Ausgabe 
5.6.1904
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 23.

von Mainz, Alzey, Bensheim, Heppenheim und Darmstadt. Die Verhandlungen wurden von Petri⸗Mainz geleitet. Nachdem der Geschäftsführer Göbel⸗Mainz den Jahres⸗ ber icht erstattet hatte, nahm Arbeitersekretär Gräf⸗ Frankfurt das Wort zu seinem Vortrag über die zurzeit so brennende Aerztefrage. Ausgehend von den Vor⸗ gängen in Solingen, Köln und Leipzig verlangte er volle Neutralität der Regierung in dem Streit zwischen Aerzten und Kassen. In der Debatte brachte Fabrikant Sche u⸗ ri g⸗Alzey die dortigen Vorkommnisse der letzten Zeit zur Sprache. Er wandte sich scharf gegen das Verhalten der Aerzte, besonders gegen den wortbrüchig gewordenen Herrn Dr. Reymann, und erklärte weiter, daß die Kasse gegen den vom Kreisamt mit den Aerzten abgeschlossenen Vertrag, weil er gegen die guten Sitten verstoße, ge⸗ richtlich vorgehen werde. Kreisamtmann sslein⸗Alzey legte in überzeugender Weise dar, daß das Kreisamt in dieser Frage nicht anders handeln konnte. Ihm jelbst gefalle der Vertrag auch nicht und er glaube auch. daß er vom Gericht anulliert werde. In der Verurteilung des Verhaltens der Aerzte sei er mit Herrn Scheurig einig. Ueber die Krankenkassen und die Wahlen zu den Versicherungskörperschaften referiert Geschäftsführer Streb⸗

Offenbach. Er ermahnt die Kassen, nur solche Kandidaten

aufzustellen, die einen ausreichenden Einblick in die schwierige Materie bereits haben. Als diesjähriger Beitrag für den Heilstättenverein werden 300 Mark festgesetzt. Der nächste Krankenkassentag findet 1905 in Alzey statt. Von der Gießener Ortskrankenkasse waren Dahmer und Fourier als Delegierte erschienen.

Die Wahlrechtskommission hatte,

nachdem am Donnerstag eine Einigung auf den Kompromißantrag Gutfleisch erzielt war, den Antrag auf Einberufung einer außer⸗ ordentlichen Landtagstagung für Mitte Juni zur Verabschiedung der Reform unter Zustimmung des Kammerpräsidenten Haas ver⸗ einbart. Dagegen erhoben jedoch 21 Abge⸗ ordnete vom Lande Protest unter dem Vorwand, daß im Sommer kein vollständiger Landtag für eine so einschneidende Beratung zusammenzuhalten sei. Am Samstag werden Präsidium und Seniorenkonvent der Kammer zu diesem Protest Stellung nehmen und ihm wahrscheinlich Folge geben, sodaß die Wahl⸗ rechtsreform wieder durch die Agrarier um Monate verschleppt wäre. Die Wähler müssen sich die verkappten Wahlrechtsfeinde merken. Die Stadtverordnetenwahlen in Offenbach finden voraussichtlich im No⸗ vember statt. Soweit unsere Parteigenossen in Betracht kommt, läuft diesmal nur das Mandat des Genossen Ulrich ab.

Gießener Angelegenheiten.

In der Stadtverordneten⸗ versammlung wurde am Donnerstag u. a. nochmals über ein Gesuch der Deutschameri⸗ kanischen Petroleumgesellschaft betr. Anlage eines Petroleum⸗Tanks verhandelt. Das Gesuch war früher schon einmal abgelehnt worden, weil es das Bestreben der Gesellschaft sei, den Petroleumhandel zu monopolisteren, jede Kon⸗ kurrenz zu vernichten, um dann willkürlich die Preise vorschreiben zu können und somit Grossist und Konsument geschädigt werde. Gegen diesen Beschluß führte die Gesellschaft Beschwerde. Das Ministerium zog Gutachten von den hess. Handelskammern ein, die verlesen werden und die sich mit Ausnahme der Offenbocher und der Friedberger im Sinne des Gießener Stadt⸗

verordneten⸗Beschlusses aussprechen. Die Ver⸗ sammlung beharrt auf ihrem früheren Beschlusse. Die fortschreitende Konzentration des Kapi⸗ tals, wie ste in der Deutsch⸗Amerik. Petroleum⸗ gesellschaft zu Tage tritt, wird man mit diesem Beschlusse, so gut er gemeint sein mag, aller⸗ dings nicht aufhalten. Die für das alte Schloß projektierte Treppe wird genehmigt. Der Oberbürgermeister meint, es seien für den Umbau noch 16 300 Mk. verfügbar, womit man auskommen werde. Wir möchten allerdings keinen Eid darauf leisten! Ferner wird be⸗ schlossen, in diesem Jahre wieder ein Jugend⸗ fest abzuhalten, obwohl sich eine starke Min⸗ derheit des Schulvorstandes dagegen aus⸗

gesprochen hat. Dann wird noch der Be⸗ bauungsplan für die Schwarzlach genehmigt. Dagegen lagen verschiedeue Einsprachen vor, u. a. von Herrn Löber, der dort Gelände besitzt und sich durch die geplante Straßen⸗ führung benachteiligt sieht. Sein Einspruch wird jedoch wie die übrigen, zurückgewiesen.

Bezüglich des Kreisfestes in Steinberg sei auf mehrere Anfragen mitge⸗ teilt, daß jedenfalls ein Extrazug bis Sta⸗ tion Schiffenberg geht. Derselbe wird kurz vor ½ 2 Uhr in Gießen abgelassen; der Fahrpreis wird für Hin⸗ und Rückfahrt 35 Pfg.(III. Kl.) betragen. Schulkinder sind frei. Es ist not⸗ wendig, daß dem Festausschuß(Gg. Beckmann, Grünbergerstraße 44) bald Mitteilung gemacht wird, wieviel Personen von den einzelnen Orten den Zug benutzen wollen. Wie bereits früher mitgeteilt, findet das Fest statt, auch wenn das Wetter weniger günstig ift. Es wird genügend für Unterkunft gesorgt. Ferner wäre zu wünschen, daß sich einige Leute meldeten, welche Kinderspiele(Reigen usw.) arrangieren und leiten könnten.

fl. Ein Delegiertentag der Arbeiter⸗ Sängervereinigungen Deutschlands fand an den Pfingstfeiertagen in Dresden statt. Die Liederge⸗ meinschaft zählt 1300 Vereine mit ca. 64000 Mit⸗ gliedern; seit 3 Jahren hat sich die Mitgliederzahl ver⸗ doppelt. Der Arbeiter⸗Sängerbund für den Rhein⸗ und Maing au, zu dem die Arbeitergesangvereine in Gießen und Umgebung gehören, ist mit 94 Vereinen und ca. 6000 Mitgliedern der viertgrößte Bund in der Ge⸗ meinschaft. Mufikdirektor Paul Michael aus Leipzig er⸗ stattete den Bericht der Dirigenten⸗Prüfungskommisston, wobei er scharfe Kritik an einem Teil der bereits er⸗ schienenen Lieder übte und als zu seicht ohne belebende Mufik bezeichnete. Er bedauerte die Teilnahmslosigkeit tüchtiger Komponisten der Liedergemeinschaft gegenüber, obwohl sie gerade bei den Arbeitersängern ein recht dankbares Feld für ihre Erzeugnisse finden würden, und wies auf Mittel und Wege hin, tüchtige Leute für uns zu gewinnen. Keine seichten minderwertigen Ar⸗ beiten, sondern nur das Beste für die Arbeiterge⸗ sangvereine! Abgelehnt wurde die Herausgabe einer Sängerzeitung und ebenso die Abhaltung eines allgemeinen deutschen Sängerfestes. Eine Reihe Auträge, die eine bessere Organisation der Arbeiter⸗Sängerver⸗ einigungen bezwecken, fanden Annahme. Der Delegierten⸗ tag hat ein tüchtiges Stück Arbeit geleistet, möge auch der weitere Erfolg nicht ausbleiben, mögen die Arbeiter in den bürgerlichen Gesangvereinen bald einsehen, daß dort nicht der Ort ihrer Tätigkeit ist. Möchten sie bald ihrem alten Schlendrian entsagen und sich den bestehen⸗ den Arbeitergesangvereinen anschließen, um mit uns ver⸗ eint das freie Lied in immer weitere Kreise der Be⸗ völkerung zu tragen:Dem freien Volk das freie Lied!

Aus dem Rreise gießen.

b. Staufenberg. Der Volks verein hielt am Samstag eine Mitgliederversammlung ab, die ver⸗ hältnismäßig gut besucht war. Sie gestaltete sich in⸗ sofern interessant, als über einen Antrag auf Auf⸗ lösung des Vereins zu heschließen war. Man sollte es nicht für möglich halten, daß in einer Zeit, wo die Verhältnisse den bessern politischen und gewerkschaftlichen Zusammenschluß der arbeitenden Bevölkerung fordern, ein derartiger Antrag überhaupt gestellt werden konnte! Jedenfalls zeigen seine Urheber, daß sie sich über die Aufgaben der arbeitenden und unterdrückten Klasse und die Mittel zu ihrer Befreiung keineswegs im Klaren sind. Erfreulicherweise ist er aber nicht auf die Interessen⸗ losigkeit der Genossen zurückzuführen, sondern lediglich als Folge der törichten Treiberei eines Einzelnen zu betrachten, der verschiedene Mitglieder aus rein persön⸗ lichen Gründen zum Austritt zu bewegen suchte. Der Mann irrte aber sehr, wenn er so leicht eine sozial⸗ demokratische Organisation zu sprengen gedachte, denn einhellig wurde der Antrag abgelehnt! Hoffent⸗ lich haben wir über einen solchen Lntrag nicht mehr zu verhandeln; vielmehr müssen alle kräftig agitieren und für Ausbau der Organisation wirken.(Natürlich. Solche Arbeiter sollten sich zu Herzen nehmen, was in dem ArtikelEin gutes Wort im Unterhaltungsteil zu lesen ist! D. R.)

Pfäffische Unduldsamkeit. Aus Eberstadt bei Butzbach wird uns geschrieben: In der sonst so ruhigen Gemeinde Eberstadt herrscht seit einiger Zeit tiefe Erregung gegen den Pfarrer Veller, der es verstanden hat, sich bei der ganzen Gemeinde mit Ausnahme einzelner Personen gründlich unbeliebt zu machen. In seiner etwa siebenjährigen Tätigkeit hat er es dort glücklich soweit gebracht, daß außer 34 Familien die ganze Einwohnerschaft die Kirche meidet. Die Schuld an diesem Zerwürfnis liegt zweifellos auf Seiten des Pfarrers, denn die Gemeinde hat mit seinen Vorgängern immer im besten Einver⸗ nehmen gelebt und man findet die Erregung sehr be⸗ greiflich, wenn man folgende Beispiele seines Verhaltens sich vor Augen führt. Da war vor längerer Zeit ein Paar getraut worden, bei dem sich der Klapper⸗ storch etwas früher, als er es eigentlich sollte, einstellte. Derartiges ist gewiß schon hier und da vorgekommen,

sogar bei frommen Leuten, aber wenn nirgends Schlimmeres passierte, könnte man froh sein. Der Herr Pfarrer sah das jedoch für eine außerordentlich schwere Sünde an; als das Kind getauft war, stellte er die Eltern dadurch an den Pranger, daß er deren Namen öffent⸗ lich von der Kanzel verlas und die üblicheAussegnung der Mutter mit dem Bemerken verweigerte, daß sie sich des kirchlichen Segens unwürdig erwiesen habe. Wie wenig handelte der Moralprediger damit im Sinne des Nazareners, der den die Ehebrecherin Verurteilenden zurief: Wer von Euch ohne Fehl ist, werfe den ersten Stein auf sie! Ueberhaupt spielt sich der Pastor als strenger Sittlichkeitshüter auf. Er erklärt sogar das Tanze n von Personen verschiedenen Geschlechts mit einander für unsittlich, das erzeugeReizung, es sollten Männer nur mit Männern und Frauen mit ihresgleichen tanzen! Das geht doch noch erbeblich über die ge⸗ schorenen lex-Heinze⸗Männer; so etwas hat Roeren noch nicht verlangt! Ein andermal gab er Belehr⸗ ung über den Genuß des Abendmahls und donnerte den erschrockenen Gläubigen entgegen: Die Frauen soll⸗ ten nicht nur nippen, sondern trinken, denn Christus habe auch getrunken; die Männer dagegen, besonders die Unverheirateten, sollten sich mehr mäßigen.In der Kirche wird nicht gefressen und gesoffen, freßt und saufet zu Hause, freßt und sauft im Wirtshause! Solche Behandlung wurde mit der Zeit selbst den geduldigen Eberstädtern zu bunt und sie machen die größten An⸗ strengungen, diesen ihren Seelenhirten los zu werden. Wiederholt wurde man bei dem Konsistorium in Darm⸗ stadt vorstellig, wiederholt begaben sich sogar Deputa⸗ tionen der Gemeindemitglieder und des Kirchenvorstands dorthin, um die Versetzung des Pastors Veller zu er⸗ reichen, bis jetzt aber noch stets erfolglos. Man fragt sich, warum der Pfarrer nicht von selbst geht, da er doch sieht, daß die ganze Gemeinde seiner überdrüssig ist.

Soweit die Zuschrift, die wir erst veröffentlicht haben, nachdem wir über die Richtigleit ihrer Angaben Erkundigungen eingezogen. Es ist begreiflich, daß sich⸗ der durchaus religiös gesinnten Gemeinde über ein der⸗ artiges Auftreten des Pfarrers eine tiefe Erregung be⸗ mächtigte. Alle Gemeindeangehörigen vielleicht mit Ausnahme einiger Mucker sind umsomehr empört, als man bisher den Eberstädtern nichts Unrechtes nach⸗ sagen konnte. Allerdings, in vielen andern Orten würde man sich sicher nicht aufregen, sondern den guten Mann ruhig eifern und reden lassen, sich nicht darum kümmern und einfach der Kirche den Rücken kehren. Nicht so ruhig sollte allerdings das öffentlich bloßgestellte Ehepaar die Sache hinnehmen, sondern wegen üffentlicher Beleidigung klagen. In den Augen jedes vernünftig Denkenden liegt in dem Verhalten des Ehepaares viel weniger Unsittliches als in dem des Pfarrers, und wir sind überzeugt, ein energischer und aufgeklärter Mann würde den Herrn Pastor auf die unerhörte Beleidigung kräftig geantwortet haben, vielleicht wie Götz von Berlichüngen.

Zu dem Kindes mord in Eber⸗ stadt erfahren wir, daß die Denunziation der Mina Görlach von Seiten einiger Frommen erfolgt sein soll. Allgemein wird die Verhaftete für unschuldig gehalten. Sie hat sich stets in gewohnter Weise in der Gesellschaft gezeigt und niemand hat ihr etwas angemerkt, daß sie sich in andern Umständen befinde. Es läßt sich denken, daß dieser Fall dazu beiträgt, die Er⸗ regung, welche durch die Differenzen mit dem Pfarrer ohnehin eine hochgradige ist, noch zu steigern. Vergangene Woche war ein Be⸗ amter aus Darmstadt in Eberstadt, der jeden⸗ falls im Auftrage des Ministeriums Erkundig⸗ ungen über die Affaire einziehen sollte.

Aus dem Rreise Wetzlar.

h. Eine schöne Bäckerei scheint diejenige von Köhler zu sein. Nicht nur in Bezug auf die Arbeitsverhältnisse, sondern auch in Bezug auf Sauber⸗ keit. Ein dort beschäftigt gewesener G selle hat der Polizei darüber interessante Einzelheiten mitgeteilt, wo⸗ rauf bereits eine Revision stattgefunden hat. Unsern Gewährsmann wurde eine Probe von dem verwendeten Staubzucker überreicht, die mit allerhand Schmutz, Papier⸗ fetzen, Rattendreck usw. verunreinigt war. Die Brod⸗ tücher sollen pestialisch gestunken und das Brod aus einer Blechbüchse gebräunt worden sein, die vorher Wagenschmiere enthielt! Daß diese Schweinerei nicht eher entdeckt wurde, beweist die Mangelhaftigkeit der Kontrolle. Schlimm genug ist's ja auch, wenn die dort beschäftigten Leute nicht früher Mitteilung mach⸗ ten; man weiß ja allerdings, daß ein Eingreifen ihrer⸗ seits gleichbedeutend mit Aufgabe der Arbeitsstelle ist. Gegen den genanntenBäckermeister(ehe er sich als solcher etablierte, war er Taglöhner) wurde am Gewer⸗ begericht schon öfters geklagt. Er entließ die Leute wiederholt ohne Kündigung aus nichtigsten Gründen. Oefters waren die Gesellen ausgesperrt, wenn sie bis abends 10 Uhr nicht zu Hause waren; wenn sie sich beschwerten, flogen sie eben heraus. Bei dieser Ge⸗

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