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Seite 6.
Mittel deutsche Sonntags⸗Zeitung.
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Sozialdemokratie u. Moral.
Es giebt eine Menge öder Schwätzer, be⸗ sonders in den sogenannten christlichen Parteien, welche fortgesetzt die himmlischen Heerscharen und die Satansbrut der Hölle im Munde füh⸗ ren und dabei über den sündhaften Matertalis⸗ mus wettern, dem die Sozialdemokratie ver⸗ fallen sei. Es tut nichts, daß diese Leutchen in Wirklichkeit sich selbst durch ihre Hab⸗ sucht, ihre Jagd nach Profit und Genuß als die ärgsten Materialisten kennzeichnen— sie reden sich und andern vor, daß sie mit ihrer Weltanschauung der Inbegriff höchster Moral seien, und daß die Sozialdemokratie alle Moral vernichten werde.
Gebildete und denkende Menschen halten sich zu schade, solch albernes Geschwätz nachzu⸗ äffen oder anzuhören. Sie wissen, daß die wissenschaftlichen Betrachtungen des sozialen Lebens im letzten Grunde immer auf die gesetz⸗ mäßige Erforschung der wirtschaftlichen Erscheinungen zurückkommen müssen. Sie wissen ferner, daß die materialistische Geschichts⸗ auffassung der Sozialdemokratie nichts, gar⸗ nichts zu tun hat mit dem sinnlichen, dem moralischen Materialismus, gegen den ein phart⸗ säerhaftes Christentum Sturm läuft. Das geben auch bürgerliche Gelehrte zu, welche die materialistische Geschichtsauffassung nicht in allem als richtig anerkennen.
So Professor Stammler, ein Gegner Jer Sozialdemokratie. Er gesteht zu, daß die Ge⸗ schichtsauffassung der Sozialdemokratie das Aufkommen idealer Ziele durchaus nicht ausschließe, und er nimmt mit uns an, daß die menschlichen Vorstellungen von Gut und Böse nichts Selbständiges sind, sondern als Folge bestimmter wirtschaftlicher Zusammen⸗ hänge, das sind die materiellen Fragen, womit wires zu tun haben. Der sittliche, religtöse, rechtliche Ueberbau der Gesellschaft erscheint den Sozialisten als eine Folgerung der wirtschaftlichen Tatsachenreihen. Alle bisherige Geschichte war, wie Engels aus⸗ führt, die Geschichte von Klassenkämpfen. Die einander bekämpfenden Klassen der Gesellschaft sind jedesmal Erzeugnisse der Produktions⸗ und Verkehrsverhältnisse, mit einem Worte der ökonomischen Verhältnisse ihrer Epoche.
Die Sozialdemokratie ist der Ueberzeugung, daß die vor unsern Augen sich vollziehende Auf⸗ saugung von Klein- und Mittelbetrieb durch Groß- und Riesenbetrieb zur Verdrängung der heuigen Warenproduktion führen muß. Die Ablösung kann nur eine gemeinschaftliche Wirt⸗ schaftsmethode sein. Deshalb legt aber nicht die Sozialdemokratie die Hände in den Schoß, abwartend, wie die wirtschaftlichen Kräfte unser Endziel vorbereiten. Nein, wir arbeiten stetig, um die Arbeiterklasse körperlich kräftig zu er⸗ halten, geistig zu heben, politisch zu schulen und auch moralisch zu bessern. Es war ein Libe⸗ raler,— Bodenstedt— der das Wort nieder— schrieb,„die Politik verdirbt den Charakter“; wir lehnen es ab, daß auf unsere Partei dieser Vorwurf bezogen werde. Im Ganzen wirkt gerade die Politik der Sozialdemokratie mora⸗ Iisch hebend, sie hat die Massen aus dumpfem Schlafe geweckt, den Proletarier erst zum denkenden undstrebenden Staats⸗ 1 gemacht und seinen kritischen Geist erweckt.
Die Sozialdemokratie strebe nach der Macht und deshalb behaupten die Gegner, sei die Partei rücksichtslos in der Wahl ihrer Mittel, frei von jeder moralischen Absicht. Selbst wenn dies wahr wäre, was ja nicht der Fall, son⸗ dern nur ein Trugschluß ist, so müßte gefragt werden, was die anderen, die bürgerlichen Par⸗ teien zur Hebung der Moral ihrer Anhänger tun. Wir können ruhig behaupten, daß keine Partei mehr für die moralische Hebung ihrer Anhäager tut, als die Sozialdemokratie.
In dem interessanten Buche des russischen Professors A. A. Issaieff,„Der Sozialismus und das öffentliche Leben“(Stuttgart 1901, Verlag von J. H. W. Dietz Nachfolger), findet sich ein Abschnitt über Sozialismus und Sitt⸗ lichkeit. Er bezeichnet— Ausnahmen natürlich zugestanden— die Art, wie die Sozialisten
Sozialdemokratie
ihre Meinung zum Ausdruck bringen, als eine maßvolle und sachgemäße. Die sozialistische Presse fordere oft die Arbeiter auf, kaltblütig und vernünftig zu bleiben, nicht die geringste Gewalttätigkeit zu begehen, bloß gesetzliche Mittel in Anwendung zu bringen, sich aller leidenschaftlichen Ausbrüche zu enthalten, die ihnen nur schädlich und gefährlich werden könn⸗ ten. Der Sozialismus, führt der russische Ge⸗ lehrte weiter aus, erzieht seine Anhänger zu einer außerordentlichen, fast beispiellosen Ar⸗ beitsfreudigkeit. Die Sozialisten beschäf⸗ tigten sich eingehend mit den Ursachen, welche die Ausbreitung der Trunksucht begünstigen und arbeiten stetig darauf hin, die Laster ein⸗ zuschränken. Häufig begegnet man Arbeitern, die unter dem Einfluß des Sozialismus völlig eine Wiedergeburt erlebt haben. Durch den gewaltigen Einfluß, den die Sozialdemokratie auf ihre Anhänger ausübt, entwickelt ste in ihnen eine bis zur Selbstaufopferung gehende Begeisterung für die gemeinsame Sache und eine ungewöhnliche Ausdauer in der Verfolg⸗ ung der angestrebten Ziele. Ueberall, wo die Sozialdemokraten bereits Einfluß gewonnen haben, stehen der Partei zahlreiche Kräfte zur Verfügung, die bereit sind, der gemeinsamen Sache zu dienen. Weist man den Anhänger der Sozialdemokratie auf die Mühen hin, mit denen die Propaganda ihrer Ideen verbunden ist, dann hört man, wie Professor Issateff fest⸗ stellt, die Antwort:„Was schadet es, wenn ich dabei leide, meine Persönlichkeit hat wenig Be⸗ deutung; wichtig ist nur die große Sache, der wir dienen.“
In der Nationalitätenfrage hat die Sozialdemokratie stets den Chauvinismus und die unlauteren Mittel bekämpft, mit denen er die fremden Nationalitäten bekriegt; für jeden Unschuldigen, dem die heute herrschenden Ge⸗ walten Unrecht tun, ist die Sozialdemokratie eingetreten.
Die Sozialdemokratie hat erst bei Millionen Enterbten ein Gefühl für menschliche Würde erweckt, sie hat mehr für die Heb⸗ ung der Frau getan, als die Frauenrechtler aller Zeiten zusammen. Die Sozialdemokratie hat den Bildungsdurst in die Masse getragen, ste hat das Bedürfnis nach Erholung in Bah⸗ nen gelenkt, die den minderbemittelten Volks⸗ schichten bisher unbekannt waren.
Das Wort Schiller's„Alle Menschen gleich geboren, sind ein adliges Geschlecht“, sucht erst die Sozialdemokratie zur Wahrheit zu machen. Sie kämpft dafür, daß jeder Arbeiter das Ge⸗ fühl der Gleichberechtigung in der Brust trage, sie bekämpft die Unterwürfigkeit vor denen, welche sich durch ihre Geburt, Stellung oder wegen ihres Kapitalbesitzes aufblähen. Die 5 bekämpft die Kriege, sie ist die wahrste, ja die einzige Friedens⸗ partei, sie arbeitet damit in hochstttlicher Weise für die Erhaltung und für die Interessen der gesamten Menschheit, sie bekämpft die natio⸗ nalen Vorurteile, die staatlichen Organisations⸗ formen, welche oft den Anlaß zu Kriegen ge⸗ geben haben, sie ist die Trägerin des hohen Gedankens der Internationalität, sie macht sie zur felsenfesten Tatsache durch die Solidarität welche sie werktätig übt.
Issaieff schließt seine Betrachtungen folgen⸗ dermaßen:„Je aufmerksamer wir den Einfluß des Sozialismus auf die ihn umgebenden Ver⸗ hältnisse beobachten, desto mehr überzeugen wir uns von der Abgeschmacktheit des Vorwurfes, daß der Sozialismus die Sittenlosigkeit fördere. Vielmehr bildet sich unter seinem Einfluß all⸗ mählich eine höhere Sittlichkeit heraus.“ Die Sitt⸗ lichkeit der Arbeiter, sagt der italienische Sozia⸗ list Croce richtig, ist eine Errungenschaft des politischen Kampfes. Um diese sich von Grund auf Grund neu gestaltende Sittlichkeit zu be⸗ greifen, muß man sich vergegenwärtigen, was diese Arbeiter sind, die sich in Gewerkschaften und Vereine zusammentun, die ihre eigenen Zeitungen lesen, die die Tätigkeit ihrer Abge⸗ ordneten kritisieren und die Beschlüsse ihrer Kongresse sanktionieren. In dieser ihrer mannig⸗ fachen Betätigung erlangen die Arbeiter ihre
sittliche Erziehung.
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122 E 7 b Anterhaltungs-Ceil.
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Die Sühne.
Von Guy de Maupassant.
Der Kirchhof, voller Offtziere, sah aus wie ein blühendes Feld. Man hatte soeben die Frau des Obersten Limousin begraben. Sie war vor zwei Tagen beim Baden ertrunken.
Der Oberst war fast ein Greis, groß, ma⸗ ger, mit weißem Schnurrbart. Vor drei Jah⸗ ren hatte er die Tochter eines Kameraden ge⸗ heiratet, die durch den Tod ihres Vaters, des Oberst Sortis, Waise geworden.
Der Rittmeister und Leutnant, auf die sich ihr Kommandeur stützte, versuchten ihn fortzu⸗ führen. Er widerstand, Tränen in den Augen, die er voll militärischer Haltung nicht fließen ließ, und flüsterte leise:
„Nein, nein. Noch einen Augenblick.“ Er wollte durchaus dableiben, mit brechenden Knieen, am Rand der Grube, die ihm grundlos erschien, ein Abgrund, in den sein Herz und sein Leben versenkt lag, Alles, was ihm auf Erden ver⸗ blieben war.
Plötzlich trat General Ormont heran, nahm den Oberst beim Arm und schleppte ihn fast mit Gewalt fort:
„Vorwärts, vorwärts, alter Kamerad! Sie können nicht hier bleiben.“
Der Oberst gehorchte und kehrte heim.
Als er die Tür seines Zimmers öffnete, sah er einen Brief auf dem Schreibtisch liegen. Er nahm ihn und wäre vor Ueberraschung und Bewegung beinahe zusammengebrochen, denn er hatte die Schrift seiner Frau erkannt, dabei war der Brief vom gleichen Tag gestempelt. Er riß das Kouvert auf und las:
„Vater! Erlaube mir, Dich noch Vater zu nennen wie früher. Wenn Du diesen Brief er⸗ hälst, bin ich tot und begraben. Vielleicht kannst Du mir dann vergeben. Ich will nicht versuchen, Dich weich zu stimmen, noch meinen Fehler zu entschuldigen. Ich will nur mit der ganzen Offenheit einer Frau, die in einer Stunde in den Tod geht, Dir die ganze volle Wahrheit sagen. Als Du mich aus Großmut. geheiratet hattest, hatte ich mich Dir in Dank⸗ barkeit geweiht und Dich mit der ganzen Em⸗ pfindung meines Mädchenherzens geliebt. Ich liebte Dich so, wie ich Papa liebte, beinahe eben so sehr. Und eines Tages, als ich auf Deinen Knieen saß und Du mich küßtest, habe ich Dich, ohne es zu wollen, Vater genannt. Es war ein instinktiver, plötzlicher Ruf aus innerstem Herzen, Du warst wirklich für mich,
wie ein Vater. Du lachtest und sagtest zu mir:
„Nenne mich immer so, Kindchen, das macht mir Spaß“. Wir sind in diese Stadt gekommen, und verzeih Vater, ich verliebte mich. O, ich habe lange, beinah zwei Jahre lang, wider⸗ standen. Deine Augen lesen richtig: fast zwei Jahre lang. Aber dann bin ich unterlegen, schuldig geworden, ward eine verlorene Frau.
„Und er? Du wirrst nicht erraten, wer es ist. Ich bin ganz beruhigt darüber, denn ein Dutzend Offiziere, die Du meine zwölf Tra⸗ banten nanntest, waren immer um mich und mit mir. Vater, suche ihn nicht ausfindig zu machen und hasse ihn nicht. Er hat das ge⸗ tan, was irgend ein anderer an seiner Stelle auch getan haben würde. Und dann bin ich gewiß, daß er mich aus tiefster Seele liebte.
Aber nun höre mich an. Eines Tages hatten
wir ein Stelldichein auf der Schnepfeninsel, weißt Du, die kleine Insel unterhalb der Mühle. Ich sollte hinüberschwimmen und er wollte
mich im Gebüsch erwarten. Und dann wollte er bis zum Abend dort bleiben, daß man ihn nicht zurückkommen sähe.
ihm zusammengetroffen, als sich die Zweige auseinanderbogen und wir Philipp sahen, Dei⸗ nen Burschen, der uns überrascht hatte. Ich fühlte, wir waren verloren, und er schrie laut:;
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beluhig Welche
wir eh wenn tiefer. Ich ga ich mi sem K suche! — daf sehen indem


