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Seite 2.
Mitteldeutsche Spuntags⸗ Zeitung.
Nr. 2.
Verdrehung und Verdächtigung, wie sie bisher schon von ihnen geübt wurde. Uns wirft diese Gesellschaft Verschleierung unsrer letzten Ziele vor, während sie selber in Wirklichkeit eine be⸗ wußte und politisch wohlberechnete Verschleier⸗ ung ihrer letzten Ziele betreiben.
Mögen sie nur immer drauf los fechten! Und wenn ste auch Millionen Mark zusammen⸗ betteln— die Tatsachen und Verhältnisse, welche das Wachstum der Sozialdemokratie befördern, schaffen sie nicht aus der Welt, und die sozialdemokratische Bewegung wird weiter blühen und gedeihen, trotz Bülow⸗Reden und Reichsbettelverband! 1
Uebrigens mag sich der Reichs⸗Sozialisten⸗ Vernichtungs⸗Verband nux vorsehen, daß es ihnen nicht geht, wie einem andern patriotischen Unternehmen, der Firma:„Historische Festspiele, Deutschlaud in Waffen, Gesellschaft mit be⸗ schränkter Haftung.“ Die Firma ist nämlich bankrott.
Staatsverfassung und Polizeigeist.
Die preußische Staatsverfassung erkennt den Bürgern das Recht zu, Vereine zu bilden. Die Polizei fordert aber nicht nur die Einreichung der Statuten, sondern auch der Mitgliederliste und die Anmeldung aller Aenderungen, die sich in ihr vollziehen.
„Wozu? Da alle Preußen das Recht haben, Vereine zu bilden, so geht es doch die Staats⸗ behörde nichts an, ob und wie die Staatsbürger von ihrem Rechte Gebrauch machen!“
Auf diese Einrede eines Naiven gibt eine geplante Reform des preußischen Vereinsrechts die beste Antwort. Wie Schweinburg zu erzählen weiß, soll künftig die allgemeine Pflicht der Vereine zur Einreichung der Mitgliederliste aufgehoben, dafür aber das Recht der Polizei eingeführt werden, nach ihrem Belieben die Ein⸗ reichung der Mitgliederliste zu verlangen oder auf sie zu verzichten. Gutgesinnte Vereine sollen unbehelligt bleiben, desto gründlicher können dann die Mitglieder der„Gefährlichen“ überwacht werden. Die Reform läuft auf die Schaffung eines politischen Verbrecheralbums hinaus.
Nicht besser verträgt sich mit der preußischen Staatsverfassung die angebliche Absicht der Re⸗ gierung, völlig von dem Belieben der Polizei abhängig zu machen, ob in einer fremden Sprache verhandelt werden darf oder nicht. Sollten amerikanische Milliardäre auf die Idee kommen, in Berlin eine Klubfiltale zu errichten, so werden sie gewiß keine Schwierigkeit haben: dafür soll die Möglichkeit verschwinden, polnische Arbeiter in ihrer Muttersprache über ihre Klassen⸗ lage aufzuklären. Das Recht, Vereine zu bilden, wird aber natürlich vollkommen illusorisch, wenn man sich einer Sprache zu bedienen gehalten ist, die die Vereinsmitglieder gar nicht oder nur unzulänglich beherrschen. Daß aber dieses Recht von der Kenntnis der deutschen Sprache abhängig sei, davon steht in der preußischen Perfaffung nichts zu lesen. Das preußische Dreiklassenhaus wird natürlich gegen solche Verschlechterungen nichts einzuwenden haben und ste anstandslos gutheißen. Recht ist nichts, Gewalt alles!
Militärische„Reformen“
machen gegenwärtig viel von sich reden. Ste sind aber nicht darauf gerichtet, den Schä⸗ den des Militarismus auf den Leib zu rücken — o nein, unsere Mordspatrioten brauchen nicht zu erschrecken— es wird blos die Mode für Offiziersmäntel geändert, und zwar soll der Mantel im Rücken vom Kragen herab eine genau vorgeschriebene Falte zeigen, auch an den Aufschlägen sollen Aenderungen vorgenommen werden. Das ist innerhalb 16 Jahren die dreißigste größere Uniform⸗Aen⸗ derung, wie man einem konservattven Blatte aus Offtizierskreisen schreibt. Diese Aenderungen hatten jedem Offizier innerhalb 16 Jahre eine Extra⸗Ausgabe von 893 Mark verursacht. Bei einem Offtzierskorps von fast 25000 Köpfen ergiebt, wie die Nat. Ztg. hin⸗ zufügt, diese sehr niedrige Schätzung, bei der alle notwendigen und alle als Fortschritt aner⸗
kannten Veränderungen abgerechnet sind, einen entbehrlichen Mehraufwand von etwa 15 Mil ⸗ lionen Mark allein für die einmalige An⸗ schaffung, ungeachtet der fortgesetzten Erneuer⸗ ung. Dabei sei die Ausrüstung um kein Haar kriegsmäßiger geworden.
Russische Spitzel in Deutschland.
Wie ünser Zentralorgan dieser Tage be⸗ richtete, wurde unser Genosse Ehrenpfordt in Charlottenburg wegen Vergehens gegen § 128 des Str.⸗G.⸗B., d. h. wegen„Geheim⸗ bündelei“ zur Vernehmung als Angeschul⸗ digter vor das Charlottenburger Amtsgericht vorgeladen. Man glaubt also offenbar wieder einem„Geheimbund“ im ostpreußischen Sinne auf die Spur gekommen zu sein. Unser Genosse r. v. Wetscheslaff, dessen Frau in Hermsdorff krank darniederliegt, bekam eben⸗ falls die russische Knute zu spüren. Er wurde, ohne sich auch nur des allergeringsten Verstoßes gegen deutsche Gesetze bewußt zu sein, amtlich aufgefordert, bis zum 6. Januar Preußen zu verlassen, widrigenfalls er an Rußland ausge⸗ liefert würde.
Nach weiteren Mitteilungen des Vorwärts scheint ganz Deutschland mit einem Netz von besoldeten russischen Spionen über⸗ sponnen zu sein, vor deren Schnüffeleien nie⸗ mand sicher ist. An deren Spitze steht nach dem Vorw. eine Persönlichkeit, die von den Untergebenen als Exzellenz angesprochen wird, 36,000 Mk. Gehalt bezieht und in einem Ber⸗ liner Vorort als„Ingenieur“ wohnt. Eine zweite solche Persönlichkeit, die den Spitzuamen „Michel“ trägt, wohne in Charlottenburg. Zu den„Untergebenen“ dieser beiden gehöre auch ein gewisser Karl Wolz, geboren im Jahre 1875 in Stuttgart, verheiratet mit Agnes Wolz. Er wohnte bis zum 12. Februar 1902 in Berlin und zog dann nach Charlottenburg. In Berlin war er als Kaufmann, in Charlottenburg da⸗ gegen als Beamter gemeldet. Auf Grund ge⸗ sammelten Materials macht der Vorw. ein⸗ gehendere Mitteilungen über das Treiben dieser russischen Spitzel.
Verurteilter Reichstagsabgeordneter.
In München wurde am 2. Januar der zur Freisinnigen Volkspartei gehörige Reichs⸗ tagsabgeordnete für Eschwege⸗Schmal⸗ kalden, Fabrikant Seyboth wegen Wechsel⸗ fälschung und Betrug zu einem Jahre drei Monaten Gefängnis und fünf Jahren Ehrverlust verurteilt. Er hatte einen Wechsel in der Höhe von 11700 Mk. auf eine Brauerei in Eschwege gezogen und das Accept gefälscht. Kurz vor dem Verfalltage hatte er den Wechsel bei der Reichsbank in Berlin eingelöst, so das kein Schaden entstanden ist. Seyboth leugnete erst, den Wechsel gefälscht zu haben und ver⸗ suchte, die Schuld auf seinen früheren Buch⸗ halter zu schieben. Doch die Gerichtsverhand⸗ lung lieferte den Beweis für das Gegenteil. Die Strafe wurde so hoch bemessen, weil S. schon wegen Bestechung vorbestraft ist. Die liberalen„Münch. Neueste Nachr.“ bemerken zu dem Falle:„Für den Liberalismus ist Seyboth jetzt politisch tot. Für die Münch⸗ ner Liberalen ist er es eigentlich schon vor Beginn der letzten Reichstagswahlen gewesen. Nicht nur deshalb möchten wir hier den Wunsch aussprechen, daß die gerichtliche Ver⸗ urteilung eine politische Ausschlachtung des Prozesses verhindern möge!“
Warum wurde Seyboth denn zum Reichs⸗ tage aufgestellt, wenn er damals schon politisch tot war? Und würden die„Liberalen“ etwa darauf verzichten, den Fall politisch auszuschlach⸗ ten, wenn es sich um einen Sozialdemokraten handelte? Wir wollten mal hören, wie da über die„verderbte“ Sozialdemokratie losgezogen würde!
Seyboth wurde in der Stichwahl mit 10 388 gegen 7039 sozialdemokratische gewählt. Die Konservativen verhalfen ihm zur Wahl; am 16. Juni erhielten letztere 3812, die An⸗ tisemiten 3309, die Freistnnigen 4546 und unser Genosse Hugo 6485 Stimmen.— Der Wahl⸗ kreis hatte übrigens schon manches Pech mit
seinen Vertretern. 1893 war dort der Anti⸗ semit Leuß gewählt worden, der bekanntlich wegen Meineids verurteilt wurde und infolge⸗ dessen sein Mandat niederlegen mußte.
Die eee in Württem⸗ erg
haben, wie wir schon früher mitteilten, unserer Partei erfreuliche Erfolge gebracht. Auch durch einzelne Mißerfolge können die glänzenden Fortschritte der Sozialdemokratie nicht beein⸗ trächtigt werden. Hatten wir vor zwei Jahren in 21 Orten 25 sozialdemokratische Kandidaten zum Siege gebracht, so stieg diesmal nach einer Aufstellung über die regelmäßig im Laufe des Monats Dezember vorzunehmenden Wahlen die Ziffer auf 31 Orte und 59 Kandi⸗ daten, mit denen wir siegten.— Die auf die sozialdemokratischen Kandidaten gefallenen Stimmenzahlen zeigten fast überall eine zum Teil erhebliche Steigerung.
Die Ersatzwahl in Reichen bach⸗Auerbach
hat, wie vorauszusehen war, mit dem glänzen⸗ den Siege unseres Genossen Hofmann ⸗Ber⸗ lin geendet. Er erhielt 16195 Stimmen, sein Gegner, der Exjesuit Graf Hoensbroech 10 108. Jeder hat gegen die Hauptwahl ca. 3000 Stim⸗ men eingebüßt, was auf die bei Ersatzwahlen stets in Erscheinung tretende geringere Wahl⸗ beteiligung zurückzuführen ist. Die prozen⸗ tuale Abnahme ist bei den Gegnern aber stärker, als bei uns.
Von den Nationalsozialen.
Vertreter bayerischer und württembergischer nationalsozialer Vereine gründeten dieser Tage in Stuttgart einen süddeutschen Verband, dem die nationalsozialen und„liberalen“ Vereine Süddeutschlands ohne Unterschied, ob sie dem Liberalen Wahlverein in Berlin augehören oder nicht, angeschlossen werden sollen. Zum Vorort des Verbandes wurde München be⸗ stimmt, und ein Parteisekretär daselbst einge⸗ setzt. Ein„Verband“ mit viel Offizieren und keinen Soldaten!
Was dem Kriegervereinler alles verboten ist. a
Das„Volksblatt für Anhalt“ veröffentlichte kürzlich folgendes Schreiben des Militärvereins Dessau:„In der am Sonnabend, den 7. d. M. abgehaltenen Versammlung wurde von den Kameraden(hier folgen 50 Namen) der Be⸗ schluß gefaßt, die von dem Anhaltischen Krie⸗ gerverband eingegangene Entscheidung auf eine an denselben gerichtete Anfrage bezüglich der Zugehörigkeit zum Konsumverein für Dessau und Umgegend seitens der Krieger⸗ vereinsmitglieder zu verlesen und beschlossen, dieselbe jedem Kameraden durch besondere Zu⸗ schrift zur Kenntnis zu bringen. Diese Ent⸗ scheidung lautet:„Es kann keinem Mitgliede des Anhaltischen Kriegerverbandes eventuell Deutschen Kriegerbundes gestattet werden, stch einem Verein anzuschließen, dessen Vorstand ausschließlich aus sozialdemokratischen Mit⸗ gliedern zusammengesetzt ist und offenkundig für die Sache der Umsturzpartei agitiert“. Die anwesenden Kameraden haben diese utscheidung als richtig anerkannt. Es wird die Erklärung abgegeben, daß die Mitgliedschaft im Krieger⸗ vereine diejenige zu obengenanntem Konsum⸗ verein ausschließt. Jeder Kamerad, welcher Mitglied des Konsumvereins ist, hat sich nun dahin zu entscheiden, ob er die Mitgliedschaft im Krieger verein aufgeben oder im sozialdemo⸗ kratischen Konsumverein bleiben will und wird ersucht, seinen Entschluß dem Vorstand zur Kenntnis zu bringen. Der Vorstand.“— Also schon ein harmloser Konsumverein schreckt die tapferen Krieger! Wovor fürchten sie sich nun eigentlich nicht?— Das Schönste ist noch, daß der Vorstand des Konsumvereins durch⸗ aus nicht sozialdemokratisch genannt werden kann; der Geschäftsführer z. B. gehört weder einer gewerkschaftlichen noch politischen Orga⸗ nisation an!
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