Ausgabe 
7.8.1904
 
Einzelbild herunterladen

tte en , u die n. dt U en ein Wa 1 50 er

.

Nr. 32.

Mitteldeutsche Sountags⸗ZJeitung.

Seite 5.

vormittag vor der Gießener Strafkammer unter Vorsiz des Landgerichtsdirektors Bücking verhandelt. Das Ge⸗ richt beschloß zunächst die Sache Köhlers von der gegen Holzinger zu trennen und gegen diesen allein zu ver⸗ handeln. Der Angeklagte gibt nach Verlesung des Artikels aus derHungener Landpost, in welchem die Anfrage Köhlers an den Landtag, betreffend das Vor⸗ gehen der Staatsanwaltschaft gegen die des Kindesmords angeschuldigte Mina Görlach in Eberstadt, obgedruckt war, zu, dafür verantwortlich zu sein. Darin wird eine Beleidigung des Staatsanwalts Reuß, des Pro⸗ fessors Pfannenstiel und des Medizinalrals Dr. Haberkorn gefunden. Die Genannten bekunden, daß bei der Unter⸗ suchung kein Zwang auf die Görlach ausgeübt worden sei. Bei Drucklegung unseres Blattes dauert die Ver⸗ handlung noch fort. Oberstaatsanwalt Theobald bean⸗ tragte 3 Monate Gefängnis.

Au die Parteigenossen von Wieseck, Trohe und Rödgen. Laut Beschluß der Bezirks⸗ konferenz in Trohe ersuchen wir die Parteigenossen zwecks Regelung der Diätenfrage zur Delegation nach Pfungstadt ihren entsprechenden Beitrag abzuführen. Wegen Bericht⸗ erstattung wolle man sich an den Delegierten wenden.

r. Achtung, Gemein dewähler in Watzenborn⸗Steinberg! Laut Be⸗ kanntmachung liegt die Wählerliste zu der dem⸗ nächst stattfindenden Gemeinderatswahl vom. bis 10. August auf der Bürgermeisterei zu jeder⸗ manns Einsicht offen. Versäume keiner daher, innerhalb dieser Frist sich von seiner Eintragung zu überzeugen, denn nur wer in der Liste steht, kann von seinem Wahlrecht Gebrauch machen. Sache der Arbeiter und Kleinbauern ist es, bei der nächsten Wahl zu zeigen, daß sie eine Gemeinde⸗Politik, wie sie seither getrieben worden ist, nicht billigen. Rüstet Euch, und gebt diesen Herren klar und deutlich zu verstehen, daß mit den sauer verdienten Steuergroschen der Arbeiter und Kleinbauern nicht weiter ge⸗ wirtschaftet werden kann. Auch ist es die höchste Zeit, daß derSchwagernklub gesprengt und Leute in unsere Gemeindevertretung ge⸗ langen, welche die Interessen der ganzen Ge⸗ meinde zu wahren verstehen.

u. Gründung eines Wahlvereins in Lich. Am 25. Juli fand in Lich eine gut besuchte öffentliche Versammlung statt, in welcher über Schaffung eines Wahlvereins verhandelt wurde. Nachdem Beckmann ⸗Gießen die Notwendigkeit des Zusammenschlusses der Ar⸗ beiter auch in politischer Beziehung dargelegt hatte, ließen sich 38 Mann in den Verein auf⸗ nehmen. Sogleich wurden die Mitgliedsbücher ausgestellt und der Vorstand gewählt, worauf Beckmann die Versammelten ermahnte, an der neugegründeten Organisation festzuhalten und für Erreichung besserer Zustände mitzuarbeiten. Montag, den 8. August, abends 9 Uhr, findet die nächste Mitglieder⸗Versammlung statt, in der ein Vortrag über ein noch zu bestimmen⸗ des Thema gehalten wird.

Aus dem Rreise Jriedberg⸗Püdingen

Das antisemitische Bauernfänger⸗ blatt in Friedberg spricht von dem Attentat gegen den russischen Menschenschinder Plehwe als einer jüdisch⸗ sozialdemokratischen Untat, die in Rußland ungeheuere Aufregung hervorrufe. Das ist ja nun Tatsache, doch ist die Aufregung eine freudige. Aber das Hirschel⸗ blatt, das s. Z. die Bluttaten in Kischinew verteidigte, begeistert sich für russische Zufrände und solche Schurken wie Plehwe und beschimpft diejenigen in gemeiner Weise, welche gegen die kosakischen Schergen und Spitzbuben einen aufe pferungsvollen Kampf führen. Diese Gesinn⸗ ung ist bezeichnet für ein angebliches Bauernblatt; nirgends werden die Bauern mehr geschunden als in Rußland! Die Bauern sollten die Kerle, die sich zu ihren Führern aufwerfen, mal eine Zeit nach Rußland als Bauern schicken, damit sie die russische Knute zu fühlen bekämen. Vielleicht würden sie dann anderer Meinung.

Aus dem Rreise Marburg-Rirchhain.

r. Eine Stadtverordneten⸗Sitzung, zu welcher der Vorsteher die Herren Stadtväter erst durch den Stadtdiener hatte herbeiholen lassen, tagte am Montag. Als glücklich die Hälfte der Mitglieder mit einer Stunde Ver⸗ spatung erschienen war, konnte man endlich an die Tagesordnung gehen, die schon einmal liegen bleiben mußte. Nachdem man einige Etats⸗ überschreitungen genehmigt hatte, beschloß die Versammlung, zur Heilstätte für unbemittelte

Lungenkranke einen Beitrag zu bewilligen. Derselbe wurde auf sage und schreibe 10 Mk. für die Stadt Marburg festgesetzt. Nun wird hoffentlich die Stadt auch die Heilstätte rege in Anspruch nehmen und unbemittelte Lungen⸗ kranke dorthin schicken. Für ganze zehn Mark allerdings kann man nicht viel verlangen. Und gerade hier wäre ein anständiger Betrag ange⸗ bracht gewesen, da doch unter den Unbemittelten, worunter man doch nur die Arbeiter verstehen kann, die Schwindsucht am meisten Opfer for⸗ dert. Am Schlusse der Sitzung leistete sich die Versammlung noch einen Kontraktbruch. Der Fuhrunternehmer Eduard Heppe hat bekannt⸗ lich die neuerbaute Pferdebahn der Stadt Marburg übernommen. In einem Vertrage zwischen H. und der Stadt heißt es, daß H. das Baukapital verzinsen solle auf 5 Jahre. Die Strecke von Wilhelmsplatz zum Heumarkt rentierte sich jedoch nicht und H. stellte die Fahrten auf dieser Strecke ein. Dem stimmte der Magistrat zu und setzte den Zinsfuß des Baukapitals noch obendrein auf zwei Prozent herab. So wurde der erst vor Jahresfrist ge⸗ schlossene Vertrag gebrocheu. Wie, wenn sich nun die Mieter städtischer Häuser den Vorgang zum Muster nehmen und keine Miete bezahlen?

r. Das Gewerkschaftsfest am Sonn⸗ tag war vom herrlichsten Wetter begünstigt und verlief unter sehr großer Beteiligung in schönster Weise. Wohl an 1500 Menschen, zum größten Teil Arbeiter, waren anwesend, um im Verein mit ihren Klassengenossen einige vergnügte Stunden zu verleben. Das Programm war auch ein sehr reichhaltiges. Außer dem Konzerte der Stadtkapelle, müssen besonders die guten Gesangsvorträge des Arbeiter-Gesangvereins Eintracht hervorgehoben werden, die öfters auf Verlangen des Publikums wiederholt werden mußten. Auch für die Kinder war wieder gut gesorgt. Die Kleinen, die mit jedem Jahre in großer Zahl auf dem Feste erscheinen, vergnügten sich vortrefflich. Abends ging ein Lampionzug durch die Stadt nach der RestaurationSchloß⸗ garten, wo das Fest durch einen Tanz seinen Abschluß fand. ö

Versammlungen der Bauhilfs⸗ und Erdarbeiter finden statt: In Cappel am Sonntag nachmittags 3 Uhr in der Wirt⸗ schaft Carle, in Ockershausen abends 8 Uhr im Lokale Metzig.

n. Müllerversammlung in Cölbe. Sonntag den 7. August, nachmittags 3 Uhr, findet im Restaurant von Heinrich Ortwein eine Müllerversammlung statt. Auf der Tagesord⸗ nung steht: Der Streik in den Wesermühlen, die Lohnbewegung in Berlin und München und Zweck und Ziel unseres Verbandes. Referent: Kollege Wedermann⸗Cölbe. Zu dieser Versammlung bittet die Zahlstelle, daß die Ge⸗ werkschaftsmitglieder sich zahlreich einfinden.

Gemeinen Betrug

verübte der Maurerpolier Koch aus Mols⸗ bach gegen die streikenden Maurer in Mainz. Er hatte am 7. Juli am Südbahnhof in Mainz die auf Posten stehenden streikenden Maurer aufgesucht und ihnen erklärt, daß er laut Vertrag mit den Bauunternehmern 42 Maurer vor auswärts hierher verbringe. Von dem Streik habe er nichts gewußt, sonst hätte er den Vertrag nicht abgeschlossen. Die Maurer boten ihm Rückvergütung für den Rücktransport der 42 Mann an, er verlangte aber außerdem 100 Mk. für persönlichen Schaden. Schließlich trauten die Steikenden demehrlicheen Makler nicht und ließen ihn verhaften, worauf sich seine Angaben als erlogen erwiesen. Die Strafkammer verurteilte ihn gerechterweise zu einem Jahre Zuchthaus. Nachträgliches aus der kleinen Garnison.

Vor dem Oberkriegsgericht in Frankfurt

am Main fand am Freitag und Samstag die

Verhandlung gegen den Oberleutnant Witte

statt wegen Zeugenmeineides. Oberleut⸗ nant Witte hat früher im Lothringischen Train batatillon Nr. 16 in Forbach gedient und wurde durch die Enthüllungen im Bilse⸗Prozeß so arg

kompromittiert, daß er eine Strafversetzung als Bezirksofftzier nach Siegen i. W. über sich er⸗ gehen lassen mußte. Witte bildete eine der Hauptpersouen des Bilseschen Romans: Aus einer kleinen Garnison. Es wird in dem Roman erzählt, wie er täglich den Besuch der Frau Kommandeuse empfangen habe, es wurde gesagt, daß er sehr viele Schulden habe usw. Der in dem Bilse⸗Prozeß als Zeuge vernom⸗ mene Oberleutnant Witte stellt unter dem Eid alle diese Anschuldigungen lebhaft in Abrede, ebenso bestritt er eidlich, erhebliche Schulden kontrahiert zu haben. Gerade in dieser Bezie⸗ hung hatte Bilse jedoch sehr schwerwiegende Behauptungen aufgestellt. In dem jetzigen Meineidsprozeß wurde während der ganzen Dauer der Verhandlung die Oeffentlichkeit ausgeschlossen. Es muß sich aber doch auch hier, wie seiner Zeit in dem Forbacher Prozeß herausgestellt haben, daß der Träger des vornehmsten Rockes sehr wenig vornehm handelte, denn das Urteil lautete auf 1 Jahr 3 Tage Zuchthaus, zwei Jahre Ehr⸗ verlust, dauernde Eidesunfähigkeit und Ent⸗ fernung aus dem Heere.

Kleine Mitteilungen.

Opfer der Arbeit. Im Kruppschen Laschenwalzwerk in Essen wurden durch Zerspringen eine Schneidesäge sieben Arbeiter schwer verletzt. Auf Zeche Hagenbeck wurde ein Bergmann von herabstürzenden Gesteinsmassen erschlagen.

* Von Andrees Polarexpedion soll bei einer kleinen Insel nördlich von Spitzbergen eine Flaschenpost mit einem von 1898 datierten Briefe gefunden worden sein. Andree versuchte bekanntlich damals mittels eines Luftballons den Nordpol zu erreichen. Er stieg im Juli 1898 nebst zwei Begleitern mit seinem Ballon von Spitzbergen aus auf und seit⸗ dem hat man nichts wieder von den kühnen Luft⸗ schiffern gehört.

Partei-Uachrichten.

Unsere Totenliste. In Berl in starb vorige Woche 72 Jahre alt der Genosse Gustav Keßler. Früher Regierungsbaumeister, trat er noch während des Sozialistengesetzes öffentlich zur Partei über. Er machte sich besonders um die Organisation der Bauarbeiter verdient. In Halle starb August Grothe, früher Schreiner, der während des Sozialistengesetzes aus Berlin ausgewiesen wurde und stets eifrig für die Partei wirkte.

Versammlungskalender.

Samstag, den 6. August.

Friedberg. Wahlverein. Vecsammlung abends Uhr bei Ihl.

Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb(Wiener Hof). Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig.

Steinberg. Wahlverein. Abends 9 Uhr, Ver⸗ sammlung im Lokalezur Wetterau. T.⸗O.:

1. Bericht von der Landeskonferenz. 2. Delegierten⸗ wahl zur Kreiskonferenz. 3. Die bevorstehende Gemeinderatswahl. 5

Heuchelheim. Arbeiterbildungsverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei K. Rinn.

Wieseck. Wahlverein. Abends 9 Uhr General⸗ versammlung im Vereinslokal. Tages⸗Ordnung: Gemeinderatswahl.

Sonntag, den 7. August.

Staufenberg. Volks verein. Nachmittags 5 Uhr Versammlung bei Wirt Vogel(oberes Zimmer). Nichtmitglieder haben Zutritt.

Montag, den 8 August.

Gießen. Schneid rverband.

Versammlung bei Orbig.

Marburg. Konsum verein. Abends ½9 Uhr Generalversammlung im Lokale Hild mann.

Mittwoch, 10. Aungust.

Gießen. Freie Turnerschaft. Abends 9 Uhr

imSolmser Hof, Bahnhofstraße 31: Sitzung

des Festkomitees

Abends 9 Uhr

Die Kreiskonferenz für den Wahlkres Gießen⸗ Grünberg findet Sonntag, den 14. August vorm. 10 Uhr im Lolale Orbig in Gießen statt.

Brlefkasten. T.⸗Haigr. Auf nächste Nummer zurückgestellt, mit den Christlichen pressierts nicht so. L.⸗Wieseck. Wasserleitungsgeschichte ebenfalls erst in nächster Nummer.

h.⸗Wetzlr. Wie vorstehend.