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No. 45.
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die Agitation, das muß man ihm lassen. Gegen seine Wahl haben die Antisemiten, wie es heißt, Protest eingelegt, weil er Flugblätter mit seinem Amtstitel unter⸗ zeichnet hatte, was nach der Praxis der Mandats⸗ prüfungskommission zur Ungültigkeitserklärung führen muß. In Voraussicht einer Neuwahl hält er deshalb fleißig Versammlungen ab, in denen er Bericht erstattet. Der Bericht fällt natürlich immer sehr— national⸗ liberal aus. Am Sonntag hielt er eine Versammlung im„Deutschen Kaiser“ in Alsfeld ab, die indessen nur schwach besucht war. nächst auf die Soldatenmißhandlungen zu sprechen, die er damit zu erklären suchte, daß die Unteroffiziere jetzt zu angestrengt werden, weil sie die Soldaten in zwei Jahren ausbilden müssen. Dadurch werden die armen Kerle nervös und es kommt schließlich dazu, daß sich die Rekruten so ost an die Schränke stoßen. Dem soll nach des Herrn Kreisrats Ansicht eine Vermehrung der Unteroffiztere abhelfen, für die aber die Sozial⸗ demokraten in ihrer Verblendung nicht zu haben seien. Ueberhaupt leistet Herr Wallau in Sozialistenvernichtung das Möglichste und am liebsten, wenn keine da sind. Im übrigen sprach er sich für die höchsten Getreide⸗ und Viehzölle aus und stellte die längst widerlegte Behaup⸗ tung auf, daß Deutschland selbst genügend produziere. Seit der Wahl hat sich der Herr zum extremen Agrarier entwickelt.— Zur Diskussion meldete sich kein Mensch. Der Vorsitzende gestattete huldvollst 10 Minuten Redezeit, doch es waren nur einzelne Sozialdemokraten und Antise⸗ miten anwesend. 1
Aus dem Rreise Weßlar.
h. Baugenossenschaft für Arbeiterwoh⸗ nungen. Die außerordentliche Generalversammlung der Genossenschaft fand am Samstag im deutschen Hause statt. In den Vorstand wurden neu gewählt die Herren Stielger, Hasselbauer und O. Weckmüller. Neben den Berichten über Vermögenslage und Grundstückskäufe wurde auch als 3 Punkt der Tagesordnung die Kommunal⸗ wahl eingestellt. Herr Michaeli hielt über diesen Punkt einen längeren Vortrag, indem er die Notwendigkeit der Vermehrung des Gemeindeeigentums an Grund und Boden nachwies, damit bei Anlagen von neuen Straßen der Gewinn der Allgemeinheit nicht entzogen werde.
h. Die Wahlbewegung zu den diesmaligen Stadtverordnetenwahlen ist bisher recht lebhaft gewesen. Am meisten gestritten wird in der 3. Ab⸗ teilung, welche über 1100 Wähler umfaßt. Da unsere Parteigenossen als Partei wegen Mangel an geeigneten Kandidaten nicht in die Wahlbewegung eingetreten find, so wittert man namentlich in den Versammlungen, welche von den verschiedenen Interessengruppen, Eisenbahn⸗ komitee u. s. w, einberufen sind, das Umgehen des roten Gespenstes. Dieserhalb kam es mit Herrn August Seibert, der überall dabei sein will, wo es ein bißchen Vorsehung zu spielen gibt, wiederholt zu scharfen Aus⸗ einandersetzungen. Dieser Herr erlaubt sich ein abfälliges Urteil über unsere Partei im all gemeinen, welche nicht den guten Willen besitze, sachlich mitzuarbeiten. Wir sind weit entfernt zu hoffen, d eses Vorurteil bei Aug. Seibert zu beseitigen, indem wir auf die verschiedensten Urteile hervorragender Persönlichkeiten auf dem Gebiete der Verwaltungstechnik hinweisen,
Unsern Parteifreunden und allen Arbeitern empfehlen wir, sich recht zahlreich an der Wahl zu beteiligen und für folgende Kandidaten einzutreten: Jakob Freitag IV., Marmorarbeiter, Wetzlar⸗Niedergirmes; Eduard Kyrmse, Bäcker meister, Wetzlar; Kasper Michaeli, Mechaniker, Wetzlar und Lehrer Norsch, Niedergirmes.— Es ist zu beachten, daß Freitag und Norsch nur als 3. und 4. Name zu nennen sind, da diese einen besonderen Wahl⸗ gang für sich bilden.
h. Totge stürzt. In einem Anfall geistiger Umnachtung kletterie der Hüttenarbeiter Griebel auf das Dach des Lenz'schen Schulgebäudes. Der Unglückliche stürzte herunter und erlitt so schwere Verletzungen, daß sein Tod nach kurzer Zeit eintrat. Demnach muß der arme Kranke ohne jede Aufsicht gewesen sein, denn andernfalls hätte doch das Unglück verhütet werden können.
h. Kontrollversammlungen finden im Kreise Wetzlar vom 10.— 18. November statt und zwar: In Wetzlar am 10. Nov. 10 Uhr vorm, für Garben⸗ heim, Oberbiel, Nauborn, Steindorf. In Oberndorf 12. November 115 nachmittags. In Aßlar 14. Nov. 118 Uhr. In Wetzlar, Schützengarten(für Wetzlar und Niedergirmes) 14. Nov. 3¼ Uhr nachm. In Wiß mar 17. Nov. 11½ Uhr vorm. In Duten⸗ hofen 17. Nov. 3¾ Uhr nachm. In Braunfels 18. Nov. 1 Uhr nachmittags.
Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain.
r. Die Generalversammlung der Orts⸗
krankenkasse, findet am 10. November, abends 8 Uhr, in der Aula der alten Realschule statt. Auf der Tages⸗ ordnung stebt ein Vortrag des Herrn Prof. Bonhoff über„Volksbäder“,— Ferner ist die Vorstands⸗ wahl vorzunehmen, zu der die Christlichen stark mobil
In seinem Vortrage kam er zu⸗
machen, um ihre Kandidaten durchzubringen. Unsere Kandidaten sind Faulstich und Weber, deren Wahl die organisterten Arbeiter durch zahlreiches Erscheinen sichern
wollen.— Was das Volksbad betrifft, so sollte die Generalversammlung die Errichtung eines solchen durch
die Stadt energisch fordern. Sache der Stadt wäre
es aber schon längst gewesen, eine derartige gemein⸗
nützige Errichtung zu schaffen. Wie aber an vielen anderen Orten, hat man auch in Marburg erst an andere Dinge zu denken, als etwas für die Minder⸗ bemittelten zu tun, was außerdem noch im gesundheit⸗ lichen Interesse unbedingt notwendig ist.
r. Die Generalversammlung des Wahl⸗ vereins am Samstag war gut besucht. Genosse Steets gab zunächst den Kassenbericht, aus dem her⸗ vorgeht, daß die Kossenverhältnisse des Vereins, der jetzt erst ein Jahr besteht, befriedigende genannt werden können. Aus dem Jahresbericht, den der Vorsitzende Härtling gab, ist hervorzuheben, daß 12 Versammlungen abge⸗ halten wurden, in einigen derselben traten auswärtige Genossen als Referenten auf. Auch in den übrigen Versammlungen, in denen keine Vorträge gehalten wurden, fanden Aussprachen über die verschiedensten, wichtigsten politischen Ereignisse und Tagesfragen statt. Beigetreten sind im Berichtsjahre 99 Mitglieder. Abgereist sind 34, so daß der jetzige Bestand 65 Mitglieder beträgt.— Die Neuwahl des Vorstandes ergab: Genosse Härt⸗ ling als Vorsitzender, Steetz Kassierer und Stosch als Schriftführer. Alsdann hielt Genosse Weber einen kurzen Vortrag über die Aufgaben des Wahlvereins. Redner kam hauptsächlich auf die beiden am Orte be⸗ stehenden Organisationen: die„lose“ und den Wahlverein zu sprechen. Von den zwei Organisationen wäre die so⸗ genannte lose überflüssig. Man sollte versuchen, die⸗ jenigen Genossen, welche nur aus Angst vor ihrem Arbeitgebern dem Wahlverein nicht angehören, davon zu überzeugen, daß nur eine feste Organisation imstande ist, etwas zu leisten. Aus diesem Grunde empfahl ler die Auflösung der losen Organtsation bei einer passenden Zeit. Ferner besprach er die Aufstellung von Kandidaten bei Reichstags⸗, Landtags⸗ und Stadtverordnetenwahlen. Auch diese können nur in einem Wahlverein in Vor⸗ schlag gebracht werden. Hieran schloß sich eine lebhafte Debatte, in der von fast sämtlichen Rednern die Ansicht zum Ausdruck gebracht wurde, daß die lose Organi⸗ sation noch beibehalten werden müsse, weil sie sich in der vergangenen Zeit als zweckmäßig erwiesen habe. Selbstverständlich müsse man dahin streben, daß sich alle Parteigenossen dem Wahlvereine anschließen.— Nach Erledigung dieses Punktes wurde die Diskusston über den Bericht vom Parteitag sortgesetzt. Eingehend be⸗ sprach man die Fragen der Jugendliteratur und des Generalstreiks, ebenso die Kommunalpolitik. Die Schul⸗ frage wird auf die Tagesordnung der nächsten Ver⸗ sammlung gesetzt und soll dazu ein auswärtiger Genosse als Referent gewonnen werden.— Schließlich erörterte man noch unsere Preßverhältnisse. Es wurde beschlossen, die Frankfurter„Volksstimme“ auf Kosten des Vereins im Jesberg'schen Lokale aufzulegen. Von verschiedenen Genossen und Abonnenten wurde dieses Blatt empfohlen, das allen Anforderungen, die man an ein tägliches Parteiblatt stellen könne, genüge. Die Mitteld. Sonnt.⸗Ztg. wird als offizielles Parteiorgan für Marburg beibehalten, wobei ein Genosse den Wunsch aussprach, daß diese sich bald zu einem Tageblatt umwandeln möge.
Eine Zugentgleisung
ereignete sich am Freitag auf der Kleinbahn Braubach⸗Nastätten. Zwischen Becheln und Braubach in einem Bergeinschnitt, wo die Baha ziemlich starkes Gefälle hat, geriet ein Güterzug aus dem Geleise, wobet die Maschine zertrümmert wurde und die Wagen sich auf⸗ und ineinander schoben. Das Personal, be⸗ sonders der Lokomotivführer und der Heizer wurden schwer verletzt.
Ein sächsischer Ordnungs mann
erster Güte, der Standesbeamte Dr. Acker⸗ mann, Sohn des verstorbenen Präsidenten der Zweiten Kammer und früheren Konservativen Reichstagsabgeordneten für Dresden, Hofrat Ackermann, ist wegen Sittlichkeitsverbrechen mit noch mehreren Herren aus den„besten“ Kreisen verhaftet worden.
Wegen eines Hochs auf den Herrgott
wurde in Blankenburg eine Frau aus Holzerode zu 10 Mk. Geldstrafe verurteilt. Sie hatte beim Grastanzfest die Ansprache gehalten und glaubte die Rede, in der sie Gott fur den Ernte⸗ segen dankte, nicht wirksamer schließen zu können,
als durch ein kräftiges„Darum stimmt ein!
mit mir in den Ruf: unser Herrgott, er lebe
hoch und abermals hoch und zum dritten Male hoch!“ Das Schöffengericht nahm an, daß die Frau nicht beabsichtigt habe, die Religion zu verspotten, sondern daß es ihr mit dem Ruf völlig ernst gewesen sei, aber die unpassende Wendung habe doch auf manchen Zuhörer ver— stimmend gewirkt und darum sei auf eine Strafe von 10 Mk. zu erkennen. Hoffentlich beseitigt 1 D Instanz das merkwürdige Urteil eder.
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Kleine Mitteilungen.
„ Eine Masernepidemie ist in Rain⸗ rod bei Schotten unter den Schulkindern ausgebrochen, mehr als die Hälfte der Kinder sind erkrankt. Die Schule mußte geschlossen werden.
. Wegen Kindes mord wurde ein Dienstmädchen aus Furfeld in das Mainzer Untersuchungsgefängnis eingeliefert. Es hat sein im vorigen Jahr geborenes Kind mit einem Strick erdrosselt und die Leiche in der Scheuer seiner Dienstherrschaft vergraben. Auch gegen den Vater des Kindes ist Haftbefehl erlassen.
Partei-Uachrichten.
Zu dem Tode Albert Schmidts. Ver⸗ schiedene Parteiblätter hatten behauptet, daß Genosse Schmidt nach dem Verlassen des Gefängnisses einen verzweifelten Kampf um die Existenz habe führen müssen, was ihn schwermütig gemacht habe usw. Die Gegner greifen natürlich derartige im guten Glauben gegebene Darstellungen auf und benutzen sie zu Angriffen auf die Partei. Der Parteivorstand erklärt demgegenüber, daß Schmidts Familie während seiner Gefängnishaft das volle Gehalt(monatl. 250 Mk.) ausbezahlt erhielt. Auch als er aus dem Gefängnis entlassen war, wurde er ebenfalls vom Parteivorstand unterstützt, bis er die Stelle in Bielefeld übernahm. Vom Undank der Partei kann also nimmermehr die Rede sein. Alles, was Ge⸗ nosse Schmidt auf Grund der gebrachten Opfer von der Partei fordern konnte, hat diese im reichsten Maße gewährt.
Im Konflikte zwischen Bernstein und Meh⸗ ring, der sich an die in der„Leipz. Volksztg.“ während des Parteitags erschienene, gegen Südekum gerichtete Notiz anschloß, hatte die„Leipz. Volksztg,“ den Partei⸗ vorstand um sein Urteil ersucht, das derselbe kürzlich veröffentlichte. Bernstein hatte in seinem„Neuen Mon⸗ tagsblatt“ seinen Mitarbeiter Ruberrimus schreiben lassen, die„Leipz. Volksztg.“ arbeite mit doppeltem Konzept; in dem einen Teile der Ausgabe habe sie den Schmäh⸗ artikel wider Südekum aufrecht erhalten, im andern dem Parteitag gegenüber Abbitte geleistet. Der Partei⸗ vorstend erklärt den Vorwurf für unbegründet und illoyal. Entschiedenste Verwahrung legt er aber auch gegen Mehring ein; dessen Erklärung, jene Abbitte sei nur erfolgt, um einen Skandal zu vermeiden, wird scharf verurteilt.„Es würde“, so heißt es,„mit Tren und Glauben in der Partei bald übel bestellt sein, sollte es Sitte werden, unzweideutigen Erklärungen nach⸗ träglich solche Kommentare zu geben.“— Gegen das Urteil erhoben beide Teile Einspruch.
Versammlungskalender.
Samstag, den 5. November. Gießen. Sozialdem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Marburg. Holzarbeiter.
Versammlung bei Hillberger. Sonntag, den 6. November. Gießen. Brauer. Nachmittags 2 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb(Wiener Hof). Lauterbach. Sozialdemokrat. Wahl verein. Nachmittags 3 Uhr Versammlung bei Gastwirt
Keutzer. Montag, den 7. November.
Marburg. Schuhmacher, Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Hillberger.
Preie Turnerschaft Giessen.
Sountag, den 13. November, nachm. 3 Uhr
General-Oersammlung
im Pfau(Dreher). Tagesordnung: 1. Geschäfts⸗ und Kassenbericht. 2. Anträge für den Kreisturntag in Griesheim. 3. Vorstandswahl. 4. Verschiedenes. Um zahlreiches Erscheinen bittet Der Vorstand.
Abends 9 Uhr
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