Ausgabe 
10.4.1904
 
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Nr. 15.

Mitteldentsche Sonntaas⸗Zeitung.

Seite 3.

letzten Tagen haben wieder zwei katholische Geistliche ihr Priesteramt aufgegeben und sind aus der Kirche ausgetreten: der Abbe Peyron in Toulon und der Abbé Celly, Pfarrer von Testinolieres. Beide haben ihren Schritt in offenen Briefen an ihre Bischöfe begründet. Insbesondere der Brief des Abbé Peyron ist ein menschliches Dokument voll bitterer An. klagen gegen dieMutter Kirche. Jesus, schreibt Peyron, hat keinen Mummenschanzkultus angeordnet, keine intoleranten Dogmen formu⸗ liert, hat niemanden vom Himmelreich ausge⸗ schlossen ausgenommen die Pharisä er und die Priester. Der Katholizismus aber, der der Erbe seines Gedankens, der Fortsetzer seines Werkes zu sein behauptet, predigt den Haß, errichtet Scheiterhaufen, er stickt das Denken, widersetzt sich dem Fortschritt und der Gerech⸗ tigkeit, tötet den Willen, trocknet Herz und Gehirn aus, verdum mt die Gläubigen durch die lächerlichsten Praktiken und macht aus der erhabenen Religion Jesu den gröbsten Fetischis⸗ mus(Bilderdienst) und die bedrückendste Ty⸗ rannet. Das Konterfei ist nicht eben ge⸗ schmeichelt. Aber ein ehemaliger Priester muß es ja wissen!

Neue Judenhetzen in Rußland.

In Odessa werden neue Gewalttaten gegen die Juden vorbereitet. Wie berichtet wird, soll das hauptsächlichste Agitationsmittel die Be⸗ schuldigung bilden, daß die Juden am Kriege mit Japan schuld seien und mit den Ja⸗ panern sympathisteren. Es heißt zwar, die Ortsbehörden seien angewiesen, strenge Maß⸗ regeln zur Aufrechterhaltung des Friedens und der öffentlichen Ruhe zu ergreifen, doch ist nach den gemachten Erfahrungen darauf wenig zu geben. Es ist nach allem sehr möglich, daß es bald wieder zu neuen Greueltaten kommt.

Russisch⸗japanischer Krieg.

Die Nachrichten vom Kriegsschauplatze, die in den letzten Tagen eingelaufen sind, meldeten schnelles Vordringen der Japaner gegen den Jalufluß(der Nordgrenze Koras) hin, über den sich die Russen bereits zurückgezogen hätten. Korea wäre von den Russen bereits vollständig geräumt, so daß keine Kämpfe mehr auf korea⸗ nischem Boden möglich seien, da der japanische Vormarsch in Massen eine Rückkehr der Russen absolut verhindere. Eine weitere Meldung be⸗ hauptete, daß die japanische Armee unter Ge⸗ neral Kuroki jetzt in der Lage sei, jederzeit den Uebergang über den Jalu erzwingen zu können, doch es scheine, als ob die Vollendung der zweiten japanischen Mobilisterung abge⸗ wartet würde.

Ueber die Stellung der japani⸗ schen Soztalisten zum Krieg spricht sich der Führer derselben, Sen Katahama, der sich gegenwärtig in Amerika befindet, in einem Artikel aus, den er in derSozialist. Revue in Chicago veröffentlicht. Er schildert die Pro⸗ testbewegung der japanischen Sozialisten und faßt deren Einwände gegen den Krieg zusammen wie folgt: Die große Masse der japanischen Soldaten gehört der Arbeiterklasse an; es ist die Arbeiterklasse, die deshalb vom Kriege am meisten zu leiden hat; nach dem Kriege ist es wiederum die Arbeiterklasse, welche den größten Teil der Kriegskosten aufzubringen hat. Dazu höchst wahrscheinlich die Kosten für Vermehrung von Militär und Flotte; im Kriege fechten japanische Arbeiter gegen russische Arbeiter, zwischen denen selbst keinerlei Feindschaft be⸗ steht. Katayama schließt:Ich bin gegen den Krieg, aber als ein Japaner wünsche ich nicht, daß Japan von Rußland bestegt werde; von kem Rußland, das in Kischinew die Juden hinschlachtete und das die Finnen und andre Nationen in brutalster Weise unterdrückt und die Arbeiter und andere Freiheitskämpfer miß⸗ handeln und totschießen läßt. Aehnlich haben

uch auch die rusfischen und andere Soztaldemo⸗ kraten ausgesprochen.

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Soziales, Gewerkschastliches, Arbeiterbewegung.

Der wabre Zweck der christlichen Gewerkschaften. Im Saargebiet wird die Generalkommisston der Gewerkschaften Deutsch⸗ lands in nächster Zeit ein Arbeitersekre⸗ tariat errichten. Es muß von jedem Menschen⸗ und Arbeiterfreund aufs freudigste begrüßt werden, daß durch diesen Schritt den Lohn⸗ sklaben an der Saar, im Königreich Stumm, endlich auch die gewerkschaftliche Organisation in weiterem Maße zugänglich gemacht werden soll. Die Zustände in Saarabien sind so weltberüchtigt, daß über die große Bedeutung des von der Generalkommisston vorbereiteten Unternehmens kein Wort weiter gesagt zu werden braucht. Hoffen wir, daß den Arbeitern an der Saar nun bald etwas Licht und Freiheit zu teil werde. Kaum ist der Plan der General⸗ kommission bekannt geworden, da werden auch die christlichen Arbeiterzersplitterer munter. Wenn es nach den Führern der christlichen Gewerkschaften ginge, könnten die Arbeiter in Hunger und Elend verkommen; sie würden keinen Finger rühren. Sobald es aber den freien Gewerkschaften gelingt, nach hartem Kampf endlich in rückständigen Gegenden Ein⸗ gang zu finden, sofort kommen auch die christ⸗ lichen Quertreiber mit ihren Sondergewerk⸗ schaften, um die Geschäfte der Zentrumspartei zu besorgen. DieKöln. Volksztg. brachte einen Artikel aus Saarbrücken zu dem Plan der Generalkommission, worin zur Einführung der christlichen Gewerkschaften aufgefordert wird. Der Schreiber verleumdet das Unternehmen der Generalkommisston, als parteipolitisch, als sozialdemokratisch, obwohl es aus rein gewerk⸗ schaftlichen Erwägungen entsprungen ist.

In dem erwähnten Artikel werden die christlichen Gewerkschaften aufgefordert, nun ihrerseits auch ein Sekretariat zu errichten, da die Arbeits verhältnisse im Saargebietviel zu wünschen übrig ließen. Das hat aber bis her die christlichen Gewerkschaften nicht veranlaßt, die Arbeiter des Saargebietes zu organisteren und ein Sekretariat zu errichten. Nun aber, wo die freien Gewerkschaften kommen und den Arbeitern den Segen der Organisation bringen wollen, nun entdecken die christlichen Gewerkschaftsführer ihr Herz und wollen dem Saargebiet eine erhöhte Aufmerksamkeit zuwenden. Wo wäre es wohl nötiger als an der Saar, wo das brutalste Unternehmertum herrscht, daß die Arbeiter in einiger und geschlossener Macht ihm gegenüber stehen? Kaum aber ist der erste Schritt dazu getan, sofort kommen die sich christlich schimpfenden Arbeiterverführer, um Zwietracht und Zersplitterung unter die Arbeiter zu 9 Dies Treiben ist geradezu Arbeiter⸗ verra

Zur Gewerbegerichtswahl in Offen⸗ bach. In voriger Nummer waren in einem Teile der Auflage die Wahlziffern über die Gewerbegerichtswahl in Offenb ach nicht rich⸗ tig wiedergegeben. Es wurden auf der Ar- beiterseite insgesammt 4987 Stimmen ab⸗ gegeben, davon 4359 auf die Liste der freien Gewerkschaften und 628 auf diejenige der christlichen Arbeiter. Wie schon bemerkt, war die Beteiligung eine außerordentlich starke und unsere Genossen trugen einen bedeutenden Er⸗

folg davon. Während vor 3 Jahren nur 1518

Stimmen für die Liste des Gewerkschaftskartells abgegeben wurden, hat sich diese Zahl dies⸗ mal fast verdreifacht, trotzdem die Macher der christlichen Bewegung sowie das Offen⸗ bacher Amtsblatt in der niedrigsten und gehässigsten Weise gegen die freien Gewerk⸗ schaften kämpften und ihre Kandidaten ver⸗ dächtigten. Die 628 christlichen Stimmen dürften zum größten Teile von Arbeitern vom Lande stammen, die in Offenbach beschäftigt sind. Nach dem Proportionalsystem entfallen also 17 Bei⸗ sitzer auf die Liste der freien Gewerkschaften, 3 auf die christliche. Auf der Arbeit⸗ geberseite wurden 912 Zettel abgegeben. Davon erhielten die bürgerliche Liste 831, die derFreien Vereinigung 65 Stimmen. Letztere erhält somit einen Beisitzer, die ersteren 19. Ar⸗

beitgeber⸗ und Arbeitnehmer⸗Beisitzer zusammen⸗ gerechnet, befinden sich unsere Genossen immer⸗ hin in der Minderheit.

rr ·˙» Von Nah und Fern.

Hessisches.

.Die beleidigten Hessen. Wegen des Abdrucks der Kriegsbriefe des Generals v. Kretschmann ist nun wahrhaftig gegen die Redakteure derMainzer Volksztg. Ade⸗ lung und Döller Anklage erhoben worden. Bekanntlich wird in den Kriegsbriefen behauptet, daß hessische Truppen im Jahre 1870 in dem französischen Orte Sens, wo sie einquartiert waren, geplündert hätten. Der Stcafantrag ist von einigen hessischen Offtzieren gestellt wor⸗ den. Auf die Verhandlungen kann man wirk⸗ lich gespannt sein. Ob die hessischen Patrioten und Kriegervereinler etwa behaupten wollen, daß in diesem Kriege alles so glatt und ge⸗ mütlich zugegangen sei? Hunderte von bekannt gewordenen Fällen beweisen das Gegenteil. Es wäre geradezu wunderbar, wenn derartiges nicht vorgekommen wäre; Plünderungen, Raub und Mord sind, wenn auch nicht geradezu not⸗ wendige, so doch regelmäßige Begleiterschein⸗ ungen aller Kriege. Und daß der Krieg von 1870 eine Ausnahme bilden, die Hessen kein Wässerchen getrübt haben sollten, ist nicht wohl anzunehmen. Und dann: Will man einen königlich preußischen General von tadellos patrio⸗ tischer und monarchischer Gesinnung als Lügner hinstellen?

Für die Viehseuchen wird von agrarischer Seite stets das ausländische Vieh verantwortlich gemacht. Deswegen haben denn auch die Agrarterim Interesse der Volksge⸗ sundheit nicht etwa zur Erzielung höherer Viehpreise die Grenzsperre durchgesetzt. Aber trotz der Grenzsperre haben die Seuchen kanm abgenommen, wie man sich aus den Be⸗ kanntmachungen der Behörden überzeugen kann. Sogar Trichinose ist nicht selten, wie aus einer Mitteilung des hessischen Ministeriums an die Kreisämter hervorgeht. Darin wird ge⸗ sagt:Vereinzelt werden fast alljährlich in den⸗ jenigen Städten, in welchen, wenn auch fakul⸗ tativ, die mikroskopische Fleischbeschau geübt wird, nicht allein in eingeführten, son⸗ dern auch in hier zu Lande gezüchteten und gemästeten Schweinen Trichinen aufgefunden. Es konnte deshalb auch nicht fehlen, daß Trichinose⸗ Erkrankungen be⸗ obachtet wurden, die zwar meist gutartig waren, deren letzte jedoch auch einen Todesfall herbei⸗ führte. Es wird dann weiter darauf hinge⸗ wiesen, daß man sich vor der Trichinosts nur schützen könne, wenn alle Schweinefleischstücke völlig gar gekocht oder durchgebraten seien, vor allen Dingen müsse aber entschieden vor dem Genusse vor rohem Schweinefleisch gewarnt werden. Diese amtliche Bekanntmachung ist wie⸗ der ein kleiner Beleg für die Unwahrhaftigkeit der agrarischen Agitation.

Dem Großherzog wird seine neuer⸗ liche Unterredung mit dem Genossen Ulrich auch von diversen hessischen Ordnungsblättern übel vermerkt. So von dem Heylsorgan in Worms und dem nationalliberalen Darmstädter Tägl. Anzeiger. Letzteres Drehscheiben⸗Organ belehrt den Großherzog über die umstürzlerische Scheusäligkeit der Sozialdemokratie und be⸗ sonders darüber, daß sie in erster Linte die Abschaffung der Monarchie erstrebe. Ob das auf den Großherzog Eindruck machen und ihn veranlassen wird, sich künftig nur mit National⸗ liberalen unterhalten wird, dürfte einigermaßen zu bezweifeln sein. Eine Dummdreistigkeit uud Verlogenheit leistet sich aber das Darm⸗ städter Blatt mit der Behauptung, in unserer Partei würde die Unterhaltung agitatorisch ausgebeutet. Diese niedrige Verleumdung weist selbst dieKl. Presse ein bürgerliches Blatt fogendermaßen zurück:

Eine direkte Enstellung aber ist es, weun man behauptet, von den sozialdemokra⸗ tischen Kreisen würde die Unterhaltung mit dem Großherzog zu agitatorischen Zwecken