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Seite 4.
Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 28.
Einen Landarbeiterstreik gab es kürz⸗ lich in der Polackei. Auf dem Besitze des Fürsten Thurn und Taxis in dem Dorfe Glogawa bei Inowrazlaw traten die Domanialleute in den Streik. Der Grund war der folgende: Der Herr Pächter forderte, daß die Leute jetzt zur Sommerzeit von 3 Uhr früh bis 10 Uhr abends arbeiten. Die Leute fühlten sich durch die Mehrforderung des Pächters benachteiligt und forderten auch die Erhöhung des Lohnes und der Bezahlung der Dienstleute, denen jetzt nur 40 Pfennig pro Tag gezahlt wurden — und für das Vieh, das sie bei der Herrschaft hatten, forderten sie grünes Futter. Nachdem diese Wünsche abgelehnt wurden, legten die Veute die Arbeit nieder und gingen nach Hause. Der Streik wurde durch die fürstliche Verwal⸗ 0 an welche sich die Arbeiter wandten, bei⸗ gelegt.
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Von Nah und Lern.
Hessisches.
— Die Zweite Kammer setzte am Donnerstag die Beratung der Wahl vor⸗ lage fort und genehmigte die einzelnen Ar⸗ tikel bis Art. 17. Gen. David wandte sich lan gegen die Einschränkungen des Wahl⸗ rechts.
— Der Prozeß wegen der Kriegs- briefe des Generals Kretschmann, der gegen die Mainzer„Volksztg.“ angestrengt und für den Termin nach wiederholten Vertagungen auf vergangenen Montag angesetzt war, wird nun nicht verhandelt werden. Die Staatsanwalt⸗ schaft hat unserm Mainzer Parteiorgan mitge⸗ teilt, sie werde veranlassen, daß die Verhandlung nicht erfolgt, nachdem die„Volksztg.“ erklärt, daß sie durch Ermittelungen, besonders auch in Sens, einen Irrtum des Generals Kretschmann insofern festgestellt habe,„als hessische Feld⸗ zugsteilnehmer für die aus Sens gemeldeten Ausschreitungen nicht verantwortlich gemacht werden können. Der am 12. und 13. No⸗ vember 1870 in Sens einquartierteu 2. Kom⸗ pagnie des hesstschen Garde⸗Jäger⸗Bataillons— Kompagnie Balser— wird von den Einwohnern der Stadt Sens ein durchaus korrektes Ver⸗ halten nachgerühmt, und diese Kompagnie lobend in Gegensatz zu anderen nicht⸗hesstschen Truppen⸗ teilen gearacht. Wir behalten uns vor, fügt die„Volksztg.“ hinzu, die Ausschreitung in Sens nach dem Ergebnis unserer seitherigen Ermittelungen nochmals zu besprechen und dabei zu erklären, wie die Verwechselung in den Kretschmann⸗Briefen möglich war.“
Der„Gieß. Anzeiger“ spricht unverschämter Weise bei Abdruck dieser Erklärung von unserm Mainzer Parteiorgan als einem Blatt„das mit Vorliebe seine Landsleute beschmutzt“. Die Kriegsbriefe stammen von einem stock⸗ preußischen patriotischen General!
— Gemeindewahlen. Eine außer⸗ ordentlich rege Beteiligung war bei der Ge⸗ meinderatswahl in Kelsterbach a. M. zu beobachten, 93 Prozent der Wahlberechtigten schritten zur Urne. Zum ersten Male trat der Arbetterwahlverein mit eigenen Kandidaten auf mit dem Erfolge, daß von 3 aufgestellten Ge⸗ nossen Georg Dieter mit 159 Stimmen gewählt worden ist. Unsere anderen beiden Genossen sind gegen sieben Gegenkandidaten mit ungefähr 30 Stimmen in der Minderheit ge⸗ blieben. Dieses Resultat ist der angestrengten Tätigkeit der Genossen zu verdanken, welche sich mit allen Kräften der Agitationsarbeit gewidmet haben. Auch das Verhalten des dortigen Bürger⸗ meisters trug mit dazu bei. Dieser erlitt bei einer voraufgegangenen Wählerversammlung eine empfindliche Niederlage und löste dann die Ver⸗ sammlung auf!— In Rüsselsheim a. M. brachte unserer Partei die Gemeindewahl einen glänzenden Sieg. Es waren vier Ge⸗ meinderatsmitglieder zu wählen. Die Wahl⸗
beteiligungwar eine äußerst rege, von 758 Wahl⸗ berechtigten übten 548 ihr Wahlrecht aus. Es entfielen auf unsere Kandidaten Georg Jung 388, Wilh. Reiber 390, Peter Jung 350 und Wilh.
Schildge 327 Stimmen. Die Gegenkandidaten brachten es nur von 33 auf 148 Stimmen. Unsere Genossen sind daher gewählt. In der Opel'schen Fabrik versucht man mit allen Mitteln unsern Sieg zu verhindern. Für den Fall, daß Genosse Jung aus dem Gemeinderat verdrängt würde, wurden bis zu 1000 Liter Bier ange⸗ boten. Aber die Arbeiterschaft ließ sich nicht irre führen und so wurden durch einmütiges und geschlossenes Vorgehen die Gegner vollständig geschlagen.— In Rumpenheim unterlag die Liste unserer Partei.
Gießener Angelegenheiten.
— Dummdreiste Amtsblatt⸗Kritik. Der deutsche Arbeiter⸗Turnerbund hat ein Liederbuch herausgegeben. Dessen In⸗ halt hat bei der Zeitschrift„Deutsche Fortbil⸗ dungsschule“ Anstoß erregt und der„Gießener Anzeiger“ nimmt in seiner Donnerstagnummer ebenfalls Aergernis an den Liedern, die aller⸗ dings von freiheitlichem Geiste durchweht und weit entfernt sind von blöder Verherrlichung des Mordspatriotismus und der Monarchen⸗Ver⸗ himmelung. Folgende Proben, welche die ge⸗ nannte Zeischrift abdruckt, findet der Anzeiger besonders„aufreizend“:
„Wer ward von je geknechtet Von der Tyrannenbrut? Wer mußte für sie kämpfen Und opfern oft sein Blut?
O Volk, erkenn, daß du es bist, Das immerfort betrogen ist!“
Ei, das ist doch ganz hübsch und was die Hauptsache ist, hier wird die pure, blanke Wahrheit ausgesprochen, wie jeder Arbeite: dem Anzeiger bestätigen wird. Das Amtsblatt mag aber die Wahrheit auch im Liede nicht leiden. Weiter sagt das Blatt:„Wer die Verhältnisse kennt lacht zwar über die folgende Strophe“:
„Wer müht sich um geringen Sold
Bis in die Nacht vom lichten Morgen? Wer schafft den Mächtigen das Gold
Und darbt daheim in Not und Sorgen? Wer gibt, zum Hungern selbst verdammt, Das üpp'ge Mahl, dran ihr euch weidet? Wer gibt es euch: Der Arbeitsmann
Wer die Verhältnisse kennt, und nicht Reptil⸗ Redakteur mit 5—6000 Mark Gehalt ist, wird die Richtigkeit des hier Ausgesprochenen anerkennen müssen.— Das„Lied von der deutschen Treue“ von Ludwig Pfau, worin folgender Vers vorkommt:
„Der Herrscher lehrt uns Politik Ganz gnädig mit dem Kantschu, Wir beugen selig das Genick
Und küssen ihm den Handschuh.
hätte der Anzeiger eigentlich schon längst unter seine staatsretterische Lupe nehmen können, denn es ist schon ein halbes Jahrhundert alt. Aber es trifft heute noch ebenso zu wie damals, wie sich der Anzeiger bei jeder Kriegervereinsfestrede und vielen anderen Gelegenheiten überzeugen kann. Ist es ihm lieber und entspricht es sei⸗ nem ethischen Empfinden und künstlerischem Geschmacke besser, wenn die jungen Leute die blöden und unstttlichen Soldatenlieder gröhlen? Wenn zum Beispiel:
„Wenn Blut an unsern Säbeln fließt,
Dann haben wir frohen Mut.“
zum Steinerweichen geblökt wird?— Uebrigens hat auch der langjährige Vorsitzende des na⸗ tionalen deutschen Turnerbundes, der frühere nationalliberale Reichstagsabgeordnete Dr. Götz ähnliche Verse, wie die vom Anzeiger kri⸗ tisterten verbrochen. Wir wollen sie ihm in der nächste Nummer unter die Nase halten.
Aus dem Rreise gießen.
n Altenbuseck. Der Volksverein beteiligt sich im Anschlusse an den Gesangverein„Germania“ an dem Stiftungsfest der„Eintracht“ is Krofdor f. Zum Abmarsch dorthin eventl. pro Wagen wollen sich die Mitglieder um 11 Uhr bei Wirt Wilh. Becker ein⸗ finden.
— Ein Großfeuer brach in der Nacht zum Sonntag in Allendorf a. d. Lumda aus. 12 Gebäude mit Einschluß der Scheuern find ein Raub der Flammen
geworden, außerdem sind noch eine Anzahl schwer be⸗ schädigt.
Das Feuer entstand in dem Hause des Kauf⸗
manns Reuning, dessen Frau und Kind nur mit Mühe gerettet werden konnten, auf bisher nicht aufgeklärte Weise. Auch ein Menschenleben ging dabei zu Grunde. Bei den Löscharbeiten stürzte eine brennende Wand auf den Schreiner Reinhardt, der dabei schwere Brandwun den erlitt und kurz nach seiner Einlieferung in die Gießener Klinik verstarb. Ein anderer Mann erlitt einen Schenkelbruch. Der Trümmerhaufen rauchte noch am Dienstag.
Aus dem Rreise Alsfeld⸗Cauterbach
b. Mit der hessischen Wahlreform be⸗ schäftigte sich eine Protestversammlung, die am Samstag im Saale„Zum deutschen Kaiser“ unter Vor⸗ sitz des Bürgermeisters Arnold stattfand. Landtagsabg. Reh trat als Referent über die Wahlreform auf und erstattete zugleich Bericht über seine Tätigkeit im Land⸗ tage. Er wies zunächst darauf hin, daß das direkte Wahlrecht mit allen gegen 4 Stimmen angenommen worden sei. Dagegen wäre bei der Wahlkreiseinteilung der reine Kuh handel getrieben worden, dem er kaum noch mit zu⸗ sehen konnte. Daß man einer Stadt wie Alsfeld, die seit 85 Jahren ihren Abgeordneten hat, dieses Recht nimmt und in die Landgemeinden aufteilt, sei das Un⸗ gerechteste.(Wieso? Mit demsel bem Rechte könnten Büdingen, Llzey und Oppenheim einen Abgeordneten fordern. D. Red.). In den größeren Städten würden die Sozialdemokraten durch die Einteilung am besten abschneiden.(22) Herr Reh verschwieg aber, daß er im Landtage erklärt hat, er verzichte lieber auf das direkte Wahlrecht, als daß er die alten Rechte von Alsfeld preisgebe. Das steht doch im Widerspruch mit dem, was er seinen Wählern versprochen hat.— Die Ver⸗ sammlung war nicht gut besucht, etwa 180 Personen, meist den„besseren Kreisen“ angehörig, waren anwesend. Von den Antisemiten und den Sozialdemokraten waren nur Einzelne vertreten. Eine Diskussion fand nicht statt. (Dem freisinnigen Proteste sich anzuschließen, haben unsere
Genossen keine Ursache. D. Red.).
Aus dem Rreise Wetzlar.
h. Zur Gewerbegerichtswahl sind Stimm⸗ zettel für die Kandidaten der organisierten Arbeiter bei den Vorständen der Gewerkschaften zu haben.— Bekanntlich findet die Wahl nächsten Freitag in Wetz⸗ lar, Braunfels, Ehringshausen, Krof⸗ dorf und Rodheim mittags von 11—1 Uhr, in Wetzlar auch von 7—8 Uhr abends statt.— Wie wir hören, sind von mehreren Arbeitern Eingaben an das Landratsamt abgegangen, welche um Verlegung der Wahlzeit auf nachmittags von 4—8 Uhr ersuchen. Tatsache ist allerdings, daß bei der jetzt festgesetzten Wahlzeit der großen Mehrheit der Arbeiter die Teilnahme an der Wahl einfach unmöglich ist. Wenn aber auch diese Eingaben keinen Erfolg haben sollten, so müssen trotzdem alle Arb eiter, die es irgend ermöglichen können, zur Wahl gehen.
h. Bildung und Besitz. Von den Ordnungsleuten und ihrer Presse werden diese beiden Worte immer zugleich genannt und damit will man behaupten, daß die Besitzenden auch die Gebildeten seien, denen deshalb auch mehr Rechte gebührten als den Angehörigen der besitzlosen und deshalb„ungebildeten“ Klasse. Daß aber Bildung nicht mit dem Zesitz zunmmmt, bei bielen Leuten das Verhältnis ein umgekehrtes ist, beweist die tägliche Erfahrung.— Wahre Bildung zeigt z. B. der Arbeitgeber in der an⸗ ständigen Behandlung seiner Arbeiter. Bei der Firma M. Hensold u. Söhne, Wetzlarer op⸗ tische Werke konnten die sich dort Beschäf⸗ tigten in dieser Beziehung niemals beklagen. Sie wurden jederzeit und besonders auch von dem verstorbenen Chef der Firma, Herrn Hensoldt sen. mit Achtung und Anstand be⸗ handelt. Das hat sich leider geändert, seit Herr Ohlenburger, mit dem wir uns schon bei verschiedenen Gelegenheiten zu beschäftigen hatten, Teilhaber der Firma geworden ist. Dieser Herr beliebt im Verkehr mit den Arbeitern und Angestellten einen Ton anzuschlagen, den diese durchaus nicht gewohnt sind und der den einfachsten Begriffen von Anstand ins Gesicht schlägt. Kürzlich, als er die Arbeit der Ju⸗ stierer der Prisma⸗Fernrohre besichtigte, schrie er diese an:„Die Dinger sehen ja aus, als ob die Kühe hineingesch... sen hätten! Gerade als ob sie mit Rotz geputzt wären!“ Gegenüber solchen Feinheiten waren die Leute natürlich sprachlos, obwohl sie in der letzten Zeit schon etwas gewohnt geworden sind. Fachleute ver⸗ sicherten uns, daß es äußerst schwierig ist, die Fernrohre absolut staubfrei zusammenzusetzen. Das muß Herr Ohlenschlager wissen und darum ist sein Auftreten umso verurteilenswerter


