Ausgabe 
6.11.1904
 
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Teite 4.

Mitteldeutsche Sonntags geituna.

Nr. 45.

gefähr der Zahl der Mitglieder, was also eine recht erfreuliche Entwicklung bedeutet. August Brust abgesägt. Der Zentrums⸗ abgeordnete Brust hat das Amt des Vorsttzenden des Verbandes christlicher Bergleute nieder⸗ 98 Was nur an Verdächtigungen und eschimpfungen der freien Gewerkschaften und der Sozialdemokratie geleistet werden konnte, hat Brust fertig gebracht, sein rüder Ton wurde verschiedentlich sogar von seinen eigenen Leuten verurteilt und kürzlich wandte sich auch die Köln. Volksztg., das rheinische Hauptblatt des Zentrums, gegen ihn. Aber gerade die Un⸗ flätigkeiten Brusts und seiner Kreaturen haben das Wachstum des deutschen Bergarbeiter⸗ verbandes mit gefördert, der jetzt 90 000 Mit⸗ glieder zählt. N

Pon Rah und Fern. Hessisches.

Zur Verhütung von Bleierkrank⸗ ungen der Maler, Anstreicher und Lackierer hat das hessische Ministerium des Innern einen Entwurf von Bestimmungen ausgearbeitet und der Handelskammer zur Aeußerung überwiesen.

Die Gemeindewahl in Mombach bei Mainz wurde von dem Kreisausschuß für ungültig erklärt. Bei der am 5. Oktober statt⸗ gefundenen Wahl stegte die Liste der Liberalen und Sozialdemokraten. f

Gießener Angelegenheiten.

Zu den Stadtverordueten⸗Wahlen!

Obwohl der Wahltag amtlich noch nicht bekannt gemacht ist, verlautet, daß der 21. oder 23. November in Aussicht genommen sei. Wie bereits erwähnt, sind diesmal 16 Mandate zu vergeben; 10 Stadtverordnete scheiden ordnungsmäßig aus und für weitere sechs, die verstorben oder verzogen sind, müssen Ersatz⸗ wahlen vorgenommen werden. Nach dem Reichstagswahl⸗Ergebnis verfügt unsere Partei in der Stadt Gießen über zwei Fünftel der Wahlstimmen. Gerechterweise müßten wir demnach zwölf Vertreter in der Stadtoerord neten⸗Versammlung haben. Bisher hatten wir deren nur zwei, die Masse der Arbeiter und Minderbemittelten war also von der Gemeinde⸗ vertretung beinahe ausgeschlossen. Wollten die Bürgerlichen loyal handeln, so müßten sie ihre Listen danach einrichten, daß unsere Partei eben- falls zu ihrem Rechte und der ihr gebührenden Vertretung käme. Das ginge beisptelsweise in der Form zu machen, daß man auf der Gegen⸗ seite statt 16 Kandidaten deren etwa nur 10 aufstellte. Natürlich geben u ir uns nicht der Hoffnung hin, daß es den Bürgerlichen einfällt, Gerechtigkeit zu üben. Der Arbeiter soll bloß arbeiten, zahlen, und das Maul halten! Zum Teil sind allerdings die Arbeiter selbst schuld, wenn sie derart behandelt werden, sie haben nicht genügend für ihre Vertretung gesorgt, sich zu wenig um die Gemeindewahl gekümmert! Auch bei der letzten Stadtverordnetenwahl sind Hunderte von ihnen zu Hause geblieben!

Es muß daher bei der bevorstehenden jeder nach besten Kräften in seinen Bekanntenkreisen agitteren, damit ein besseres Resultat erzielt werde. Unsere hauptsächlichsten Programm⸗ punkte sind im Leitartikel dieser Nummer be⸗ prochen, worauf wir unsere Leser verweisen. Ueber unsere Kandidatenliste wird eine der nachsten Versammlungen beschliezen. Von der freisinnig⸗nationalliberalen Partei liegt eben⸗ falls noch keine vor, desto mehr dagegen von anderen Gruppen und Stammtischen. Wie es heißt, wollen die Bürgerlichen demnächst eine größere Versammlung abhalten.

Ueber das Wahlrecht zu den Ge⸗ meinde wahlen herrschen in Bezug auf das Wahl⸗Alter oft noch Unklarheiten. Es sei deshalb darauf hingewiesen, daß nach dem klaren Wortlaute des Art. 13 der Städte⸗Ordnung derjenige wahlberechtigt ist, derzur Zeit der Wahl also am Wahltage 25 Jahre alt ist. Diese Auffassung erkanute kürzlich auch der Offenbacher Oberbürgermeister an. Wenn also die hiesige Wahl am 21. November stattfinden

soll, wie der Anzeiger zu berichten wußte wir haben auch den 23. als Wahltag nennen hören so sind alle diejenigen wahlberechtigt, welche bis zum 21. resp. 23. November 25 Jahr alt werden. Es müßte daher eigentlich der Wahltag zugleich mit der Auslegung der Wählerlisten bekannt gegeben werden, weil es sonst denjenigen, die in der Zeit zwischen dem letzten Tage der Listenauslegung und dem Wahl⸗ tage 25 Jahre alt werden, nicht mehr möglich ist, ihre Aufnahme in die Listen zu bewirken.

Zur Wahlvereinsversammlung, welche diesen Samstag stattfindet, wollen die Parteigenossen recht zahlreich erscheinen.

Zu dem Rezitationsabend Walkottes am Freitag hatte sich ein außerordentlich zahlreiche Zuhörerschaft eingefunden, so daß der Saal desHotel Einhorn bis auf den letzten Platz besetzt war. Sogar von Krofdorf waren eine Anzahl Besucher herüberge⸗ kommen. Sie werden es nicht bereut haben. Herr Walkotte bot diesmal ein heiteres Stück, Max Dreyer's Tal des Lebens. Der Schwank ist eine Satyre auf dieLex⸗Heinze⸗Männer und geiselt mit gesundem Humor die Bestrebungen der pfäffischen und sonstigen Sittlichkeitsfeyxen. Wie immer, entledigte sich auch diesmal der Rezitator mit bekanntem künstlerischem Geschick seiner Aufgabe. Die drastischen und treffenden Wendungen riefen wahre Lachsalven hervor und man war allgemein von dem Dargebotenen befriedigt.

Den Nutzen des gewerkschaft⸗ lichen Zusammenschlusses der Arbeiter, besonders der Unterstützungseinrichtungen der Gewerkschaften, erkannte neulich der Bürger⸗ meister in Varel(Oldenburg) an. Er be⸗ merkte in einer Stadtverordneten⸗Sitzung, als es sich um die Unterbringung der Obdachlosen handelte:Die in der Gesellenherberge ver⸗ kehrenden Fremden sind zum Teil so gestellt, daß sie auf die Unterstützung des Vereins gegen Bettelei verzichten können. Das von den Ge⸗ werkschaften in dem letzten Jahrzehnt so in⸗ tensiv ausgebaute Unterstützungswesen ermög licht es dem organisierten Arbeiter, immer mehr auf das oft für ihn so verhängnisvolleFechten und die öffentliche Wohltätigkeit der Kommunen zu verzichten. Schon das sollte jeden bisher noch nicht organisierten Arbeiter anspornen, sich zu organisieren, wenn ihn schon nicht das Ge⸗ fühl der Solidarität dazu treibt. Diese durch aus richtigen Worte sollten sich die Arbeiter unserer Gegend zu Herzen nehmen, denn in vielen Berufen steht es mit der Organisatson wahrlich nicht zum besten. Beispielsweise wäre es für die Tabakarbeiter die höchste Zeit sich endlich einmal aufzuraffen!

Kontrollversammlungen im Kreise Gießen finden statt: Im Hofe der alten Kaserne am Brand in Gießen: Am 7. November, 2 Uhr nachm. für die Orte: Annerod, Allendorf a. d Lahn, Alten⸗ buseck, Beuern, Burkhardsfelden, Großenbuseck. Am 8. November vorm. 9 Uhr für: Großenlinden, Hausen, Heuchelheim, Kleinlinden, Langgöns Leihgestern. Am 8. November nachm. 2 Uhr für: Oppenrod, Rödgen, Trohe, Watzenborn, Steinberg, Wieseck.

Für die Stadt Gießen(ebenfalls im Hofe der alten Kaserne) am 9. Novemb. 9 Uhr vorm.: die Jahrgänge 1897, 98 und 99 der Infanterie; 9. Nov. 2 Uhr nachm.: Jahrg. 1900 und 1901 der Infanterie; 10. Nov., 9 Uhr vorm.: Jahrg. 1902, 03 und 04 der Infanterie; 10. Nov. 2 Uhr nachm.: Sämtliche Jahr⸗ gänge der Reserve der Garde, Jäger, Kavallerie, Feld⸗ artillerie, Fußartillerie, Pioniere und Verkehrstruppen. 11. Nov., Uhr vorm.: Sämtliche Jahrgänge der Reserve des Trains, Sanitätspersonals, Veterinärper⸗ sonals. Sonstige Mannschaften und Marine, sowie zur Disposition entlassene Mannschaften aller Waffen,

In Lollar(am Bahnhof) 11. Nov. Uhr nachm.: für die dazu gehörigen Ortschaften.

In Grünberg 12. Nov. 9½¼ Uhr vorm.

In Lich(Amtsgerichtsstr.) 12. Nov. 25/ Uhr nachm.

In Hungen(an der Post) 14. Nov. Uhr vormittags.

Aus dem Rreise gießen.

Die Gemeinderatswahl in Wieseck ist auf diesen Samstag, deu 5. November, nachmittags 47 Uhr festgesetzt. Unsere Par⸗ teifreunde werden ersucht, sich recht zahlreich an der Wahl zu beteiligen. Die in Gießen be⸗ schäftigten Arbeiter aus Wieseck wollen sich eine Stunde früher von der Arbeit freimachen, da⸗ mit ste rechtzeitig zur Wahl erscheinen können. Tretet alle an die Wahlurne und wählet die sozialdemokratischen Kandidaten! Dieselben sind:

Philipp Walter II., Gastwirt, Daniel Erb I. Fabrikarbeiter, Friedr. Deibel III., Weißbinder. Es sei noch be sonders darauf aufmerksam gemacht, daß die Wahl nach den alten List en stattfindet, eine Zurückweisung von Stimmberechtigten wegen Steuerrück⸗ ständen also nur insoweit stattfinden kann, als sie schon zur Zeit der ersten Wahl vor⸗ handen waren und noch nicht geregelt sind. Die etwa nach dem ersten Wahltermin auf⸗ gelaufenen rückständigen Steuern kommen bei der Nachwahl nicht in Betracht.

Arbeiter! Bleibe keiner der Wahl fern! Laßt Euch auf keine Stimmenzer⸗ splitterung ein, sondern stimmt Mann für Mann für die Liste des Wahlvereins!

f. Wieseck. Eine heitere Bürgerversamm⸗ lung tagte am Mittwoch Abend im Saale der Germania. Einberufen war dieselbe von dem neu⸗ gegründeten bürgerlichenWahlverein und sie sollte sich mit der Gemeinderatswahl beschäftigen. Man hatte aber zum Vorsitzenden einen Mann bestellt, der ein ganz guter Mensch sein und zu allen möglichen taugen mag, aber nur nicht zur Leitung einer Versammlung. Diese nahm iufolgedessen einen Verlauf wie die Sitzungen des berühmten polnischen Landtags und es gab ununter⸗ brochene Heiterkeit, wie sie ausgelassener in keiner Fast⸗ nachtssitzung aufkommen kann. Erst gab der Vorsitzende seiner Freude Ausdruck, daß die Versammlung so stark bevölkert sei die starke Bevölkerung setzte sich aller⸗ dings zur Hälfte aus Mitgliedern desroten Wahl⸗ vereins zusammen. Dann tadelte er, daß der Wahl⸗ verein seine Kandidaten aufgestellt habe, ohne die übrigen Bürger(also die Gegner! D. R.) zu fragen und sprach die denkwürdigen und zweifellos richtigen Worte aus: Die heutige Versammlung ist keine Partei, garnichts! Nach dieser Feststellung ergriff der Fabrikant Bra mm das Wort. Er wußte nicht genug Rühmenswertes von den beiden ausscheidenden Gemeinderatsmitgliedern zu sagen, deren Tätigkeit er zu beobachten doch gar nicht Gelegenheit hatte. Von dem dritten sagte er aber nichts. Der hat also weniger den Beifall des Herrn Bramm gefunden. Er ist allerdings auch nur ein Arbeiter. Schließlich stellte man nach dem Vorschlage des Herrn Bramm eine Liste auf mit den Namen Becker, Kümmel und Deibel III. Unsere Parteifreunde enthielten sich der Abstimmung. Die ganze Vorstellung, bet der sich noch Herr Maurermeister Schäfer durch sein Redner⸗ talent besonders hervortat, dauerte einschließlich drei⸗ maliger Pause von je 10 Minuten, eine ganze Stunde. Nach derVersammlung gab es noch ein fideles Bei⸗ sammensein, wobei sich die Helden des Abends einander anhochten und sich das Versprechen gaben, die am andern Abend stattfindende Versammlung derRoten nicht zu besuchen. Hoffentlich wissen die sich darüber zu trösten.

ch. Die vom Wahlverein Wieseck einberufene

Bürgerversammlung, die am Donnerstag Abend ö im Saale des Herrn Ziegler stattfand, war trotz des Boykotts, der von Seiten des biederen Vorsitzenden der

Faschings⸗Versammlung verhängt war, recht gun besucht.

Es entwickelten zunächst unsere Kandidaten ihre Ansichten über die Aufgaben der Gemeinde zur vollsten Zufrieden⸗ heit der Versammelten. Daran schloß sich eine ein⸗ gehende Diskussion, an welcher sich besonders auch das bürgerliche Gemeinderats mitglied Daniel Erb II. beteiligeree und sich nicht überzeugen lassen wollte, daß die Ein⸗ führung von Wasseruhren zur genauen Konstatierung des Wasserverbrauchs notwendig sei. Es wurde ihm dies aber von Seiten unserer Kandidaten und auß anderer Reduer überzeugend nachgewiesen. Nachdem die hauptsächlichsten tiefeinschneidenden Gem eindeangelegen⸗ heiten erledigt waren, gelangte folgende eingelaufene Resolution zur einstimmigen Annahme:

Nach eingehender Erörterung der wichtigsten Ge⸗ meindeangelegenheiten in der heutigen Bürgerversamm⸗ lung ist letztere der Ansicht, daß die minderbemittelte Klasse entschieden im Nachteil und nicht genügend im Gemeinderat vertreten ist. Deshalb erklärt die Ver⸗ sammlung am 5. November für die von uns aufgestellten Kandidaten energisch und vollzählig bei der Wahl ein⸗ zutreten. Ferner hält die Versammlung die Beschlüsse der letzten Gemeinderatssitzungen, besonders den betr. die Oeffentlichkeit der Gemeinderatssitzungen, für ver⸗ fehlt und protestiert energisch dagegen. Die Versammelten sind mit dem vom Wahlverein aufgestellten Kommunal⸗

programm einverstanden und fordern die strikte Durch 3

führung desselben. Zum Schluß gab noch ein unparteiischer Bürger

seiner Befriedigung über die Leitung und den Verlauf

dieser Versammlung gegenüber der gestrigen Ausdruck. Nach einem eindringlichen Appell an die Versammelten.

am Samstag alle ihre Pflicht zu tun, schloß der Vor⸗ sitzende, Genosse Scheffmann, die Versammlung. 1

Aus dem Nreise Alsfesd⸗Cauterbach.

Herr Kreisrat Wallau, der Reichstags⸗ abgeordnete für unseren Wahlkreis, geht fleißig auf