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Seite 2.
WMitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung.
Nr. 23.
ihn also um sein Brot bringen, als er sein Buch veröffentlicht hatte! Und sie hätten es getan, wenn ihn die demokratischen Kleinbürger 118 sozialdemokratischen Arbeiter nicht geschützt ätten.
Wir werden in der nächsten Nummer noch⸗ mals auf die bemerkenswerte Schrift zurück⸗ kommen.
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Pflichten sozialdemokratischer Gemeindevertreter.
Besonders auf dem Lande sind unsere in der Gemeindevertretung befindlichen Genossen oft wenig darüber unterrichtet, welche Pflichten ihnen ihr Amt auferlegt. Die„Kommunale Praxis“, deren Abonnement jedem sozialdemo⸗ kratischen Gemeindevertreter dringend zu em⸗ pfehlen ist, brachte darüber kürzlich eine kurze Betrachtung, der wir folgendes entnehmen:
Genau wie in andern Parlamenten, so ist auch in den Gemeindevertretungen die Kritik an den bestehenden Verhältnissen mit eine der Hauptaufgaben der sozialdemokratischen Vertreter; genau wie in andern Parlamenten bietet sich auch hier oft genug Gelegenheit, An⸗ griffe auf Rechte und Freiheiten der Bevölkerung abzuwehren; genau wie in anderen Parlamenten gilt es auch hier einzutreten für die Interessen der Besitzlosen. Es kann und darf z. B. nicht gleichgültig sein, wie das Schul wesen der Gemeinde beschaffen ist. Solange nicht das Ziel der Einführung der allgemeinen Volksschule erreicht ist, haben die sozialdemokratischen Ver⸗ treter dafür zu sorgen, daß wenigstens der heu⸗ tigen Volksschule der Charakter der Armen⸗ schule genommen wird. Nicht nur für die geistige, auch für die körperliche Ausbil⸗ dung der Jugend muß weit mehr geschehen, als die Gemeinden im heutigen Klassenstaat dafür tun. Die Hygiene der Volksschule wird selbst in reichen Gemeinden in einer Weise vernachlässigt, die jeder Beschreibung spottet. Auch die öffentliche Gesun dheitspflege im allgemeinen wird nicht den Fortschritten der Wissenschaft entsprechend gepflegt. Erst wenige Gemeinden haben die Kanalisation durch⸗ geführt; noch wenigere wissen den Nutzen einer sachgemäßen Desinfektion zu würdigen. Und doch können die Folgen der Unterlassungssünden auf diesem Gebiet beim Ausbruch einer Seuche, bei Epidemien und dergleichen unabsehbare sein. Selbst die Krankenhäuser der Gemeinden, soweit solche überhaupt vorhanden sind, erinnern oft an mittelalterliche Einrichtungen. Wie es mit der Armen⸗ und Waisenpflege in den weitaus meisten Gegenden bestellt ist, weiß jeder, der in der Verwaltung tätig ist oder der selbst einmal in der Lage war, die öffentliche Unterstützung in Anspruch nehmen zu müssen. Keine Spur von sozialem Geist ist hier zu ent⸗ decken, es wird keine Rücksicht auf den indivi⸗ duellen Fall genommen, sondern es wird schablonenmäßig vorgegangen. Der Arme wird behandelt wie ein Verbrecher, und die Leistungen werden auf das gesetzliche Mindestmaß beschränkt.
Gewiß erheischt die Erfüllung der sozial⸗ demokratischen Forderungen Geld, und arme Gemeinden werden kaum daran denken können, irgendwelche sozialpolitische Maßnahmen von Bedeutung durchzuführen. Hier soll der Staat helfend eingreifen, sei es auf dem Wege von Gesetzänderungen, sei es durch Maßnahmen auf dem Verwaltungswege. Besser situterte Ge⸗ meinden dagegen könnten sehr wohl die Mittel für die Durchführung einer zielbewußten kom- munalen Sozialpolitik aufbringen. Denn obwohl die Gemeinden zum Beispiel in Preußen keine Steuer⸗Autonomie haben, so lassen ihnen doch die bestehenden Gesetze ein gewisses Maß von Bewegungsfreiheit, die nur richtig ange— wendet zu werden braucht. Auch ohne eine Belastung der ärmeren Volksschichten ist es möglich, durch ein von sozialpolttischen Gesichts⸗ punkten ausgehendes Gemeindesteuersystem die Einnahmen wesentlich zu erhöhen. Werden auf der andern Seite überflüssige Ausgaben ver⸗ mieden, wird Sparsamkeit am rechten Orte geübt, dann wird es an Mitteln nicht fehlen. So harren der Gemeindevertreter Aufgaben in
großer Zahl und sie werden bei ihrer Duürch⸗ führung sicherlich zum Wohle der Gesamtheit beitragen.—
Politische Rundschau.
Gießen, den 2. Juni 1904.
Der Sozialisten⸗Vernichter⸗Verband
hat sich zu seinem Vorsitzenden den General⸗ leutnant v. Liebert erkoren, der früher Gou⸗ veneur von Deutsch⸗Ostafrika war. Der Tapfere hat das Kommando übernommen und geht mit einer Schneidigkeit und zugleich Harmlosigkeit ins Zeug, als wäre die deutsche Sozialdemokratie ein von deutschen Kulturträgern demoralisterter Negerstamm und als hätte er ein schlagfertiges Heer bis an die Zähne bewaffneter Sozialisten⸗ töter hinter sich und nicht eine Herde harm⸗ loser Schäflein, die nur die Angst vor der Sozialdemokratie zusammengetrieben hat. Vor allem hat es Liebert auf eine große gewaltige Flotte abgesehen. Er stellt mit den übrigen Flottengeneralen die abenteuerlichsten Forde⸗ rungen und verausgabt, natürlich vorerst nur auf dem Papier, fabelhafte Schätze für die Wehrhaftmachung Deutschlands zur See, die nach Liebert Deutschland befähigen soll, bei allen Händeln der Welt mitsprechen zu können. Natürlich ärgert es den Herrn General, daß der Reichstag nicht ohne weiteres die Mittel bewilligen will und sich überhaupt so erbärmlich schäbig zeigt. Liebert beabsichtigt daher, dem Reichstage eine nationale Erziehung angedeihen zu lassen. Er werde gegen den Reichstag ordentlich hetzen, meinte er in Vorträgen, die er im Rheinlande hielt. Man sieht, der Kommandeur des Reichsverbandes kennt keine Bedenken.
Anders fing der Geschäftsführer der So⸗ zialistenvernichter⸗Organisation die Sache an. Der hatte nämlich das Plänchen ausgeheckt, die evangelischen Arbeitervereine dem Reichsver⸗ band anzugliedern, um so dem großen Offi⸗ ziersstab, der gegenwärtig den Reichsverband bildet, auch einige Soldaten zu verschaffen. Ganz leise und demütig hat er sich an die Delegierten der evangelischen Arbeitervereine herangeschlichen, sie heilig und teuer versichert, daß der Reichsverband kein Scharfmacherverein sei, daß er die berechtigten Bestrebungen der Arbeiter zur Besserung ihrer wirtschaftlichen Lage anerkenne usw. Aber nicht einmal die evangelischen Arbeitervereine hat er von der Nützlichkeit des Reichsverbandes überzeugen können und ist damit gründlich abgeblitzt. Daß er aber überhaupt die Waffenbrüderschaft der evangelischen Schäflein suchte, ist für diese schon bezeichnend.
Ende der Sozialistenhetzer.
Benedix war ein schneidiger, preußischer Staatsanwalt, Brausewetter ein ebenso schneidiger preußischer Landgerichts⸗ direktor. Im Moabiter Landgericht in Berlin haben die beiden, die geschworene Feinde der Sozialdemokratie waren, so manchen So⸗ zialisten⸗ und Anarchistenprozeß verhandelt; Benedix als Ankläger, Brausewetter als Rich⸗ ter. Wie so mancher, der strebend sich bemüht, haben auch Benedix und Brausewetter das Metier der Sozialistentötung für ein Mittel gehalten, sich bei ihrer vorgesetzten Behörde beliebt zu machen. Der eine oder andre hatte Erfolg damit, bei andern schlug das Mittel fehl, offenbar weil ihren Geistesgaben im Wett⸗ lauf mit der guten Gesinnung die Puste aus⸗ ging. Im Gummischlauchprozeß, der sich vor zehn Jahren am Berliner Landgericht I ab- spielte, hatte Benedix die Anklage zu vertreten; er und der Richter Brausewetter waren in ihrer Voreingenommenheit ein Herz und eine Seele. Benedix beantragte in diesem Prozeß, der dem Ansehen des damaligen Polizeiprä⸗ sidenten einen ungeheuern Stoß versetzt, heil⸗ lose Strafen gegen die acht angeklagten Zeitungs⸗
redakteure, und Brausewetter entsprach so einiger⸗
maßen seinen Wünschen. Herr Benedix wurde etwa ein Jahr später in das brandenburgische Städtchen Guben ver⸗
setzt, wo er noch in einigen kleinen Sozialisten⸗
prozessen unglückliche Anläufe zur Vernichtung der Sozialdemokratie unternahm, dann aber wurde er stille und ist jetzt in einer——— Heil anstalt gestorben.
Ein tragisches, man möchte beinahe sagen vergeltendes Geschick hat es gefügt, daß sowohl der Staatsanwalt Benedix wie sein Freund, Landgerichts direktor Brausewetter, in geistiger Umnachtung verschieden sind.
Das staatsgefährliche Christentum.
Für die Abschaffung des Christen⸗ tums tritt der Deutsche Kolonialbund in einer Eingabe ein, die er an den Reichs⸗ kanzler gerichtet hat. Es soll künftig dafür gesorgt werden, daß die Missionare in Zukunft den Negern nicht mehr durch die ihnen un⸗ verständlichen Lehren von Gleich⸗ heit und Brüderlichkeit die Köpfe verdrehen. Das Christentum ist von Haus aus eine staatsgefährliche Lehre, und wenn die Apostel, deren Fest die gläubige Christenheit eben gefeiert hat, wieder aufstehen und ihren Weg nach Deutschland nehmen würden, so wetten wir einen goldenen Berg gegen eine Leberwurst, daß man sie als„Schnorrer und Verschwörer“ alsbald über die Grenze bugsteren würde. Uns freilich ist die christliche Lehre durch tausendjährige Gewöhnung verstäadlicher geworden; die„Gleichheit“ besteht natürlich nur„vor Gott“, auf Erden aber sollen wir der Obrigkeit untertan sein. Dagegen nahmen die dummen Neger das Reden von„Gleichheit und Brüderlichkeit“ nicht in seiner erhabenen Bedeutung, sondern schließen daraus, daß ste ihre Weiber nicht vergewaltigen und sich selber nicht mit der Nilpferdpeitsche behandeln zu lassen brauchen. Kein Wunder, daß man sich gegen solche„destruktive Tendenzen“ in der Kolonial⸗ politik energisch wehrt. Die weiße„Herrenrasse“ in ihrer gottähnlichen Vollkommenheit ist der einzige Gott, dessen Dienst den Schwarzen er laubt ist!
Ihr sollt nicht Schätze sammeln.
So predigen zwar die christlichen Priester dem Volke, sind aber dabei nach Kräften be⸗ müht, möglichst viel von schnödem Mammon und irdischen Gütern aufzuspeichern. Besonders das Oberhaupt der katholischen Kirche hat das jederzeit gut verstanden. Nach dem Tode Leos XIII. fand man in allen Ecken und Winkeln seiner Gemächer Geld versteckt, in den Büchern seiner Bibliothek, unter den Hängematten seines Zimmers usw. soll Papiergeld versteckt gewesen sein. Er hatte für mehrere Millionen Edel⸗ steine. Nach Mitteilung der englischen Zeit⸗ schrift„Tits⸗Bits“ betrug das päpstliche Bud⸗ get für 1900 nicht weniger als 21 875 000 Francs in Einnahme und nur 5 647 000 Frs. in Ausgabe; also ein jährlicher Ueberschuß von 16 Millionen Franken! Der jetzige Papst ist noch viel sparsamer und wird noch mehr er⸗ übrigen und so die ungeheuern Reichtümer der katholischen Kirche noch vermehren helfen.
Brüder in Christo.
Die„Lutherische Rundschau“ schreibt in ihrem Maiheft, nachdem zuerst der Papst als der Antichrist und die„Schwesterkirche“ als die große H... dargestellt wurde, folgendes über die Jesuiten:„Vor allem müssen wir die schwarze Garde des Antichrists, die durch die unendlich boshafte Erfindung des Satans ihre Mordgesinnung und ihre Schandtaten mit dem h. Jesusnamen deckt und sich selbst Gesellschaft Jesu nennt, während sie doch einzig im Dienst des Vaters der Lüge und im Sold des Mör⸗ ders von Anfang steht, also buchstäblich eine Gesellschaft Satans ist, nicht mehr mit dem Jesusnamen in Verbindung bringen und sie Jesuiten nennen.“— Schließlich wird dann noch der Vorschlag gemacht, die Jesuiten in Zukunft„Teufeliten“ zu nennen.— Das sind gewiß ganz artige Liebenswürdigkeiten. Und welch sittliche Entrüstung heuchelt die Gesellschaft, wenn mal in einer sozialdemokr. Versammlung
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ein derbes Wort fällt!
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