Ausgabe 
6.11.1904
 
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Seite 6.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 45.

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E 3 Die Poesie. Nur in heil'gen Räumen Feierstunden Soll die Poesie sich finden lassen, Niemals aber hat man sie gefunden Bei der Arbeit oder auf den Gassen d

Heute Nacht als alle Menschen schliefen, Sah ich Schaufeln in die Erde graben,

Hört ich dumpfe Stimmen, welche riefen, Männer, welche stumme Weisung gaben.

Straßenarbeit! Alltägliche Mühen,

Schwach nur vom Laternenlicht beschienen, Keine Nachtigallen, Blumenduft und Blühen, Doch die Poesie war mitten unter ihnen.

Hans Pförtner.

Vor Christi Richterstuhl.

Eine Phantasie von K. Wbr.

Motto: Will einer erst die Herrschaft Gott verschaffen, 1 Sieht er in sich gar leicht des Herrn Werkzeug Und strebt zu herrschen, damit jener herrsche;

Auch ist der Seeleneifer und der Eigennutz

Nicht gar so unvereinbar als man glaubt. (Grillparzer, Ein Brüderzwist in Habsburg).

In der großen Stadt läuteten die Toten⸗ glocken und zwei Seelen eilten vor den Richter⸗ stuhl Christi. Ein Pfarrer der eine, ein Sozial⸗ demokrat der andere. Im Auge des Theologen schimmerte ein triumphierendes Leuchten, als wollte er sagen:Seht ihr, es ist doch so, wie

ich immer gesagt habe! Da ist wirklich Christus,

zu richten die Lebendigen und die Toten. Der

andere aber sah um sich mit ruhigem Staunen,

so wie etwa ein Gelehrter, dem eine bisher un⸗

bekannte Erscheinung neues überraschendes Licht

über die Welt verbreitet. Und da stand wirklich Christus. Fragend sah ihm der Sozialdemokrat in die ernsten unendlich gütigen klaren Augen.

Ein wundersames Gefühl unbedingten Ver⸗

trauens kam über ihn. Der Theologe dagegen

schlug sich an die Brust und murmelte:Herr, sei mir Sünder gnädig!

Und das Gericht begann. Es war eine Beichte. Die Unendlich⸗ keit rahmte die Szene ein und die einfachen Worte der Bekennenden schienen im Augenblick ihr einziger lebendiger Inhalt. Der Pfarrer sprach kniend. Er betonte seine Unwürdigkeit, ein Diener Christi zu heißen. Das gute Wollen habe er gehabt, wie oft ihm das Können ge⸗ jehlt, wisse er selbst nur zu genau. Er habe ja manches für Arme, Kranke und Sterbende getan, Almosen gesammelt und gespendet, wie seines Amtes gewesen, er habe die Mittel zur Restaurierung seiner Kirche zusammengebracht und ein Kränzchen zu christlich frommer Lektüre gegründet, um so sein Teil zur Schutzwehr

gegen die Brandung des Unglaubens beizutragen.

Freilich, wie wenig aber das alles! Aber er baue auf die Gnade des Herrn. Endlich schloß er, das schöne Haupt mit den sauber gepflegten dunkeln Haaren demütig auf die gefalteten Hände gestützt, wie erdrückt vom Bewußtsein seiner Unzulänglichkeit, und doch das Wort der Begnadigung erwartend. Aber der Richter sprach dies Wort nicht. Er schaute ihn wunder⸗ bar eindringlich forschend an. Dann stellte er Fragen, absonderliche Fragen. Weshalb er

sich einst so übereifrig um einen Orden bemüht

gabe? Woher er so genau über das Jenseits Bescheid bekommen habe, daß er sich darüber mit seinen alten Kollegen jahrelang zankte?

Weshalb er mit seinem Zorn den Mann ver

folgt habe, der ihn einmal mitHochwohl⸗ geboren statt mitHochehrwürden anredete? Einmal hatte er im Konfirmandenunterricht die

Kinder der Vornehmeren auf die ersten Reihen

gesetzt, dann drei Bänke freigelassen, und nun erst die übrigen plaztert. Ob das wirklich nur auspädagogischen Gründen geschehen sei? Dann war der große Streik gekommen. Da

hatte er in schroffster Form die Streikenden gescholten, weil sie den Streikbruch zum größten Verbrechen stempelten. Weshalb hatte er nicht ebenso schroff gegen den 11 Stundenarbeits⸗ tag der Frauen gepredigt, denen doch alle Mutter⸗ und Hausfrauenpflichten dadurch ge⸗ radezu unmöglich gemacht werden? Eine Zeit lang war er Gefängnisgeistlicher gewesen. War ihm darin die Ahnung eines Zusammenhangs zwischen Armut und Verbrechen aufgestiegen? Man hatte ihm später den Vorsttz einer gemein⸗ nützigen Baugenossenschaft angetragen. Er lehnte ihn ab mit der Begründung, daß er dadurch das Vertrauen der Hausbesitzer seiner Gemeinde verscherze. Weshalb war ihm das der anderen Bepölkerungsschichten weniger wert? Er hatte freilich mit dieser Vorsichtspolitik keine schlechte Karrtere gemacht. Die Gunst höherer Kreise hatte ihm vielfach geleuchtet. So war er von Wichtigkeit der eigenen Persönlichkeit recht über⸗ zeugt worden. Das ist menschlich und verzeih⸗ lich. Aber hielt diesem Stolze wenigstens ein warmes Herz für die Mitmenschen die Wage? Welche Opfer hatte er ihnen gebracht, die ihm wirklich schwer geworden wären? Oder bedeutete ihm das Priesteramt an sich schon die Nach⸗ folge Christi?

Wie Stiche durchzuckte es bet all diesen Fragen die Seele des Theologen.Herr, ich habe doch selbst schon gesagt, daß ich unvoll⸗ kommen sei und nur auf Gnade warte für Recht!

Richtig aber klangen die Worte des Heilands weiter:Herz für deine Brüder, darauf kommt alles an! Hast du in deinem frommen Kränz⸗ chen wohl je einmal auf ernste sozialwissen⸗ schaftliche Betrachtungen gedrängt? Wo ist aber dein Herz für die Brüder, wenn dich die Lage von Millionen unter ihnen so wenig interesstert? Du hast die Gabe schwungvoller Reden be⸗ kommen. Aber meinst Du, wenn du nun deine Predigten drucken ließest, damit sei der hundert⸗ fachen Not deiner Mitmenschen ebenso gedient, wie deiner Eitelkeit? Habe ich euch deshalb das Leben über den Tod hinaus gewiesen, daß ihr euch damit über das Leiden des andern trösten sollt? Habe ich die Nächstenliebe des⸗ halb verkündet, daß du nun gegen Philosophen und Heiden, gegen Juden und Katholiken, gegen Sozialdemokraten und Ultramontane wettern und schmähen solltest? Und so eng hast du den Kreis deiner Nächsten gezogen, daß du selbst die Mitglieder deiner eigenen Konfession zum Teil als zu liberal, zum Teil als zu orthodox mit Abneigung anschaust? Weshalb meinst denn du mehr zu sein, als so viele andere irrende, suchende, ehrlich forschende Menschen? Meine Worte habe ich euch nicht gesprochen, um alle Welträtsel zu lösen, um euch alles eigene Weiter⸗ denken zu ersparen. Ich habe euch gelehrt, daß man den Menschen nach seiner Liebe be⸗ urteilen soll, daß Gott das Herz anschaut, aber ich habe keinem von euch alle Wissenschaft in Pacht gegeben. Bin ich deshalb in die Welt gekommen und in den Tod gegangen, um meine alten ewigen Feinde, Pharisäer und Schrift⸗ gelehrte, in euerm Talar und meinen Worten im Munde wieder auferstehen zu sehen?

Wehmütig bebte es um die Lippen des Richters. Im Herzen des Geistlichen aber arbeitete die gewaltigste Erregung. Endlich brach sie los, wie ein vulkanischer Feuerstrom: So wenig sollte er den Heiland verstanden haben? Er, der sein ganzes Leben dem Studium der heiligen Bücher gewidmet hatte? Der mit so vielen Kollegen unendlich darüber disputtert hatte, wer von ihnen Christum richtig begreife? So manchen Aerger hatte er dessentwegen unter⸗ geschluckt. Und nun sollte er doch so ganz Un⸗ recht haben? Und plötzlich stiegen überraschende andere Gedanken in ihm auf: Zweifel! War denn diese Erscheinung da vor ihm mit dem schwermütig weichen Gesichtsausdruck, mit dieser stillen, ruhigen Duldsamkeit, war denn das wirklich der richtige Heiland? Mußte der dann nicht eigentlich streng und würdevoll aussehen, bereit mit seinen Donnerwettern die größere Hälfte der ganzen Menschheit zu zerschmettern? Waren denn nicht viele berufen und wenig aus⸗ erwählt? Und sollte er, schon von Amtes wegen

Christi Diener, sollie er etwa zu diesen Aus⸗ erwählten nicht gehören? Freilich, direkt in den Himmel kommt ja kein Mensch, das hatte er

in seinem Buche über das Jenseits überzeugend

nachgewiesen. Wir sind alle unvollkommen und haben erst noch eine weitere Entwickelung nach dem Tode durchzumachen. Aber er mußte doch auf diesem Wege mindestens einen kleinen Vor⸗ sprung vor manchen anderen haben. Daß er im Ernst auf dem falschen Wege gewesen sein könnte, das war ja undenkbar, ganz undenk⸗ bar! Vielleicht sollte all das, was er eben er⸗ lebte, nur eine Probe sein? UndHerr, Herr, kam es ihm heraus,du willst mich nur prüfen, oder oder du bist nicht der Heiland, bist nicht der Gottessohn, den ich suche.

Da ertönte langsam und feierlich die Aut⸗

wort des Richtenden, die zugleich das Urteil bedeutete:So gehe hin, und suche denn den deinen! Und es tat sich ein Raum vor dem Gerichteten auf, in graues Dämmern gehüllt. Schwer atmend trat er ein. Es war ja klar, daß ihm Unrecht geschah, bitteres Unrecht. Der Heiland mußte anders wiederkommen. Lange dauerte es, bis er aus dem düstern Grübeln die Augen emporhob und sich umzuschauen suchte. Ja, da war auch Gesellschaft, zahlreiche sogar, aber was für welche! Da saßen ein paar Pharisäer im vollsten Staat mit ihren Gebets⸗ rollen und allen andern Abzeichen großer Frömmigkeit. Warteten sie hier immer noch auf ihren Messias? Und wie eindringlich hatte man doch diesem Geschlecht mit sanfter und unsanfter Gewalt die Wahrheit beizubringen gesucht, daß er längst erschienen! Und schimmerte nicht dort aus einer Ecke eine päpstliche Tiara? Also auch sie hofften, diese verweltlichten Priester⸗ fürsten, auch sie konnten immer noch hoffen, daß ihnen ein Heiland kommen würde, wie sie ihn sich dachten? Unbegreiflich! Er mochte sich nicht näher umschauen, zu fremd und einsam fühlte er sich in dieser Gesellschaft. Es war eine sehr schwere Prüfung, die ihm da auferlegt war, eine sehr schwere, aber er wollte ja be⸗ stehen! Er griff unwillkürlich auf den blank⸗ geputzten Orden auf seiner Brust, der aller⸗ dings in diesem Dunstlichte keinen Schein hatte. Doch war er immerhin ein Zeichen, daß seine Verdienste nicht jeder gerechten Anerkennung zu entbehren brauchten. Und er dachte an die Bücher, die er hatte drucken lassen! Man wird seinen Namen noch jetzt auf Erden nennen. Aber freilich, hier oben so verkannt zu werden, das ist doch bitter, recht, recht bitter.

(Schluß folgt.)

2

Allerlei.

Gegen Schnupfen

gibt es zwar unzähligeunfehlbare Schnupfen⸗ mittel, von denen aber keins hilft. Und doch gibt es, wie dasKorrespondenzbl. f. öffentl. und persönl. Gesundheitspflege schreibt, einige sicher und rasch wirkende Schutzmaßregeln gegen den sich durch Kribbeln in der Nase und Nießen ankündigenden Feind, die ihn gar nicht recht Boden fassen lassen. Man nehme sofort ein heißes Schwitzbad. Ferner wechsle man det Schnupfen recht häufig die gebrauchten Taschen⸗ tücher durch saubere aus. Täglich mehrmalige Mund⸗, Rachenspülungen und vorsichtige Nasen⸗ bäder und ⸗Duschen mit temperiertem reinen Wasser tun vorzügliche Dienste. Vor allem aber trinke man nichts oder nur sehr wenig und führe so den entzündeten Schleimhäuten keine überflüssige Flüsstgkeit zu. Zwei⸗ bis dreitägige derartige Trockendiät, also Mei⸗ dung von Suppe und Beschränkung aller Ge⸗ tränke, auch von Wasser, auf das notwendigste Maß führen bald zum Ziele.

Sehr erleichtert wird solche Diät durch Be⸗ vorzugung wenig gesalzener Speisen; also keine Räucherwaren, keine gewürzten Saucen, dagegen Mehlspeisen, leichtes Fleisch, getrocknete Früchte zu Brot genießen. Bei der Einfachheit dieser Heilmittel empfiehlt sich eine Probe mit ihnen entschteden, um so mehr als viele ernstere Krank⸗ heiten, besonders auch empfindliche Schwächung des Geruchsvermögen, aus einer Vernach⸗

lässigung des Schnupfens entstehen können.

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