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Seite 6.
Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.
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Nr. 23.
8(Fortsetzung von Seite 5).
Das Gericht war anderer Ansicht über diese neueste Methode, den Mittelstand zu heben, sprach den Genossen Gruber frei und verur⸗ teilte die Kläger zu den Kosten, da ste in ge⸗ winnsüchtiger und unreeller Absicht gehandelt, was in volkstümlicher Ausdrucksweise immer noch Betrug genannt werde.
Unteroffizier und Sozialdemokrat.
Ein Bergmann im Essener Revier erhielt bei seinem Abgang vom Militär wegen guter Führung in seinem Paß den Vermerk, daß er zum Unteroffizier der Reserve be⸗ fähigt sei. Vor kurzem wurde sein Militärpaß eingefordert, und als er ihn zurückerhielt, war dieser Vermerk gestrichen. Der Betreffende, der sich schließlich wohl ganz gut mit dieser erschütternden Tatsache abfinden wird, ist ein solider, makelloser Mann, der seit seinem Ab⸗ gang vom Militär sich nicht das geringste zu schulden kommen ließ, aber den Mut hatte, seiner Ueberzengung folgend, sich in den Berg⸗ arbeiterverband und den sozialdemokratischen Verein aufnehmen zu lassen. Solche Leute kann man aber als Unteroffiziere nicht brauchen, die müssen unter allen Umständen ordnungspartei⸗ lich gesinnt sein, wenn sie auch schlechter schießen und noch sonstige andere Mängel aufweisen!
Etwas über Sozialismus. (Schluß aus voriger Nummer.)
Was für einen Vorteil würde diese kom⸗ munistische Versorgung der Bevölkerung einer Gemeinde gegenüber den jetzigen Verhältnissen haben?
Die ganze Bevölkerung würde sich besser und billiger ernähren als jetzt. Jetzt müssen kinderreiche Familien, trotzdem Vater und Mutter fleißig arbeiten, darben, weil, wie man zu sagen pflegt, viele Mäuler schwerer zu ernähren sind als wenige. Zweitens würde die Bevölkerung, und zwar jeder einzelne, von den Hauptsorgen befreit sein, die jetzt Millionen, ja mitunter auch den Leuten, die man für wohlhabend hält, das Leben verbittern und in der Regel die eigentlichen Ursachen des Zwistes in den Ehen sind.
Ganz schön, wird der Gegner sagen, aber
wenn diese kommunistische Versorgung mit
Lebensmitteln usw. eingeführt ist, dann wird
der Fleißige für den Faulen arbeiten müssen. In der Tat wird es neben den Fleißigen
auch immer Faule geben.
Aber muß die Bevölkerung nicht heute schon
eine ziemlich große Zahl von Leuten ernähren,
sund 2 wahrsten Sinne des Wortes Faulenzer
n
Geht jetzt die menschliche Gesellschaft den⸗ noch nicht zugrunde, so würde das bei kommu⸗ nistischer Besorgung des Lebensunterhalts eben⸗ sowenig eintreten.
Im Gegenteil würde es dann wahrschein⸗ lich viel weniger Faule geben als heute. Wa⸗ rum? Weil jeder Mensch, schon um der Lange⸗ weile zu entgehen, ein Interesse daran hat, regelmäßig zu arbeiten. Es kommt nur darauf an, die Arbeit so angenehm wie möglich zu machen, und daß dies möglich ist, dafür wird jeder aus seinem eigenen Beruf Beispiele in Hülle und Fülle anführen können.
In welch außerordentlichem Maße die Ar⸗ beit vereinfacht, erleichtert und verkürzt werden kann, zeigt die Großindustrie, insbesondere die Amerikas. Dort verfährt man allerdings nicht nach dem deutschen Grundsatz, den Pfennig zu sparen und den Taler zum Fenster hinauszu⸗ werfen. Man wirtschaftet dort nicht kleinlich wie bei uns und kommt deshalb viel schneller vorwärts.
Immerhin wird es, wie schon gesagt, auch Faule geben, Leute, die lieber für sich arbeiten lassen, als selber tätig zu sein.
„Für solche wirklich unverbesserlich Faule würde auch bei der kommunistischen Besorgung des Lebensunterhalts als letztes Mittel das⸗ selbe am Platze sein, was schon heute, aller⸗ dings nur gegenüber armen Leuten angewendet wird, nämlich der Arbeitszwang. Wer dann, wenn die Gemeinde ihn mit allem Not⸗
wendigen versorgt, seine Steuern nicht bezahlen wollte, weil er nicht arbeiten, sondern faulenzen will, nun, der würde mit viel größerem Rechte, als es meist heute mit jemand geschieht, der vom Bettel lebt, zur Arbeit gezwungen werden.
Aha, da haben wir den Zuchthausstaat! rufen die Gegner. b
Gemach, gemach! Was ist eure vielgerühmte „Ordnung“ von heute für die Mehrzahl der Menschen anders als eine Zuchthausordnung, und mitunter noch schlechter als diese? Warum werden so viele Verbrecher heute rückfällig? Weil sie es immer noch besser haben als in der Freiheit unter einer„Ordnung“ wie der heutigen, einer Ordnung, die im Grunde ge⸗ nommen nur eine Anarchie ist, in der der Pfiffige und Skrupellose, der sogenannte„Starke“ den Schwachen, Braven und Ehrenhaften unter die Füße tritt und treten kann, ohne daß ihn ein Gesetzbuch dafür straft, wenn er die Vor⸗ sicht gebraucht, sein Unrecht im Rahmen der Gesetze zu tun.
Und wenn nun die quälende Not um den täglichen Lebensunterhalt von der Bevölkerung genommen, die Arbeit zweckmäßig durch die Gesellschaft organisiert wäre, so würden auch die Sitten, Gewohnheiten und Bedürfnisse des Volkes edler werden.
Die Liebe zu Kunst und Wissenschaft, die heute erst in sehr geringem Maße vorhanden ist, würde immer mehr Kreise ergreifen, die Behandlung der Kinder durch die Eltern würde viel freundlicher und verständiger werden, als sie heute vielfach ist, und das Resultat müßte eine freie und glückliche Nation sein, denn die erste Bedingung der Freiheit und des Glückes ist: ein gesicherter, guter Lebensunterhalt.
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b Unterhaltungs-Ceil.
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Binaus! nur hinaus! Wir lassen die Sorgen Und fliehen das Haus Und ziehen am Morgen Sum Lenze hinaus— In blühende Täler, An den rauschenden Strom, Sum singenden Walde, Dem herrlichen Dom.
Auf rollendem Rade Durchs maiende Land, Auf blumigem Pfade Sur felsigen Wand;
Su Fuß und zu Wagen Ninaus! nur hinaus! Laßt hinten des Marktes, Der Werkstatt Gebraus.
Die Lerchen, sie steigen
In Liedern empor
Und führen den Reigen
Im jubelnden Chor.
Es laden die Fluren,
Die Felder, der Hain
Mit Sang und mit Glocken
Sur Wanderlust ein.
Es singen die Cüfte,
Es jauchzt in der Brust:
O wonnige Düfte!
O Himmel! O Blust!
Wie herrlich zu folgen
Der göttlichen Spur!
Wie selig zu ruhen,
Am Herz der Natur.— Robert Seidel.
Auf der Wanderschaft. Erzählung von Robert Schweichel. .
Der um 2 Uhr 44 Minuten fällige Zug war mit geringer Verspätung in Thale am Harz eingelaufen. Es war ein außergewöhnlich langer Zug. Denn die großen Ferien hatten Tags zuvor begonnen und er war daher von
unzähligen Sommerfrischlern und Touristen benutzt worden. In dem hart an der Bode gelegenen Garten der Akttenbrauerei waren bald sämtliche, schon gedeckte Tische von Gästen besetzt. Die Kellner rannten mit Speisen und 1 schäumenden Gläsern hin und her. Das Klappern ir von Tellern, Messern und Gabeln, das Ge schwirr der Unterhaltungen, aus dem dann und 0 wann ein lautes Lachen aufschlug, erstickten 10 selbst das Rauschen und Brausen der Bode, n fl die zwischen und über Geröll und Felsblöcken zz hi in ihrem Bette dahinschoß.* In dieses geräuschvolle, hastige und lustige Treiben trat unbeachtet ein später Gast. Es war offenbar ein Fußwanderer, denn seine derben Bergschuhe waren bestäubt, eine abge⸗ nutzte Reisetasche hing von seiner Schulter, und in der braunen Hand führte er einen starken Hakenstock mit spitzer Eisenzwinge. Er hatte die Dreißig schwerlich schon erreicht, war
von kräftigem Wuchse, mittlerer Größe und
mit einem Lodenauzuge und einem Hütchen 125 aus ähnlichem Stoffe, die beide wohl manches 10 z Unwetter bereits ertragen hatten, bekleidet. Die 11 Beinkleider hatte er von den Bergschuhen zu. 98 rückgeschlagen, der Hals erhob sich ohne Kragen Voit aus dem wollenen Hemd und die Hände streck. 1 ten sich ohne Manschetten aus den Aermeln. 10 5 Blaue Augen schauten aus dem scharf ge⸗ ch
schnittenen, sonnenverbrannten Gesichte einge 5 Zeit vergebens nach einem leeren Platze sich n Elen
um. Endlich entdeckte er dicht am Hause eine. an lange Bank, welche zwar mit mancherlei Hand- Ne
gepäck belegt war, immer aber noch ein Plätze chen bot. Hans Gruber bedachte sich nicht lange, al, legte seine Tasche gleichfalls dorthin, setzte sich bars auf das noch freie Ende der Bank, schob den ar un Lodenhut in den Nacken und bestellte bei einem e 40 vorüberhuschenden Kellner ein Glas Bier. Ah, eka wie wohl die Ruhe tat und dann das kühle ton Bier! Denn Hans Gruber hatte bereits einen ug wer tüchtigen Marsch hinter sich. Er tat einen tiefen ur, Zug, holte dann aus seiner Went eine kleine um Holzpfeife hervor, zündete den Tabak an und auen stützte die Ellbogen auf die Oberschenkel. Seine len da blauen Augen folgten den Rauchwölkchen, die Die b zwischen den blondbärtigen Lippen langsam„„ empor sich kräuselten und in der sonnig durch⸗ pet, l leuchteten Luft verschwebten, verwehten. In dualen, seinen Blicken, den Mienen, der lässig ruhenden aal af Haltung verriet sich ein gesättigtes Wohlgefühl. uberode Es war nur zu erklärlich. Hatte er sich doch uu doch zum ersten Male seit fast drei Jahren von ehulare allen Redaktionsgeschäften, Versammlungen und„a, Agitationsreisen auf vierzehn Tage losgelbst ire, w und durchwanderte nun als eig völlig freier e ent Mensch mit Ränzel und Stab das Harzgebirge. Gute Es war die erste Bergwelt, die dem Nordländer 0, ihren Schönheitszauber erschloß. 0% la „Es öffnen sich die Täler, es streben 1 Die Berge kühn zum Himmel hinan, 10 U Frei wie die Wolken ziehen und schweben, e Durchmißt die Welt des Wanderers Bahn. en
f Und keiner Sorge Zagen und Schwanken 0 Schü Verhält den Mut der glühenden Brust, 18 Frei schweift der Vogel, frei die Gedanken: O wandern, wandern, selige Lust!“. So klang es aus einem alten Liede durch Gruber's Seele.
Da traf eine Stimme sein Ohr, welche fragte, ob er Zeit hätte? Zwei junge Damen standen vor ihm, und die Stimme gehörte den älteren. Sie trug einen karrierten Staubmantel, ö einen schwarzen Kapotehut und hielt einen zier⸗ lichen Regenschirm in der Hand. Ihr Gesichk war schmal und bleich, und ein goldener Kneifer, den sie auf der etwas spitzen Nase an 1 b
ö In 1 Aulerkun + 3—
Kettchen trug, gab ihrer Miene einen strenge Ausdruck. Es mochte wohl ihre Begleiter sein, denn auf dieser ruhte dabei sein Bli welche Hans Gruber die heitere Antwort auf die Lippen legte:„O, eine Fülle von 05 Diese, etwa zwei bis drei Jahre jüngere Dame stand in einem grauen Wollenkleide und eng. anschließenden Jacket schlank, kräftig und blühend ihrer Gefährtin zur Seite. Ein graues Filz- hütchen, das mit einem paar Adlerfedern ge? schmückt und um dessen Kopf ein blauer Schleier gewunden war, beschattete das rund? liche, rosige Gesicht, aus dem zwei sanfte braune


