Ausgabe 
7.8.1904
 
Einzelbild herunterladen

Jen die ar. die a0 an⸗ itie uc m

5 a

Nr. 32.

Mitteldentsche Sonutags⸗Zeitung.

Seite.

hin, daß bereits vor neun Jahren hier in Pfungstadt eine Landeskonferenz getagt habe. Damals habe die Partei sowohl in Pfungstadt wie in ganz Hessen noch in den Kinderschuhen gesteckt, während jetzt aus der ehemaligen nattonalliberalen Hochburg Pfungstadt eine sozialdemokratische Feste geworden sei. Er wünsche, daß die Arbeiten der Konferenz guten Fortgang nehmen und der Partei zur weiteren Förderung gereichen möchten. Als Vorsitzende wurden Ulrich und Raab bestimmt, zu Schriftführern Friedrich- Darmstadt und Zahn⸗ Mühlheim; die Mandatsprüfungkommission bilden die Genossen Beckmann⸗Gießen, Engelmann-Worms und Heilmann⸗Offenbach.

Den Geschäftsbericht des Landeskomitees erstattet dessen Vorsitzender Ulrich. In diesem Jahre beschränkte sich die Tätigkeit des Landeskomitees auf die Erledigung geschäftlicher Angelegenheiten, es suchte nach Möglichkeit die Aufgaben durchzuführen, die ihm von der Steinbacher Landeskonferenz übertragen waren. Von dem Landkalender kamen 123 000 Stück zur Verteilung, obwohl er zunächst einer gewissen Animosität bei den Parteigenossen begegnete und größere Nachfrage erst später eintrat. Die Kalenderverbreitung führte zu einem Prozeß in Alzey, der zu unseren Ungunsten ausging. Weil die dortigen Genossen den Verbreiter bezahlt hatten, nahm das Gericht eine gewerbsmäßige Verbreitung an. Zukünftig müsse das beachtet werden, die Verteilung dürfte nicht gegen Bezahlung erfolgen, solche unnötige Gerichtskosten müssen wir uns sparen. Was die Ein⸗ führung einheitlicher Mitglieds⸗ und Kassenbücher betrifft, so hatte das Komitee hiermit Schwierigkeiten, denn von jeder Seite wurden andere Wünsche laut. Jetzt schlage das Landeskomitee das vorliegende Formular für die Mitgliederliste vor. Kassenbücher für alle Vereine an⸗ zuschaffen, sei nicht angängig. Mit dem beantragten Agitationsleitfaden glaubte das Landeskomitee nicht übereilt handeln zu sollen. Der von Weinschild vorgelegte Entwurf sei recht gut, aber mit Rücksicht auf die Wahlreform müsse noch von einer Herstellung abge⸗ sehen werden. Ueber die Schaffung eines Lande s⸗ Wochenblattes soll als besonderer Punkt verhandelt werden. Kurz sei nur mitgeteilt, daß die Verhandlungen mit den Gieß enern gescheitert sind. Diese glaubten, das Landeskomitee wolle sie auffressen.(Heiterkeit.) Damit war für das Landeskomitee die Sache erledigt.

Im Allgemeinen geht's mit unserer Organisation vorwärts, wenn auch an einzelnen Stellen der Fortschritt besser sein könnte. Namentlich sollten die Parteigenossen ihre Zugehörtokeit zur Organisation auch materkell be⸗ tätigen. Leider sei ein Versuch gemacht worden, unsere Organisation zu zersplittern und dieser Ver⸗ such sei besonders von Genosse Vetters gestützt worden, der auf dem Frankfurter hessen-nassauischen Parteitage ein Organisationsstatut beantragt habe, in dem der Anschluß des Friedberger Kreises an den Frankfurter Agitationsbezirk vorgesehen sei.(Vetters widerspricht.) Dazu wollten die Friedberger noch nicht einmal davon etwas wissen. Wir dürften keinen Keil in die Organi⸗ sation treiben, sondern wir müßten vielmehr an ihrer Weiterentwickelung arbeiten.

Kassierer Orb erstattete hierauf den Kassenbericht und ver weist auf die gedruckt vorliegende Abrechnung. Danach beläuft sich die Rein-Ein na hme auf Mk. 7281.50, die Aus gabe auf 5393,79, so daß sich eine Mehreinnabme von Mk. 1887,71 ergibt. An Vermögen ist Mk. 4872,11 vorhanden. Der größte Teil der Ausgaben wurde für die Kalender aufgewendet und 1500 Mk. wurden an die Parteikasse geschickt. Es sind in diesem Jahre 28700 Marken mehr verkauft worden als im Vorjahre, demensprechend ist auch die Einnahme eine größere.

Im Kreise Alsfeld⸗Lauterbach steht es noch

wenig gut mit der Organisation, darum bedürfte er der

Unterstützung, die sich namentlich die Gießener Genossen angelegen sein lassen sollten. Alsfeld möge aber nicht nur immer bestrebt sein erstklassige Redner zu bekommen, sondern sich auch bemühen, die Organisation zu stärken. Unsere Mitgliederzahl betrage 8900, eine Zahl, der sich keine bürgerliche Partei in Hessen rühmen könne. Aus der nun folgenden Diskussion sind zunächst die Ausführungen des Genossen Michel s⸗Marburg, des Vertreters des Kreises Alsfeld hervorzuheben. Es sei ja richtig, führt er aus, daß jeder Kreis seinen Zahlungs⸗ verpflichtungen nachkommen müßte, aber man könne das proletarische Gewissen der Genossen doch nicht allein nach den von ihnen geleisteten Pfennigen abmessen. Kein Kreis habe mit solchen Schwierigkeiten zu kämpfen, wie Alsfeld⸗Lauterbach. Es seien aber auch in diesem Kreise eine Reihe sehr opferwilliger Genossen vorhanden. Seiner Ansicht nach sei die Hauptsache die, daß in allen Kreisen sozialdemokratische Agitation betrieben werde, gleichgiltig zunächst, woher die Kräfte kommen, seien sie in Hessen nicht vorhanden, so solle man sie eventuell aus Preußen nehmen. Das seien Fragen zweiter Ordnung. Er bitte das Landeskomitee, den Kreis möglichst von sich oder von Gießen aus zu berücksichtigen. Repp⸗Friedberg verteidigt den Antrag auf Einführung einheitlicher Mit⸗ gliederlisten und Kassenbücher. Weiter bemerkt er bezüg⸗

lich des Kreises Alsfeld, daß hier nur mehr als bisher gearbeitet werden müsse, aussichtslos sei derselbe keines⸗ wegs für uns. Der Organisation für Nassau könnten sich die Friedberger nicht anschließen. Engelmann⸗ Worms und Grzesinski⸗ Offenbach befürworteten einheitliche Mitgliederlisten und Kassenbücher. Vetters bestreitet, gestützt auf das in Frankfurt angenommene Organisationsstatut, daß er eine Abzweigung hessischer Kreise beabsichtigt habe, vielmehr hat er auf dem Frank⸗ furter Parteitag besonders betont, daß die hessischen und bayrischen Kreise ihrer Landesorganisation angehören müßten; soweit diese in Frage kommen, habe es sich in Frankfurt nur um Regelung der Agitation gehandelt. Von diesem Sachverhalt habe er Ulrich gleich am an⸗ dern Tage nach dem Frankfurter Parteitage unterrichtet, er müsse sich daher wundern, daß Ulrich jetzt mit der⸗ artigen grundlosen Anklagen komme. Von Absplitterung könne gar keine Rede sein, er selbst würde derartigen Versuchen als alter Parteigenosse, der die Organisation zu schätzen weiß, entgegen treten. Ulrich verweist auf das Frankfurter Statut und eine Aeußerung Quarck's, woraus er eine Absicht der Lostrennung des Friedberger Kreises herleite. Sei das nicht so gemeint, dann sei er zufrieden, man dürfte aber von vornherein keinen Zweifel darüber aufkommen lassen, daß man sich solchen Versuchen entgegenstellen müsse. Eiß nert⸗ Offenbach bestätigt im Namen der Revisoren, daß die Bücher nebst Kasse in bester Ordnung befunden wurden. Bezüglich der Ab⸗ rechnungen einzelner Kreise, stellte er einzelne Mängel fest. Seel⸗Mainz wünscht, daß künftig der Geschäfts⸗ und Kassenbericht gedruckt vorgelegt werde, während sich Heilmann gegen den Antrag ausspricht, der 20⸗Pfennig⸗ Marken einführen will. Bei der nun folgenden Ab⸗ stimmung wurde der Antrag Mainz, das Landesko mitee zu beauftragen, mit Hinzuziehung von Parteigenossen der verschtedenen Kreise einheitliche Mitgltederlisten und Kassenbücher auszuarbeiten und an die einzelnen Parteiorganisatioen auszugeben, angenommen. Ebenso der Antrag in Zukunft den Geschäfts⸗ und Kassenbericht gedruckt vorzulegen. Angenommen wird ferner der Antrag Trohe, der Landeskalender habe in Zukunft spätestens Anfang Oktober in den Händen der Mitgliedschaften zu sein, damit dann sofort mit der Verteilung begonnnen werden könne. Abgelehnt wird dagegen der Antrag Friedbergs auf Herausgabe einer 20⸗Pfg.⸗Marke und das gleiche geschieht mit dem An⸗ trag, die Kreisvertrauensleute zur Beratung über Aus⸗ stattung und Inhalt des Landeskalenders hinzuzuziehen. Dem Landeskomitee wird Decharge erteilt und die Sitzung geschlossen.

Sonntag früh 8 Uhr werden die Verhandlungen bei dem Punkt Parteipresse fortgesetzt und die das Landes⸗Wochenblatt betreffenden Anträge mit zur Bera- tung gestellt. Ulrich berichtet hierzu, daß aufgrund des Beschlusses der vorjährigen Landeskonferenz das Landes⸗ komitee mit den Gießener Genossen wegen derMitteld. Sonntagszeitung verhandelt hat. Zuerst schien es so, als wollten die Gießener uns entgegenkommen, aber als es ernst wurde, da merkten wir sogleich, das die Gie⸗ ßener nicht wollten. Von der Konferenz, die mit den Genossen der beteiligten oberhessischen Kreise abgehalten wurde, und die sich eingehend mit der Zeitungsfrage beschäftigt hatte, gingen wir mit der Ueberzeugung nach Hause, daß so, wie es in Steinbach beschlossen wurde, die Gründung eines wöchentlich erscheinenden Landes⸗ organs nicht erfolgen könnte. Wir haben ihnen des⸗ halb in Verfolg jenes Steinbacher Beschlusses den An⸗ trag 1 vorgelegt, um auf diese Weise zu versuchen, ein Landesorgan ins Leben zu rufen. Nun ist nach Ver⸗ öffentlichung unseres Antrages in der Presse und in den Versammlungen Stellung genommen worden gegen die Schaffung eines Landesorgans überhaupt. Außer den Gießener machten uns besonders die Mainzer Genossen Schwierigkeiten; sie sehen eine Gefahr für ihr Partei⸗ blatt darin, wenn ein Landesorgan geschaffen wird. Diese Befürchtungen halte ich für falsch. Wir sind aber schon gezwungen, ein wöchentlich erscheinendes Blatt herauszugeben wegen der Bevölkerung des Odenwaldes und anderen noch nicht für uns erschlossener Bezirke. Schließlich gibt Redner die Bedingungen bekannt, welche die Gießener stellten und auf die das Landeskomitee nicht eingehen konnte.

Eißnert empfiehlt eine nochmalige Verhandlung während Dieter, Adeluug sich gegen Schaffung eines Wochenblattes aussprechen. Dagegen tritt Haus- schild⸗Offenbach lebhaft dafür ein, ebenso mehrere weitere Redner. Michels erklärt im Auftrage der Alsfeld Lauterbacher Genossen, daß dieselben auf baldige Einführung des Landes⸗Wochenblattes hoffen. Busold spricht sich für den Antrag des Landeskomitees aus, ebenso Rink. Vetters stimmt Eißnert zu, daß noch⸗ mals Verhandlungen gepflogen werden sollen. Der Wert eines Wochenblattes für die Agitation sei doch nicht abzustreiten. Es sei ja begreiflich, wenn die Gie⸗ ßener wenig Neigung hätten, ihr Blatt, mit dem sie sich ein Jahrzehnt abgemüht, herzugeben. Er sei jedoch im Gegensatz zu den Gießener Genossen für Umwandelung derMitteld. Sonntags⸗Ztg., weil er dies für einen

großen Voriei für unsere Partei im ganzen Lande halte. Hasenzahl⸗Erbach berichtet aus dem Odenwald, daß die Lage der Arbeiter dort eine traurige sei, daß sie den Preis derMitteldeutschen, die sie einzufühten suchten, noch zu hoch fänden. Beckmann⸗Gießen erklärt, daß man es den Gießener nicht verübeln könne, wenn sie nicht sofort auf den Antrag des Landeskomitees eingingen. Wir können nicht preisgeben, was wir uns in jahre⸗ langen Kämpfen aufgebaut haben. Trotzdem sind wir bereit, nochmals mit dem Landeskomitee zu verhandeln. Dr. David äußert die schwersten Bedenken gegen den Plan und schließt sodann seine längeren Ausführungen: Man lasse einstweilen den Gießenern ihr Blatt, aus dem sie bald eine Tageszeitung machen sollen. Das Wochen⸗ blatt muß ersetzt werden, durch das noch billigere Agi⸗ tationsmittel: den Landkalender.

Damit schließt die Debatte. Bei der Abstimmung werden alle Anträge zu diesem Punkte abgelehnt und damit auch das wöchentliche Landesorgan.

Hierauf erstattet die Mandats⸗Prüsungskommission Bericht. Es sind 82 Delegierte anwesend, die 92 Orte vertreten, ferner das Landeskomitee, die Landtagsabge⸗ ordneten, 8 Kreisvertrauensleute und je ein Vertreter der 3 Parteiblätter.

Zu Punkt 3 der Tagesordnung: Internationaler Kongreß refertert Landtagsabg. Berthold. Er weist auf die früheren Kongresse von Paris, Brüssel, Zürich, London ꝛc. hin und erklärt diese internationalen Aus⸗ sprachen und Zusammenkünfte der Vertreter des Prole⸗ tariats für notwendig, im Interesse der Klärung und der Einheitlichkeit unserer Bewegung. Besonders erörtert er die Frage der Maifeier und wendet sich dabei gegen diejenigen, welche gegen die Arbeitsruhe am 1. Mai auftraten. Als Delegierten schlägt er Ulrich vor.

Seel⸗ Mainz verteidigt die Stellungnahme der Mainzer in der Malfeierfrage. Dieser wollten sie nur eine würdigere Form geben. Durch die Maifeier sei noch nicht eine Minute Arbeitsverkürzung erreicht worden. Dagegen wendet sich Dr. Michels. Aus den Worten Seel's habe ich eine gewisse Ungeduld herausgelesen, daß das, was wir erstreben, sich nicht schnell genug bezahlt macht. Wir kämpfen nicht dafür, sofort, was wir er⸗ reichen wollen erstrebt zu sehen. Wir können nicht mit einem Satze in den Zukunftsstaat hineinspringen, sondern nur Schritt für Schritt unser Ziel erreichen, wenn diese Schritte auch oft kaum sichtbar sind. Was Seel gegen die Malfeier ausführte, könnte man gegen die ganze sozialdemokratische Bewegung überhaupt anführen. Was hat uns denn bisher den Kampf gegen den Militaris⸗ mus genutzt? Sind die Rüstungen zurückgegangen? Nein, und trotzdem geben wir den Kampf nicht auf. So viel über die Maifeier. Redner gibt darauf dem Wunsche Ausdruck, daß die sozialistische Bewegung in den einzelnen Ländern ihre Taktik mehr einander anpasse. So haben wir es erleben müssen, daß zu derselben Zeit, wo die deutsche sozialdemokratische Reichstagsfraktion für die Aufhebung des Jesuitengesetzes gestimmt hat, die italienischen Genossen ein solches gefordert haben. Ferner möchte ich den Delegierten zum internationalen Kongreß bitten, dahin zu streben, daß unsere Stellung zur Kolo⸗ nialpolitik so bleibt, wie sie ist.

Dr. David betont, daß die Maifeierarbeitsruhe in erster Linie eine Gewertschaftsfrage sei im Gebiete der gewerkschaftlichen Tätigkeit. Zweitens treffen die Ge werkschaften ganz allein die moralischen und materiellen Folgen. Nur die Gewerkschaften treten für die Schäden ein, die diese Arbeitseinstellung zur Folge hat. Wenn die politische Partei ihrerseits die Verantwortung für die Arbeitsruhe am 1. Mai übernehmen will, so hat sie die dafür notwendigen Schritte zu tun. Zunächst könnte das so gemacht werden, daß jeder in einem festen Ar⸗ beitsverhältnis stehende Sozialdemokrat an diesem Tage seine Tageseinnahme opfert.(Sehr gut!) Damit wäre dasselbe getan, was den feiernden Lohnarbeitern zuge⸗ mutet wird,. Aus dieser Maikasse müßten dann die Wunden zugeheilt werden, die die Meifeier den Lohn⸗ arbeitern schlägt. Wir wollen eine Massenkundgebung des gesamten Volkes am ersten Sonntag im Mat, wo wir mit Kind und Kegel hinausziehen in die freie Natur und dort ein Volksfest begehen im wahren Sinne des Wortes. Diese Kundgebung muß so mächlig, so ganz allgemein sein, daß sie der Oeffentlichkeit die ganze Größe der sozialdemokratischen Bewegung vor⸗ demonstriert. Nicht abschwächen wollen wir die Maifeier; wir wollen sie imponierender gestalten. Friedrich⸗Darmstadt tritt für die Maifeier in der bisherigen Form ein. Zweifellos habe sie mit zur Förderung unserer Bewegung beigetragen.

Als Delegierter für den Amsterdamer Kongreß wird Ulrich einstimmig gewählt.

Zum Punkt 4, Parteitag in Bremen, referiert Genosse Dr. David. Er wolle aus dem Material, das dem Parteitage vorliegt, nur einzelne wichtige Punkte hervorheben. Da sei besonders der Antrag des Partei vorstandes auf Aenderung des Statuts der dieGerichts⸗

barkeit und die Beitragszahlung neu regeln wolle. Bedenklich sei der Vorschlag, wonach der Ausschluß aus

einer Lokalorganisation gleichbedeutend mit dem Aus⸗