Nr. 32.
Mitteldentsche Sonntaas⸗Zeitung.
Seite 7.
häufen?— Geht das jetzt unmöglich an?— Gut; dann aber gebe ich Ihnen mein Wort, daß ich in zehn Minuten bei Hanke& Blenkert bin— Sie werden rot wie Blut?— Hab ich den richtigen Fleck getroffen? Aber beruhigen Sie sich— Sie können nichts mehr verraten, ich weiß schon alles.“
„Sie wissen?—“
„Ich weiß, weshalb ich verraten bin und gönne Ihnen Ihr Glück— wenn Sie meinen Willen vorher erfüllen. Weigern Sie sich aber, dann— was kann mir dann noch an der Achtung der Menschen liegen.— Mein Name wird dann in Spott und Uebermut auf jedes Buben Lippe sein und ich selber brauche nichts mehr zu verheimlichen. Weigern Sie sich also, mir die verlangte Genugtuung zu geben, dann will ich selbst mit Rosalinde Blenkert sprechen. Von meinen Lippen soll sie erfahren, welche Rolle Sie in unserem Hause gespielt von— meinen Lippen soll sie hören—.“
„Lassen Sie mir nur eine viertel Stunde Zeit,“ unterbrach sie Salomo mit flehen dem Tone—„nur fünfzehn Minuten, mir alles zu überlegen, was Sie von mir verlangen.“
„Die seien Ihnen gestattet“— sagte Fanny ruhig—„längere Zeit haben wir überdies nicht; die nächste Viertelstunde muß es ent⸗ scheiden, ob Sie mir helfen wollen— ob ich mir selber helfen soll. Ich lasse Sie für diese Zeit allein und werde indessen auf dem Vorsaal auf und ab gehen.“
„Aber Fräulein Fanny—.“
„Zurück mein Herr!“ rief das Mädchen, den bittend nach ihr ausgestreckten Arm mit Entrüstung fortschleudernd—„wenn Sie noch einen Funken von Mitleid mit mir haben, so erfüllen Sie meinen Munsch, daß ich mit dem heutigen Tage Ihrer verhaßten Nähe enthoben werde— mehr verlange ich nicht. Erfüllen Sie ihn aber nicht, so werden Sie erfahren, was ein zum Tod beleidigtes Weib vermag,“ und ehe er ihr nur eine Silbe erwidern konnte, verschwand sie durch die Tür und warf sie wieder hinter sichs ins Schloß.
Salomo Schönbein blieb in peinlicher Ver⸗ legenheit, wie sie ihn verlassen hatte, noch eine Weile stehen. Seinem scharfen Ohr entging aber nicht, daß das gereizte Mädchen wirklich draußen auf dem Vorsaal mit raschen Schritten auf und ab wanderte— sie wartete, bis die ihm gestattete Frist abgelaufen war, und er selbst befand sich jetzt in der peinlichsten Ver⸗ legenheit.— Aber was sollte er tun? Noch einmal die Trauungszermonie durchmachen und sich dann durch die beleidigte schöne Furie mit einem Nein blamieren zu lassen? es war zu entsetzlich, wenn er auch wohl gut genug fühlte, wie gerecht das Verlangen war, und wie sehr er es verdient hatte. Und weigerte er sich— die erzürnte Schöne da draußen wäre zu allem fähig gewesen, und wenn sie jetzt zu Hanke& Blenkert ging, konnte alles schief gehen.
Noch wußten diese von nichts, und brachte er heute seine früheren Prinziale dahin, die Verlobung mit ihrer Tochter und Salomo Schönbein nur zu deklarieren, so konnten sie dann nicht mehr zurück, mochte geschehen sein, was da wolle. Er selber wollte dann schon vorbauen und in günstiger Stunde seiner zu⸗ künftigen Braut die Sache so erzählen, wie sie für ihm am günstigsten lautete. Lief aber das gereizte Mädchen jetzt hinauf und erzählte alles, was sie wußte, so brauchte sie das Ganze nur noch ein wenig auszuschmücken und da war er verloren, seine Stellung zu Hanke& Blenkert und zu der Tochter des Geschäfts für immer ruiniert.
Fügte er sich also der kleinen Unannehmlich⸗ keit und schwor ihm Fanny, daß sie die Sache als Geheimnis bewahren und ihre Freundinnen ebenfalls dazu verpflichten wolle, so durfte er doch wenigstens hoffen, daß sie nicht vor den nächsten vierzehn Tagen ruchbar wurde, und bis dahin konnte er ja aufgeboten und getraut sein.—
„Haben Sie sich entschlossen?“ fragte plötz⸗ lich Fanny, die wieder mit eiserner Ruhe auf der Schwelle erschien.
Deinen Mund auf meinem Mund,
„Ja,“ stöhnte Salomo,„ich fühle, daß ich Ihnen diese Genugtuung schuldig bin— Sie können es von mir verlangen.“
„Es ist gut, so kommen Sie—.“
„Aber vorher müssen Sie mir schwören, daß Sie gegen niemand Gebrauch davon machen wollen?“
„Wie meinen Ste das?“ fragte die Jung⸗ frau kalt.
„Daß Sie— daß Sie niemand, das was heute geschehen wird, erzählen,“ sagte Salomo etwas verlegen.
„Glauben Sie, daß ich mit meiner eigenen Schande prahlen werde?“ rief Fanny.
„Mißverstehen Sie mich um Gottes willen nicht,“ bat Salomo, dem jetzt nur vor allen Dingen daran lag, die Erzürnte nicht noch mehr zu reizen.„Ich meinte mit dem nicht Sie mein Fräulein, sondern die beiden jungen Damen, die wahrscheinlich auch heute Zeugen sein werden. Wenn Sie die dazu verpflichten wollten—.“
„Gestern stellten Sie die Bedingung nicht,“ srah Fanny, mit bitterem Lächeln auf ihren rüheren Bräutigam sehend,„aber es sei. Ich, nehme das zugleich als ein Geständnis, daß Sie wenigstens in etwas Reue fühlen und jetzt empfinden, wie tief Sie mich eigentlich beleidigt haben. Ich verspreche Ihnen also, dafür zu sorgen, und glaube, Ihnen deren Schweigen verbürgen zu können. Sie sollen es mir auch schwören. Aber jetzt fort— die Zeit vergeht und wir dürfen den nächsten Zug nicht ver⸗ säumen, denn mein Vater und der Geistliche warten schon in Ersheim auf uns.“
„Jetzt gleich?“ rief Salomo erschreckt,„ich hätte erst notwendig einen Weg zu gehen.“
„Reut Sie ihre Zusage schon?“ rief Fanny höhnisch—„Sie sind an nichts gebunden und können ganz hier bleiben— möglich dann, daß uns der notwendige Weg, den Sie zu gehen haben, in eine Straße, in ein Haus führte.“
„Trauen Sie mir das nicht zu,“ bat aber Salomo erschreckt—„Sie haben übrigens recht. es ist vielleicht besser, wir machen etwas, das für uns beide— für alle dabei Beteiligten— peinlich sein muß, so rasch als möglich ab.“
„Gut dann brauchen wir auch kein Wort weiter darüber zu verlieren,“ sagte Fanny kalt, „Folgen Sie mir— der Wagen wartet unten.“
(Forsetzung folgt).
Allerlei.
Liebesbrief eines katholischen Pfarrers.
Vor dem Schöffengericht in Saarge⸗ münd wurde dieser Tage gegen den Zimmer⸗ mann Bonchheit und den Malermeister Scheffer verhandelt, die angeklagt waren, einer Frau Müller Briefe des Pastors Colbus entwendet zu haben. In den Briefen fanden sich recht niedliche Zärtlichkeiten, mit welchen der 69 jährige Geistliche und frühere langjährige Zentrumsabgeordnete die 28 jährige Adressatin bedachte. Unter anderem folgende Stellen:
„Mein gutes, mein liebes Marie! Ich habe gezittert vor Freude, als ich Deinen Brief er⸗ halten habe. Ich kenne ja Deine Schrift. Diesen Brief habe ich schon, ich weiß nicht wie oft gelesen. Es ist mir, als sähe ich Dich in meiner Nähe. Ich sehe Deine jugendliche Ge⸗ stalt, Deine anziehende Brust, Deine rosenfarbigen Lippen, Deine schönen Augen, Deine wunderschönen Haare, Deinen ganzen reizenden Körper. Ich höre Deine Stimme, Du sagst mir so sanft: O, ich liebe Dich. Und dann drücke ich Dich an mein Herz, ich küsse und küsse Dich tausendmal, Du bist mein, ganz mein, und ich bin Dein, ganz Dein. O mein liebes Marie, Dir sagen, wie sehr ich Dich liebe, ist nicht möglich. Wärest Du mein, könntest Du nur bei mir bleiben, so wäre ich glücklich, mehr als glücklich, ich würde Neunkirchen und alles gerne vergessen. Leider aber vergehen Tage, Wochen, Monate und ich kann Dich nicht sehen. Es vergeht fast kein Tag, wo ich nicht an Dich denke, es vergeht fast keine Nacht, wo ich nicht von Dir träume, dann halte ich Dich in meinen Armen,
Dein bloßes Herz auf meinem bloßen Herzen, ich in Dir und Du in mir. O schöner Traum! Doch soll es nicht immer ein Traum bleiben. Ich lade Dich also hier⸗ mit ein, zu mir zu kommen, die nächste Woche, Montag den 16., oder Dienstag den 17. Juni. — In einer anderen Stelle heißt es: Es wird Dir nichts fehlen. Dein Korsett wirst Du so⸗ bald ausziehen, dann wirst Du mit gutem Appetit essen und dann wird auch Dein Herz für mich nicht wie eingesperrt sein. Bleibst Du über Nacht, so wirst Du ein nettes Zimmer und ein sehr gutes Bett bekommen. Du wirst nicht kalt bekommen, Dein Freund, Dein bester Freund auf Erden wird in der Nähe und an Deiner Seite sein und wir werden uns lieben, so oft und wie wir wollen. Colbus suchte zu bestreiten, daß der Inhalt der Briefe richtig wiedergegeben sei, der Vor⸗ sitzende stellte jedoch fest, daß sie der Ver⸗ teitiger richtig verlesen.
Litterarisches.
Der Neue Welt⸗Kalender für das Jahr 1905 ist soeben wieder erschienen. Es ist bereits der 29. Jahrgang des beliebten Kalenders und er bietet, wie immer, einen außerordentlich reichen Inhalt. Wir heben aus demselben hervor:
Kalendarium.— Postwesen.— 18931903(Sta⸗ tistisches).— Rundblick.— Messen und Märkte.— Im Kreislauf des Jahres.— Frühling. Erzählung von Wilh. Schmidt.— Der Dichter. Gedicht von Karl Henckell.— Die letzten preußischen Landtagswahlen. Von Leo Arons.— Schonet die Augen. Von Dr. R. Sußmann(mit Illustrationen).— Verlust. Gedicht von Ernst Preezang.— Winke für Gartenfreunde. Von Curt Grottewitz(mit Illustrationen).— Kinderlieder. Von Paul Remer.— Der lange Halm. Erzählung von Wilh. Holzamer.— Die zwei Sensen. Gedicht von Detlev v. Liliencron.— Elektrische Schnellbahnen. Von Bruno Borchardt(mit Illustrationen).— Aus früheren Kämpfen. Von Ed. Bernstein.— Krimmitschau. Von C. Legien.— Th. A. Steinlen. Von Wilh. Holzamer (mit Illustrationen).— Emil Rosenow(mit Portrait). — Der Krieg in Ostasten. Von A. Conrady(mit Illu⸗ strationen).— Sprüche.— Fliegende Blätter.— Der Brief. Von C. Buysse.— Für unsere Rätsellöser.— Trächtigkeits⸗ und Brütekalender.— Hierzu vier Bilder: Aehrenleserinnen— Der Lotse— Junge Mutter.— Ein Dreifarbendruck auf Kunstdruckpapier: Ein Quartett. Ein Wandkalender.
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Humoristisches.
Ein Telephongespräch zwischen dem russischen und dem deutschen Justizminister veröffentlicht die Jugend:
„Klinglingling!“
„Hier Petersburger Justizpalast! Sie wünschen?“
„n Morjen, Herr Kolleje. Können Sie mir nich vielleicht sagen, wie's mit der deutsch⸗russischen Jejen⸗ seitigkeit steht? Wir haben da'nen Prozeß und kennen det russische Recht nich.“
„Trösten Sie sich, Herr Kollege, wir russischen Richter kennen es auch nicht.“
„Aber ich möchte es jerne wissen. Haben Sie doch die jroße Jüte——“
„Danach hätten Sie sich doch eigentlich vor dem Prozeß erkundigen können!“
„Dat nächste Mal!“
„Ich werde mal nachschauen und Ihnen dann depe— schieren. Auf jeden Fall können Sie ja einstweilen die Angeklagten verurtetlen. So machen wirs wenigstens hier in Rußland.“
„Danke erjebenst!“
„Bitte sehr, wenn Sie wieder was brauchen?“
„Klinglinglingling!“
Aus Konstantinopel. Der Sultan(zum Palastdiener): Es hat eben geklingelt. Wenn Mirbach es ist und er will etwas für christliche Kirchen haben, dann sagen Sie, ich wär nicht zu Hause.
Vielbeschäftigt.„Und was haben Herr Putzel den ganzen Sommer über gemacht?“—„Ich— oh, ich hab halt geschwitzt!“
Empfehlenswerte sozialistische Schriften. Von der Expedition der Mitteld. Sonnt.⸗Zeitung Gießen, Rittergasse 17, sind zu beziehen:
Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg.
Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon. Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg.


