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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 32.
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Von Nah und Fern. Eine merkwürdige Verurteilung
mußte vor wenigen Tagen der verantwortliche Redakteur der Frkftr.„Volksstimme“, Genosse Quint, über sich ergehen lassen. Quint hatte sich vor dem Schöffengericht wegen Beleidigung des Zentrumsapostels Helmer zu verantworten, die vom Kläger und seinem Vertreter Dr. Heß in einer von der Volksstimme gebrachten Notiz aus Rödelheiul erblickt wurde. Durch die Zeugenaussagen wurde nun mehr festgestellt, als 11 der unter Anklage gestellten Notiz be⸗ hauptet war. Der fromme Helmer war Meister in den Rödelheimer Fahrradwerken von Weil und hat sein Amt erwiesenermaßen dazu mißbraucht, den in der Fabrik beschäftigten Mädchen nachzustellen und sie in der schamlosesten Weise zu berühren. Alle Zeuginnen sagten aus, daß ihnen der verheiratete„Kläger“ Helmer unsittliche Anträge gestellt. Trotz dieses er⸗ drückenden Beweismaterials wurde Quint wegen formaler Beleidigung zu 50 Mk. Geldstrafe verurteilt, weil der Gerichtshof der Anstcht war, daß man auch dem verworfensten Menschen nicht seine geringe moralische Qualität öffentlich vorhalten dürfe. Von Rechts wegen.
Durch plötzlichen Schrecken
hat ein Mädchen in Oberlahnstein, wie von dort berichtet wird, die Stimme verloren. Das Mädchen war am Samstag vor 8 Tagen im Begriff in die elterliche Wohnung in der Braubacherstraße zurückzukehren und wollte eben in die Haustüre eintreten als ein angetrunkener und auf dem Treppentritt eingeschlafener Mann herunterfiel und die Böschung hinunterkollerte. Darüber erschrack das Mädchen dermaßen, daß es seit dem Augenblick die Sprache verlor.
Prügelnde Aerzte.
Die Aerzte Dr. Bertololy und Dr. Kull⸗ mer in Lambrecht(Pfalz) stehen, wie der Frankf. Ztg. berichtet wird, seit längerer Zeit in Differenzen, die bereits das Gericht und den Aerzteverein beschäftigt haben. Als nun am Abend des 12. Juli bei eintretender Dunkelheit Dr. Kullmer mit dem Rad an der Villa des Dr. Bertololy vorbeifuhr, überfiel der letztere den ersteren mit einer Hundspeitsche. Als dann beide handgemein wurden, kam die Frau Dr. Bertololy mit einem Stockdegen hinzu, und hieb dem De. Kullmer damit auf den Kopf. Einen Hieb bekam er laut„Pf. Kurier“ an die Schläfe, den zweiten über die Stirn, sodaß er eine klaffende Wunde davontrug. Ein Fabrikant riß die Streitenden auseinander. Der Fall erregt hier großes Aufsehen.
Eine Lohnbewegung der Pastore wird in Mecklenburg angekündigt. Beweg⸗ lich klagt einer der Kanzelredner in den„Meck⸗ lenburger Nachrichten“ über die wirtschaftliche Lage der Pastoren, um schließlich einem Ader⸗ laß der Staatskasse für die Verkünder der Lehre von der christlichen Demut und Entsagung das Wort zu reden. Der bewußte pastorale Lohnkämpfer gibt ausdrücklich zu, daß das Wort von den fetten Pfarren in Mecklenburg berechtigt— war, wie er sagt. Heute freilich litten aber wenigstens in der Mehrzahl der Kirchenmänner mit ihren Familien bittere Not. Die meisten Pastoren hätten nicht mal über 4000 Mark(sage viertausend Mar!) Jahreslohn!
Solche Klagen der protestantischen Geistlichen sind nichts Neues. In Schleswig-Holstein ent⸗ rüstete sich ein Geistlicher seiner Zeit über die jämmerlichen Anfangs-Gehälter. 1800 Mark Anfangsgehalt— dazu die Naturalleistungen: Freie Wohnung, Pfarrland u. s. w.— sei ein Lohn für sSchlächtergesellen, aber nicht für Pastoren! Und in Berlin stellte vor einiger Zeit ein Pastor zum Beweis der unauskömm⸗ lichen Bezahlung der Pastoren ein Jahresbudget auf, indem er behauptete, ein Pastor könne nicht ohne zwei Dienstbolren und eine Wohnung für mindestens 1800 Mark auskonmen.— Wir ver⸗ denken es den Pastoren an sich natürlich gar nicht für möglichst günstige Existenzbedingungen zu kämpfen. Nur sollten sie sich erstens nicht
vom Staat sondern von denen bezahlen lassen, die ihrer Dienste benötigen, und zweitens sollten ste darauf verzichten, den Arbeitern Bedürf⸗ nislosigkeit zu predigen!
Err
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1 Unterhaltungs-Cril.
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So du mir, so ich dir.
Erzählung von Friedrich Gerstäcker.
3.(Jortsetzung).
Unwillkürlich fast und ehe er wußte, was er tat, mehr nach alter Gewohnheit rief er „herein,“ und eine Hand drückte draußen die Klinke nieder.— Aber die Tür war noch ver⸗ schlossen und Salomo konnte jetzt nicht anders als öffnen— jedenfalls war es die Riecke, die ihm den Kaffee brachte.
Er schob den Nachtriegel zurück und klinkte die Tür auf, fuhr aber unwillkürlich mit einem leisen Ausruf des Erstaunens zurück, als Fanny, die verratene Fanny selber, fertig zum Ausgehen angezogen, vor ihm stand.
„Fanny!“— rief er fast unwillkürlich aus, während das junge Mädchen ihr Auge fest auf ihn geheftet das Zimmer betrat, und die Türe hin er sich wieder ins Schloß drückte.
„Herr Schönbein.“ sagte sie dabei ernst, nur mit einer abweisenden Bewegung, als ihr der verlegene Ungetreue einen Stuhl anbieten wollte, „ich sinde ihr Erstaunen gerechtfertigt, mich nachdem, was gestern vorgefallen, heute auf Ihrem Zimmer zu sehen.“
„Beste Fanny!“
„Bitte unterbrechen Sie mich nicht,“ sagte das Mädchen kalt,„und nennen Sie mich nicht mehr mit einem Namen, zu dem Sie kein Recht mehr haben. Ich bin von jetzt an für Sie nur noch die Tochter des Schneidermeisters Ehrlich — eine Fremde. Doch zur Sache, Sie werden mir wohl glauben, daß mir dieser Schritt— schwer genug geworden ist, und es hat einen laugen Kampf gekostet, bis ich mich dazu ent⸗ schlossen habe. Aber es mußte sein, denn mein ganzes künftiges Lebensglück stand dabei auf dem Spiel, und wenn Sie das auch kalt lassen würde, war ich es mir selber schuldig.“
„Aber beste Fan— nein, bestes Fräulein Ehrlich—.“
„Ich will Sie nicht lange über die Absicht meines Besuches in Zweifel lassen,“ fuhr das Mädchen ernst fort,„Ihnen aber auch gleich bekennen, daß ich weiß, weshalb Sie mich ver⸗ schmäht. Daß es auf solche Weise geschehen, mögen Sie vor sich und Gott verantworten, mir aber sollen Sie darüber keine Rechenschaft schuldig sein. Aber der Welt gegenüber hatten Sie kein Recht, meinen guten Namen so dem Spott und Hohn preis zu geben, und der Welt gegenüber müssen Sie mir darüber Genug⸗ tuung geben.“
„Ich gebe Ihnen mein Wort,“ stammelte Salomo, im höchsten Grade über die Worte, über das ganze Benehmen des Mädchens bestürzt, „daß mir der gestrige Vorfall selber unendlich leid und schmerzlich ist, und ich gern alles tun werde, was in meinen Kräften steht—.“
„Ich nehme Sie beim Wort,“ sagte das schöne Mädchen ernst.„So hören Sie denn, was ich von Ihnen verlange. Es ist ein Glück, daß unsere gestrige Kirchenszene niemanden bis jetzt bekannt ist, als dem Geistlichen, den mein Vater bis jetzt bewogen hat zu schweigen, und meinen beiden Freundinnen. Die letzteren haben, wie ich versichert zu sein glaube, bis jetzt noch nicht darüber gesprochen, aber daß sie auf die Länge der Zeit nicht imstande sein werden, das Geheimnis zu bewahren, davon sind Sie wohl, mein Herr, so fest überzeugt wie ich selber. Würde jene Szene aber hier in Kheim bekannt, so wäre mein Name damit an den Pranger geschlagen. Ich wäre das Stichblatt für alle erbärmlichen Witzbolde des ganzen Ortes, und
was hat ein armes Mädchen weiter, als ihren guten Namen?“
„Aber was, um Gottes willen, kann ich tun?— mein Herz—.“
„Schweigen Sie von Ihrem Herzen,“ sagte die Jungfrau kalt, das hat hierbei nichts mehr
zu tun. Mein Herz haben Sie zertreten und damit sind wir fertig. Für mich gibt es auch nur ein einziges Mittel, dem Hohn der Welt zu begegnen— wenn das auch ein ver⸗ zweifeltes ist, und ich sehe keinen Grund dafür, es Ihnen nicht zu nennen.— Unser Altgesell
— ein braver wackerer Mensch— liebt mich
schon seit längerer Zeit— ich habe seine Liebe
nicht erwidert, weil ich— schwach genug war,
den Schwüren eines anderen zu glauben. Das hat sich jetzt geändert und heute abend werde ich noch sein Weib. Mein Vater ist heute schon mit Tagesanbruch nach meinem Geburtsort gefahren, die nötigen Aufgebote mit Geld aus⸗ zugleichen und mein künftiger Mann übernimmt das Geschäft, von dem sich mein Vater zurück⸗ ziehen— ihm wenigstens die Leitung überlassen wird. Vorher muß ich durch Sie selbst auch vor der Welt gerechtfertigt werden, damit böse Zungen ferner nicht imstande sind mir die Schmach des gestrigen Tages vorzuwerfen. Mit einem Wort, Sie müssen mir Genugtuung für das Erlittene geben.“
„Aber Sie spannen mich auf die Folter, Fräulein,“ sagte Salomo bestürzt—„so sehr ich mich auch über Ihren Entschluß, was den wackeren Altgesellen betrifft, freue, so begreife ich doch nicht, in welcher Art die Genugtuung sein kann, die ich Ihnen geben soll. Ich kann mich doch nicht— mit Ihnen—“
„Sie sollen es gleich hören,“ unterbrach ihn Fanny.„Von jetzt an ist natürlich jeder Ver⸗ kehr zwischen uns abgebrochen, und ich hoffe sogar, daß Sie mich künftig, wenn wir uns ja zufällig auf der Straße treffen, nicht einmal mehr grüßen werden. Ich will selbst vergessen lernen, daß wir uns je gekannt haben, aber heute— müssen Sie mich noch einmal nach Ersheim in die Kirche begleiten, die gestern der Schauplatz meiner Schande war.“
„Nach Ersheim in die Kirche?“ rief Salomo wirklich erstaunt.
„Ja,“ sagte Fanny ruhig— und zwar zum Altar wie gestern. Welchen Zwang ich meinem Herzen damit antun muß, mir noch einmal den gestrigen furchtbaren Augenblick so lebhaft ins Gedächtnis zurückzurufen, können Sie sich wohl. denken; die Erinnerung daran würde mich aber wahnsinnig machen, verweigerten Sie mir die Genugtuung, die ich von Ihnen fordere!“
„Aber Sie sprechen in Rätseln!“
„Die leicht zu lösen sind,“ sagte die Jung⸗ frau düster, die größte Schmach, die einem un⸗ bescholtenen Mädchen widerfahren kann, haben Sie mir gestern angetan, und mein Vater wollte sie, trotz seiner Jahre nur in Blut abgewaschen wissen. Meine Bitten haben vermocht, daß er der Vernunft Gehör gab; er hätte sein Kind sonst nur noch mehr dem Gespött der Leute preisgegeben. Andere Genugtuung sollen Sie mir geben. Gestern sprachen Sie ein Nein, als der Geistliche Sie zu ihrer Antwort nach unserer christlichen Trauungsformel aufforderte — verschmähten sie die Braut, die vertrauens. voll an Ihre Seite getreten war— und heute müssen Sie mir die Genugtuung geben Sie zu verschmähen.“
„Wrr sollen noch einmal zusammen vor den Altar treten?“ rief Salomo Schönbein auf's
äußerste erstaunt.
„Ja,“ sagte das Mädchen mit kalter Ent⸗ schlossenheit in Blick und Ton.„Die Rache will und muß ich haben, daß ich Ihnen Gleiches mit Gleichem bezahlen kann. Sie sollen Ihr Ja auf die Frage heute noch klar und deutlich sprechen, und meine Ehrenrettung sei dann Ihr gestriges Nein.“
„Aber das geht ja unmöglich an,“ stammelte Herr Schönbein wirklich bestürzt.
„Geht unmöglich an,“ erwiderte das Mädchen mit kaltem Hohn.„Fürchten Sie sich, mein Herr, dem zu begegnen, was Sie gestern die Grausamkeit hatten, mit durchdachter Bosheit. auf mich, ein armes hilfloses Mädchen, zu
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