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meßen, den 10. April 1904.
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stehende Stilllegung hervorgerufen wird, nimmt stetig zu. Die Ge⸗
namentlich aber die heschädigten Bergarbeiterbevölkerung, sehen in
5 Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
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Gegenwartsstaat.
Im Ruhr⸗Kohlenbezirk vollziehen sich gegen⸗ wärtig Dinge, welche den Kapitalismus und seine Verderblichkeit für das Volksganze im schönsten Lichte zeigen. Es handelt sich um Maßnahmen der Gruben⸗Kapftalisten, welche für große Bevölkerungsschichten den wirtschaft⸗ lichen Ruin bedeuten. Das Kohlensyndikat hat nämlich für die beteiligten Werke eine Höchstziffer der Kohlenförderung festgesetzt, die eine Einschränkung der technisch möglichen För⸗ derungsmengen bedeutet. Die großen Riesen⸗ aktlengesellschaften unter den Werken suchen nun in der Weise zur vollen und schnelleren Ausnützung ihrer Kohlenschätze zu kommen, daß ste kleinere Gruben aufkaufen und dann still legen. Die so frei gewordene Förderungsmenge wird nun den großen, technisch besser eingeübten Werken zugeschlagen. Eine Maßregel, die vom Standpunkt der Wirtschaftlichkeit nur zu billigen ist, die die großen Trusts Amerikas auch an⸗ gewandt haben und die in einer zweckmäßig organisterten Wirtschaftsordnung nur gute Fol⸗ gen haben würde, in unserer jetzigen Ordnung aber nur Not und Elend gebiert.
Die schlimmste Seite des Syndikatswesens und überhaupt der Kapitalskonzentration zeigt sich hier. Ist ein Erwerbszweig in der Hand weniger Privutgesellschaften monopolisiert, dann können diese eine Herrschaft ausüben, wie sie polttisch nicht einmal ein Monarch hat. Der produzierende Arbeiter, das konsumierende Volk und der Staat, ste sind fast gleichermaßen von der Willkür solcher Gesellschaften abhängig. Und die Bergwerksgesellschaften gebrauchen ihre Macht rückfichtslos, wie es sichs nur erdenken läßt. Heute stellen sie Tausende von fremden Arbeitern ein, morgen werfen sie Tausende der eingesessenen Bergbevölkerung auf die Straße. Um die Pflichten der Menschlichkeit kümmern sie sich nicht. Was fragen sie nach dem Wohl⸗ befinden der Arbeiterfamilie!
Die Arbeiter der stillgelegten Gruben wer⸗ den einfach entlassen— was kümmerts das Kapital, was aus den Leuten wird. Niemand denkt daran, die Arbeitszeit in den andern Gruben zu verkürzen, daß die Entlassenen wie⸗ der Arbeit finden. Aus der Arbeiterschaft ein⸗ zelner Bergwerke besteht fast die ganze Bevöl⸗ kerung gewisser Orte des Ruhrrepiers, von ihr lebt die ganze Schaar der Geschäftsleute. Ge⸗ meinde und Geschäfte werden durch die Politik der großen Bergwerksgesellschaften in ihrer Existenz bedroht. Und so brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn dem Berliner Tagebl. gemeldet wird:
Die Erregung in allen Schichten der Be⸗ völkerung, welche durch den beabsichtigten An⸗ kauf von Zechen durch große Bergwerksunter⸗ nehmungen und die damit in Verbindung einer Bergwerksbetriebe
meindebehörden, der gewerbliche Mittelstand, große Masse der dadurch
einer solchen Stilllegung ihren wirtschaftlichen Ruin und erheben lauten Protest. In einer im Bezirke der Zeche Bickefeld⸗Tiefbau in Hörde abgehaltenen großen öffentlichen Volksversamm⸗ lung, an der alle Klassen der Bevölkerung teil⸗
nahmen, wurde eine Resolution an die Staats⸗ regierung angenommen; sie weist darauf hin, daß durch die Stilllegung verschiedener kleiner Zechen die bergarbeitende Bevölkerung der Ar⸗ beitslosigkeit anheimfällt oder zum Verzuge ge⸗ zwungen wird; daß hierdurch aber viele andere Berufsklassen, Handwerker, Aerzte, Kaufleute, Landwirte ihren Kundenkreis verlieren und dem Ruin verfallen. Es heißt in der Resolution, daß die Kommunen,„die durch die bisherige, durch den Zechenbetrieb stark augewachsene Be⸗ völkerung zu ganz enormen Ausgaben für Schul⸗, Kirchen⸗ und Verwaltungszwecke ge⸗ zwungen worden sind, nach Verlust eines steuer⸗ kräftigen Bevölkerungsteiles die zu obigen Zwecken kontrahierten Schulden nicht zu zahlen vermögen; daß ferner die Aufstellung der Ge⸗ meindehaushaltspläne durch die plötzlichen Steuerabgänge illusorisch gemacht werden; alle Unternehmungslust werde gelähmt und der Staat werde durch den Untergang blühender Gemeindewesen eine ungeheuere Einbuße erleiden; der Staat dürfe daher nicht dulden, daß diese Kulturstätten zur Einöde würden.“ Schließlich wird die Regierung gebeten, zur Rettung der schwer bedrängten Gemeinden einzuschreiten, was am sichersten dadurch erreicht werde, daß der Staat die kleinen Zechen erwerbe.
So verbreiten die großen Kapitalistenver⸗ einigungen Schrecken und Not im Ruhrrevier. Aber kühl lächelnd können die Herren Unter- nehmer über alle die lebhaften Beschwerden und Klagen der Arbeiter und kleinen Leute hinweggehen, sie machen ja nur legalen Gebrauch von ihrem gesetzlich geschützten Eigentum. Was dadurch für andere Menschen entsteht, danach
zu fragen sind sie nach dem Rechte der kapita⸗ listischen Gesellschaftsordnung nicht verpflichtet. Jeder für sich— und wer keinen Geldsack er⸗ wirbt, möge sehen, wo er bleibe.
Gießen, den 7. April 1904.
Zwanzig Jahre Kampf.
Das Zentralorgan unserer Partei, der „Vorwärts“ hatte am 30. März das Alter von 20 Jahren erreicht. Am 30. März 1884 erschien die Probe⸗Nummer des„Berliner Volks⸗ blattes“, nachdem Berlin über fünf Jahre ohne sozialdemokratische Presse gewesen war. Die Versuche der Parteigenossen, für die im Oktober 1878 auf Grund des Sozialistengesetzes ver⸗ botene„Freie Presse“ durch Herausgabe ganz harmloser Blätter einen teilweisen Ersatz zu schaffen, scheiterten an der Bismarckschen Polizet⸗ brutalität, die selbst dem rigorosen Soztalisten⸗ gesetz entgegen auch solche Blätter gleich am Tage ihres Erscheinens unterdrückte, in denen von sozialdemokratischen Bestrebungen, geschweige denn von Handlungen gegen das Ausnahme⸗ gesetz, auch nicht entfernt die Rede war. Das Blatt umschiffte glücklich die Klippen des Schandgesetzes. Nur eine Nummer, die bom 23. Oktober 1887, wurde verboten. Natürlich hatte das„Berliner Volksblatt“ anfänglich einen schweren Stand. Nach mehrmonatlichem Bestehen erschien das Blatt in einer Auflage von rund 2400 Exemplaren. Die Agitation bei den Reichstagswahlen im Herbst 1884, deren
Ertrag in der Eroberung des vierten und sechsten Berliner Reichtags⸗Wahlkreises bestand, brachte auch der Zeitung einen Zuwachs an Abonnenten; jedoch betrug die Auflage Anfang 1890 immer⸗ hin erst 10000 Exemplare. Ein Jahr darauf, nach Aufhebung des Sozialistengesetzes, waren es einige zwanzigtausend, nach zehnjährigem Bestand 1894 ungefähr 43000 und heute, nach 20 Jahren, 83000 zablende Abonnenten. Das ist gewiß ein schöner Ecfolg, aber der Kampf hat auch bedeutende Opfer gekostet. Nach einer Aufzählung, die auf absolute Ge⸗ nauigkeit keinen Anspruch macht, sind seit dem Falle des Gesetzes im Jahre 1890 bis zum heutigen Tage über die verantwortlichen Redakteure des „Vorwärts“ verhängt worden: 101 Monate Gefängnis, drei Monate Festungshaft und sechs Wochen Haft, ungerechnet die zahlreichen, sich in die Zehntausende Mark belaufenden Geld⸗ strafen. Die heute an unserem Zentralorgan tätigen Redakteure tragen im ganzen 108 Monate Gefängnis auf ihren Schultern; unbe⸗ straft ist keiner von ihnen.
Prügelkultur.
Die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung,“ das Mundstück der Reichsregierung, schrieb dieser Tage:
Wihrend in Dänemark die Parlamentsmehrheit die Einführung der Prügelstrafe für Roheitsver⸗ brechen als angemessen und vernünftig erachtet, erhebt sich bei uns ein wahnwitziges Geschrei seitens der Sozialdemokratie, wenn auch nur einmal ein Abgeordneter einen ähnlichen Standpunkt vertritt.
In der Tat hält die Sozialdemokratie die Knutenwirtschaft für ein gänzlich ungeeignetes Mittel zur Bekämpfung der Roheit. Auch die Häufung von Duellverbrechen, Soldatenmiß⸗ handlungen, Brüsewitze reien, Hüssene⸗ reien, die zahlreichen kolonialen Untaten in ihrer raffinierten Scheußlichkeit, die häufiger werdenden Mißhandlungen von Streikposten durch Arbeitswillige, ja durch Unternehmer— diese und zahllose andre Aeußerungen eines gewalttätigen Sinnes vermögen die Sozial⸗ demokratie von ihrer Ansicht nicht zu bekehren. Der Strafvollzug ist— wie zahlreiche Beispiele beweisen— wahrlich hart genug, und Mißgriffe sind nicht selten. Der Prinz Arenberg, der doch zweifellos ein Roheitsverbrechen begangen hat, ist später als geisteskrank erkannt worden. Würde die„Norddeutsche Allgemeine“ wünschen, daß dieser Herr ausgepeitscht worden wäre? Die Sozialdemokratie ist für solche Exekutionen, die die Roheit nur vermehren, nicht zu haben..
Daß aber ein Regierungs- und patentiertes Ordnungsblatt der Sozialdemokratie, der Partei des„rohen Pöbels“, der„Elenden“ Vorwürfe macht, daß sie bei solcher Roheits⸗ politik nicht mittun will, zeigt deutlich genug, wie die Dinge bei uns liegen.—
Sozialdemokratische Kongresse haben während der Osterfeiertage eine ganze Anzahl stattgefunden. Innerhalb Deutschlands tagten zunächst der württembergische Lan⸗ desparteitag in Stuttgart und der sächsische in Chemnitz. Außerdem fand der rheinische Parteitag in Köln und eine Konferenz sozial⸗ demokratischer Gemeinderäte der Pfalz in Neu⸗ stadt a. d. Hardt statt.— Die württembergische
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