Ausgabe 
9.10.1904
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 41.

Maßgabe der Verhältnisse fortzuschreiten. Um aber auf dem Wege der Scozialreform fortschreiten zu können, bedürfe es auch einer starken Strömung der öffentlichen Meinung, auf die sich die Regierung in ihren Maßnahmen stützen könne. Darin wirke die Internationale Vereinigung anregend. Die öffentliche Meinung habe aber auch die Folge, daß sie auf die Regierungen anregend einwirke; denn keine Regierung werde sich, ohne sich im Innern ernsten Gefahren aus⸗ zusetzen, diesen Anregungen auf die Dauer entziehen können.

Na also! Hier wird von amtlicher Stelle die positive Arbeit der Sozialdemokratie aner- kannt. Ein leibhaftiger preußisch⸗deutscher Ministerialrat fährt im Auftrag der Regierung in die Republik Basel, fraternistert dort mit dem Umsturz, tauscht mit Petroleuren feierliche Be⸗ grüßungsreden und hetzt die Arbeiter, die ohne⸗ hin schon eine gute und gesicherte Existenz haben, unter lebhaftem Beifall des versammelten Umsturzgesindels zu immer größerer Begehrlichkeit auf! Die Welt steht nicht mehr lang!

Nationalliberaler Ehrenmann.

Vor einiger Zeit wurden von dem national⸗ liberalen Reichstagsabgeordneten für Hof in Bayern, Kommerzienrat Münch⸗Fer her, in einem Zivilprozesse recht unsaubere Dinge ans Tageslicht gezogen. Es stellte sich heraus, daß bei dem Herrn in Geldsachen die Freund⸗ schaft aufhört, daß sich seine im Geschäft be⸗ teiligten Verwandten durch ihn benachteiligt fühlten. Man glaubte allgemein, Münch⸗Ferber werde nach dieser Affatre sein Mandat nieder⸗ legen. Das fällt ihm aber gar nicht ein, wie er jetzt erklären läßt. Er besitzt also ein dickes Fell, und ist in Bezug auf ein moralisches Ge⸗ fühl überschätzt worden. SolcheKleinigkeiten hindern diesen Zollpolitiker nicht, auch ferner noch eine Zierde der nationalliberalen Reichs⸗ tagsfraktion zu bleiben.

Zum Nachfolger Herbert Bismarcks

im Wahlkreis Jerichbw hatten die Bündler und Konservativen den Knuten⸗Oertel aus⸗ ersehen. Dieser läßt jedoch erklären, daß er die Kandidatur nicht annehmen könne. Viel⸗ leicht hilft aber einiges Zureden. In dem Kreise geben die Freisinnigen den Ausschlag. Sie erhielten bei der Hauptwahl im vorigen Jahre 6480 Stimmen, unser Parteigenosse 8140 und Fürst Bismarck 10 430. Es wäre aber ein leichtes gewesen, diesen Kreis der Reaktion zu entreißen, wenn die Freisinnigen eben nicht für den Junker Bismarck gestimmt hätten. Und wenn Oertel noch aufgestellt werden sollte, dürften wir das Schauspiel er⸗ leben, daß der Freisinn dem extremsten Rück⸗ wärtspolitiker auf allen Gebieten, dem Vor⸗ kämpfer für die Einführung der Prügelstrafe, in den Reichstag verhilft. Als konservativer Bündler⸗Kandidat wird ein Hauptmann v. Brau⸗ chitzsch genannt.

Eine weitere Ersatzwahl ist in dem Kreise Schwerin-Wismar uötig, der dort gewählte Konservative Dröscher, dessen Mandat üb⸗ rigens vom Reichstag für ungültig erklärt wurde, hat es jetzt niedergelegt. Er siegte in der Stichwahl mit nationalliberaler Hilfe, doch nur mit 100 Stimmen Mehrheit über unseren Genossen.

Landtagswahlen fanden in Gera(Reuß j. L.) statt. Wie be⸗ richtet wird, wurden drei unserer Genossen und zwar Böttger, Vetterlein und Leven gewählt, zwei weitere, Kahnt und Werner, kommen in Stichwahl. Sechs Kandidaten waren von unserer Partei aufgestellt.

Wegen angeblicherWahlfälschung

hatten sich vor kurzem zwei Arbeiter aus Hassel⸗ bach im Taunus vor der Strafkammer in Wies⸗ baden zu verantworten. Sie sollen sich gegen den § 108 des Strafgesetzes vergangen haben, weil sie zur Reichstagswahl bei der Hauptwahl in Frankfurt a. M., wo ste arbeiteten, bei der Stichwahl dagegen in ihrem Wohnort Hasselbach gewählt hatten. In beiden Orten waren sie

in den Wählerlisten eingetragen. Die beiden Arbeiter versicherten wiederholt im besten Glau⸗ ben und ohne jede böse Absicht gehandelt zu haben; aber der Staatsanwalt ließ die Ver⸗ sicherung nicht gelten, sondern führte aus, die Arbeiter hätten das zweitemal in Hasselbach gewählt, weil es im Wahlkreis Höchst⸗Usingen auf jede sozialdemokratische Stimme ankam, wenn der Kandidat Brühne als Sieger aus der Wahl hervorgehen sollte. Das erstemal wurde der Termin vertagt, um den Bürgermeister zu Hasselbach zu vernehmen, ob er die beiden Ar⸗ beiter bei der Stichwahl auf die Ungesetzlichkeit ihres Tuns aufmerksam gemacht habe. Das wurde verneint. Und so blieb dem Staats⸗ anwalt nichts übrig, als selbst die Frei⸗ sprechung der beiden Angeklagten zu bean⸗ tragen. Das Gericht erkannte demgemäß unter der Begründung, daß allerdings die Leute eigent⸗ lich bei der Stichwahl nur dort hätten wählen dürfen, wo sie auch bei der Hauptwahl ihre Stimme abgegeben hätten. Der§ 108 des Strafgesetzbuches setzte den Dolus voraus, der sei aber bei den Angeklagten nicht nachzuweisen. Bei dem Abg. Genossen Herzfeld lag die Sache ganz genau so, derselbe wurde aber be⸗ kanntlich verurteilt.

Ueber denFall Schippel

verhandelten am Samstag die Parteigenossen des Chemnitzer Wahlkreises in einer Partei- versammlung, in welcher die Delegierten des Bremer Parteitags Bericht erstatteten. Nach lebhafter Debatte für und wider Schippel be⸗ schloß man folgende Resolution:

Die Parteiversammlung des 16. sächsischen Reichstagswahlkreises erklärt sich mit der Haltung ihrer Delegierten auf dem Partei⸗ tag in Bremen einverstanden. Zu den gegen Genossen Schippel auf dem Partei⸗ tage angenommenen Resolutionen erklärt die Parxteiversammlung, daß keine Veran⸗ lassung vorliegt, Konsequenzen daraus zu ziehen, die das Reichstagsmandat Schippels berühren.

Antisemitische Schnorrerei.

Die Antisemiten brauchen Geld, sie wollen ihrem Häuptling Liebermann eineEhren⸗ gabe stiften. Deshalb wenden ste sich in einem Aufruf an alledeutschgesinnunten Männer, um ihnen von dem welterschütternden Ereignis Kunde zu geben, daß Liebermann von Sonnen⸗ berg vor 25 Johren zum erstenmal den poli⸗ tischen Kampfplatz betrat. Demberufenen Führer einer einzelnen Partei sollen die Kämpfe der kommenden Jahre durch die erwähnte Lieber⸗ mann⸗Ehrengabe erleichtert werden. Die antise⸗ mitische Reklame dürfte außerhalb dereinzelnen Partei nicht den geringsten Erfolg haben, und so werden die Liebermänner wohl selbst in den eigenen Geldbeutel greifen müssen. Die Behauptung, daß an dem Plane freudig und opferwillig Männer aus allen Ständen und aus allenvölkisch gestunten Kreisen lebendigen Anteil nehmen, kann man als eine der bekannten Aufschneidereien ruhig übergehen.

Widerspenstiger Kriegerverein.

In dem großen industriereichen Dorfe Stützerbach bei Ilmenau(Thüringen) wurden bei der Stichwahl im Jahre 1903 für den sozial⸗ demokratischen Kandidaten Redakteur Schulz 206 und für den Nationalliberalen Hagemanu 56 Stimmen abgegeben. Der Kriegerberein des Ortes, der über hundert Mitglieder zählte, wollte in diesem Jahre sein 50jähriges Jubiläum feiern. Bestimmungsgemäß stiftete der Kaiser an diesem Ehrentage den Kriegervereinen ein Fahnenband. Der Vorstand des Vereins machte also von dem bevorstehenden Feste an zuständiger Stelle Mitteilung und ersuchte um die Stiftung des Fahnenbandes. Die zuständige Stelle wurde aber von anderer Seite auch auf den Ausgang der Wahl anfmerksam gemacht und ihr mitge⸗ teilt, daß die meisten Mitglieder des Kriegervereins böse Sozis seien. Der Vor⸗ stand wurde aufgefordert, die Sozialdemokraten auszuschließen, was dieser jedoch ablehnte. Nunmehr wurde der Kriegerverein aus dem

Bundeau sg eschlossen, worauf die Mitglieder seine Auflösung beschlossen. Vorige Woche wur⸗ den auktionsmäßig sämtliche Inventarienstücke des Vereins zum Verkauf gebracht. Die Fahne auch Symbol der Treue genannt wurde für 10 Mk. losgeschlagen. Ein Handelsmann war der glückliche Käufer, der sie aber alsbald wieder für 15 Mk. an einen Fabrikanten ver⸗ kaufte. Der Erlös des Mobilars und sonstiger Inventarien, sowie der Kassenbestand wird nun⸗ mehr unter den ehemaligen Kameraden ver⸗ teilt werden. So vergeht die Herrlichkeit der Kriegervereine. Der Arbeiterverein gründete eine Sterbekasse, um die Neugründung des Kriegervereins überflüsstig zu machen. Dieser Kasse gehören jetzt zirka 1100 Mitglieder an; sogar ein Teil der Mordspatrioten schloß sich derselben an. Die Auflösung des Kriegervereins hat auch zu einem stillen Boykott der Kirche geführt. Man meidet die Kirche, weil man der Ansicht ist, daß der Pfarrer und ein Lehrer die Angeber waren.

Russisch⸗japanischer Krieg.

Die Heere in der Mandschurei richten sich jetzt ihre Winterquartiere ein. Da⸗ bei spielt die Verproviantierung der Truppen eine große Rolle. Diese soll für die Russen schwerer zu lösen sein, als für die Japaner. Solange die japanische Armee südlich von Char⸗ bin steht, kann sie ihren Bedarf an allem selbst beziehen, während die russische Armee in ge⸗ steigertem Maße auf die Zufuhr aus der Heimat angewiesen ist. Die reichste Gegend in der Mandschurei ist um Liaujang. Dort ist in diesem Jahr die Ernte außerordentlich gut ge⸗ wesen. Kaufleute, die das Land genau kennen, versichern, daß General Kuropatkin fast alle Lebensmittel einführen müsse, je mehr er auf Charbin zurückgehe. Die Japaner haben die Eisenbahn vom Süden nach Liaufang bereits wieder in den Stand gesetzt und es verkehren ständig die Züge von Dalny und Niutschwang nach Liaujang. ö

50000 Reservisten hat Japan, wie aus Tokio berichtet wird, wiederum zur Be⸗ setzung der südlichen Mandschurei mobili⸗ stert. Dadurch wird Oyamas volle Armee frei. Kuroki dringt weiter vor und wartet Verstär⸗ kungen zur Umgehung der russischen Flanke von Osten her ab.

Auf Port Arthur soll nach Berichten vom Anfang der Woche ein mehrere Tage an⸗ dauernder Sturmangriff stattgefunden haben. Die Japaner gingen mit großer Entschlossenheit vor, doch war ihnen das Glück nicht günstig. Ihr Angriff auf denGroßen Hügel schlug fehl und ein Bataillon, das sich in einer un⸗ gedeckten Stellung in einem Tale befand, wurde durch das russische Schrapnellfeuer nahezu vernichtet.

Ueber die Beweg ung der Japaner meldete eine Londoner Depesche: Es scheint, als ob ein Vormarsch mehrerer japanischer vor⸗ geschobenen Posten im Norden von Jantai und Bensihu stattfände; die Japaner haben jetzt un⸗ gglähr dieselben Stellungen inne, wie am

5. v. Mts., doch sind diese jetzt verstärkt worden.

Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. Ein Wort der Erkenntnis. Der

Bremer Verein für innere Misston hielt dort seine Jahresversammlung ab. Bei dieser Ge⸗ legenheit hielt der Baron v. Uexküll eine Ansprache über das Thema:Unsere Brüder von der Landstraße. Der Herr hat sich nicht ohne Nutzen für seine Einsicht mit dem Gegenstande beschäftigt. Er sagte in seiner An⸗ sprache die wahren und eindringlichen Worte; Wer Arbeit sucht, der findet sie! Ein schändliches Wort! Ein Wort voller

Lug und Trug, geeignet, uns das Herz zu ver⸗ 1

härten. Ich stehe als Zeuge dafür ein, daß dieses Wort eine nuwahlheit ist. Für einen Schlosser bin ich Tage herumgelaufen, habe nichts anderes getan und habe keine Ar⸗