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Seite 2.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 15.
Landesversammlung war von 292 Delegierten besucht. Sie beschäftigte sich besonders mit der Gemeindereform. Die Berichte konstatier⸗ ten, daß in ganz Württemberg gute Fortschritte der Sozialdemokratie zu verzeichnen sind.— Auf dem sächsischen Parteitag beschäftigte man sich besonders mit der Zschopauer Wahl und der Angelegenheit Göhre. Nach eingehender und sachlicher Erörterung einigte man sich auf eine Resolution, welche die Entscheidung über Kan⸗ didaten⸗Aufstellungen dem Parteivorstand zu⸗ weist, wenn sich die Wahlkreisorganisationen mit den Agitationskomités darüber nicht einigen können.
Im Auslande fanden sozialdemokratische Kongresse in der Schweiz, in Ungarn und in Belgien statt. Ueber den belgischen finden unsere Leser in anderer Stelle einige nähere Angaben. Auf dem ungarischen Kongreß in Bu dapest waren 665 Delegierte anwesend. Der erstattete Jahresbericht läßt er kennen, daß die Organisation der ungarländischen Arbeiter ganz bedeutende Fortschritte gemacht hat. Auch dieser Kongreß, der einen würdigen Verlauf nahm, beweist wie alle übrigen, daß die sozia⸗ e Bewegung unaufhaltsam vorwärts
ringt.
Die Zschopauer Wahl
hat natürlich zu langen Artikeln in der Partei⸗ presse Veranlassung gegeben, in denen über die Ursachen unserer Niederlage tiefsinnige Betrach⸗ tungen angestellt werden. Einerseits wird Göhre die Schuld an dem Ausfall der Wahl gegeben, anderseits den Komités, die ihn zur Niederlegung der Kandidatur veranlaßten. Wir meinen, beides trifft nicht zu. Schuld an der Niederlage ist mangelhafte Organisation in diesem Kreise. Zweifellos hat auch die schwindelhafte Agitation der Antisemiten manche bürgerlichen Wähler zur Urne gebracht, die sonst zu Hause geblieben wären. Im ganzen haben sich unsere Genossen noch ganz gut ge⸗ schlagen; unsere Stimmzahl ist trotzdem höher als bei der Wahl von 1898. Und trotz der Göhre⸗Differenzen ist nicht eine einzige Stimme für Göhre abgegeben worden. Das ist ein Beweis ausgezeichneter Disziplin. Den Zimmer⸗ mann wird sich übrigens der Kreis bald wieder vom Halse schaffen, das ist sicher!
Gemeiner auntisemitischer Schwindel.
Heber die Wahlbewegung im Zschopauer Kreise hat das Berliner Pücklerorgan, die „Staatsbuͤrgerzeitung“ einen ganzen Sack voll der unerhörtesten Lügen verbreitet. Unter anderm brachte das ehrenwerte Zeitungspapier folgen⸗ den Schwindel über den Genossen Bebel:
„Am Abende vor seiner Ankunft lief im Hotel„Gerichtsschänke“ ein Telegramm fol⸗ genden Inhalts ein:„Bitte die drei besten 3 957 75 für mich zu reservieren. Bebel.“
te drei Zimmer wurden reserviert und Bebel hat in ihnen residiert wie ein Fürst.“
Bebel schickte darauf dem Blatte folgende Berichtigung:
„Diese Angaben sind von A bis 3 erlogen. Die Wahrheit ist: Freunde von mir ließen ein einfaches Zimmer für mich reser⸗ 5 205 das ich mit dem üblichen Preise be⸗ zahlte.“
In der Wahlbewegung im Zschopauer Kreise ist von den Antisemiten in fast unglaub⸗ licher Weise geschwindelt worden. Es ist eine alte Wahrheit, sagt der Vorwärts dazu, daß es keine gemeinere und verlogenere Partei als die antisemitische giebt.
Aus der Ferienkolonie.
Eine statistische Aufzeichnung der Sol- datenschindereien im ersten Vierteljahr 1904 zeigt wiederum erschreckende Zahlen. Es wurden in dieser Zeit gegen militärische Vor⸗ gesetzte im ganzen 11 Jahre 4 Monate 26 Tage Freiheitsstrafen, 5 Degradationen und 2 Dienstentlassungen wegen Mißhandlung und Beleidigung Untergebener verhängt. Diese Ziffer gewinnt noch eine schwerwiegendere Be⸗ deutung, wenn man erwägt, wie milde im Allgemeinen die Mißhandlungen bestraft wer⸗
den und wie viele überhaupt nicht zur Anzeige und nicht zur Bestrafung gelangen.— Beson⸗ ders wenn Offiziere wegen Mißhandlungen abgeurteilt werden, pflegen die Strafen nicht allzuschwer aus zufallen. So erhielten der Ober⸗ leutnant v. Kunowsky vom preußischen In⸗ fanterie⸗Regiment Nr. 94 6 Wochen Festungs⸗ haft, Oberleutnant Karl Schulze 14 Tage Stubenarrest, Leutnant Wilhelm v. Ger⸗ mer 2 Monate Festungshaft, Leutnant Wilhelm Walter vom bayrischen 17. Infan⸗ teri⸗Regiment 35 Tage Stubenarrest, bay⸗ rischer Reserveleutnant Eyßen 2 Tage Stuben⸗ arrest. Ein besonders schwerer Fall war der
des Leutnants v. Schweinichen vom Metzer
Königs⸗Infanterie⸗Regiment, der zu einem Jahre und 1 Monat Festunghaft und Dienstentlassung verurteilt wurde. Dieser erstklassige Mensch be⸗ leidigte u. a. in der Trunkenheit einen bayri⸗ schen Feldwebel, mißhandelte einen wachthaben⸗ den() bayrischen Gefreiten, warf einen bay⸗ rischen Artilleristen aus dem Bett und legte sich selbst hinein, um seinen Rausch auszuschlafen. Außerdem wurden ihm noch zahlreiche andere Mißhandlungen Untergebener nachgewiesen.
Einige in den letzten Wochen erfolgte Ver⸗ urteilungen von Soldatenschindern seien hier noch angeführt.— Ganze neun Tage Stu⸗ benarrest erhielt der Leutnant Hans von Rochow in Magdeburg wegen Mißhandlung Untergebener. Der noch jugendliche Leutnant prügelte einen Ulanen beim Turnen.— Das Kriegsgericht in Neiße verurteilte den Unteroffizier Mitschke vom 6. Fußartillerie⸗ regiment wegen Mißhandlung Untergebener in 87 Fällen zu drei Monaten Gefängnis.— Mit 12 Tagen Mittelarrest kam der Unterofftzier Stolper vom 11. Grenadier⸗ regiment davon, obwohl er den Grenadier Trenke so geohrfeigt hatte, daß eine dauernde Verletzung des Trommelfells und eine Gehör⸗ minderung eintrat.— Wegen Mißhandlung Untergebener in 156 Fällen wurde vor Kur⸗ zem der Sergeant Becker vom Pionierbataill. Nr. 21 in Mainz zu einem Jahr Gefängnis und Degradation verurteilt. Dieser Schinder quälte die Soldaten monatelang in der raffintertesten Weise.— Sehr gelinde kam auch der Un⸗ teroffizier Reinhardt vom Infanterie⸗Regi⸗ ment Nr. 153 weg, der für 40 Fälle von Mißhandlungen nur 6 Wochen Mittel⸗ arrest vom Kriegsgericht in Halle zudiktiert erhielt! Dabei hat dieser Stellvertreter Gottes einen Musketier elfmal zu verschiedenen Zei⸗ ten ins Gesicht geschlagen; einen andern mit der Faust unter das Kinn gestoßen. Die gleiche Mißhandlung ist dem Musketier Martin zuge⸗ fügt worden, der auch zwei Ohrfeigen erhielt, die er aber verschuldete. Musketier Zahn ist „nur leicht“ viermal in die Backe gekniffen worden, hat sechs„leichte“ Schläge gegen die Backe erhalten und bekam sonst noch Stöße und Püffe, ebenso noch andere seiner Leidens⸗ gefährten.— Der Unteroffizier Brawers in Cleve hatte sogar 367 Mißhandlungen auf dem Kerbholz. Das dortige Kriegsgericht verurteilte ihn zu einem Jahr Gefängnis. Da kommt also auf jeden Fall noch nicht einmal ein Tag Gefängnis!— Von einer andern Kriegsgerichtsverhandlung, die in Erfurt gegen den Unteroffizier Zimmermann geführt wurde, wird berichtet, daß dieser Angeklagte die Soldaten mit den Stiefeln ins Ge⸗ sicht trat!
Kurz, eine so endlose Reihe von Scheuß⸗ lichkeiten und Brutalitäten passteren in unserm herrlichen Kriegsheere, daß es nicht möglich ist, ste alle anzuführen. Man muß sich nur immer wieder darüber wundern, daß die Ge⸗ quälten nicht von dem Rechte der Notwehr Gebrauch machen. Noch mehr aber darüber, daß es unter den Geschundenen noch welche giebt, die nach ihrer Dienstzeit noch dem Krie⸗ gerverein beitreten!
Unterdessen macht man in Bayern we⸗ nigstens den Versuch, die Soldatenschindereien etwas nachdrücklicher zu bekämpfen. Ein Er⸗ laß des Generalkommandos des III. bayr. Armeekorps wendet sich in sehr eindringlichen Worten an die militärischen Vorgesetzten, alles
zu tun, um Ausschreitungen und Rohheiten zu vermeiden. Das ist sicher alles recht gut ge⸗ meint und die höhern Vorgesetzteu mögen auch den besteu Willen haben, den scheußlichen Zu⸗ ständen entgegenzuwirken, trotzdem sind wir der Meinung, daß diese Ermahnungen ebenso frucht⸗ los wie frühere bleiben müssen. So lange das heutige System des Militarismus aufrechter⸗ hoffen bleibt, ist auf eine Besserung nicht zu offen.
Wie in Afrika„kultiviert“ wird.
Ueber die Ursachen des Herero⸗Aufstandes wurde kürzlich von Seiten der Missionare nach Deutschland berichtet. Es war darin angeführt, daß die von den Weißen ausge⸗ übten zahlreichen Grausamkeiten sowie die Praktiken der Händler die Hereros bis zur grenzenlosen Erbitterung gereizt und ste zu ihren Rachemaßregeln hingerissen haben. Man hat versucht, die Glaubwürdigkeit der Berichte der Missionare in Zweifel zu ziehen, um die schuldigen Weißen zu entlasten. Gegen diese Versuche wehrt sich jetzt Pastor Haußleiter, Inspektor der Rheinischen Missionsgesellschaft, in einer im„Reichsboten“ veröffentlichten Erklärung. Er führt aus:
„Wenn jemand die materiellen egoistischen In⸗ teressen den allgemeinen Grundsätzen der Menschlichkeit und Sittlichkeit übe rordnet, so ist er bei Licht besehen doch nichts anderes als ein Barbar, mag er nebenher noch so gebildet und vermögend sein. Solche Phäno⸗ mene einer übersättigten Kultur begegnen uns heute af Schritt ünd e
Und zu den berichteten angeblichen Greuel⸗ taten der Herero sagt die Erklärung:
„Wenn jetzt allerlei heidnische Grausamkeiten verübt worden sind, so ist das sehr zu beklagen. Es darf aber nicht allen Hereros zur Last gelegt werden. Die Hin⸗ schlachtung wehrloser Frauen ist bis jetzt noch in keinem einzigen Fall nachgewiesen; wohl aber verdankte eine ganze Reihe der armen Farmerswitwen ihre Rettung einzelnen Hereros und den Misstonaren. Wäre die Mission nicht im Lande gewesen, wie ganz anders noch hätten die verblendeten Wilden gehaust! Man denke nur an ihre früheren Kriege gegen die Namas!
Es kann nicht scharf genug betont werden, daß es sich heute nicht um einen Rassenkampf zwischen Schwarz und Weiß, sondern um einen nationalen Aufstand und Rachekrieg handelt, bei welchem, so schrecklich er geführt wird, doch immer noch gewisse Rücksichten bestehen und jedenfalls auf unserer Seite aufrecht erhalten werden müssen.“ l
Das mächtige Anklagematerial, was die Missionare gegen die europäischen„Zivilisatoren“ zusammengestellt haben, wird jedenfalls im Reichstage einer eingehender Erörterung unter⸗ zogen werden.
Die belgische Sozialdemokratie
hielt an den Osterfeiertagen ihren Parteitag in Brüssel, zu dem 488 Delegierte erschienen waren, ab. Es wurden zunächst auf Antrag Vanderveldes Sympathie⸗Erklärungen an die russische und die japanische Sozialdemokratie beschlossen. Ferner wird ein Antrag angenommen, der das Wahlrecht der Frauen für Ar⸗ beitsräte u. Einigungsämter(Gewerbe⸗ gerichte) fordert. Bet der Diskusston über die Taktik der Partei tritt Vander vel de in einer begeisternden Rede für eine Resolution ein, welche für die bevorstehenden Wahlen ein Zu⸗ sammengehen mit den Etberalen für die Er⸗ kämpfung der bekannten demokratischen Grund⸗ forderungen zugibt, aber gleichzeitig mit dem Kampf gegen den Klerikalismus auch den gegen den Kapitalismus verlangt. Ein früherer Be⸗ schluß, wonach in den sozialistischen Genossen⸗ schaftshäusern kein Alkohol zum Ausschank gelangen soll, wird erneuert und streng durchzu⸗
führen beschlossen. Schließlich werden Anseele
und Vandervelde als Delegierte zum Amster⸗ damer internationalen Kongreß gewählt und tatkräftige finanzielle Unterstützung der streikenden Diamantarbeiter in Antwerpen beschlossen.
Abtrünnige Priester.
Im französischen Klerus herrscht gegenwär⸗ tig eine starke Gährung, deren Ursache haupt⸗
sächlich die Verfolgung des Reformkatholizis⸗ In den
mus durch die römische Kurie ist.
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