Ausgabe 
7.8.1904
 
Einzelbild herunterladen

*

1

N

tj als

00

osen/ spse/ aum! ster u..

en-

X

Nr. 32

Gießen, den 7. August 1904.

11. Jahrgang.

Nedaktion:

Kirchenplatz 11. Schloßgasse.

Sonnt

Mitteldeutsche

gs⸗Zeitung.

Nedatftionssseiux⸗ Donnerstag Nachmittag 4 Uhr

Abonnemeutspreis:

Bestellung en

2 Juserate 2

Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5gespalt.

Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch] Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107)

Eyppedition in Gießen, Rittergasse 17, die

Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33¼0% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt.

Bei mindestens

Das Wahlrecht in Gefahr!

Von verschiedenen reaktionären Blättern, welche mit Regierungskreisen in Verbindung stehen, werden Andeutungen in der Richtung gemacht, daß eine Aenderung des Reichstags⸗ wahlrechts im Werke sei und wie es scheint, haben bereits Unterredungen der Parteiführer der Rechten und des Zentrums darüber statt⸗ gefunden. So sagt eine offiziöse Korrespondenz zu der geplanten Einberufung des Reichstags zur Beratung des deutsch⸗russischen Handels⸗ vertrags:

Wichtige politische Entscheidungen, für welche ein festes Zusammengehen der Re⸗ gierung und der Mehrheit von größter Be⸗ deutung ist, stehen im Reiche wie in Preußen bevor. Auch beweist das immer stärkere Hervortreten republikanischer und revolutionärer Bestrebungen mit Nachdruck auf das feste Zusammenhalten aller staatserhaltenen Elemente hin. Daß mit der Vorlegung und Genehmigung des deutsch⸗ russischen Handelsvertrages mit einem Schlage Zweifel und Mißtrauen beseitigt und das volle Vertrauen der Regierung und der agrarisch⸗ schutzzöllnerischen Mehrheit beider großen Par- lamente und der hinter diesen stehenden großen Mehrheit des Volkes wieder hergestellt werden würde, bedarf der näheren Darlegung nicht.

Wie es in Wirklichkeit damit aussieht, geht aus den Bemerkungen desVorwärts hervor, welcher schreibt:Wir sind in der Lage, mit⸗ zuteilen, daß ein Plan unter den Parteiführern zur Erörterung gekommen ist, dahingehend, daß das Reichstagswahlrecht bedeutend verschlechtert und andrerseits das preußische Landtagswahl⸗ recht ein wenig verbessert werden soll, sodaß für beide Parlamente ein und dasselbe Wahl⸗ recht besteht. Man hofft durch Verbesserungen am preußischen Landtagswahlrecht die Oppo⸗ sition gegen die sehr erhebliche Verschlechterung beziehungsweise Beseitigung des bisherigen Reichstagswahlrechts abzuschwächen. Die preu⸗ ßische Regierung steht diesen Verhandlungen nicht nur freundlich gegenüber, sie sind sogar unter ihrer Mitwirkung geführt worden!

Wir haben alle Veranlassung diefen Vor⸗ gängen die größte Anfmerksamkeit zu schenken. Vor allem muß aber das große Heer der be⸗

sitzlosen und minderbemittelten Klasse sich fest

zusammenschließen, für Aufklärung sorgen, um mit aller Energie den von den Geldsäcken und Junkern geplanten Wahlrechtsraub zu vereiteln.

e

Der Tod des Tyrannen.

Seht Kinder, wie ein Wüterich verscheidet! Mit diesen Worten zeigt das gequälte Weib Armgard imTell ihren Kindern den sterben⸗ den Tyrannen, der vom Pfeile des Rächers und Befreiers Tell durchbohrt am Boden liegt. Diesem Weibe vergleichbar blickt das gepeinigte niedergetretene russische Volk auf die zerfetzte Leiche seines Tyrannen, des Blut⸗ hundes Plehwe. Zwar in diesem Falle

sah das Volk den blutgierigen Schurken nicht

langsam verenden, vie Hinrichtung erfolgte so schnell und präzis, daß sie den Augenzeugen kaum zum Bewußtsein kam. Das war ein rascher wirkendes Geschoß, als dasjenige Tells, in einem Augenblicke wurde die menschliche Bestie beseitigt, fast zu rasch und uamerklich ang sichts ihrer zahlreichen schweren Verbrechen, die sie auf dem Gewissen hatte. Mit Jubel vernimmt alles, was einen Funken Freiheits⸗ gefühl in sich trägt, die an und für sich schreck⸗ liche Kunde von der Ermordung des Ministers; und obwohl wir Sozialdemokraten entschiedene Gegner der Todesstrafe und Gewalttätigkeiten sind, über diese Hinrichtung empfinden wir alle eine gewisse Genugtuung.

Wie seinen Vorgänger Ssipjagin hat den russischen Ministern des Innern Plehwe am 28. Juli das verdiente Schicksal erreicht. Trotz der umfassenden Vorsichtsmaßregeln seine Bewachung soll nicht weniger wie 800 000 Rubel jährlich gekostet haben n urde er am 28. Juli mit seinem kugelsicheren Wagen durch eine wohl⸗ gezielte Bombe in die Luft gesprengt, als er im Begriffe war, zum Vortrag bei dem Zaren zu fahren. Leider gingen dabei noch einige andere Menschen mit zu grunde, doch sind es nicht zwanzig, wie vorher berichtet wurde, sondern es sind nur zwei Tote und sieben Schwerverwundete zu verzeichnen. Diese Unschuldigen sind gewiß zu bedauern und im Hinblick auf sie ist das Attentat von den po⸗ litischen Gründen abgesehen, zu verurteilen. Plehwe's Wagen wurde in tausend Splitter zerrissen und der Insasse sofort getötet. Es soll ihm der Kopf glatt abgerissen worden sein. Den ebenfalls schwer verletzten Bombenwerfer kennt man nicht, er weigerte sich bei dem Ver⸗ höre seinen Namen anzugeben. Jedenfalls werden die Beweggründe fuͤr seine kühne Tat von niemand mißbilligt, der nur einen Funken Mitgefühl mit den Tausenden hat, die als Opfer des Plehwe'schen Systems in Sibirien und in den Kerkern schmachten. Sogar in den meisten bürgerlichen Blättern wurde die Hin⸗ richtung des Ministers unter Hinweis auf seine Scheußlichkeiten gerechtfertigt. So schrieb die Berliner Volksztg.: g

Dem Toten schallen Verwünschungen und Flüche von Tausenden von Russen nach, die als Opfer seines Systems Ketten schleppen, oder an Gefängniswände, oder auch an Schubkarren angeschmiedet in den unwirtlichen Gegenden Sibiriens ein zerstörtes Leben betrauern, bis ste dem Wahnsinn verfallen, oder an unheilbarem Siechtum zugrunde gehen mehr zum Tiere geworden als Mensch geblieben; nur, weil sie vielleicht von irgend einem denunziatorischen feilen Schuft alsverdächtig stigmatisiert und ohne ordentliches Gerichts verfahren, lediglichim Verwaltungswege in die sibirische Hölle abgeschoben wurden, auf zehn, fünfzehn, zwanzig Jahre, was bei dem mörderischen Klima in Sibirien in den meisten Fällen gleichbedeutend ist mitlebenslänglich.

Aehnlich schreiben sogar rechtsliberale Or gane, beispielsweise sagt dieNational-Ztg.:

Er begann sein Amt mit der Unterdrückung der Bauernunruhen in Poltawa, er setzte es so fort mit der Bekämpfung der Arbeiterkrawalle in Südrußland, mit der Einschränkung der Freiheiten des Semstwos, mit der Maßregelung der Adelsmarschälle. Eine Säule der Reaktion in Rußland, hat er unter seinem schweren Tritt manch' wucherndes Unkraut, aber auch zahllose viel⸗ versprechende Keime geknickt und vernichtet. Wie Finnland, so bäumt sich heute der ganze Süden Rußlands auf gegen die Willkürherrschaft der Plehweschen

9 2

Kreaturen, weite Gebiete sind aufs äußerste verhetzt und verbittert. Mit dem Umfange des Zarenreiches sind auch die inneren Uebel gewachsen und kaum etwas hat diese innern Uebel so gefördert, wie jenes fin stere, trostlose System, als dessen Repräsentant sich auch Plehwe fühlte.

Unser Zentralorgan faßt sein Urteil dahin zusammen:

Die überwältigende Kunde von der Besei⸗ tigung Plehwes bricht herein, da in allen po⸗ litischen Kreisen Deutschlands die Erregung über Verlauf und Ausgang des Königsberger Justizdramas dauert. Königsberg hat die russische Frage in das Zentrum alles politischen und kulturellen Ringens gestellt, das furchtbare Bild des russischen Gewaltsystems ist vor West⸗ europa gerichtskundig geworden; und nun be⸗ stätigt die auf den russischen Polizeiminister geschleuderte Bombe alles Entsetzen der russischen Zustände.

Wir urteilen über dieses Attentat an dem mächtigsten Vertreter der russtschen Polizeiwill⸗ kür nicht anders, als wir über die früheren Attentate in Rußland geurteilt haben. Das Mitgefühl mit den zahllosen Opfern des System Plehwe schließt jede Möglichkeit menschlichen Mitgefühls mit diesem Toten aus. Er ist dem unsäglichen System verfallen, das er selbst gezüchtet. Er hat die schwerste Schuld an dem unsagbaren Leiden des russischen Volkes auf sich geladen. In ihm wird ein Mensch vernichtet, der Tausende getötet, der Millionen geknechtet. Er ist hingesunken unter dem Fluche des russischen Volkes, unter dem Ab⸗ scheu aller zivilisierten Menschen. Und rur diese große Frage ergreift die Betrachter der russischen Entwickelung: Wird der Tod dieses unseligen Mannes die politischen Wir⸗ kungen erzielen, die der Täter unter qual⸗ vollster Aufopferung seines Lebens erhofft? Wird endlich, endlich die Aenderung des furchtbarsten Regierungssystems herbeigeführt werden, durch welche allein die gewaltsamen Schläge, die Rußland seit Jahren und stets gewaltiger erschüttern, vermieden werden können? Wird sich das absolutistische System, durch diese neue Tat furchtbar gemahnt, entschließen zu dem einzigen Mittel, den Zu⸗ sammenbruch aller Dinge zu verhüten? Oder soll das russische Volk von Attentat zu Attentat gemartert werden?

*

Ein Mann, der weder Sozialist noch Revo⸗ lutionär ist, aber die Zustände und Parteien in Rußland genau kennt, Dr. Hugo Ganz, charakterisiert diesen Hund von Minister in BernsteinsMontagsblatt folgendermaßen: Seine Politik trägt die Merkmale der polizei⸗ lichen Abstammung an sich, die Polizei im macchiavellistischen! Sinne betrachtet, als das Verbrechertum im Dienste der Ord⸗ nung. Ich habe in ganz Rußland nicht einen einzigen Menschen gesprochen, der zur Bezeich⸗ nung des Plehwe'schen Charakters andere Aus- drücke gewählt hätte als jene, die zur Bezeich-

nung der untersten Stufe der moralischen Existenz dienen. Man darf niemand unrecht tun. Es soll

daher betont werden, daß im Lande der all⸗

»Macchiavellistischen Staatskunst, die sich nur von der Klugheit, nicht von der Moral leiten läßt.