Ausgabe 
7.2.1904
 
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Nr 6.

Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung.

Seite 5.

richtung eines Neubaues fur die Wohnung des Arztes

einstimmig beschlossen. Ich glaube doch nicht viele Bürger werden derselben Ansicht sein daß die Ge⸗ meinde hierzu verpflichtet war. Es wäre besser gewesen, wenn sich der Gemeinderat mit der Sache nicht befaßt hätte, zumal die finanzielle Lage keine günstige ist und der Gemeinde kein Nutzen daraus erwächst. Andere Dinge waren nötiger. Vor Jahren wurde beschlossen, einen Fahrweg vom Unterdorf nach der Altenbusecker Straße durchzuführen, der von großem Nützen für die Einwohnerschaft gewesen wäre, der Beschluß wurde aber im Hinblick auf den Wasserleitungs⸗ und Schulbau nicht ausgeführt. Konnte man das gelten lassen, so hätte man aber jetzt anstatt des beschlossenen Neubaues den Fahrweg zur Ausführung bringen sollen, damit wäre einer großen Zahl Einwohner Rechnung getragen worden. Es ist doch ein höchst mißlicher Zustand, wenn das Dorf keine richtige Zufahrtsstraße hat. Hier war nach meiner Ansicht der Gemeinderat zu bewilligungseifrig; erst bittet man bei der Behörde um längere Frist für den Schulneubau und jetzt bewilligt man Errichtung eines anderen Gebäudes, wozu man gar nicht e war! i

Aus dem Areise griedherg⸗Büdingen.

e. Bei der Kaisergeburtstags feier in Schwalheim, die dort am Samstag be⸗ gangen wurde, gings recht lebhaft zu. Zum Zwecke der Feier hatten sich der Kriegerverein und der patriotische Gesangverein zusammenge⸗ tan und waren übereingekommen, daß jeder Teil ein Faß Bier zu leisten habe, die gemein⸗ schaftlich getrunken werden sollten. So geschah es auch. Weil aber das Kriegervereinsfaß früher geleert war, als das der Sänger, kan es zu Reibereien, die sich zu einem heftigen Knüppelge fecht entwickelten, das nachts zwischen 2 und 3 Uhr auf der Straße ausge⸗ tragen wurde. Auch der Nachtwächter wurde darein verwickelt und gezwungen, von seiner (eichenen)Waffe Gebrauch zu machen. Da⸗ mit konnte er sich bei den Patrioten nicht ein⸗ schmeicheln, schon in der folgenden Nacht bekam er seine Quittung und zwar dermaßen, daß er mehrere Tage das Bett hüten muß. Be⸗ dauerlich und traurig ist, daß die Mehrzahl der Beteiligten Arbeiter sind. Haben die nichts besseres zu tun?

Aus dem Rreise Alsfeld⸗Cauterbach.

e. Volksversammlungen. Am ver⸗ gangenen Sonntage fanden zwei von unserer Seite einberufene Volksversammlungen statt und zwar nachmittags in Lauter bach und abends in Alsfeld. Beide waren außer⸗ ordentlich stark besucht. Gen. Dr. Michels sprach überDer Sozialismus und das arbei⸗ tende Volk; Frau Gisela Michels überDie Frau und der Sozialismus. Beide Vortragende ernteten für ihre Ausführungen, die wir rau⸗ meshalber auch nicht auszugsweise wiedergeben können, lebhaften Beifall. In Lauterbach, im Saale von Keutzer, schloß sich eine lebhafte Diskussion an die beiden Vorträge. Der be⸗ kannte nationalsoziale Pfarrer a. D. Lich, sprach besonders über Flotten⸗ und Kolonial⸗ politik, sowie über das Koalttionsrecht. Ueber letzteren Gegenstand machte er ganz treffende Bemerkungen; doch seine weltpolitischen Phan⸗ tasten waren geradezu haarsträubend. Der Vor⸗ sitzende des Lauterbacher Kriegervereins erklärte sich für Ausschluß aller Sozialdemokraten aus den Kriegervereinen, dort gehöre kein Sozial⸗ demokrat hinein.(Sehr richtig. D. R.) Als ihm hier einPfui zugerufen wurde, verließ er entrüstet den Saal. Im Uebrigen herrschte besonders während der trefflichen Rede der Frau Michels eine solche Ruhe, wie selten in einer Versammlung. Leider waren nur wenige Frauen anwesend. Ein etwas anderes Bild bot die Versammlung in Alsfeld, hier war der grotze Saalzum deutschen Kaiser ebenfalls bis auf den letzten Platz besetzt, auch viele Frauen befanden sich unter den Zuhörern. Des Genossen Michels ausgezeichnete Rede wurde häufig von Beifall und Zustimmung unter⸗ brochen. Lebhaftes Interesse wurde auch natur⸗ gemäß der Rede seiner Frau entgegengebracht, denn hier war es noch nicht oft da, daß eine Frau einen polttischen Vortrag hielt. Ihre ge⸗ wiß nicht leichte Aufgabe hat Frau Michels bestens erfüllt und der Erfolg wird gewiß

nicht ausbleiben. Eine Diskussion fand hier nicht statt. Alle Teilnehmer mit Ausnahme einiger Spießbürger waren befriedigt von dieser selten großen Versammlung.

Aus dem Nreise Wetzlar.

h. Handelskammersekretär und Amtsanwalt. Eine merkwürdige in Deutsch⸗ land wohl kaum ein zweites Mal vorhandene Einrichtung besteht bei dem Amtsgericht in Wetzlar. Hier fungiert der Handelskammer⸗ sekretär im Nebenamte als Amtsanwalt. Daß aus der Vereinigung dieser Funktionen in einer Person sehr leicht Konflikte aller Art entstehen können, liegt auf der Hand. Man denke nur daran, in welcher Situation sich der Amtsanwalt befindet, wenn, was ja passteren kann, ein Mitglied der Handelskammer, schließ⸗ lich ein Vorgesetzter des Amtsanwalts we⸗ gen irgend einer geringfügigen Uebertretung als Sünder vor Gericht steht! Wird er da das öffentliche Gewissen mit dem nötigen Nach⸗ druck vertreten können? Als Grund für die Uebertragung des Amtes an den Sekretär soll dessen niedriger Gehalt als solcher mit ins Gewicht gefallen sein. Warum bezahlt denn die Handelskammer ihren Angestellten nicht so, daß er nicht auf Nebenverdienst angewiesen ist?

h. Ueberfahren. Am Dienstag geriet in Kloster Altenberg der Fuhrmann Heberling unter seinen Wagen, auf dem er Frucht geladen hatte. Die Räder gingen ihm über den Leib, wodurch sein sofortiger Tod her⸗ beigeführt wurde. Auf dem Gute Kloster⸗Alten⸗ berg, das fürstlich Braunfelsischer Besitz ist, kamen schon sehr oft ähnliche Unglücksfälle vor.

Aus dem Nreise Marburg⸗Rirchhain.

r. Einen Lichtbilder⸗Vortrag hat die Gewerkschaftskommission für nächsten Mon⸗ tag, den 8., abends arrangiert. Schriftsteller Carl Thiel ⸗Cassel wird im Hildmann⸗ schen Saale seinen vor einigen Wochen auch in Gießen mit lebhaftem Interesse aufgenomme⸗ nen VortragDer erste Schöpfungstag wie⸗ derholen. Der Vortrag schildert mit Zuhilfe⸗ nahme zahlreicher guter Lichtbilder, die durch einen Projektions⸗Apparat auf eine 16 am große Leinwand geworfen werden, das Werden unseres Planetensystems. Ueber den Inhalt des Vortrags sind schon früher in unserem Blatte ausführliche Angaben gemacht worden; wir fügen hinzu, daß er darauf berechnet ist, der werktätigen Bevölkerung in leicht faßlicher, wissenschaftlich durchaus einwandfreier Form eine Fülle von Wissen und Interessanten zu bieten. Die Gewerkschaftskommisston glaubte, durch Veranstaltung eines Vortrags wie ein solcher hier noch nicht geboten wurde, den Wünschen und dem Bedürfnis der Marburger Arbeiterschaft entgegenzukommen und hofft, daß ihre Mühe durch rech: zahlreichen Besuch be⸗ lohnt werde. Näheres siehe Inserat.

r. Christlich⸗Soziale Versammlung. Die Stöckerschen Helden scheinen es auf Marburg abgesehen zu haben. Vor einigen Wochen fand hier die erste Ver⸗ sammlung statt, in der der Reichstagsabgeordnete Dr. Burckhardt über die Ziele der Christlih⸗Sozialen sprach. In der darauf folgenden Diskusston schnitt Herr Dr. Burckhardt gerade nicht gut ab, da ihm ein Soziolde⸗ mokrat und ein Liberaler entgegen traten. Angesichts dessen, daß eine Anzahl Sozialdemokraten in der betr. Versammlung anwesend war, hatte sich Herr Dr. Burck⸗ hardt vielleicht gescheut, so über die Sozialdemokratie herzuziehen, wie es sonst bei den Christlich⸗Sozialen üblich ist. Was er aber damals unterlassen hatte, das wurde in einer Versammlung, die am Montag stattfand, nachgeholt. Nach der Praxis der Konserva⸗ tiven, wurde diesmal die Versammlung auf nachmittags Uhr anberaumt, damit Arbeiter ferngehalten wer⸗ den. Sie wollenHerren unter sich sein. Die Versamm⸗ lung war von etwa 50 Personen besucht./ etwa waren katholische und evangelische Geistliche,/ Man⸗ schettenbauern und Beamte und 1 Arbeiter. Herr Pfar⸗ rer Wahl aus Langen hielt einen Vortrag über Auf⸗ gaben und Aussichten der Christlich⸗Sozialen. In Wirk⸗ lichkeit könnte man seinen Vortrag nennen: Die Ver⸗ nichtung und Verläumdung der Sozialdemokratie durch Herrn Pfarrer Wahl. Denn den allergrößten Teil seiner Rede brauchte er zurbildlichen Niederwerfung

der Sozialdemokratie. Namentlich waren es die Partei⸗ und Gewerkschaftsführer, denen der Herr Pfarrer alle

möglichen Sünden nachsagte. In Crimmitschau hätten die Sozialdemokraten die armen Arbeiter so weit terro⸗ ristert, daß sie 22 Wochen im Streik standen. Eine blühende Stadt samt Industrie wäre zu Grunde ge⸗ richtet. Die Crimmitschauer Fabrikanten hätten 22 Wo⸗ chen keinen Profit gehabt, die tecroristerten Arbeiter seien jetzt ins Unglück gestürzt und die Sozialdemokraten lassen sie jetzt hilflos im Stich. In Frankfurt sei vor Jahresfrist derselbe Fall passiert. Auch dort wurden die Bauarbeiter von den Führern ins Unglück gestürzt. Die Partei- und Gewerkschaftsführer seien weiter nichts wie Grünschnäbel, Giftmischer, Fälscher und verwahrloste Elemente. Auch der Parteitag in Dresden wurde kräftig ausgenützt, was ja selbstverständlich mit zur Vernichtung der Sozialdemo⸗ kratie gehört. Und so ging die Schimpferei in einem fort, so daß es selbst einigen Herren zu bunt wurde, und sie während des Vortrages den Saal verließen. Am Schluß seines Vortrags suchte er die Beschimpfung der Soztaldemokratie etwas abzuschwächen, indem er einen Lobgesang über ihre Disziplin, Organisation, Agitation und Presse anstimmte und sie jeder Partei zum Muster hinstellte. In der Diskussion sprach nur Herr Pfarrer Hoffmann aus Gießen, der es beklagte, daß sich in Gießen bei der Stichwahl immer zwei Kandidaten gegenüberständen, die beide für die Kirche nichts übrig haben. Bei der vorletzten Reichstagswahl habe man in Gießen einen Mann gewählt, der zur Kirche und Staat ganz miserabel stehe und der in fünf Jahren nur 3 mal im Reichstage war. Redner spielte sich noch⸗ mals als den besten Freund der Bauern auf, indem er anführte, daß ihr ein Landmann viel lieber sei, als einer mit einem gestickten Stehkragen oder einer, der eine Krone trägt.(11) Zum Leidwesen des Referenten ergriff niemand mehr das Wort und gingen die Amts⸗ brüder und Manschettenbauern mit dem erhebenden Be⸗ wußtsein auseinander, die Sozialdemokratie nach christ⸗ licher Art im Wahlkreis Marburg vernichtet zu haben. Marburg ist gerettet.

Steuern zahlen! Wer keine Mahngebühr zahlen will, muß die Steuern bis zum 14. Februar bezahlen. Vergnügen macht allerdings beides nicht.

Berichtigung. Zu der Notiz der vorigen Nr. sei richtig gestellt, daß der Warenumsatz im ver⸗ flossenen Vierteljahr nicht 1300, soudern 13000 Mark betrug.

Der Darmstädter Vergiftungsfall

hat bis jetzt elf Opfer gefordert. Im Ganzen hatten von den 52 Personen, die ihre Mittags⸗ mahlzeit aus der Alicen⸗Kochschule bezogen 26 gegessen, 17 davon erkrankten. Drei liegen immer noch krank darnieder, die andern drei sollen sich außer Gefahr befinden. Das so fürchterlich wirkende Gift, das in den verhäng⸗ nisvollen konservierten Schnitt⸗Bohnen enthalten war, ist sogenanntes Wurstgift. Man nimmt an, daß es sich in der Büchse durch kleine Fleischteile entwickelte, die beim Einmachen durch irgend einen Zufall mit hineingeraten waren.

Letzte Nachrichten.

Zum russisch⸗japauischen Konflikt wird aus London gemeldet, daß der Krieg je⸗ den Augenblick ausbrechen könne. Japans Vor⸗ bereitungen für den Krieg seien fertig, es werde weitere Verhandlungen mit Rußland ver⸗ weigern. 6000 russische Truppen wurden in Port Arthur nach Korea eingeschifft. Eine bedeutsame Aktion sei sicher zu erwarten. !!.

Partei-Uachrichten.

Der Frankfurter sozialdemokratische Verein sst die Mitgliederzahl im letzten Jahre von 632 auf 14 6 4 gestiegen. Die Einnahmen betrugen 14 500 Mk,; das Vereinsvermögen hat sich fast ver⸗ doppelt. Es wurde die Anstellung eines besoldeten Parteisekretärs in Aussicht genommen.

Versammlungskalender.

Erscheint zahlreich und pünktlich in den Ver⸗

sammlungen! Sonntag, den 7. Februar.

Staufenberg. Volksverein. Nachmittags 4 Uhr Versammlung bei Wirt Grölz. Langgöns. Nachmittags 4 Uhr Versammlung bei Wirt Seipp. Montag, den 8. Februar. Gießen. Schneiderverband. Abends ½9 Uhr Versammlung bei Orbig. Sonntag, den 14. Februar. Stammheim. Wahlverein. Versammlung bei Musch.

Mehrere Einsendungen mußten zuruck⸗ gestellt werden. Wir bitten die Betreffenden um Nachsicht.