—
—
——ů
——
———
—
—— ——(— ——— 2
Mitteldeutsche Souutags⸗Zeitung.
Nr. 41.
dem Vorsitz des Ehrenpräsidenten Roßmäßler nahm der Verein zum großen Verdruß einiger Mitglieder, unter anderm des vorhin genannten Weckmann, den Antrag mit großer Mehrheit an. Darauf erschienen wieder einige sehr giftige Artikel in der Berliner Volkszeitung, worauf im demokratischen Wochenblatt in Mannheim ein sehr scharfer Artikel erwiderte, in dem die Leipziger Herren, die gegen den Antrag gestimmt hatten,„milchwasserblaue Scheindemokraten“ genannt wurden. Dieser Artikel machte dann noch mehr böses Blut. Als Verfasser des Artikels hatte man Liebknecht im Verdacht und dieser Verdacht bestätigte sich auch. (Schluß in nächster Nummer.) r Tt...
Pon Nah und Lern. Hessisches.
— Zur Einkommenst euer in Hessen. Genosse Ulrich hatte vor längerer Zeit dem Finanzausschusse der Zweiten Kammer Vor⸗ schläge über die Erhöhung der Progres⸗ sion der Einkommensteuer unterbreitet. Der Finanzminister sagte damals eine Prüfung der Ulrichschen Vorschläge zu, deren Wirkung er den Abgeordneten unterbreiten wolle. In einer Zuschrift an die Zweite Kammer erklärt nun die Regierung, daß ste„in Rücksicht auf schwer⸗ wiegende wirtschaftliche Interessen des Staates und der Gemeinden“ außer Stande sei, gesetz⸗ geberisch in der Weise vorzugehen, wie es der Antrag Ulrich anrege. Dieser ablehnende Be⸗ scheid wird unter Hinweis darauf zu rechtfertigen gesucht, daß nach der Ulrichschen Skala in Hessen die höchste Steuerbelastung 10 Prozent betrage, dagegen in Preußen nur 4, Sachsen 5 und Baden nur 3¼. Außerdem betrage der Mehr⸗ ertrag der Einkommensteuer nach Ulrichs Skala nur 1,900 000 Mk., es werde also der Ausfall der Stempelsteuer mit 2 920 000 Mk. nicht ge⸗ deckt werden, sondern noch 1020000 Mk. aus der Vermögenssteuer zu decken sein.— Das Ende vom Liede ist also, daß die Reichsten weiter geschont werden sollen, während der Masse der Minderbemittelten die Hauptsteuer⸗ last aufgebürdet wird.
— Die Kriegsbriefe des Generals Kretschmann. Zu dem Prozeß, der kürzlich in Mainz wegen der vielbesprochenen Kriegs⸗ briefe stattfand— wir berichteten in voriger Nummer über den Ausgang desselben— erließ die Herausgeberin, Frau Lily Braun folgende Erklärung:
„Ich werde, um das Andenken meines Vaters zu schützen, demnächst ausführlich darstellen, welche Tatsachen meinen Vater zu seinen Mit⸗ teilungen veranlaßt haben. Es wird sich er⸗ weisen, daß alle Vorgänge sich mit geringfügigen Modifikationen so abgespielt haben, wie mein Vater sie erzählt, und daß in Sens und den diesen Ort später passierenden Truppenteilen die— allerdings irrige— Anschauung verbreitet wurde, diese Handlungen fielen den Hessen zur Last, während sie in Wahrheit einem andern Kontingent zuzurechnen sind. Diese objektive Unrichtigkeit in den Angaben meines Vaters wird dadurch vollkommen erklärt. Gleichzeitig stelle ich fest, daß die Behauptungen des Staats⸗ anwalts, wonach ich im Widerspruch mit dem Willen meines Vaters die Kriegsbriefe ver⸗ öffentlicht haben soll, längst öffentlich widerlegt sind. Die im Geheimfach meines Vaters be⸗ findlichen Papiere hat meine Mutter verbrannt. Die Kriegsbriefe haben sich nicht darin gefunden, sondern sind von meiner Mutter, an die sie gerichtet waren, dem Willen meines Vaters gemäß, aufbewahrt worden.“
— Die Mainzer Stadtverordneten⸗ wahlen finden am 5. November statt. Es sind im ganzen 17 Mandate erledigt. Sozial⸗ demokraten und Demokraten werden voraus⸗ sichtlich eine gemeinsame Liste aufstellen.
Gießener Angelegenheiten.
— Für die Stadtverordneten ⸗ wahlen ist ein bestimmter Tag noch nicht fest⸗
diesmal nicht weniger als 16 Mandate erledigt und zwar scheiden aus, wie wir schon vor längerer Zeit erwähnteu, die Herren Faber, Gutfleisch, Haubach, Heichelheim, Jughardt, Kirch, Krumm, Loos, Petri und Wallenfels. Außerdem finden Ersatzwahlen statt für die verstor⸗ benen Mitglieder Flett, Fuhr, Hanau und Pirr, wie für den nach Berlin verzogenen Prof. Gaffky und für Heyligenstädt, der an Stelle des ver⸗ storbenen Grüneberg zum Beigeordneten ge⸗ wählt wurde.
Wahlberechtigt sind 1. alle in der Gemeinde Gießen steuerpflichtigen Ortsbürger, 2. alle männ⸗ lichen Reichsangehörigen, die seit zwei Jahren den nner nenst erworben haben, zur Zeit der Wahl 25 Jahre alt sind und in dem der Wahl vorangegangenen Jahre zur Ein⸗ kommensteuer herangezogen worden sind. Von auswärts Zugezogene müssen also mindestens 4 Jahre in Gießen ansässig sein, wenn ste wählen wollen. Ferner sei darauf hingewiesen, daß derjenige vom Stimmrecht ausgeschlossen ist, der mit der Staats⸗ oder Gemeinde⸗Steuer⸗ zahlung sich im Rückstande befindet. Unsere Parteigenossen wollen dies beachten und auch ihre Bekannten darauf aufmerksam machen. Ueber unsere Kandidaten⸗Liste ist ein end⸗ gültiger Beschluß noch nicht gefaßt und ins⸗ besondere noch unentschieden ob eine reine oder eine sogenannte„gemischte“ Liste aufgestellt werden soll.
— Told bei der Arbeit. Bei den Kanalisationsarbeiten in der Grünber gerstraße ereignete sich am Freitag(30. Sept.) ein schwerer Unglücksfall, bei dem ein braver Arbeiter sein Leben einbüßte. Man war im Begriff, die Schächte für Aufnahme der Kanalt⸗ sationsrohre an der Gabelung der Grünberger⸗ und Licherstraße herzustellen. An der Stelle, wo die beiden Schächte aus den genannten Straßen im spitzen Winkel zusammenlaufen, scheint die Verschalung ungenügend gewesen zu sein, es stürzten Erdmassen herab und begruben drei Arbeiter. Während zwei mit leichteren Verletzungen davon kamen, konnte der dritte, Karl Jünger aus Lich, nur als Leiche aus dem Schutt herausbefördert werden, er war offenbar erstickt. Der Verunglückte stand im Alter von 29 Jahren, war verheiratet und Vater 1115 Kinder. Außerdem hat die Fa⸗ milie bald weiteren Zuwachs zu erwarten. Diese Kanalisationsarbeiten werden von der Firma Hch. Winn fun folter Zur Verhütung derartiger Unglücksfälle sollten doch alle nur möglichen Schutzvorrichtungen getroffen werden. In diesem Falle scheint es daran gefehlt zu haben.
— Der„Fall Kehrein“, der vorigen Freitag vor dem Schwurgericht zur Verhand⸗ lung kam, endete mit der Verurteilung des Angeklagten zuf drei Jahren Befäng⸗ nis. Die Geschworenen sprachen ihn der Körperverletzung mit tötlichem Erfolg schuldig, billigten ihm aber mildernde Umstande zu. Eine große Anzahl Zeugen kamen zur Ver⸗ nehmung. Kehrrein gab an, den Monteur Lucht aus Köln in der Notwehr erschossen zu haben, aus den Bekundungen der Zeugen geht aber hervor, daß davon keine Rede sein konnte. Der noch unbestrafte Angeklagte erfreute sich allgemeiner Achtung und Beliebtheit, niemand kann ihm Roheiten oder Exzesse nachsagen. Umso unverständlicher bleibt seine Tat an jenem verhängnisvollen Sonntagmorgen, durch die er zwei Familien ins Unglück stürzte. Der Ge⸗ tötete Lucht hat wohl früher einige unbedeutende Vorstrafen erlitten, doch wird er vom Wirt Rahnefeld, wo er mehrere Wochen wohnte, und auch von anderen Zeugen als ein fried⸗ fertiger Mensch geschildert, der den Angeklagten in keiner Weise provoziert habe. Der von Kehrein geführte Revolver wird vom Sach⸗ verständigen als die gefährlichste Handfeuer⸗ waffe der Neuzeit bezeichnet; das Stahlmantel⸗ geschoß durchschlägt noch auf 200 Mtr. Ent⸗ fernung zweizöllige Tannenbretter. In eine traurige Lage ist die Witwe des Getöteten durch die Tat gebracht worden; sie kann infolge eines körperlichen Leidens sich selbst kaum er⸗
gesetzt, doch darf man dafür Mitte November mit ziemlicher Sicherheit annehmen. Es sind
nähren, hat aber noch für ein Kind zu sorgen und befindet sich außerdem noch in gesegneten
Umständen.— Zieht man diese Folgen in Betracht und vergleicht man das Urteil mit dem gegen die Kindesmörderin Görlach ge⸗ fällten, so erscheint die Strafe der letzteren als entschieden zu hoch.— Am Samstag wurde der Dienstknecht Hölzer aus Niederflorstadt wegen Notzuchsverbrechen begangen an einer 60 jährigen Frau zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt.— Wegen eines gleichen Verbrechens erhielt der Arbeiter Leo Fröhlich von Steinzell am Donnerstag 1¼ Jahr Zuchthaus.
— Ueber den Bremer Parteitag wird der Delegierte für den Wahlkreis Gießen, Genosse Beckmann, diesen Samstag in der Versammlung des Gießener Wahlvereins Be⸗ richt erstatten. Die Genossen werden ersucht, recht e zu erscheinen.
— Der„Gießener Anzeiger“ schwört seine Vergangenheit ab. Auf die vor einiger Zeit in der„Frftr. Ztg.“ erschienenen und fast von der gesamten linksstehenden Presse nach⸗ gedruckten Klagen eines Kreisblatt⸗Redakteurs bezugnehmend meinte er gelegentlich, ein hessischer Amtsblatt⸗Redakteur sei kein solcher Jammer⸗ kerl, wie ein preußischer. Demgegenüber führte unser Offenbacher Parteiblatt den bekannten Gi aus der 96er Wahlbewegung an, wo der
teßener Anzeiger einem Inserat des sozial⸗ demokratischen Wahlkomitees die Aufnahme verweigerte, weil er dazu die Genehmig⸗ ung des Kreisrates einholen muͤsse, die er wegen Abwesenheit desselben nicht erlangen könne. Auf diese Festnagelung kommt das nicht preußische Aemterorgan mit der un⸗ glaublich plumpen Ausrede, daß die Richtigkeit jener„Anekdote“ nicht nach zu kontrollieren sei. Und jetzt sei der Anzeiger ein ganz anderer Kerl wie früher. So? Wie war es dann mit den Artikeln des Herrn Professor Biermer, die das Amtsblatt nicht zu veröffentlichen wagte, weil sie eine ganz sanfte Kritik der Regierungs⸗ Steuerpolitik enthielten? Das ist doch noch gar nicht so lange her! Wenn wir uns ferner an das Verhalten des Amtsblattes bet der letzten Reichstagswahl, beim Friedhe streit und bei vielen anderen Gelegenheiten erinnern, so können wir es mit dem besten Willen nicht höher einschätzen als seine preußischen Kollegen. Es muß so gut wie diese seinen Blick nach „oben“ richten und von dort hören, was seine „Ueberzeugung“ sein soll und darf.
Aus dem Nreise gießen.
— Die Parteivereine werden ersucht, sich wegen Berichterstattung über den Partei- tag baldigst an Genossen Gg. Beckmann, Grün⸗ bergerstraße oder an die Redaktion unseres Blattes zu wenden.
Mit der Wiesecker Wasserleitungs⸗ Angelegenheit befaßte sich eine dort am Samstag im„Gambrinus“ stattgefundene gut⸗ besetzte Bürgerversammlung. enosse Dech meinte, es sei die höchste Zeit, daß die Sache endlich einmal besprochen werde, wäre das früher geschehen, so hätten manche Wünsche berück⸗ sichtigt werden können. An der Hand reichlichen Materials wies er nach, daß das fortwährende Suchen neuer Quellen unnötig sei und die Ge⸗ meinde viel Geld koste. Die Leitung hätte bei der günstigen Witterung sehr wohl, wie es vor⸗ sprochen war, am 1. September fertig sein können, wenn für genügende Arbeitskräfte ge⸗ sorgt worden wäre und der Unternehmer die Leute entsprechend behandelt hätte.
Wie feststeht, liefert die Quelle Flößer⸗ brunnen täglich 216 Kubikmeter oder 216000 Liter Wasser. Bei einer Bevölkerung von 3000 Seelen beträgt das pro Kopf und Tag 70 Liter Wasser 7 Eimer. Rechnet man 250 Arbeiterfamilien und ebensoviel Bauern⸗ familien, jede Familie 6 Köpfe stark und nimmt für jede der ersteren 100 Liter, für jede der letzteren 500 Liter täglichen Wasserverbrauch, so ergiebt das 25 und 125 Kubikmeter. Mithin bleibt von der einzigen Quelle ein Ueberschuß von 66 Kubikmetern pro Tag. Reichte aber dieses Quantum trotzdem nicht aus, so hatte man in den Wiesen eine Quelle, die l genügend lieferte, das mit unerheblichen Ko.


