9
9
rate. Isen,
vie
ite
**
ung!
Nr. 6.
Gießen, den 7. Februar 1904.
11. Juhrg.
Redaktion: Nirchenpiatz 11, Schloßgasse.
Mitteldeutsche
Sonntags⸗Jeiti
Nedaktionsschluß⸗ Donnerstag Nachmittag Uhr
——
Abounementspreis:
Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unrer Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107)
Bestellungen
Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die
finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg.
4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33/0% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50e Rabatt.
2 Juserate Die ögespalt. Bei mindestens
Frühlingswehen!
In der Kapitalisten⸗ und Reptilpresse ist der Jubel über den Ausgang des Kampfes in Crimmitschau noch nicht verklungen. Die weise„Darmstädter Zeitung“ spricht von dem Unternehmersiege als von einem„Früh⸗ lingswehen“, das durch unsere Zeit gehe! Muß das nicht jedem denkenden Arbeiter als em⸗ pörender blutiger Hohn klingen? Eine Un⸗ ternehmerorganisation ist im Werden begriffen, deren ausgesprochener Zweck die Zertretung der Arbeiterorganisation ist, die dem Arbeiter den Kampf um wirtschaftliche Gleichachtung unmöglich zu machen sucht. Und das nennt man da oben„Frühlingswehen“! Also war es auch Frühligswehen, als die Hohenpriester und Schriftgelehrten den aufrührerischen Zimmer⸗ mannssohn von Nazareth an's Kreuz brachten? Und Frühlingswehen war es, als Papst Inno⸗ zenz den grausigen Kreuzzug gegen die Albi⸗ genser predigen ließ? Frühling wehte in den scheußlichen Todesstrafen, die man zu hunderten nach dem Bauernkriege verhängte? Frühling wurde es, als nach den Freiheitskriegen die schönen Anfänge einer freiheitlichen Entwicklung im Innern mit so bewundernswerter Energie
wieder erdrückt und zum Stillstand gebracht
wurden? O ihr glücklichen Arbeiter, die ihr einen neuen ähnlich schönen Frühling soeben erleben dürft! Eure Arbeitgeber dürfen sich organisteren und die Outstders) ihrer Kartelle und Syndikate terroristeren. Sie dürfen sich auf ihren gesunden Egoismus berufen, dürfen eure bescheidensten Forderungen mit einem kühlen Hinweis auf die Konkurrenz abtun. Sie dürfen in einen glücklichen Familienleben nach irdischer Behaglichkeit und noch etwas mehr streben. Aber ihr, Menschen zweiter Klasse, zu denen euch Gott nun einmal gemacht hat, ihr dürft das alles natürlich nicht. In täglich 11 bis 15 stündiger Arbeit euch abhetzen, euer Familienleben, eure Gesundheit aufs Spiel setzen, Schimpfworte einstecken und der Willkür Einzelner gehorchen, das dürft ihr. Fast schien es in den letzten Jahren, als köunte das anders werden. Aber jetzt, Gott sei Dank, jetzt kommt der große Unternehmerverband, jetzt sind die guten alten Zeiten“ die„schönen patrtarchali⸗ schen Zustände“ gerettet, jetzt wird man der Not und der Sehnsucht der Millionen da unten den Mund stopfen, damit der friedliche Bürger ungestört durch eure bösen Klagen wieder ruhig schlafen kann. Er hat ja auch ein so gutes, so sehr gutes, zum Glück nicht allzu empfind⸗ liches Gewissen, das seine christlichen Ansprüche billig mit einigen Almosen abfinden läßt. — Frühlingswehen!
Höre das, arbeitendes Volk, höre des und
lerue daraus. Sieh, wie die Be und Regierenden mit deinen natürliche mit deinen heiligsten Bedürfnissen Spott treiben! Sieh, wie die ganze ee liche Moral bei der heutigen Gesellsec ze: hen Phrase geworden ist! Sieh, wie ubliche Wert jeder einzelnen Menschense e s, den alle großen Herzen und Ha⸗
ben, diesen Staats⸗ und Rel r noch nach Pfennigen rechnet. f
)„Außenseiter“, d. h. solche, Sache, hier der Kartelle, stehen.
Arbeiter, und du, elrbeiterin, deinen Teil bei⸗ tragen zu dem Aufwärtsstreben der großen Masse der Menschheit: nicht an jenes selbstge⸗ rechte Pharisäertum wende dich! nicht auf die Wüstenpfade der Herren von Thron und Altar laß dich mit deinen Hoffnungen locken. Die Oasen dort sind spärlich, viel zu spärlich. Du würdest nicht weit kommen. Sieh ein, daß du in die Sozialdemokratie gehörst, daß du hier die einzige ehrliche Vertretung deiner Wünsche, findest, daß hier allein der Mut und die Macht vorhanden ist, die letzten höchsten Ziele der Menschheit in's Auge zu fassen und in aus⸗ dauernder Zähigkeit zu verfolgen. Lies unsere Zeitungen, komm in unsere Versammlungen, Vereine, Genossenschaften, Gewerkschaften. Laß dich nicht entmutigen, wenn auch einmal eine Niederlage erfolgt wie in Erimmitschau. Die Fortschritte der Menschheit sind über viele Niederlagen hinweggegangen. Die Gerechtigkeit ist unser Ideal, die Menschheit unser Glaube! Ihr läßt uns opfern, was in unsern Kräften steht! Für sie laßt uns kämpfen, so lange wir Atem haben. Und über alle Mühen und Ent⸗ täuschungen im Einzelnen wird uns das Be⸗ wußtsein trösten, daß die gerechte Sache siegen muß. Und in diesem Sinne freilich können auch wir sagen: Ja, es geht ein Frühlingswehen auch über das traurigß Schlachtfeld von Crim⸗ mitschau, ein Frühlingswehen, das von kommen⸗ den bessern Zeiten die erste schöne Kunde bringt. Wer meint, er könnte es bannen? Er nehme sich in Acht! Wenn's sein muß, kann es auch zum Frühlings stur me werden!
—
Von der russischen Sozial⸗ demokratie.
II.
Die Verteidigungsrede des russischen Sozial⸗ demokraten Leon Goldmann vor dem Ge⸗ richte in Odessa, welche so recht eine Programm⸗ und Prinzipien⸗Erklärung bedeutet und das zaristische System mit seiner Schändlichkeit und Barbarei treffend beleuchtet, haben wir in der vorigen Nummer abzudrucken begonnen. Rück⸗ sicht auf den Raum nötigte uns, die zweite Hälfte für diese Nummer zurückzustellen und wir lassen sie daher hier folgen. Goldmann fuhr fort: 5
„Im Volke hat sich viel revolutionäre Ener⸗ gie aufgespeichert. Die Regierung fürchtet, daß die Volksempörung sich gegen die an allem Elend und Unglück des Volkes wirklich schuldige Selbstherrschaft wenden möge. Sie benutzt des⸗ halb die Roheit, Unwissenheit und die tierischen Instinkte tiefgesunkener Individuen und hetzt sie gegen die friedlich mit ihnen wohnenden Bürger nichtrussischer Nationalität, wie Juden, Polen, Armenier, Finnländer usw. auf. In ihren Dienst stellen sich gewissenlose Preßkosaken, die für das dem Volke aus der Tasche gezogene Geld, das ihnen die Regierung in Form von Subsidien— richtiger Bestechungen aus⸗ zahlt, im Stande sind, nicht nur Juden, Polen usw., sondern ganz Rußland zu verkaufen. Diese bestochene Presse benutzt die zoologischen Instinkte und religiösen Vorurteile des un⸗ wissenden Teiles der Bevölkerung, um ihn gegen den übrigen Teil aufzuhetzen. Auf dem so vorbereiteten Boden organisteren die Ge⸗
heim⸗Agenten der politischen Polizei die Metze⸗ leien gegen die jüdische Armut. Aber die Re⸗ gierung ist im Irrtum, wenn sie hofft, durch solche Taten, die in der Geschichte Rußlands als Schandflecken bleiben werden, die revolu⸗ tionäre Bewegung zu hemmen. Was aber die Juden direkt betrifft, so werden sie durch dies alles der revolutionären Bewegung in die Arme getrieben. Dem Juden, der seine Heimat liebt, sich als Bürger seines Vaterlandes an⸗ sieht und dem Rate des Herrn Plehwe(der russische Polizeiminister D. R.), Rußland zu verlassen, nicht folgt, bleiben nur zwei Wege: eniweder der Tod, oder der Kampf um die Freiheit und bürgerliche Gleichberechtigung. Ich muß hinzufügen: durch meine weitere Lebens⸗ erfahrung bin ich zu der Ansicht gekommen, daß auch die Rechte der Bürger russischer Her⸗ kunft bei uns illusorisch sind. g Für jeden Russen, der nicht dem Sprich⸗ worte folgt:„Meine Hütte ist am Rande, ich weiß von nichts“, dem wird das Leben in Rußland einfach unerträglich gemacht. Bei uns giebt es keine persönliche Unverletzbarkeit und kein Hausrecht. Die Polizei kann zu jeder Nachtstunde in das Haus eines jeden friedlichen Einwohners einbrechen, ihn mißhau deln, durchprügeln, durchsuchen und ins Gefäng⸗ nis stecken. Beim Ausgang auf der Straße ist niemand sicher, daß er von Kosaken ver⸗ haftet und geprügelt, im Polizei⸗Revier auf verschiedene Weise mißhandelt wird— voraus⸗ gesetzt, daß er nicht selbst zur Polizei gehört. Fast ganz Rußland besindet sich unter Be⸗ lagerungszustand. Was heißt das? Das ist die zügellose Freiheit der wildesten Willkür der Polizei und Gendarmen. Beim Belagerungs⸗ zustand erreicht diese Polizeiwillkür ungeheuer⸗ liche Formen. Jeder, der anders wie die Po⸗ lizei denkt, oder aus irgend einem Grunde der Polizei unbequem vorkommt, kann ohne Untersuchung und ohne Gericht verhaftet und nach Sibirien verbannt werden. In meiner Gegenwart wurde in Kischinew ein alter, kranker Greis auf 5 Jahre nach dem Jakutzker Bezirk verbannt, weil er für seine Mitbürger Klagen gegen die Polizei an die Staatsanwaltschaft geschrieben hatte. Ein Bauer wurde als polt⸗ tischer Verbrecher in das Gefängnis gesteckt, weil er die Absicht hatte, gegen seinen Pacht⸗ herrn wegen ungesetzlicher Wegnahme seines Ackers zu klagen. Die Polizei und Gendarmen rasen und rauben, mißhandeln die Stadt⸗ und Dorfbewohner und fur alles das erhalten ste Orden und Gehaltserhöhungen. Rußland ist durch den Absolutismus zur Erschöpfung ge⸗ bracht worden; um seine Macht festhalten zu können, scheut es sich nicht, die wichtigsten In⸗ teressen des Landes preiszugeben. Rußland hat Bildung nötig, da diese aber für die Selbstherrschaft schädlich ist, heißt die Parole: Nieder mit der Bildung! Das Volk braucht Belehrung und Selbständig⸗ keit, derartiges ist aber mit der Willkürherr⸗ schaft nicht vereinbar und darum wird es noch weiter in die Fesseln bureaukratisch⸗polizeilicher Bevormundung hineingezogen. Das Land be⸗ darf der öffentlichen Rechtspflege und der freien Meinungsäußerung, weil bei Ab⸗ wesenheit derselben jeder Machthabende die roheste Mißhandlung der Bürger begehen und die frechsten Verbrechen verüben kann. Eine


