Ausgabe 
5.6.1904
 
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Nr. 23.

Gießen, den 5. Juni 1904.

11. Juhrg.

Redaktion: Rirchenplatz 11, Schloßgasse.

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Mitteldeutsche

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Ein Prediger der Wahrheit.

Vor Kurzem hat ein Pfarrer der evange⸗ lischen Kirche ein Buch herausgegeben, das in den Reihen der Gescheitelten wie der Gescho⸗ renen nicht geringes Entsetzen hervorrufen wird. Wir dagegen, die wir gewohnt sind, von den Dienern der Kirche mit fanatischem Hasse ver⸗ folgt, mit Lüge und Verleumdung bekämpft zu werden, haben alle Veranlassung, auf die Aeußerungen dieses ehrlichen Mannes und wahren Christen mit Genugtuung hinzuweisen. Ein leibhaftiger Pastor verteidigt die Sozialdemokratie! Das kommt wirk⸗ lich nicht alle Tage vor.

Das Buch, von dem die Rede ist, ist unter dem TitelSie müssen! Ein offenes Wort an die christliche Gesellschaft in Berlin in zweiter Auflage erschienen und hat den Pfarrer Kutter in Zürich zum Verfasser. Kutter ist ein gläubiger Christ, aber ein Christ, der in der offiziellen Kirche die Abgefallene und Ver⸗ räterin an der Lehre Christi erblickt, als deren eigentlichen Vertreter er die Sozialdemokratie ansteht, die, so meint er, ohne sich dessen be⸗ wußt zu sein, die radikalen Forderungen des Christentums zu verwirklichen bestrebt sei. Er faßt das innerste Wesen und Streben der So⸗ zialdemokratte als die höchste Erfüllung des von Christus Gewollten auf. Deshalb müsse die Sozialdemokratie auf die Beseitigung der heutigen Gesellschaftsordnung, der Herrschaft des Geldsacks hinarbeiten. Hören wir den Prediger!

Schon die Ueberschriften der einzelnen Ab⸗ schnitte zeigen, wie Kutter seine Aufgabe auf⸗ faßt. Er packt den Stter an den Hörnern, indem er die Angriffe auf die Sozialdemokratie also zusammenfaßt: Die Sozialdemokratie leugnet das Dasein Gottes; die Sozialdemokraten unter⸗ graben und zerstören die christliche Wahrheit; die Sozialdemokratie ist eine revolutionäre Partei; die Sozialdemokraten anerkennen die Sünde nicht; die Sozialdemokraten glauben nur an die Materie und verwerfen den Geist; die Sozialdemokratie verneint die absolute Be⸗ deutung des Rechts und der Moral; die So⸗ zialdemokratie kennt und anerkennt kein Va⸗ terland. N

Hier haben wir so ziemlich alle Angriffe zusammen, die speziell aus dem christlichen La⸗ ger gegen uns erhoben werden, deren Hin⸗ fälligkeit nun Kutter in seiner Art und von seinem Standpunkt aus beleuchtet und kritistert.

Werfe man der Sozialdemokratie Gottlosig⸗ keit vor, so fragt er: wer unter den Christen das Wort verstehe:Liebet Eure Feinde! Oder wer das Gebot begreife:Sammelt nicht

Schätze auf Erden, sorget nicht für den andern

Morgen!Die Sozialdemokraten hungern und dürsten doch auch nach gerechten 38 u st ä n⸗ den und sollten gotilos sein? Sie kämpfen für die Barmherzigkeit und sollten keine Barmherzigkeit erlangen? Sie hassen das Ge⸗ meine, Schmutzige, Lüsterne und sollen nicht auch Gottes Kinder heißen? Sie werden von allen Seiten geschmäht und verfolgt und Gott solle sie in die Hölle stoßen? Sie sammeln nicht selbst Schätze, wie die andern Parteien, sie erklären dem Gelde den Krieg und soll⸗ ten nicht zu Gott gehören, ihm nicht dienen?

Sie tun, was Gott von Anfang an durch seine Zeugen gefordert: sie nehmen sich einzig der Armen und Geknechteten an und sollten ohne Gott sein?

Gottlosigkeit set die Losung, die Stöcker der Sozialdemokratie gegenüber aus⸗ gegeben habe, und Gottlosigkeit sei das Wort, das ein Naumann immer wieder uns entgegen⸗ halte, und das, obgleich wir Ernst machten mit den Forderungen Gottes wider den Mam⸗ mon. Sei es da nicht klar, daß zwischen Gott und dem Glauben der Stöcker und Naumann eine tiefe Kluft bestehe? Die Sozialdemokratie solle man protestantischerseits nicht bekämpfen, sondern in ihrer Erscheinung die Hand des lebendigen Gottes sehen. Die Propheten alle seien revolutionäre Ruhestörer mit wahnwitzigen und hirnverbrannten Ideen ge⸗ wesen, und diese alle würden uns heute als mustergültige Vertreter des göttlichen Wortes vor Augen gemalt. Jesus selbst sei einVolks⸗ verführer und Gotteslästerer, ein Freund der Auswürflinge, derZöllner und Sünder, ge⸗ weilen und seine Apostel derAbschaum der Gesellschaft, aber das hindere nicht, daß man sich heute in der ganzen Christenheit auf sie berufe. Die evangelische Kirche habe des lebendigen Gottes vergessen.

Kutter kritistert das Programm der Stöcker⸗ schen christlich⸗soztalen Arbeiterpartei, von dem man nicht begreife, was es eigentlich wolle. Was wohl die Herren der Finanz, die Groß⸗ kapitalisten, die Großgrundbesitzer unter dieser schüchternen Programmkundgebung dächten? Es sei als wäre jedes Wort absichtlich in der Schwebe gelassen worden, um das Schifflein des christlichen Sozialismus an dieser gefähr⸗ lichsten aller Klippen unversehrt vorbei zu bug⸗ sieren. Es ist bitter, was Stöcker von seinem Amtsbruder zu hören bekommt, aber die Kritik trifft den Nagel auf den Kopf. Auch Naumann bekommt unangenehme Wahrheiten zu hören. Das Buch ist geschrieben, als Naumann noch über eine eigene Partei verfügte; diese ist jetzt dahin. Es stünden viele Geistliche mit den reinsten Idealen auf seiner, Naumanns Seite, aber man könne nicht mit Absichten, Ent⸗ schlüssen, Idealen und Ueberzeugungen den Feind überwinden, der nur durch einen neuen Geist, durch Feuer und Flammen überwunden werden könne. Und diese Feuerflam⸗ men loderten in den Reihen der Sozialdemokratie. Alle Parteien ohne Ausnahme sorgten nur für sich, die Sozial⸗ demokratie sorge für die Mensch⸗ heit, sie diene einer großer Sache, die sie be⸗ geistere.

Weiter sagt er: Die heutigen Besitzverhält⸗ nisse seien aus dem Mammon geboren, sie müßten aufhören. Aber gerade hiervor schrecke die Kirche zurück; sie gehöre selbst noch zu den Besitzenden. Solle aber der Mam⸗ mon fallen, dann müsse das heutige Privateigentum fallen. Man sieht, Kutter hat nicht nur den Mut, der Kirche die unangenehmsten Wahrheiten zu sagen, er schrickt auch vor den Konsequenzen seiner Gedanken nicht zurück. a

Warum, fragt er geben die frommen Gläu⸗ bigen immer wieder die bequeme und spießbür⸗ gerliche Antwort: jede Aenderung der Verhält⸗ nisse ist falsch und ungesund, und nie die

schwere, gefährliche und entscheidende: Wir können nicht dem Mammon dienen?Woher kommt es doch, daß ihr die Armen aufs einstige Kommen des Herrn vertröstet und die Reichen nicht mit demselben Kommen schreckt wie Jesus getan! Warum bringt ihr kein Schelten gegen die Reichen über die Lippen, während ihr die Armen um ihrer Begehrlichkeit willen hart anlasset? Ich glaube fast, euer Christentum ist ein Christentum der Reichen und nicht der Armen Ihr redet vom Innern, weil ihr kein Licht habt... Ist es doch möglich, innerlich ein Christ zu sein und äußerlich ein Schelm... Was ist das für ein Glaube, fährt er fort, der die grausigen Produktionsordnungen, die der Mammon geschaffen, für unantastbar er⸗ klärt und sich damit bescheidet, die Folgen dieser Ordnungen in ihrer Entsetzlichkeit zu mildern? Sind alle die furchtbaren, moralischen und physischen Leiden, die tausend Wunden, aus denen unser Volkskörper blutet, nicht Folgen dieses Produktionssystems?... Und da wieder⸗ holen wir es: Die Kirche, mag sie sich katholischoderevangelisch nennen, ist vom Geist des Mammons be⸗ herr cht.

Und weiter hält an einer andern Stelle der mutige Prediger seinen Kollegen vor, wie sie und die Kirche sich stets vor Reichtum und Besitz beugten.Wie unwürdig ist das Beneh⸗ men so vieler, vieler Pastoren und Geistlichen den Vornehmen dieser Welt gegenüber! Wie viele törichte, unwahre Schmeichelei, wie viel feiges Schweigen und Vertuschen, wie viel Ohnmacht und Charakterlosigkeit? Wer reich ist, wird von der Kirche hoch ange⸗ sehen. Es werden ihm Aemter und Würden übertragen, mit deren Annahme er sie tief er⸗ freut und ehrt mag er im Leben noch so grausam mit seinen Arbeitern, noch so unge⸗ recht mit den Untergebenen, noch so unehren⸗ haft im Geschäftsverkehr verfahren. Das Geld schützt und schtrmt ihn... Und wir verwundern uns, daß die Sozialdemokratie nichts von der Kirche wissen will? Sollten wir nicht gerade hierin ein Zeichen ihrer Lebendigkeit und Wahrheit er⸗ blicken? 5 760

Kurz, der Züricher Pfarrer Kutter kritisiert von seinem religtösen Standpunkte aus die heutigen Zustände und die heutige Gesell⸗ schaft genau in derselben Weise, wie die Sozialdemokratie. Er faßt seinen Beruf anders und ernster auf, als die Mehrheit seiner Kollegen, die nichts besseres zu tun wissen, als über die Sozialdemokratie zu zetern und zu schimpfen, ihre Anhänger als Verbrecher zu stempeln und die heutige Ordnung als eine gottgewollte hinzustellen. Diesen Kämpfern fürReligion, Sitte und Ordnung wird seine ehrliche und offene Sprache recht unangenehm in den Ohren klingen. Werden sie es sich zu Herzen nehmen und ihr Verhalten gegen das kämpfende Heer der Besitzlosen und Unter⸗ drückten ändern? Ach, nein. Sie werden piel⸗ mehr ihren Kollegen, der wirkliches Christen⸗ tum predigt, mit der Sozialdemokratie in einen Topf werfen und im übrigen treue Die⸗ ner der Besitzenden und Herrschenden bleiben. Wollten ihm doch schon die Frommen seiuer Gemeinde bei den Erneuerungswahlen beseitigen,