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Mitteldentsche Sauntaage-geitn und.
Nr. 32.
schluß aus der Gesamtpartei sei. Jede lokale Streitig⸗ keit könnte dann zu einer Angelegenheit der ganzen Partei werden. Für die Beitragszahlung sei das hessische Verfahren das beste. Er empfiehlt die in folgender Resolution gemachten Vorschläge:
„Die Hessische Landes⸗Konferenz spricht den Wunsch und die Hoffnung aus, daß sich auf dem Parteitag zu Bremen Vorgänge wie in Dresden nicht wieder⸗ holen. Sie ist der Meinung, daß in einer großen, auf steten Fortschritt bedachten Bewegung Meinungs⸗ verschiedenheiten über einzelne Punkte unvermeidbar sind. Sie ist aber auch der Ueberzeugung, daß sich solche Differenzen in rein sachlicher von allen per⸗ sönlichen Angriffen freier Weise erledigen lassen, wenn die beteiligten Parteigenossen dadel nur von dem ernsten Willen geleitet sind, der gemeinsamen Sache zu dienen.“
Zum Parteitag sei zu wünschen, daß Bremen kein zweites Dresden werde. Keineswegs dürfen theoretische Streitfragen unerörtert bleiben. Es gibt keine große Kulturbewegung, keine historische Massenbewegung von irgend welcher Bedeutung, in der nicht immer und immer wieder Meinungsverschtedenheiten auftauchen. Kein Kopf ist so groß, kein Gehirn so leistungsfähig, daß es über eine Lebenserfahrung verfügte, um über solche großen Fragen mit Unfehlbarkeit zu entscheiden. Wir haben noch eine Menge Probleme vor uns, vieles ist noch nicht entschieden. Die E kenntnis schreitet fort mit der mensch⸗ lichen Erfahrung; das Gesetz hat immer gegolten, es gilt auch für die Sozialdemokratie. Es ist ein Zeichen von einem gesunden inneren geistigen Leben, wenn der⸗ artige Probleme von den verschiedensten Seiten dis⸗ kutiert und zum Austrag gebracht werden. Das ist die Form des geistigen Fortschrittes überhaupt. Diese Dis⸗ kussionen sind keine Gefahr für das Wachstum unserer Bewegung. Unsere Bewegung ist nicht von theoretischen Erwägungen ausgegangen. Die soztaldemokratische Be⸗ wegung ist keine wissenschaftliche Bewegung in ihrem Ursprung, sondern der Ausgangspunkt unserer Bewegung war die praktische Frage der Beseitigung des Massen⸗ elends. Redner schlägt folgende weitere Resolution vor:
„Sämtliche Lokalorganisationen führen, unter Besei⸗ tigung ihrer derzeitigen besonderen Marken, eine einheit- liche, von der Berliner Zeutralkasse ausgegebenen Bei⸗ tragsmarke zu 10 Pf. ein. Diese Marke wird von der Zentralorganisatton an die Landes⸗ resp. Provinzorgani⸗ sationen, von diesen an die Kreiskassen und von den letzteren an die Lokalkassen gegen Barzahlung verkauft. Dabei kommt eine Staffelung der Preise derart zur Anwendung, daß den einzelnen Organisatlonen ein ihren Bedürfnissen entsprechender Pre zentteil der Beiträge ver⸗ bleibt. Die Bestimmung über den Preis, zu dem die Marke an die Landes- resp. Provinzorganisationen ab⸗ gegeben wird, steht dem Parteitage zu, die weitere Staffelung nach unten steht den Landes- resp. Provinz⸗ konferenzen zu. Die moralische Verpflichtung zur Ab⸗ führung höherer Beiträge seitens leistungsfähiger Wahl⸗ kreise oder von freiwilliger Spenden seitens einzelner Parteigenossen bleibt davon unberührt.“
In der Diskusston wendet sich Adelung-Mainz gegen den Vorschlag des Parteivorstandes, wonach die Reichstagsfraktion nur noch durch eine Delegation auf dem Parteitag vertreten sein soll. Die Folge davon würde sein, daß die Abgeordneten dann als Delegierte auf den Parteitag geschickt und die Nichtparlamentarler zurückgedrängt würden. Harris⸗Himbach hätte ge⸗ wünscht, daß David auf die Zollfrage und den Fall Schippel eingegangen wäre. Es sei nötig, in der Agrarfrage Klärung zu schaffen. Dr. Michels ist gegentelliger Meinung. Ungeklärte Fragen sollte man nicht für breite Massen in die Diskussion werfen. Wir haben bisher hierunter sogar oft gelitten, so bei der Vizepräsidentenfrage, die Bernstein viel zu früh in die Diskusston geworfen hat. Die Sozialdemokratie ist prinzipiell weder schutzzöllnerisch, noch freihändlerlsch. Aber dennoch muß Schippel nach seinen letzten Aus⸗ führungen veranlaßt werden, sich klarer auszusprechen, und eventuell sein Mandat niederzulegen, wenn er glaubt, nicht mehr mit der Parteianschauung überein zu stimmen. Im Schlußwort sagt David, daß er ein Referat allerdings nicht alles berücksichtigen konnte. Uebrigens vertrete Michels nach se inen Ausführungen denselben Standpunkt wie Schippel. Er(David) habe die Schippel'schen Ausführungen nicht gelesen, deshalb konnte er nicht darauf eingehen.
Die beiden Resolutionen Davids werden ange⸗ nommen. Nach der Mlttagspause referiert Abgeord— neter Cramer über die Tätigkeit des Landtags.
Hierüber, sowie über die weiteren Verhand— lungen berichten wir in der nächsten Nummer. Jemerkt sei nur noch, daß das Landeskomitee einstimmig wiedergewählt und sodann als Ort der nächsten Landeskonferenz Alzey bestimmt wurde.
Hessisches.
— Gemeindewahlen. In Weiß⸗
nossen bei der am Samstag stattgefundenen Gemeinderatswahl einen glänzenden Sieg. Von 203 Wahlberechtigten gingen 141 zur Urne. Die sozialdemokratischen Kandidaten erhielten davon 76 bis 127 Stimmen. Dieses Resultat wurde erzielt, trotzdem die Gegner alles versuchten, unsere Partei zu unterdrücken.— Gleich günstig für unsere Partei fiel die Wahl in Klein⸗Steinheim aus. Hier siegten unsere Genossen Schaffrat, Haupt und Herbert bei außerordentlich starker Wahlbeteiligung mit 198, 192 u. 186 Stimmen. Reine Stimmzettel wurden für unsere Partei 165 abgegeben, ein Resultat, das dort noch nicht zu verzeichnen ist und das, trotzdem 3 Parteien in den Wahl⸗ kampf zogen.— In Dreieichenhain stegte ebenfalls die sozialdemokratische Liste, ebenso in noch anderen Orten.
— Der Prozeß wegen der Kretsch⸗ mann⸗Kriegsbriefe gegen die„Mainzer Volkszeitung“ soll nun am 26. September von dem Mainzer Landgericht verhandelt werden.
Gießener Angelegenheiten.
— Städtische Arbeiter! In der letzten Stadtverord netenversammlung, in der unser Gen. Krumm die Lohn- und Arbeitsverhält⸗ nisse der städtischen Arbeiter zur Sprache brachte, erklärte der Herr Oberbürgermeister, daß dem Leiter des Tiefbauamtes Herrn Braubach von Ueber stunden der Arbeiter nichts bekannt sei. Herr Braubach hat sich mangelhaft unterichtet, er dürfte nur die Lohn⸗ und Arbeitsbücher nach⸗ sehen, dann wird es klar sein, daß fast täglich 2 Stunden Ueberarbeit geleistet werden.— Der Mangel an Straßenkehrern hat allerdings nicht allein seinen Grund in den miserabelen Löhnen der III. Klasse(per Stunde 23 Pfg.) sondern ebensoviel in der Behandlung, die der Straßenmeister den Arbeitern angedeihen läßt, sie ist machmal so laut und lebhaft, daß Leute mit schwachen Nerven sich andere, ruhigere Arbeitgeber suchen. Erst in den letzten Tagen, wo ein Mann nach 10 stü ndiger Arbeit fortging, weil er umziehen mußte, dies auch dem Vorarbeiter meldete, verhängte der Herr Straßenmeister Strafe; die Folge war, daß der Mann den städtischen Dienst quittierte. Geldstrafen gegen Leute mit 23 Pfg. Stunden⸗ lohn find überhaupt fast lächerlich.
g. Das Gewerkschaftskartell beschloß in seiner letzten Sitzung, daß im Oktober oder November der be⸗ kannte und beliebte Rezitator Walkotte wieder einen Vortrag halten soll. Ferner wurde beschlossen. die Frage der Errichtung einer Aus kunftsstelle für Arbeiter in Rechtsangelegenheiten den Gewerkschaften zur weiteren Erwägung zu unterbreiten. In ihrer Mehrheit sprachen sich die Karte lldeleglerten für das Projekt aus.— In Gießen hat sich ein Streikbrecher-Werb ebureau in der Wirtschaft zum Adler am Markt aufgetan. Das Kartell beschloß, energische Maßregeln zu ergreifen, die hiesigen Arbeiter davor zu warnen, zugleich auch vor dem Besuche dieser Wirtschaft.
— Werdet keine Streikbrecher! Im„Gießener Anzeiger“ sucht der Gastwirt Phil. Schneider, Wertschaft„zum Adler“ am Marktplatz in Gießen schon längere Zeit Arbeiter verschiedener Berufe für eine Fabrik bei Mühlheim a. Rh. Es handelt sich dabei um die Farbenfabriken Bayer in Lever- kusen, wo sich über 1000 Arbeiter im Streik befinden. Wir warnen alle Arbeiter dringend, auf das Angebot des Schneider hereinzufallen. Wir ersuchen zugleich jeden Arbeiter, diese Wirtschaft zu meiden, dessen Inhaber sich für einen Judaslohn dafür hergibt, den Arbeitern den Kampf zur Besserung ihrer Lage zu erschweren.— Diese Mahnungen richtet das Gewerkschaftskartell an die Arbeiterschaft Gießens und Umgebung und es Pflicht jedes denkenden Arbeiters dies zu beherzigen.
— In der Bauarbeiteraussperrung im Maingebiete finden jetzt Verhandlungen zwischen den
kirchen(Kr. Offenbach) errasigen unsere Ge⸗
Betelligten statt, die aber noch zu keinem Ergebnis
geführt haben. Aus Darmstadt werden übertriebene Nachrichten von Ausschreitungen Streikender verbreitet.
— Das„Jugendfest“, das am Donners⸗ tag unter überaus zahlreicher Beteiligung statt⸗ fand, wurde durch die tropische Hitze und den fast undurchdringlichen Staub ungünstig beein⸗ flußt. Zur Bekämpfung des Staubübels hätte do wirklich von der Stadt etwas geschehen können. Wäre es denn nicht möglich gewesen, am Vormittag ein paar Gleßfässer hinauszu⸗ schicken? Unter allen Umständen mußte die Grünbergerstraße ordentlich gesprengt werden. Wenn einmal„hoher Besuch“ in die Stadt kommt, wird ja alles mögliche gethan! Auch die Inhaberin der Wirtschaft im Philosophen⸗ wald hätte den Platz vor der Wirtsch aft ein wenig gießen lassen sollen. Doch die etwa 3½ Tausend Kinderchen ließen sich in ihrem Vergnügen nicht stören und zogen am Abend befriedigt mit ihren Geschenken heim. Der Lehrerschaft und allen, die sich mit der Veran⸗ staltung bemühten, muß alle Anerkennung aus⸗ gesprochen werden. Die höheren Schulen blieben dem Volksfeste fern.
ah. Das Sommerfest der Freien Turnerschaft am Sonntag hatte einen ungewöhnlich starren Besuch aufzuweisen und 1 55 den besten Verlauf. Insgesamt haben über 2000 Personen den Festplatz an der Pulver⸗ mühle besucht, die meisten davon gaben sich bis zum späten Abend der Festfreude hin, trotz der Hitze und der Schnakenplage. Bald nachdem die Turner aufmarschiert waren, ergriff Stadt⸗ verord. Ed. Krumm das Wort zu einer sehr beifällig aufgenommenen Ansprache, in der er den Verein zu seiner bisherigen guten Ent⸗ wickelung beglückwünschte. Er wies auf den Wert des Turnens hin, das schon vor langer Zeit bedeutende Pädagogen, wie Comenius, Pestalozzi u. a. empfohlen hätten und geübt wissen wollten. Später, nach den sogenannten „Freiheits“kriegen betrachtete man das Turnen als staatsgefährlich, zahlreiche Turnvereine wurden verboten, die Führer der Turner ins Gefängnis gesteckt. Als aber die Verfolgungen aufhörten, verfielen die Turnvereine dem Hurra⸗ und Mordspatriotismus und trieben politische Gesinnungsschnüffelei. Das führte zur Grün⸗ dung des Arbeiterturnerbundes, der die Körper⸗ pflege und Ausbildung durch Turnen bezwecke und dies auch Arbeitern ermöglichen wolle. Heute steht der Arbeiterturnerbund mit seinen 57000 Mitgliedern groß und mächtig da, aber es müssen noch viele Arbeiter den Klimbim⸗ Vereinen Valet sagen und in den Turnverein eintreten. Jetzt, wo der Virein in einer städ⸗ tischen Turnhalle übe, werden seine Leistungen immer bessere werden.— In der Tat konnten sich diese auch sehen lassen. Hervorgehoben muß noch werden, daß recht viel zur Belustigung der Kinder geboten war, deren heitere Fröhlich⸗ keit sich allen Erwachsenen mitteilte.
— Ein teurer Spaß. Wegen Ur⸗ kundenfälschung hatte sich am Dienstag der Glasermeister und Sarghändler Schmitt vor der hiesigen Strafkammer zu verantworten. Er hatte bei verschiedenen seiner Konkurrenten fingierte Sargbestellungen per Postkarte ge⸗ macht und freute sich wie ein König, als der Schreinermeister Beil darauf hereingefallen war. Letzterer hatte sich mit seinen Leuten noch tüchtig anstrengen müssen, um in der kurzen Zeit die Bestellung zu erledigen, als er aber den Sarg bei dem angeblichen Besteller abliefern wollte, konnte man ihm dort erklären, daß Gott sei Dank niemand gestorben sei. Ob das aber den Sargfabrikanten ebenfalls mit Freude erfüllte, mag dahin gestellt bleiben. Es stellte sich heraus, daß es Schmitt war, welcher die Leute unbefugt und gegen ihren Willen sterben ließ. Er behauptete zwar, ganz unschuldig zu sein und die Bestellungskarten nicht geschrieben zu haben, doch das Gericht ist mit dem Schreib⸗ sachverständigen überzeugt, daß er der Sünder ist und verurteilte ihn zu drei Wochen Ge⸗ fängnis.
— Der Beleidigungsprozeß wegen des Eberstädter Kindes mordes gegen den Abg. Köhler-Langsdorf und gegen den Redakteur der „Hungener Landpost“ Fritz Holzinger wurde Freitag
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