Ausgabe 
7.8.1904
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung.

Nr. 32.

gemeinen Kauflichkeit Herrn Plehwe doch der eine Vorzug nachgerühmt wird, daß er absolut unbestechlich sei. An Plehwe hat sich noch nicht einmal die Verdächtigung herangewagt, die sonst auch nicht den Großfürst schont. Aber die Russen wissen ihm für jene Eigenschaft wenig Dank. Denn Plehwe gilt als weit . denn als ein Verschwender oder Wüstling. Er gilt als Bösewicht ohne Skrupel, als politischer Sadist, als Bluthund und raffinierter Betrüger. Dabei als Zyniker ohne jede Gesinnung, als Vabanque- und Falschspieler, für den das po⸗ litische Metier und das Spiel mit Menschen⸗ leben nichts als ein angenehmer Nervenreiz; kurz als Tiger in Menschengestalt.

Dabei ist er von bezauberndsten Manieren, ein Charmeur und Causeur mit dem treuherzigsten Gesichtsausdruck.

Seine unglaubliche Fal schheit ist das nächste, worüber alle diejenigen klagen, die mit ihm zu tun hatten.Jedes Wort, das er spricht, ist eine Lüge, ist die Bemerkung, die man am meisten über ihn hört. Das Ver⸗ brecherische seiner Taktik besteht uicht nur darin, daß er dem Zaren einredet, die Revolution stehe vor der Tür, und ihn durch Drohbriefe, Proklamationen u. a., die er in die innersten Gemächer, ja in die Rocktaschen schmuggeln läßt, in fortwährender nervenzerstörender Angst erhält, sondern noch mehr darin, daß er faktisch Unruhen propoziert, um sie als Argumente benützen, und seine Position stärken zu können; daß er fortwährend Konspirationen entdeckt und die angeblichen Teilnehmer in der furchtbarsten Weise maßregelt, um seine Unentbehrlichkeit zu erweisen.

Das Bezeichnendste aber, was ich über das System Plehwe hörte, war doch die Antwort, die ich erhielt, als ich einen recht hochangestellten Mann fragte, ob denn eine Besserung zu erwarten sei, wenn Plehwe einmal von seinem unausbleiblichen Schicksal ereilt worden sei.Nein, lautet die Antwort.So wohlverdient auch jedes Schicksal für ihn sein wird, geholfen wird uns nicht damit. Ein anderer Mann, das ist alles. Plehwe ist nur in idealer Ausprägung, was das System ver langt! Der Poltizeistaat braucht Polizeiseelen und er findet sie immer. Plehwe ist mit allen Lastern außer dem der Bestechlichkeit behaftet, aber er ist durchaus kein Unikum in der russischen Beamtenwelt. Und es ist durchaus nicht wahrscheinlich, daß etwas Besseres nach kommen würde. Wenn ganz Ruzland hofft(wörtlichl), daß ihm bald der Garaus gemacht werde, so ist es nicht, weil man davon sich eine Besserung der Zustände verspräche, sondern weil man doch irgend eine Genugtuung erleben will, wenn das Maß einer dieser Bestien voll ist!

In der deutschen Presse weinen nur die der Knutenherrschaft freundlichen Organe, die kon⸗ servativen und die anttisemitischen Blätter dem Hingerichteten Krokodilstränen nach. So sagt das Blatt des Reichskanzlers, dieNorddeutsche Allg. Ztg.:Als das grausam hingeschlachtete Opfer einer mit Bombe, Dolch und Revolver arbeitenden verbrecherischen Propaganda verdient der ermordete Minister unser Mitleid, und das befreundete Nachbarland, das in Herrn v. Plehwe einen tatkräftigen, hochbegabten und pflichttreuen Beamten verlor, die auf⸗ richtige Teilnahme aller Freunde der gesetz lichen Ordnung.

Für die Tausende Opfer, die der Henker auf dem Gewissen hatte, hat das Regierungs- blatt kein Wort der Teilnahme!

Politische Rundschau.

Gießen, den 28. Juli 1904.

Wie für Kriegervereine agitiert wird. Geradezu terroristische Mittel werden zur Verstärkung der Kriegervereine aufgewandt. Wie schon kürzlich in Marburg, wurden auch anderwärts die Reservisten bei Kontrollen nach Kriegervereinlern und Nichtkriegern gesondert. Die Nichtmitglieder werden einem Examen

Kriegervereins sind. Unter solchen Verhältnissen kann es nicht überraschen, daß dieRheinisch⸗ Westfälische Ztg. schreibt, das Kriegervereins⸗ wesen habe im Laufe des Winters sehr an Ausdehnung gewonnen. Daß es sich dabei nicht um eine natürliche Entwickelung von Krieger Vereinen aus hindelt, ergibt sich auch aus der Mitteilung derRheinisch⸗Westf. Ztg., daß auf den Wunsch des Kaisers hin, möglichst alle ehemaligen Soldaten in Krieger verbänden vereint zu sehen,sehr viel agitiert worden sei und namentlich die Landräte in den Wintermonaten bemüht gewesen sind, neue Kriegervereine ins Leben zu rufen. Auch von militärischer Seite sei viel getan worden durch Vergünstigungen und Entgegenkommen mancher Art. Dringend der Aufklärung bedarf die Andeutung derRhein.-Westf. Ztg., daß Gehalts- und Lohnaufbesserungen eine Rolle spielen beim Eintritt in den Krieger⸗ verein. Das Blatt schreibt nämlich wörtlich: Einen Hauptzuwachs erhalten die Kriegerver eine stets durch die großen Kaisermanöver mit Paraden. Da bei solchen Gelegenheiten die betreffenden Provinzial-Kriegervereine Spalier stehen dürfen und vom Kasiser besichtigt und begrüßt werden, so treten die Reservisten, Land⸗ wehrleute undLandstürmer in die Krieger⸗ vereine ein, um dann gewöhnlich auch dauernde Mitglieder zu bleiben. Hiermit ist dann mit⸗ unter manche Gehalts- und Lohnaufbesserung verbunden.

Wir erachten es als eine Pflicht jedes ehrenhaften Mannes, solchem Terroris⸗ mus Trotz zu bieten. Ein Mittel, Leute zum Eintritt in die Krieger-Vereine direkt zu zwingen, haben die milstärischen Vorgesetzten nicht. Es ist auch niemand verpflichtet, dem vorgeblichen Wunsche des Kaisers zu eutsprechen.

Soldatenschindereien.

Schon kürzlich wurde darauf hingewteesen, daß die Soldatenmißhandlungen in den ersten Vierteljahren dieses Jahres keine Abnahme zeigten. Für das Jahr 1903 wird jetzt festgestellt, daß nicht weniger als 700 Fälle im deutschen Heere zur Aburteilung gelangten. Hiervon entftelen nach einer Statistik auf das Gardekorps nicht weniger als 521! Die erkannten Strafen lauteten auf insgesamt 3000 Tage Gefängnis, Haft oder Arrest, in rund 20 Fällen wurde Degradation zu Gemeinen, in einigen Fällen unter Versetzung in die zweite Klasse des Soldatenstandes, ausgesprochen.

Man darf dabei nicht außer acht lassen, daß diese 700 Fälle nur ein Bruchteil aller wirklich vorgekommen Mißhandlungen darstellen. Wie aus den meisten Mißhandlungsprozessen immer wieder hervorgeht, gelangt ein großer Teil der Mißhandlungen überhaupt nicht zur Kenntnis der Vorgesetzten und zur gerichtlichen Ahndung.

Ohne Zweifel beläuft sich die Zahl aller wirklichen Mißhandlungsfälle auf viele Tausende. a

Nach der nicht unbegründeten Annahme der Berl. Volks⸗Ztg. ist der große Prozentsatz, der auf das Gardekorps entfällt, eine Folge der übermäßigen Sorgfalt, die bei diesem Korps auf den Paradedrill gelegt wird. Dieser wird wieder durch die zahlreichen Paraden, Empfänge, Denkmalsenthüllungen und sonstigen höfisch⸗militärischen Veranstaltungen bedingt. Ein einziger Präsentiergriff, ein einziger Vorbei⸗ marsch wird tagelang vorher geübt, damit es tadellosklappt, und bei diesem fortwährenden Bimsen, wie der kasernentechnische Ausdruck lautet, lassen sich die zu Handgreiflichkeiten ge neigten Elemente am leichtesten zu Mißhandlungen fortreißen

Die zumeist unerhört milden, oft wie ein offenbarer Hohn auf den Begriffstrafende Gerechtigkeit erscheinenden Strafen, auf die in den Mißhandlungsprozessen erkannt worden ist, tragen nicht dazu bei, diesem der deutschen Nation zur Schmach und zur Schande gereichenden verbrecherischen Uuwesen ein Ende zu machen.

Eine Reichstagsersatzwahl muß demnächst in dem Wahlkreise Schaum- burg⸗Lippe an Stelle des verstorbenen ge⸗ mäßigt⸗liberalen Landrichter Deppe sstattfinden.

unterworfen, weshalb sie nicht Mitglieder eines

Unsere Partei, die bei der letzten Wahl 2310

und in der Stichwahl 3241 Stimmen erhielt, hat den Genossen Schriftsteller Thiel in Kassel als Kandidat aufgestellt, die Freisinnigen den in Wiesbaden durchgefallenen Genossenschafts⸗ anwalt Crüger.

Generalratswahlen in Frankreich.

Bei den am Sonntag stattgefundenen Wahlen zu den Generalräten das sind die kommunalen Vertretungen der einzelnen Depar⸗ tements(Regierungsbezirke) siegten die Republikaner und gewannen 63 Mandate. Auch diese Wahlen beweisen wieder, daß das fran⸗ zöstsche Volk sich mehr und mehr der Demokratie zuneigt, was auch dadurch zum Ausdruck kommt, daß die Republik die Gesandtschaft beim Pabste aufhob.

Russisch⸗japanischer Krieg.

Bei den Operationen in der Mand⸗ schurei verfahren die Japaner ebeuso plan- mäßig und erfolgreich, wie im ganzen bisherigen Feldzuge. Der russische Oberbefehlshaber Kuro⸗ patkin ist jetzt von drei Seiten her ziemlich ein⸗ geschlossen und es bleibt ihm nur ein Weg nach Norden auf Mukden zu fret. Von Taschitschiao rückt Oku an der Eisenbahn entlang vor, von Südosten General Nod zu auf der Straße von Hsiuyen nach Haitscheng, und General Kuroki hat die Armeeabteilung angegriffen, welche vor dem Motienlingpaß stand und auch die Straße von Saimatsi am Täitscho entlang sperrte. Bei den hartnäckigen Kämpfen, zu denen es kam, fiel der General Keller. Er wurde durch einen Granatsplitter tötlich verwundet und starb nach 20 Minuten. Sein Tod bedeutet für die russische Armee einen harten Schlag. Generalleutnant Graf Keller war bei Ausbruch des Krieges Gouverneur von Jekaterinoslaw. Er wurde dem Ober⸗ befehlshaber beige zeben und war für diesen eine zuverlässige Stütze. Dieser Keller war ein Schurke, wie der hingerichtete Plehwe, dessen Gehilfe er war. Als Gouverneur in Jekateri⸗ noslaw lietz er bei einem friedlichen Streik im Jahre 1901 die Arbeiter fürchterlich aus peitschen. Ebenso wurden später in Charkow auf seinen Befehl Studenten und Arbeiter wegen einer Demonstration verhaftet und aufs brutalste ausgepeitscht. Keller hat allerdings den mildernden Umstand seiner Schandtaten, daß er ein notorischer Trunkenbold war. Er, der Arbeiter und Studenten wegen ihrer frei heitlichen edlen Ziele mißhandelte, ließ in der Stadt, die seinem Befehl unterstellt war, jeder Unstttlichkeit freien Lauf; er selbst trieb sich auf der Straße mit Dirnen umher. Das waren die Heldentaten dieses Generals im Frieden! Am Samstag und Sonntag fand bei Tanutscheng ein heftiges Gefecht statt. Der Oct wurde von den Japane rnwgenommen und die Russen nach Haitscheng zurückge⸗ trieben. Letztere ließen 1500 Tote auf dem Schlachtfelde und verloren sechs Geschütze. Die Verluste der Japaner betrugen etwa 400 Mann. Am Sonntag früh bedrängten die Russen mit 21 Geschützen stark den linken japanischen Flügel. Nachdem die Japaner jedoch Ver⸗ stärkung erlangt hatten. trieben sie die Russen nach Norden hin zurück. Gegen Abend wurden die Russen mit schweren Verlusten zurückge⸗ schlagen. Vor Port Arthur wird die Lage für die Russen immer kritischer. Aufangs der Woche wurde nach dem Berichte eines Flüchtlings berichtet, die Japaner hätten schwere Belage rungsgeschütze auf den Port Arthur behertschenden Anhöhen aufgestellt.

Unsere Landesk onferenz.

In dem mit Fahnen und Blumen hübsch und ge⸗ schmackvoll dekorierten Saale der Vöglerschen Bierhalle in Pfungstadt wurde die diesjährige Landeskon⸗ ferenz der hessischen Soztaldemokratie am Samstag abends 8 Uhr durch den Vorsitzenden des Landes⸗ komitees, Genossen Abg. Ulrich eröffnet. Nachdem der GesangvereinLiederkranz-Pfungstadt die Delegierten mit dem schwungvollen Chor:Seid gegrüßt Genossen

alle! bewillkommnet hatte, begrüßte Genosse Ra a b⸗ Pfungstadt die Delegierten. Er wies hierbei darauf

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