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Seite 2.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
freie, ehrliche Presse ist nötig, die alle öffent⸗ lichen und politischen Ereignisse des Lebens nicht von dem Polizeistandpunkt aus betrachtet. Aber freilich, Rechtlosigkeit des Volkes und eine bestochene, niedrige und gemeine Presse gehören zu den notwendigsten Erfordernissen der absolutistischen Regierung.
Man hat uns auf die Anklagebank gebracht. Wir sind aber keine Verbrecher, sondern Kriegsgefangene, was auch die Regierung selbst durch ihr ganzes Verhalten uns gegenüber dokumentiert. Weshalb verfolgt ste uns und unterwirft uns den grausamsten Foltern? Je⸗ denfalls doch nicht, um uns zu strafen und zu„bessern“. Ehrliche Menschen bedürfen weder der Strafe noch der Bekehrung. Gewiß, es giebt Fälle, daß schwache Menschen, welche die ungeheuern Greuel der Regierungsverfolgungen nicht ertragen können, dem moralischen Unter⸗ gange verfallen, was die Sprache des Polizei⸗ ministeriums„Besserung“, gute Gesinnung nennt. Solche Fälle kommen aber glücklicherweise sehr selten vor. Nein, sie will unsere Energie brechen und uns zwingen, den Kampf aufzugeben. Wird sie ihr Ziel erreichen? Als Beweis für das Gegenteil dient die Geschichte der letzten dreißig Jahre der russischen revoluttonären Be⸗ wegung, der Bewegung, die trotz aller Ver⸗ folgungen sich in den letzten Jahren über ganz Rußland verbreitet hat.
Die Regierung, die uns den Kämpfen der revolutionären Armee entrissen, zwet Jahre im Gefängnis gefoltert und jetzt dem Gericht überliefert hat, will wahrscheinlich uns für das revolutionäre Feuer, das ganz Rußland er⸗ griffen hat, verantwortlich machen.
Aber wo ist die Logik?
Damit, daß wir eine Geheimdruckerei ge⸗ gründet, Proklamationen und Broschüren ge⸗ druckt haben, protestierten wir gegen das ge⸗ zwungene Schweigen, zu dem die Regierung das ganze Land verurteilt. Wir sind damit dem im Volke entwickelten Bedürfnisse nach freier Meinungsäußerung entgegenge⸗ kommen, dem Bedürfnisse, das in letzter Zeit von den breitesten Schichten der Bevölkerung und der Gesellschaft immer mehr und tiefer empfunden wird. Und wenn wir damit nach Ansicht der Regierung ein Verbrechen be⸗ gangen haben, so sind nicht nur wir allein dafür verantwortlich zu machen, sondern eigent⸗ lich der größte Teil des russischen Volkes, dessen Willen wir zum Ausdruck gebracht ha⸗ ben. Aber ein ganzes Volk kann keine Ver⸗ brechen begehen. Der Wiile des Volkes ist Gesetz! Ist der Zeitpunkt gekommen, wo die Regierung das ganze Volk unter Anklage stellen will, dann ist der Moment da, wo das Volk die R. erung auf die Anklagebank bringen muß.
Vor dem Gerichte von 1877 sagte Bar⸗
dina(eine russische Revolutionärin), daß Ideen
nicht auf Bajonetten aufgespießt werden können. Die Richtigkeit dieses Satzes hat sich bis in unsere Tage bestätigt. Die sozialdemokratische
Idee beherrscht jetzt den Geist und die Herzen
nicht einer kleinen Schaar idealer Kämpfer, sondern der breiten Massen des Volkes. Poli⸗ tische Freiheit ist für das Volk so nötig, wie Luft, Brot und Wasser. Der Kampf sür das Volk hat sich in einen Volks kampf umgewandelt! Ebensowenig, wie Ideen, kann man kämpfende Volks massen mit Bajonetten aufspießen. Ja, unsere heutige revolutionäre Bewegung wird nicht bloß von einzelnen„Ver⸗ rätern“ getragen, nein, es ist eine breite Volksbewegung, ein Kampf um die Frei⸗ heit, um ein besseres Dasein, um das Men⸗ schenrecht! Seit einigen Jahren erhebt sich die ganze arbeitende Bevölkerung Rußlands mit dem Rufe:„Brot und Freihett!“ Sie hebt sich zum Kampfe gegen die finstern, vol sbetrügerischen Gewalten. Von einem Ende Rußlands zum andern hallt der drohende Schrei: Nieder mit der Selbstherrschaft! Die Machthaber wollen diese Bewegung zum Still⸗ stand bringen; aber ist es denn möglich, die kulturelle gesellschaftliche Entwickelung aufzu- halten, die freiheitlichen und fortschrittlichen Bestrebungen der Bürger zu hindern? Versuchen
Sie einen Strom aufzuhalten— so werden Sie ertrinken! Und der Absolutismus wird untergehen, sein Untergang ist unvermeidlich und sehr nahe! Keine Gefänguisse, keine Ver⸗ bannung, keine Polizeifäuste, keine Kosakenknu⸗ ten, nicht Flintenkugeln und Galgen werden im Stande sein, den unvermeidlichen Zusammen⸗ bruch des selbstherrlichen Systems zu ver⸗ hindern. Jeder, der wirklich seine Heimat liebt, jeder, der nicht gleichgültig dem Schicksale ihrer Bürger gegenübersteht, kann und darf nicht bei dem von uns geführten Kampfe passiver Zuschauer bleiben.
Indem die Regierung über ganz Rußland den Belagerungszustand verhängt, erkennt sie offen an, daß alle Bürger in politischer Hin⸗ sicht„un zuverlässig“ sind. Und alle unzuver⸗ lässigen Elemente, d. h. alle diejenigen, bei denen anstatt sklavischer Unterwürfigkeit das Gefühl der Bürgerpflicht sich entwickelt hat, sie müssen sich der revolutionären Bewegung anschließen, in die Reihen der Kämpfer für die Befreiung Rußlands vom Joche der Bureau⸗ kratie eintreten. Der Bureaukratie, die ihre Herrschaft auf das Blut des Volkes gründet.
Ich habe als echter Bürger meines Vater⸗ landes gehandelt. Ich bin in die Reihen dieser Kämpfer eingetreten und habe dieser edlen Tätigkeit alle meine Kräfte und Fähigkeiten gewidmet. Und dafür sitze ich jetzt auf der An⸗ klagebaak!“
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Natürlich hinderte diese glänzende Rede des Angeklagten Goldmann— der er noch eine zweite folgen ließ, in der er die Qualen schilderte, die er und seine Genossen im Ge⸗ fängnisse zu erdulden hatten— nicht seine und der andern Verurteilung zu lebensläng⸗ licher Verbannung nach Sibirien. Wir haben die Ausführungen des unerschrockenen russi⸗ schen Genossen in unserm Blatte aus dem Grunde wiedergegeben, weil sie erstens in ihren grund⸗ sätzlichen Teilen auch für die deutsche Beweg⸗ ung zutreffend sind, dann aber auch um zu schildern, unter welchen Schwierigkeiten unsere russischen Genossen zu kämpfen haben und welchen Mut und welche Entschlossenheit sie dabei an den Tag legen. Ihr tapferes Verhalten und ihre Opferwilligkeit muß für uns, die wir unter günstigeren Bedingungen für unsere Sache streiten, ein leuchtendes Vorbild sein!
Die oben erwähnte zweite Rede können wir aus räumlichen Gründen in dieser Nummer nicht aufnehmen, wir werden sie, wenn auch nur auszugweise in der nächsten bringen.
Mus dem Reichstage.
Sozial politische Debatten füllten die Sitzungen des Reichstages in der zweiten Hälfte der Vorwoche aus. Am Donners⸗ tag gab zunächst der Freisinnige Gothein ein unbefangenes und gerechtes Urteil über den Streik in Crimmitschau ab und bezeichnete gleichzeitig die Forderung des Zehnstundentages zum Mindesten für die Arbeiterinnen als spruch⸗ reif. Dann hielt der in Oberschlesien gewählte Korfanty seine Jungfernrede. Er polemisterte gar nicht übel gegen den Abgeordneten Gamp und den Reichskanzler, dessen Wort von der führenden deutschen Schicht in Oberschlesien das eigentliche Thema seiner Ausführungen abgab. An der Hand seiner Kenntnis der oberschlesischen Verhältnisse führte er den Nach⸗ weis, daß die polnischen Arbeiter dort in der Tat aufs Aeußerste bedrückt werden und daß Unternehmer, Behörden und Geistliche sich zur Beschränkung ihrer natürlichen Rechte vereinen. Man merkte der Rede an, daß Herr Korfanty seine Wahl den Arbeitern verdankt. Eine Reihe sozialdemokratischer Forderungen hat er zu den seinen gemacht, denen er dann aus Eigenem nur die prononziert nationale Note verleiht.
Dann folgte eine heitere Episode. Abg. Müller⸗Meiningen hatte die Handhabung des Vereins- und Versammlungsrechtes in der Republik Hamburg kritisiert und ein neuer Hamburgischer Bundesbevollmächtigter, Senator Dr. Schäfer antwortete ihm. Der hohe Se—
nat mag von den bürgerlichen Frauenrechtlerinnen
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nichts wissen, die gegen die in Hamburg übliche Kasernierung der Prostitution Sturm laufen. Ihre Versammlungen werden entweder verboten
oder aufgelöst. Herr Dr. Schäfer versuchte die Versammlungsverbote zu rechtfertigen, ver⸗ fuhr aber dabei so unglücklich, daß fast jeder seiner Sätze stürmisches Gelächter hervorrief. Anerkennenswert war die Offenheit, mit der der Herr zugab, daß in Hamburg mit Geneh⸗ migung der Polizei Bordelle bestehen.
Die krausen Ansichten, die Herr Dr. Schäfer über das Wesen der Prostitution zum Besten gegeben hatte, wurden von unserm Genossen Wurm mit einigen treffenden Scherzworten, gekennzeichnet. Die Hauptsache aber war unserm Redner eine gründliche Abrechnung mit dem Zentrum und seiner schillerndeu Arbeiterfreund⸗ lichkeit. Er nahm dann weiter Stellung zur freien Aerztewahl und erklärte hierzu:
„Herr Mugdan hat es so dargestellt, als ob die freie Arztwahl eine Parteifrage der Sozialdemokratie sei. Er weiß sehr wohl, daß innerhalb unserer Partei verschiedene Ansichten in dieser Frage herrschen; ich per⸗ sönlich bin stets für die freie Arztwahl eingetreten. Wir wünschen die Aerztefrage über die Parteiangehöri g⸗ keit hinauszuheben. Aber gerade die Aerzte haben Mit tel angewandt, die bei den Arbeitern als„Terrorismus“ bezeichnet zu werden pflegen. 1892 hatten wir die jetzt als Allheilmittel angepriesene freie Arztwahl gegen die Aerzte zu verteidigen, die damals die verhaßten Natur⸗ heilkundigen prinzipiell ausschließen wollten. Die Aerzte sollten lieber dafür sorgen, daß den Krankenkassen größere Mittel zur Verfügung gestellt werden, und daß den Arbeitern die Selbstverwaltung nicht genommen wird. Dr. Mugdan aber schien an Stelle der gewählten Be⸗ amten Staatsbeamte zu wünschen; das paßt zu dem traurigen Niedergang des Freisinns. Wir kümmern uns nicht darum, welcher politischen Partei die Angest ellten der Krankenkassen angehören, sondern stellen die Leute an, die wir für vertrauenswürdig halten.“
Bei der Freitags ⸗ Verhandlung spielte Crimmitschau wieder eine große Rolle. Die Unternehmerpresse hatte, als der Streik noch auf seinem Höhepunkt stand, triumphierend verkündet, daß bürgerliche Reichstagsabgeord⸗ nete der verschtedensten Parteirichtung nach Crimmitschan geeilt seien, um sich dort von den Fabrikanten die notwendigen Informationen zur Bekämpfung der sozialistischen Angriffe im Parlamente zu holen. Nach der Probe, die diese parlamentarische Schutzgarde der Crim⸗ mitschauer Fabrikanten ablegte, haben die In⸗ struktionsstunden ein sehr klägliches Resultat gehabt. Den Herren scheint im Grunde nichts weiter beigebracht worden zu sein als die papa⸗ geienmäßige Wiederholung der Behauptung, „der Streik ist eine Machtprobe der Sozialde⸗ mokratie gewesen“. Bis zum Ueberdruß wird dieses Wort wiederholt; vom Nationalliberalen Lehmann, wie von der einzigen morschen, bürgerlichen Säule, die in Sachsen bei der Wahl noch stehen geblieben ist, dem Antisemiten Gräfe. Ebenso verkündete es Beumer, der Führer des Verbandes der Industriellen als aller Weisheit letzten Schluß. Der Kampf dieser Vertreter des Kapitalismus gilt natürlich dem Zehnstundentag, Beumer sah in seiner Phan⸗ tasie schon den Einstundentag kommen und damit den Anbruch des„Zukunftstaates“. Der sozialdemokratische Redner Fräßdorf suchte die Herren durch den Hinweis zu beruhigen, daß es ja gerade in ihren Kreisen Anhänger der konsequenten Nichtarbeit gebe, die den einstün⸗ digen Arbeitstag mit Entrüstung von sich weisen würden und das„Chaos der Faulenzerei“ gar nicht so übel fänden. Unser Genosse beschränkte
sich nick uf die Zurückweisung der An⸗ gri immitschauer Streik, sondern nal Steinarbeiter an und rechtfer⸗ tig 0 en Ausführungen die Stellung⸗ na hn akenkassen in ihrem Streit mit
den Aerzte Graf Posadowsky hielt zum den längere Rede, in der er die Ein⸗
beg seheng der—indlichen Arbeiter und Dienst⸗ gaankenversicherung für notwendig
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nn eses Thema wurde am Sams⸗ 1g tage zum soundsovielten Male eh Diesmal infolge einer von 5 ie
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