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Seite 4.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 2.

Pon Nah und Fern.

Gießener Angelegenheiten.

Die Stadtverordneten hielten am Montag eine Sitzung ab. Vor Eintritt in die Tagesordnung beschwert sich Gen. Orbig, daß vielfach der Kreisausschuß Gesuche um Wirtschaftskonzessionen genehmigt habe, trotz⸗ dem sie vorher von der Wirtschaftskommission und der Stadtverordnetenversammlung abge⸗ lehnt wurden. Unter solchen Umständen habe die Kommission gar keinen Wert; man müsse gegen das Verfahren des Kreisausschusses pro⸗ testieren oder die Kommission, deren Mitglieder die Lust an ihrer zwecklosen Tätigkeit verlören, auflösen. Stadtverordneter Kirch schließt sich dem an. Der Oberbürgermeister erklärt, daß er sich niemals mit einer derartigen Nichtbe⸗ achtung der Stadtverordnetenbeschlüsse einver⸗ standen erklärt habe. Das Gesuch der deutsch⸗ amerikanischen Petroleum⸗Gesellschaft, betreffend die Genehmigung zur Errichtung eines Petro⸗ leumlagers wird abgelehnt, nachdem sich Krumm, Heichelheim und Georgi dagegen ausgesprochen. Ueber den Neubau der höheren und erweiter⸗ ten Mädchenschule entspann sich eine längere Debatte. Man will den Plan in der Fassade und auch in der innern Einrichtung ändern; letztere insofern, als man die Turnhalle in das Schulgebäude legen und einen Festsaal darüber im oberen Stock anordnen will. Die Architekten Stein und Meyer sollen den Plan dement⸗ sprechend umändern und dafür werden 1000 Mark gefordert. Mehrere Redner sind der Meinung, daß man einen Festsaal nicht brauche und außerdem solle doch das Stadtbauamt die Pläne umändern. Demgegenüber führt der Bberbürgermeister an, daß aus einer Reihe von Gründen die Sache noch teurer komme, wenn das Stadtbauamt mit der Aenderung betraut würde. Schließlich wird beschlossen, erst Schul⸗ gebäude in anderen Städten zu besichtigen, she weiter darüber verhandelt wird. Schließ⸗ lich kommt das Gesuch des Komités für Er⸗ richtung eines Theater- und Saal baues zur Verhandlung, das dahingeht, die Stadt⸗ vertretung wolle zustimmen, daß für den Bau der im städtischen Besitz befindliche Schülersche Garten an der Johannisstraße in Aussicht ge⸗ nommen und der Platz dem Komité zinslos überlassen werde. Dem stimmt die Versamm⸗ lung zu. Das Theater soll 700 Sitz⸗ und 150 Stehplätze erhalten. Die Kosten des Projekts werden auf 748 000 Mk. veranschlagt. Zur Erlangung von Plänen soll eine Konkurrenz ausgeschrieben werden.

Der Großherzog hat am ersten Weihnachtsfeiertage die Herberge zur Hei⸗ mat besucht und für jeden der dort logierenden Handwerksburschen ein Geldgeschenk 100 Mk. für zusammen etwa 90 Leute gespendet. Diese, wie wir gerne anerkennen, edle und menschenfreundliche Handlung, die vorher noch nie von einem Fürsten berichtet wurde, stellte ein Hamburger Scharfmacherblatt alsFrater⸗ utsteren mit der Sozialdemokratie hin und richtete einen wütenden Artikel gegen den Groß⸗ herzog. Das war aber selbst demGieß. Anz. zu dumm, er kanzelte seiuen Hamburger Ge⸗ stunungsverwandten gehörig herunter, nenut dessen Leistung albern und ungezogen und wirft ihmprähistorische Lebensauffassung vor. Da hat der Anzeiger ganz recht. Wir möchten aber in aller Bescheidenheit bemerken, daß das Gießener Amtsblatt oft genug, besonders zur Zeit der Reichstagswahl, Dinge über die So⸗ ztaldemokratie schrieb, die in bezug auf Albern⸗ heit ganz gut mit dem Hamburger Blatt kon⸗ kurrteren konnten. So weit sind wir heutzu⸗ tage, daß eine wohltätige und zweifellos echt christliche Handlung als sozialdemokratisch bezeichnet wird!

Für die Großherzogsspende, die von verschiedenen hessischen Staatsstützen und Ueber⸗Patrioten mit Hilfe von Polizei⸗ dienern und Schulkindern im Lande zusammen⸗ gefochten wurde, ist kein hoher Betrag aufge⸗ bracht worden. 64000 Mk. überreichte eine Deputation dem Großherzog am Neujahrstage

nebst einer Truhe, in der sich die Liste mit den

Namen der angeblich 84 000 Spender befand. Vielleicht soll der Großherzog seine freie Zeit mit dem Studium der Liste ausfüllen. Ganze 64000 Mark! Diesen Betrag hätten ein halbes Dutzend der hessischen Patentpatrioten mit Leichtigkeit aufbringen können, man brauchte da wirklich nicht jedes Dorf abzuklopfen. Ja, Patriotismus ist sehr schön, kosten darf e aber nichts. 5

Beschäftigung von Schulkindern. Vom 1. Januar ab tritt das Kinderschutz⸗ gesetz in Kraft. Demnach dürfen Schnlkinder, auch die älteren in gewerblichen Betrieben zum größten Teil gar nicht mehr beschäftigt werden. Z. B. dürfen die Milchkutscher nicht mehr wie seither die Schulbuben mittags oder Sonntags zum Milchaustragen benutzen, das Kegelaufsetzen durch Schuljungen ist zukünftig auch für geschlossene Gesellschaften abends und Sonntags ganz verboten, und auch das Aus⸗ tragen von Zeitungen, Kleidern, Bäckerwaren usw. ist zukünftig nur noch solchen Kindern ge⸗ stattet, die das zwölfte Lebensjahr zurückgelegt haben. Nach 8 Uhr abends dürfen Kinder überhaupt nicht zu gewerblichen Arbeiten heran⸗ gezogen werden. Zuwiderhandlungeu werden bestraft. Zweifellos bedeutet das Kinderschutzgesetz einen sozialpolitischen Fortschritt, es dämmt die Kinderausbeutung wenigstens einigermaßen ein, wenn es auch noch Lücken genug aufweist. Und durch die einzelstaatlichen Ausführungs⸗ Bestimmungen, die zahlreiche Ausnahmen von den gesetzlichen Vorschriften gestatten, wird es

in seiner Wirksamkeit noch mehr beeinträchtigt.

Besonders ist wenig getan, um die übermäßige Anstrengung der Kinder in der Landwirtschaft zu verhüten. Im Ganzen wird aber auch hier nicht so heiß gegessen, wie es nach dem Wort⸗ laut des Gesetzes gekocht erscheint.

Die Kalender verbreitung ist auch diesmal glatt erledigt worden, soviel wir unter⸗ richtet sind, hat es nirgend Anstände gegeben. Ganz selten kommt es noch vor, daß unser freundlich angebotener Landbote murrend und scheltend zurückgewiesen wird; im Allgemeinen findet er aber eine freundliche Aufnahme, viel⸗ fach wird er sogar mit Sehnsucht erwartet. Hoffentlich sorgt das Landeskomité dafür, daß der nächstjährige etwas früher herauskommt. DerGieß. Anz. ließ sich dieser Tage aus dem Ohmthale von der erfolgten Kalender⸗ verteilung berichten und der betr. Korrespondent fügt an seine Mitteilung:Die anderen Par⸗ teien könnten sich fürwahr an dieser Art der Agitation ein Muster abgucken. Hier geschieht aber meist nur dann etwas, wenn eine Wahl vor der Tür steht, in anderen Zeiten kümmert sich niemand um Parteiangelegenheiten. Der gute Mann verlangt viel von denStaats⸗ erhaltenden. Die werden sich hüten, die poli⸗ tische Ruhe zu stören. Kommt die Wahl, dann ziehen eine Schaar Amts⸗ und Landgerichts⸗ räte, Rechtsanwälte usw. los und besorgen schon dieAufklärung der Wähler, Bürger⸗ meister und Polizeidiener besorgen das Uebrige.

Das Gewerkschaftsfest am Sams⸗ tag war außerordentlich zahlreich besucht und nahm den besten Verlauf. Es hat sich gezeigt, das ein gemeinsames Fest der Gewerkschaften entschieden den Vorzug verdient gegenüber den sonst üblichen einzelnen Weihnachtsfeiern. In dem geräumigen Saale war jeder Platz vesetzt. Was im Programm geboten wurde, war zum größten Teil recht anerkennenswert und fand den Beifall der Festteiluehmer. Besonders seien die Leistungen der Sänger und der Turner hervorgehoben. Doch waren leider die Pausen zu lang. Unseres Erachtens müßte die Fest⸗ leitung dafür sorgen, daß sich das Programm rascher abwickelt; vielleicht könnte man auch die Verlosungen so einrichten, daß durch sie nicht soviel Zeit weggenommen wird. Zu der Verlosung selbst hatten einzelne Mitglieder und Gewerkschaften, z. B. die Bäcker und Brauer recht ansehnliche und wertvolle Gegenstände ge⸗ stiftet, zur Freude der Glücklichen, die sie als Gewinne nach Hause tragen kounten. Man könnte aber vielleicht die Frage erörtern, ob es

angebracht erscheint, bei einem nicht auf die

Explosion.

Weihnachtsfeiertage fallenden Feste einen Wesh⸗

nachtsbaum herzurichten. Denn das erfordert doch immerhin nicht geringe Mühen und Kosten, die man sich füglich sparen könnte. Aehnlich liegt die Sache auch mit Aufführung schwieriger Theaterstücke. Da verwenden die Mitwirkenden viel Mühe und Zeit, ohne dafür bei dem durch vielfache andere Einflüsse abgelenkten Publikum das nötige Interesse und die gebührende Aner⸗ kennung zu finden. Wer aber weiß, welche Opfer Diejenigen bringen, die durch Aufführung eines Theaterstückes das Festprogramm zu bereichern suchen, wird ihnen Dank wissen, den auch wir an dieser Stelle gerne zum Ausdruck bringen. Die Festrede hielt an St elle des leider ver⸗ hinderten Genossen Krumm Gen. Vetters, der hierbei auf die Kämpfe und Erfolge der Arbeiter⸗ bewegung im vergangenen Jahre hinwies, die großartige Betätigung des Klassenbewußtseins und des Solidaritästgefühls bei Gelegenheit der Crimmitschauer Aussperrung feierte und zu weiterem festem Zusammenhalt aufforderte. Im Ganzen war es ein erhebendes Fest, was die organisierten Arbeiter Gießens miteinander feierten.

b. Der Bezirksturntag der Arbeiterturn⸗ vereine vom zweiten Bezirk des 9. Kreises fand am Sonntag in Niederrad bei Frankfurt statt. Es war ein zahlreicher Besuch zu verzeichnen; alle Vereine außer zweien waren vertreten. Die Freie Tur nerschaft Gießen war ebenfalls durch einen Delegierten ver⸗ treten. Die Verhandlungen leitete der Turngenosse Kraft⸗Frankfurt. Im vergangenen Jahre hat der Bezirk eine gute Zunahme zu verzeichnen; vier Vereine(Alzey, Griesheim, Steinbach und Vilbel) traten bei, im Gan⸗ zen wurde ein Gewinn von 335 Mitgliedern festgestellt, Die Vorstandswahlen ergaben folgendes Resultat: Vor⸗ sitzender Kraft⸗Frankfurt; Kassierer: Weichselfelder⸗ Wiesbaden; Schriftführer: Lange⸗Höchst; Turnwart: Krüger⸗Offenbach und Decke r-Frankfurt.

Die Christlich⸗Sozialen Dr. Burckhardt und Behrens werden, wie uns mit⸗ geteilt wird, diesen Sonntag abend im Felsen⸗ keller eine Versammlung abhalten.

Feuerlärm erscholl am Donuerstag abend kurz nach 9 Uhr. Es brannten die Holz⸗ häuschen der auf dem linken Lahnufer gegen⸗ über der Pulvermühle befindlichen Rübsam'schen Badeaustalt. Das Feuer fand reichliche Nah⸗ rung und bald lagen sämtliche Häuschen mit Ausnahme eines einzigen in Asche. In der Badeanstalt hat es in früheren Jahren schon mehrfach gebrannt.

Aus dem Rreise gießen.

Der Unfug mit Feuerwerkskörpern führte am Sylvesterabend in Klein⸗Linden zu einer In einem dortigen Laden wurden die in einem Kasten aufbewahrten Feuerwerkskörper durch einen Frosch, den ein Bursche weggeworfen hatte, entzündet. Fenster und Türen wurden zertrümmert, die anwesenden Personen zu Boden geschleudert, jedoch glücklicherweise nicht schwer verletzt. Auch das entstandene Feuer wurde bald gelöscht. Immerhin war der Schrecken gar nicht gering, der den in Mitleidenschaft gezogenen Personen durch den dummen Streich verursacht wurde.

Heuchelheim. Der Arbeiter⸗-⸗Bildungs⸗ verein hält diesen Sonntag, 10. Jan. abends 7 Uhr, im Lokale des Herrn August Rinn seine Gene r al⸗ versammlung ab. Auf der Tagesordnung steht zu⸗ nächst die Abrechnung und Vorstands wahl, ferner soll über die Einrichtung der Turn-Abteilung und was damit zusammenhängt, verhandelt und schließlich über eine demnächst abzuhaltende Abend⸗Unter haltung Beschluß gefaßt werden. Weiter ist noch die Frage zu erörtern, ob der Verein in nächster Zeit nicht einige wissenschaftliche Vorträge, vielleicht in Verbindung mit den Gießener Genossen, arrangieren soll. Angesichts der sehr reichhaltigen Tagesordnung werden die Mit⸗ glieder ersucht, recht zahlreich und pünktlich zu er⸗ scheinen. Jeder muß sich bemühen, unsere Sache fördern zu helfen und dazu sein Teil Arbeit beitragen. Kräftig vorwärts im neuen Jahre sei unsere Losung.

r. Aus Watzenborn⸗Steinber g. Unser Gemeinderat entfaltet in der letzten Zeit einen ganz merkwürdigen Bewilligungseifer, daß man fast glaubt, die Gemeindevertretung weiß nicht wohin mit dem Ueber⸗ fluß. In der letzten Sitzung hatte der Gemeinberat über die Errichtung eines Turmes auf das neue Schul⸗ haus zu befinden. Dieser soll 750 Mk. kosten, was unsere Genossen für eine überflüssige Ausgabe halten. Sie stimmten deshalb dagegen, während die übrigen Gemeindevertreter dem Gemeindesäckel die neue Ausgabe zumuten zu können glaubten.

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