniee, Doch nicht um zu flehen; Wir wollen sie stärken, Um tapfer zu stehen

In Reih und in Glied, Im Kampf für das Recht, Für ein freies und gleiches Und glücklich Geschlecht.

Wir stärken den Körper An Reck und an Barren Zu höheren Zwecken Als Herkulesnarren: Wer bauen dem Geist Dem Erlöser der Welt Eine heimische Werkstatt Und ein herrliches Zelt.

Auf der Wanderschaft. Erzählung von Robert Schweichel, (Fortsetzung statt Schluß.)

Hans, der sich inzwischen Ränzel und Wanderstab aus dem Hause geholt hatte, wollte sie beschwichtigen, erzielte dadurch aber gerade das Gegenteil. Er meinte:Ich begreife, daß diese laute Lustigkeit Ihre Nerven reizt. Sie müssen aber bedenken, Fräulein, daß diese Leute die ganze Woche täglich zehn, elf, ja zwölf Stunden hart gearbeitet haben; da macht die Fröhlichkeit sich etwas ungestüm Luft. Sie kommt aus gesundem Herzen, und ich meine, das ist mehr wert, als die feinste Schminke, mit der die sogenannte gute Gesellschaft ihre Vergnügungen übertüncht. Sie sollten einmal zum Volke herabsteigen, Fräulein. Schon als Erzieherin der Jugend wurden ste einen großen Gewinn davon haben.

Fräulein Julie rückte den goldenen Kneifer mit einer energischen Bewegung auf ihrer kleinen, spitzen Nase zurecht. Ihre Freundin nahm ihr jedoch die drohenden Pfeile vom Bogen, indem sie mit den Worten aufstand:Herr Gruber hat darin wohl recht. Wir beurteilen und ver⸗ urteilen die arbeitende Klasse ohne sie zu kennen. Laß uns aufbrechen! a

Hans nickte ihr beifällig zu. Er fühcte die Damen denselben Weg, den die Arbeiter herauf⸗ gekommen waren. Es war der kürzeste. Nach kurzer Strecke senkte er sich ziemlich steil bis zur Chaussee hinab, und Fräulein Julie ver⸗ schmähte es nicht, die feste Stütze von Grubers Arm anzunehmen. Während sie nun die Chaussee aufwärts verfolgten, bis rechts ein Fußpfad abbog, der durch Buschwerk und Buchenwald bis Suderode fortlief, erklärte Fräulein Mohr, daß sie von dort aus die Bahn benutzen würden.

Und so lassen sie uns denn auch gleich mit⸗ einander abrechnen, fügte sie mit einem fast feierlichen Ernst hinzu. Zwar haben wir Sie bis Alexisbad in unseren Dienst genommen und wenn Sie auf Ihren Schein bestehen, dann müssen wir uns fügen und Sie entschädigen. Aber wir schätzen Ihre Dienste auch ohnedem schon so hoch, daß ich mit Don Carlos sagen muß:Ich werde zahlen, wann ich König bin. Wären Sie damit zufrleden?

Nein, rief er lachend und steckte sie damit an.Denn das Vergnügen, das ich dem Irr⸗ tum über mich verdanke, ist ganz unschätzbar. Wenn aber auch Sie mir der Täuschung ver⸗ geben, dann quittiere ich über empfangene Be⸗ zahlung.

Fräulein Mohr gab ihm die Hand und seufzte:Daß Sie auch ein Sozialdemokrat sein müssen!

So haben Sie sich wenigstens überzeugt, daß wir keine Ungeheuer sind, scherzte er. Das ist immerhin ein guter Anfang.

Dem aber keine Fortsetzung folgt, pro⸗ testierte sie.

Fräulein Irma Schäfer ging mit gesenkten Blicken schweigend hinter ihnen. Wie oft auch Hans, dem garnicht scherzhaft zu Mute war, sich nach ihr umsah: sie hob nicht die Augen. Als sie an den nur schmalen Fußweg gelangten, blieb er stehen, während Fräulein Mohr in diesen einlenkte, um auf die Freundin zu warten, die etwas zurückgeblieben war. Diese beschleu⸗ nigte ihre Schritte nicht, und als sie an Hans vorüberkam, sagte sie:Sie haben vorhin mit meiner Freundin abgerechnet; allein Sie sind noch in meiner Schuld. Haben sie es vielleicht vergessen.

Ach, ich bin viel tiefer in ihre Schuld als Sie ahnen, erwiderte er mit gedämpfter Stimme, während seine Blicke die heimliche Glut seines Herzens verrieten.

Sie schüttelte den Kopf und sagte:Sie

haben es vergessen und ich mochte Sie vor

meiner Freundin nicht daran erinnern. Sie wollten mir von Ihrer Kindheit erzählen, und jetzt ist es leider zu spät dazu.

Leider, seufzte er, und sie wandte den

Kopf von ihm ab nach der andern Seite des Gebüsches, damit er ihr Erröten nicht sehe. An die Geschichte hatte ich in der Tat ver⸗ gessen. Aber ich könnte sie ihnen schreiben in den nächsten Tagen. Darf ich? Sie zögerte mit der Antwort. Dann nickte sie. Fräulein Mohr sah sich um, und sie flüsterte, indem sie ihren Schritt beschleunigte: Wir haben in derGoldnen Rose Zimmer bestellt. Sie glühte wie eine Rose und Hans halt es, als ob er goldnen Wein getrunken ätte.

Auf einer Bank, die an einer kleinen Wiese im Gebüsch stand, hielten sie eine letzte Rast.

Ob wir uns wohl noch einmal in diesem Leben wieder begegnen werden? fragte Fräulein Julie, das Stillschweigen unterbrechend, in dem Jedes seinen Gedanken nachhing.

Ja, rief Hans mit Entschiedenheit und mit einer Kraft der Stimme, die darin ihren Grund hatte, daß er seine Brust von dem be⸗ klemmenden Gefühl des bevorstehenden Scheidens befreien wollte. a

Fräulein Irma lächelte; ihre Freundin lachte laut auf und fragte spöttisch:Sie ge⸗ bieten über den Zufall? f

Es gibt keinen Zufall, entgegnete Han etwas verlegen.Nicht, weil ich wie Wallen⸗ stein an die Sterne über uns glaube, sondern an die Sterne in meiner Brust. Und so muß ich wohl sagen: Ich glaube, ich hoffe es! Er haschte verstohlen die Hand Irmas, die neben ihm saß, und er glaubte einen leisen Druck ihrer Finger zu verspüren, bevor sie dieselbe ihm sanft entzog.

Sehr schmeichelhaft für uns, rief Fräulein Mohr mit einer ironischen Verneigung. Dann holte sie unter ihrem karrierten Staubmantel die Uhr hervor.Nun aber ist es die höchste Zeit! rief ste.

Sie gingen weiter. Eine Unterhaltung wollte nicht mehr recht in Fluß kommen. Jedes schien mit sich selbst zu sehr beschäftigt. So gelangten sie in das am Fuß des Gebirges idyllisch in Grün Fe Suderode und schritten den Ort ohne Aufenthalt hinunter zur Bahnstation. Schon vernahm man den langgezogenen Pfiff der herankeuchenden Lokomotive. Die vielen Menschen, die auf dem Bahnsteig den Zug er⸗ warteten, zwangen Hans zur Selbstbeherrschung. So voll sein Herz war, ein Lebewohl, ein Auf Wiedersehn, ein Händedruck, ein tiefer Blick, das war Alles, als der fauchende Zug vor der Station hielt und er den Damen beim Ein⸗ steigen half. Nur Fräulein Julie wehte ihm mit ihrem Taschentuch einen Gruß aus dem Fenster zu.

Hans sah dem Zuge mit fest zusammenge⸗ preßten Lippen nach. Und nun? Er kam sich wie von einem schönen Traum zu nüchterner Wirklichkeit erwacht vor. Das also sollte das Ende sein? Aber in seinem Innern rief es tausendmal Nein. Es lag ja in seiner Macht, den Mädchen über die Viktorshöhe nachzugehen und sich dadurch zu blamieren. Er hörte im Geiste, wie sie ihn auslachten. Er ging nach dem Dorfe zurück und sah sich vor dem ersten Gasthause auf dem Wege, an der Ecke der mit kleinen Häusern besetzten Straße nach Gernrode.

Kurz entschlossen trat er ein, ließ sich etn Zimmer geben, Briefpapier bringen und begann, nachdem er, auf und ab gehend, eine Pfeife ge⸗ dampft hatte, zu schreiben,als ob ihm der heilige Geist diktierte.

(Schluß folgt).

Humori sches. Größte Rückständ? t es wahr, daß Ihre Heimatsstadt in allem und rückständig ist?Jawohl; nich ein n Denkmalsko mitee haben wir. Neue Auw denn krank gestell', Harte Herr Doktor wied ie Pil

aum hast du Dich Damit mir der n berschreibt, die so schön

in mein Blas roh Fl. Vl.)