ständigste
Nr. 10.
Miteldentsche Sountags⸗Zeitung
Seite.
der es dann wohl auf 10000 Stimmen ge⸗ bracht und damit gesiegt hätte. Doch der e zog es vor, einem der rück⸗ Vertreter des bornierten Antisemitis⸗ mus in den Reichstag zu verhelfen. Eine Er⸗ scheinung übrigens, die man auch schon des öfteren anderwärts, z. B. im Wahlkreis Gie⸗ 8en beobachten konnte und die den Bankrott des Freisiuns beweist. Zum Jubel haben aber auch die Judenfresser keine Veranlassung; das mühsam ergatterte Mandätchen schützt die famose „Reform“partei nicht vor dem Verkrachen.
Aus der Ferienkolonie.
Wenn der„Gemeine“ sündigt. Vom Krigsgericht Kassel wurde der Musketier Fä⸗ zel vom Infanterie⸗Regiment Nr. 167 wegen Widersetzlichkeit, Ungehorsams und Bedrohung von Vorgesetzten zu der harten Strafe von 5 Jahren Gefängnis verurteilt.— Weil er nicht mit„Hoch“ schrie, als an Kaisers Geburtstag das Kaiserhoch ausgebracht wurde, bekam der beim 106. Regiment in Leipzig die⸗ nende Soldat Reitzenstein vier Wochen stren⸗ gen Arrest. In seinem Verhalten wurde Achtungs verletzung vor versammelter Mannschaft gefunden. Die Verhandlung vor dem Kriegsgericht wurde unter Ausschluß der Oeffentlichkelt geführt.— Wegen einer gleichen „Freveltat“ verhängte auch das Kriegsgericht in Trier eine überaus harte Strafe über einen Soldaten.— 6; Monat Gefängnis wur⸗ den dem Musketier Bihl in Ulm aufgebrannt, weil er einem Einjährigen⸗Unteroffizter gegen⸗ über, der ihn beim Exerzieren mehr als nötig war drillte, drohte Beschwerde zu führen.— 10 Monate Gefängnis erhielt vor einigen Wochen der Husaren⸗Gefreite Freytag in Grimma, weil er sein Pferd geprügelt hatte. — Fünf Jahre Gefängnis! Diese furcht⸗ bare Strafe wurde dem Ulanen Thiele in Halle zudiktiert, weil er einen Gefreiten, mit dem er in Wortwechsel geraten war, an der Brust gefaßt und gegen einen Querbaum ge⸗ stoßen hatte.
Wenn Vorgesetzte sündigen, fällt die Strafe in der Regel verhältnismäßig gelinder aus. Die Beispiele dafür aus der letzten Zeit find so zahlreich, daß wir nur einzelne davon anführen können. Unteroffizier Tscharnke in Breslau hatte einen Rekruten dermaßen ge⸗ ohrfeigt, daß diesem das Trommelfell zer⸗ schlagen wurde. Der Stellvertreter Gottes er⸗ hielt nur 43 Tage Gefängnis— der Vertreter der Anklage beantragte gar nur 2 Wochen Mittelarrest!— Fürchterlich und in un⸗ glaublich raffinierter Weise quälte der Unter⸗ offtzier Heidrich vom Inf.⸗Regt. Nr. 177 seine Rekruten. Einer der Gequälten hielt es nicht länger aus und er stürzte sich aus einem Fenster des ersten Stockwerks der Kaserne auf den gepfasterten Hof hinab und blieb schwerverletzt liegen. Der Leuteschinder kam mit 3 Monaten Gefängnis davon und es wurden ihm noch nicht einmal die Tressen aberkannt!— Ein anderer Schinder, Hab⸗ tnger, vom 1. bayer. Inf.⸗Rgt., der seine Untergebenen schlug und mißhandelte, bekam nur zwei Monate Gefängnis.— So könnten, wie gesagt, noch zahlreiche Beispiele angeführt werden, welche beweisen, wie wunderbar die Wege auch der militärischen Gerechtigkeit sind.
Wahlreform in Schweden.
Im schwedischen Reichstage ist von unserm Genossen Branthing ein Antrag auf Ein⸗ führung des allgemeinen Wahlrechts für jede unbescholtene männliche Person, die das 21. Lebensjahr erreicht hat und keine Armenunterstüßung bezieht, eingebracht worden. Branthing hat ferner den Antrag gestellt, daß das ganze Land in neue Wahlkreise eingeteilt, in jedem Wahlkreis nur ein Abgeordneter ge⸗ wählt werden und bei den Wahlen absolute Majorität entscheiden soll.
Finanzskandal in Belgien.
Umfangreiche Gründerschwindeleien kamen kürzlich in der belgischen Kammer zur Verhand⸗ lung. Die geriebenen Gründer gehören den
„besseren“ Kreisen an und befinden sich Ful
Die Gemeindearbeiter allerorts sollten sich dem
Teil in hohen Stellungen. In dem einen Falle Verbande anschließen!
haben sie dem Publikum Aktien einer Kohlen⸗ bergbaugesellschaft, die Kohlengruben bei Kassel ausnützen sollte, aufgehalst. Der Schwindel muß geradezu ins Große getrieben worden sein, denn Ende Mai 1901 repeäsentierten diese Aktien einen Wert von 7 Millionen Franken, sechs
Wochen später— 700 000 Franken. Also einen
Verlust von nahezu 7 Milltonen.— Im zwei⸗ ten Falle handelte es sich um Petroleumquellen in Galizien, die von einer neu zu gründenden Gesellschaft ausgebeutet werden sollten. Die Gründer kauften das Unternehmen um 4 Mil⸗ lionen und hängten dem Publikum um 9 Mil⸗ lionen Aktien und Obligationen auf. Schließ⸗ lich erwies sich das Unternehmen als unrentabel und verkrachte.— Bei beiden Gesellschaften saßen Senatoren und Mitglieder der Ari⸗ stokratie im Aufsichtsrate. Als der Krach kam, wurde die Beschuldigung erhoben, es seien falsche Bilanzen aufgestellt, und es sei direkter Betrug bei der Gründung vorgekommen; die Gerichte kamen zu dem Beschlusse, daß die Herren Senatoren— ohne Fehl und Tadel seien. Der Sozialist Vandervelde deckte bei dieser Affäre einen Rattenkönig von Korruption auf, aber— die Regierung des kapitalistischen Staates hält es für ihre Pflicht, den kapitali⸗ stischen Schwindel und die Staatsstützen zu decken. Wie immer und wie überall.
Vom russisch⸗japanischen Krieg.
Von einem großen Siege wußten die Russen vor einigen Tagen zu berichten. Sie wollten einen Angriff der Japaner auf den Hafen von Port Arthur mit Bravour zurückge⸗ schlagen und dabei eine Anzahl japanischer Kriegsschiffe in den Grund geschossen haben. Es stellte sich jedoch später heraus, daß es sich um alte, mit Explosivstoffen gefüllte Schiffe handelte, welche die Japaner versenken wollten, um die Hafeuausfahrt abzusperren. Vor dem Hafeneingang liegt das russ. Kriegsschiff„Ret⸗ wisan,“ das sich bei dem erwähnten Gefecht „mit Ruhm bedeckt“ haben sollte, auf dem Grunde und versperrt zum Teil den Hafenein⸗ gang.— Nach den weiteren Nachrichten landen die Japaner fortgesetzt Truppen und Kriegs⸗ material in Korea.
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Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung.
Mit der„gesicherten Existenz“ des Arbeiters, deren er sich nach einem Aus⸗ spruche von hoher Stelle bis in's„hohe Alter hinein“ erfreuen könne, siehts in Wirklichkeit etwas weniger tröstlich aus. Folgende Zeitungs⸗ meldung ist ein neues Beispiel dafür: Bis zum Skelett abgema ger tund fast völlig verhungert wurde am Sonntag nachmittag in seiner Wohnung, Fischerstraße 22, in Frank⸗ furt a. O. der 66jährige frühere Arbeiter, jetzige Rentenempfänger Schattschneider aufge⸗ funden. Er wurde sofort nach dem Kranken⸗ 1 wo er kurze Zeit darauf ver⸗ i
Entwickelung der Gewerkschaften. Der Maurerverband hat es jetzt auf 110000 Mitglieder gebracht. Dieses schöne Resultat wurde im Laufe eines Jahrzehntes aus kleinen Anfängen heraus erreicht. Trotzdem stehen noch viele Tausende Maurer dem Verbande fern und um diese heranzuziehen, soll im Frühjahr eine außerordentliche Agitation ins Werk gesetzt werden.— Der Verband der in Gemeindebe⸗ trieben beschäftigten Arbeiter und Unterange⸗ stellten hatte am Schluße des vergangenen Jahres 10397 Mitglieder aufzuweisen. Dieser Verband, welcher erst 1896 mit ungefähr 150 Mitgliedern ins Leben trat, hat sich in den wenigen Jahren seiner Existenz ganz bedeutend ausgebreitet und damit bewiesen, daß auch die Gemeindearbeiter dringend einer Organisation bedürfen, um ihre wirtschaftlichen Interessen gegenüber den kommunalen Behörden zu wahren.
Ein allgemeiner Heimarbeiterschutz⸗ Kongreß tagt am 7. und 8. März im Ber⸗ liner Gewerkschaftshause. Auf seiner Tages⸗ ordung steht u. a.: Die soziale Lage und die Notwendigkeit des gesetzlichen Schutzes der Heimarbeiter und Arbeiterinnen. Referent F. Käming⸗Berlin. Ferner: Die gesundheitlichen Ge⸗ fahren der Hausindustrie für das konsumierende Publikum. Referent: Herr Prof. Dr. Th. Sommerfeld⸗Berlin.
Organisation des Krankenpflege⸗ Personals. An die Arbeiterschaft Deutschlands wendet sich ein Aufruf des Zentralverbandes des Massage⸗, Bade⸗ und Krankenpflege⸗Personals Deutschlands. In dem Aufruf wird die Unterstützung der organisterten Arbeiter erbeten zum Zwecke einer Agitation unter den Berufskollegen in den Kranken- und Irrenhäusern, wie sonstigen Heil⸗ und Badeanstalten. Lohn⸗ und Wohnverhält⸗ nisse dieser Arbeiterkategorie seien die denkbar schlechtesten. Deshalb werden alle organisterten Arbeiter ersucht, genannten Verband in seinen Bemühungen zu unterstützen.
Die Gewerbegerichtswahlen in Frank⸗ furt a. M., welche, wie bereits in voriger Nr. mitgeteilt, nach dem Proportional⸗ system am Montag stattfanden, endeten auf der Arbeitnehmerseite mit dem Siege der von dem Gewerkschaftskartell aufgestellten Kandi⸗ daten. Auf diese fielen 6236 Stimmen, auf die„christlichen“ Gewerkschaften nur 596. Letz⸗ tere erhalten somit 3 Beisitzer, die Freien Ge⸗ werkschaften 30.— Auf Seite der Arbeit⸗ geber wurden für Innungen, die Wahlenthal⸗ tung proklamiert hatten, 211, für die Liste des soztaldemokratischen Vereins 97 Stimmen ab⸗ egeben. Es entfallen danach auf die letztere Ziste 10, auf die Innungsliste 23 Beisitzer. Mit Recht tadelt unser Frankfurter Parteiblatt die schwache Beteiligung unserer Genossen auf der Arbeitgeberseite.
Das hessische Eiseubahn- Skandälchen
kam am Freitag in der zweiten Kammer zur Verhandlung.
Es wörde darin dargetan, daß der„Volksvertreter“ bei dem Bahnbau Butzbach⸗Lich ein sehr respektables Sümmchen verdient hat. Nicht nur die 33000 Mk. „Proviston“, sondern er erhielt seit 2 Jahren auch noch 500 Mk. monatlich für seine Tätigkeit! Unter diesen Umständen ist es ja erklärlich, daß der wackere Mann sich redliche Mühe für das Zustandekommen des Bahnprojekts gab— er hat„Tausenden genützt,“ wie er sagte, sich selbst rechnet er hoffentlich auch dazu.
Aus der Debatte über diese nette Affaire sei nachfolgend das Wichtigste mitgeteilt. Zuerst ergriff der Interpellant, der Nationalliberale Reinhart das Wort, der ausführte:
Es sejen keineswegs politische Motive, sondern nur mancherlei Gerüchte in der Kammer und außerhalb, die ihn zu der Anregung genötigt haben. Es entspreche der Ehre des Hauses, sich Klarheit zu verschaffen, nach⸗ dem der Abg. Joutz den Empfang der 33 000 Mk, als Entschädigung für den Verkauf der Obligationen zu ge⸗ geben habe. Es frage sich darum, ob die Gemeinden, welche die Obligationen übernahmen, von diesem Ver⸗ dienst des Abg. unterrichtet waren. Da der Betrag mit den Baukosten verrechnet wurde, sei das Interesse des Landes geschädigt.
Abg. Gutfleisch: Wäre der Abg. Joutz nur Geschäftsmann, so wäre ihm kaum ein Vorwurf zu machen, aber er ist mehr, er ist Abgeordneter, er ist als solcher Vertrauens mann eines ganzen Landes. Er steht im Dienste der Gemeinnützigkeit, er handelte aber aus Selbstsüchtigkeit. Was sollte daraus werden, wenn es üblich würde, seine Stellung so zu mißbrauchen. Wenn der Glaube des Landes an uns Abgeordnete wankend wird, so ist das für das Land selbst der größte Schaden. In allen Kreisen der Be⸗ völkerung besteht nur eine Meinung und die verur⸗ teilt das Handeln des Abg. Joutz aufs schärfste.
Abg. Haas(natl.) fühlt sich im Interesse seiner angegriffenen Ehre zur Verteidigung und Aufklärung verpflichtet. Nachdem Reduer aus dem Staatsdienst ausgetreten war, sei ihm von dem Reichsverband der deutschen Genossenschaften das Amt eines Anwaltes angetragen worden und habe er dies angenommen
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