Ausgabe 
8.5.1904
 
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Seite 4.

Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 19.

Sänger, die teilweise im ärgsten Wetter ruhig weiter sangen, als ob nichts geschehen wäre. Mainz war preußisch geworden. Wie schon früher mitgeteilt, hatte man unsern Genossen nicht nur die Stadthalle verweigert, worin die Mainzer stets die Maifeier abhielten, sondern auch den Umzug verboten, was sonst in Mainz noch nie vorgekommen ist. Zu allem Ueberfluß kratzte die Polizei aber auch noch die Maiplakate von den Anschlagesäulen. Und warum das alles in demgemütlichen Mainz? Weil am gleichen Tage die Einweihung der neuen Brücke vor sich ging. Dazu war Wilhelm II. erschienen und deshalb suchte man die Maifeter zu unterdrücken, damit sie den byzan⸗ tinischen Rummel nicht störe. Aber die preußischen Po⸗ lizelkunststücke bewirkten nur, daß die Maidemonstration noch gewaltiger als sonst ausfiel: man wird dadurch jedenfalls keinen einzigen Genossen zu patriotischen Hurrahschreiereien bekehrt haben! Besonders gewaltig und sast allgemein war die Feier in Berlin und seinen Vororten. Hamburg hatte wie alljährlich seinen imposanten Festzug, ebenso Stuttgart. So⸗ gar in Sachsen war diesmal ein Festzug erlaubt worden und zwar in Meißen. Etwa 3000 Personen stark bewegte sich derselbe nach dem Festplatze. Kurz, in allen Teileu Deutschlands feierte die Arbeiterschaft das Fest der Arbeit in würdiger imposanter. Weise. Dasselbe wurde vom Auslande berichtet. In Bel. gien fiel die Ftier besonders imposant aus; in Brüssel bewegte sich ein Zug vor, ca. 10 000 Per⸗ sonen durch die Straßen. Auch die Arbeiter Däne⸗ marcks, Schwedens, Oe sterreich und der Schweiz fehlten nicht bei der internationalen Kund⸗ gebung; in verschiedenen Schweizer Städten nahmen russische Studenten an dem Umzuge teil.

Kurz, der Maigedanke schreitet in der ganzen Welt vorwärts!

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Pop. Nah und Lern.

Hessisches.

(Durch falsches Umbrechen sind in einem Teile der Auflage zwei hierher gehörige Notizen unter Pol. Rundschau(Franz. Gemeindewahlen) gestellt worden.)

aer hesfischen Wahlrechts⸗ vorla'ge berichtet dieFrankf. Ztg., daß es in dem Ausschusse der Zweiten Kammer zu einer Einigung gekommen sei. Demgemäß em⸗ pfehle der Ausschuß die Ein führung der direkten Wahl, mit den im Entwurf vor⸗ gesehenenKantelen und auch in der Frage der Vermehrung derstädtischen Mandate ist es durch den Kompromißvor⸗ schlag des Abg. Gutfleisch zu einer Einigung gekommen. Danach soll die Zweite Kammer künftig aus 60(bisher 50) Abgeordneten be⸗ stehen. Auf die Städte sollen 15 Abgeordnete und 45 auf die Landbezirke entfallen. Hiernach würden nach Maßgabe der augenblicklichen Be⸗ völkerungsziffer die Provinz Starkenburg 24 Abgeordnete(4 mehr als seither) und zwar die Städte 5(Darmstadt 3, Offenbach 2) und das Land 19 Abgeordnete; die Provinz Oberhessen 18 Abgeordnete(2 mehr als seither) und zwar die Städte 4(Gießen 2, Alsfeld 1 und Fried⸗ berg 1), die ländlichen Bezirke 14 Abgeordnete; die Provinz Rheinhessen 18 Abgeordnete(auch 4 mehr als seither) und zwar die Städte 6 (Mainz 3, Worms 2, Bingen 1) und das Land 12 Abgeordnete erhalten. Es bleibt jetzt noch die Einteilung der drei Provinzen in die neuen Wahlbezirke übrig. Mit dieser Einteilung wird sich der Ausschuß in den nächsten Tagen

beschäftigen. Lederkönig Heyl

Dem nationalliberalen paßt der Wahlgesetzentwurf gar nicht und er lätzt seinen Tintenkuli in derWormser Ztg. wütend auf die Regierung los hacken. Nach Junkerart beschuldigt er die Regierung liberaler Tendenzen der Mann, der sich auch liberal nennt! und droht mit dem Widerstande der feudalen Herren der Ersten Kammer fol geudermaßen: 8

Sollte selbst, wider alles Erwarten, der Regierungswahlentwurf mit der Forderung des kautellosen direkten Wahl rechtes in der Zweiten Kammer Annahme finden, so ist noch immer die Erste Kammer da, die ohne Er⸗ weiterung ihces Budgetrechtes wir verweisen bezüglich dessen auf württembergische und badische Beispiele nicht für die Vorlage zu haben sein wird.

Daß die Partei Drehscheibe gegen das all⸗ gemeine Wahlrecht ist, braucht nicht mehr ge⸗ sagt zu werden. Aber bei dem Einflusse, den. der Lederkönig in Hessen besitzt, kann es ihm

wohl gelingen, die Vorlage zu Fall zu bringen.

Stimmenkauf hatte Gen. Landtags⸗ abgeordneter Orb⸗Offenbach dem nationallibe⸗ ralen Reichtagswahlkomitee vorgeworfen. Orb wurde zwar zu 600 Mk. Strafe verurteilt, es wurden aber bei der Beweisaufnahme Tat⸗ sachen festgestellt, die im gewöhnlichen Leben als Stimmenkauf bezeichnet werden.

Gießener Angelegenheiten.

Für Wiedereinführung des

Oktrois auf Mehl und Backwaren scheint bei der Mehrheit der Stadtväter Neigung zu bestehen. In der letzten Stadtverordnetensitzung,

in der über den Voranschlag beraten wurde, wobei es so eine Art General debatte gab, wurde eifrig nach neuen Stenerquellen gesacht. Daß die Abstcht besteht, eine erhöhte städtische⸗ Biersteuer einzuführen, haben wir schon früher erwähnt. Nun willl man die Wiederein⸗ führung der Brotsteuer damit begründen, daß ja das Brot seit ihrer Aufhebung nicht billiger geworden sei. Damals habe selbst der Stadt⸗ verordnete und Bäckermeister Löber erklärt, man schenke damit den Gießener Bäcktun ver⸗ schiedene Zehntausende Mark. Mit Recht wandte sich unser Gen. Krumm entschieden gegen diese Steuerpläne, welche den Minderbemittelten wiederum erhöhte Lasten auferlegen. Derantige Steuern seien ungerecht, wenn nötig, solle man die direkten Steuern erhöhen. Weiter meinte Krumm, der im Laufe der Sitzung mehrmals das Wort ergriff, daß man in der Vermehrung des Beamtenstabes eigentlich weit gegangen sei und es nun endlich damit genug sein lassen könne. Ferner tadelte er die hohen Begräbniskosten, die in kleiner andern hessischen Stadt in gleicher Höhe erhoben würden. Beigeordneter Georgi und einige andere Stadtverordnete erklärten sich ebenfalls gegen die Zrotsteuer, dagegen Kirch und Heichel⸗ heim dafür. Selbstverständlich bedeutet auch die städtische indirekte Verbrauchsgegenstände nichts anderes, als eine Belastung der ärmeren Bevölkerung zu Gunsten der Besitzenden und es muß im Interesse der Gesamtheit dagegen mit aller Macht protestiert werden.

Tiefe volkswirtschaftliche Einsicht bekundete neulich das Gießener Amtsblatt in einer Notiz, die uns erst einige Wochen später zu Gesicht kam. Es leilte dar in nach der Landesstatistik mit, daß von den Einwohner Hessens 73 Prozent steuerfrei seien, 26 Prozent ein Einkormen von unter 4000 Mt. und nur ein einziges Prozent der Einwohner des Groß⸗ herzogtums ein jährliches Einkommen von über 4000 Mk. habe. Daran knüpft das Blatt folgende Be trochtung:

Daraus läßt sich der Schluß ziehen, daß diejenigen, welche so viel Einkommen haben, daß sie sür industrielle U ternehmen, Fabrikanlagen, größere Handelsgeschäfte Geld übrig haben, sehr dünn gesät sind. Und doch müssen sie für die Ernährung eines großen Teils der Bevölkerung Sorge tragen.

Nun hängt euch, ihr Marx, Engels, Rodbertus und wie ihr gelehrten Nationalökonomen alle heißen mögt! Mit eurer Ansicht, daß die Kapitalisten sich durch die Arbeit der Besitzlosen nicht bloß sehr gut ernähren, sondern Ri esen⸗Reichtümer aufhäufen, ist's nichts. Mit einem Satze wirft der Gießener Anzeiger eure vielen dickleibigen Bücher über den Haufen! Wir gestatten uns ganz bescheiden die Meinung auszusprechen, daß, wenn das eine Prozent der Höchstbesteuerten für die Ernährung der übrigen Bevölkerung sorgen müßte, in 14 Tagen mindestens neun Zehntel der letzteren elendlich dem Hungertode verfallen wären.

Auf dem Verbandstage der süd⸗ deutschen Konsum vereine, der am Sonntag vor acht Tagen in Mannheim stattfand, war auch der Gießener Kopsumverein durch einen Delegierten, und zwar das Vorstandsmitglied Keßler vertreten. Im Ganzen nahmen an der Tagung 127 Vereine soviel gehören zu dem Verbande mit 66 Delegierten teil. Aus dem vom Verbands direktor Barth erstatteten Jahres⸗ bericht geht hervor, daß in den 127 Vereinen 83,346 fitglieder dem Verbande angehören gegen 120 mit 68,120 Mitgliedern im Vorjahre.

Steuer auf notwendige

Der Gesamterlös stellte sich auf 23,791,496 Mk. d. i. 3,594,263 Mk. mehr als im Vorjahre. Nach Abzug der Unkosten blieb ein Nettonutzen

von 2,041,087 Mk.(im Vorjahre 1,649,695. Mark) wovon 1,823,519 Mk. rückvergütet und

69,986 Mk. als Reservefonds verwendet wurden. Der Grundbesitz bewertet sich auf 3,762,766 Mk, Geschäftsanteile: 1,629,812 Mk. ꝛc.

Auschließend an den Bericht tadelten die

Revisoren die größeren Warenmankos bei Ab⸗ gang der Lagerhalter und empfahlen Stärkung des Reservefonds. Auch wurde gerügt, daß die Vereine große Kapitalien in ihren Schränken liegen laffen. Es wurde bei gelegentlicher Re⸗ viston ein Verein angetroffen, der 75,000 Yk. in Staatspapieren im Kassenschrank liegen ließ,

und dies damit entschuldigte, bei den vielen Bankkrachs sei man mißtrauisch geworden.

Ueber die Organisation des gemeinsamen Warenbezuges und die bisherigen Erfolge der Einkaufsvereinigungen sprachen Strauß⸗Gß⸗ lingen und Dejun g Mannheim, aus deren Referaten hervorging, daß gerade hier noch viel, sehr viel geleistet werden muß, daß aber Arbeit und Mühe lohnend und im Inter esse der Sache dringend notwendig ind. Kauf⸗ man n⸗Hamburg sprach über: Die Rechte der Generalversammlung gegenüber der Genassen schaftsverwaltung in recht interessanter Weise. Die Beseitigung sozialer Schäden bedinge die genaue Abgrenzung der Funktionen. Schmitt⸗ che n⸗Magdeburg sprach sich für Förderung der Eigenproduktion aus. Schließlich beschloß der Verbandstag einstimmig den Beitritt zum Zentralverband deutscher Kon⸗ sumvereine.

n. Maurervarsammlung. In einer gut be⸗ suchten Maurerversammlung referierte am Samstag im Wiener Hof der Gen. Hüttmann aus Frankfurt a. M. über:Die Lebenshaltung der Gießener Maurer und die: Berechtigung der diesjährigen Lohnforderung. Betrachte. jemand unbefangen die bisherigen Lohnverhältnisse im Maurergewerbe so führte Redner aus so sei a durchaus nich! schwer zu entscheiden, ob die Forderung berechtigt sei oder nicht. Jeder, der dem Arbeiter und in

diesem Fall dem Gießener Maurec, samt seiner FJa⸗

milie eine einigermaßen anständige Existenz zubillige, müsse das Geforderte als bescheiden bezeichnen. Löhne, wie sie bis heute in Gießen bezahlt wurden, seien einfach unerhört und eine Schande für das ganze Gewerbe. Von dem verdienten Lohn im Gawerbe allein könne keiner existieren. Ohne Uebertreibung müsse gesagt werden, Gleßen mit Umgebung zahle in ganz Deutsch⸗ land im Maurergewerbe mit die schlechtesten Löhne. Als Beweis für seine Behauptungen führte Redner eine An⸗ zahl interessante Zahlen an, welche die oben geschilderten Zustände deutlich illustrieren. Rechne man in Gießen im Maur ergewerbe mit einem Durchschnütsstundenlohn von 35 Pfg., der bestimmt noch zu hoch angenommen sei, so ergebe sich bei normalen Arbeitsverhältnissen, abzüg⸗ lich jährlich 15% Arbeitshindernisse: wegen Arbeitsmangel, Witterungsverhältnisse, Krankheit und anderer Ursachen, daß der Einzelne ca. 2350 Stunden jährlich bechäftigt ist. Diese Stundenzahl ergibt einen durchschnittlichen Jahres⸗ arbeitsverdlenst von 775,50 Mk. Jedeufalls eine so geringe Summe, daß damit kaum einem Menschen zuge⸗ mutet werden kann. auszukommen. Ziehe man von dieser Summe 350 Mk. ab, die jährlich für Miete oder Haus⸗ zins, Kleidung, Heizung, Beleuchtung, Steuern, Ver⸗ sicherungsbeiträge, Bildungsmittel, Vergnügen und andere Sachen ausgegeben werden, bleiben vom Jahres verdienst nur noch 400 bis 425 Mk. übrig, um die notwendigsten Lebensmittel beschaffen zu können. Eine fünfköpfige Arbeiterfamilie würde pro Tag 1,17 Mk. zu verzehren haben, oder pro Kopf 23,4 Pfg. Redner ist der Meinung, solche Zahlen sprechen für sich und müßten den Dümmsten die Augen öffnen, selbst der eigensinnigste Unternehmer müsse die obigen schlechten Zustände als nicht übertrieben anerkennen. Es sei aber ein Fehler, wollten die Maurer in diesem Augenblick herkommen und alle Verantwortung auf die Unternehmer abwälzen, denn selbst könnten sie sich nicht von Mitschuld freisprechen. Etwas mehr Mut und fester Zusammenhalt, selbst nach einer verlorenen Schlacht führt zum Ziel. In vielen Orten Deutschlands mußten oft Lohnbewegungen mit negativem Resultat beendigt werden, der Kollegen Erfolge erzielt. Das sei auch in Gießen möglich. Es gelte noch heute der Grundsatz im In⸗

teressenkampf der Arbeiter:Einigkeit macht stark! Was die Arbeits gelegenheit in diesem Jahre in Gießen angehe, so sei dieselbe jetzt schon sehr gut und werde im Laufe dieses Jahres noch besser, daß sehr wohl ein Erfolg möglich sei. Aber trotz dieser sehr guten Geschäftslage hänge der Erfolg von der Einig⸗ keit der Gießener Maurer ab. Wenn es nicht gelinge,

später wurden aber durch die Einigkeit