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Seite 4.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 49. 8
60 Pfg. für ein Wannenbad zweiter Klasse, 20 Pfg. Zuschlag, 60 Pfg. für 6 Pfd. Salz und 10 Pfg. für ein Badetuch, in Summa Mk. 1.50 für ein Bad.
Es mag ja sein, daß die Salze den Bade⸗ raum angreifen und eine stärkere Abnutzung hervorrufen; aber ein Zuschlag von 33 Proz. des Badepreises ist zu hoch. Das Salz muß in der Anstalt mit 60 Pfg. bezahlt werden, bei dem Händler erhält man das gleiche Quantum für 36 Pfg., also auch hier ein Aufschlag von 66 ¾ Proz.— Um Heilerfolge durch Bäder zu erzielen, muß immer eine größere Anzahl genommen werden. Nehmen wir 20 Bäder an, so muß auch ein Unbe⸗ mittelter bezahlen: 20“ 20 Pfg. Zuschlag= 4 Mk. für Venutzung der Zelle; er muß ferner einen Ueberpreis fuͤr Salz 20 24 Pfg. 4 Mk. 80 Pfg. bezahlen. Und so was nennt sich—„Volksbad“!
Würde es der Leitung des Volksbades Ernst sein, dem Arbeiter und Kranken Gelegenheit zu geben, das Bad oft benutzen zu können, so dürfte es diese„Steigerungssätze“ nicht erheben. Er könnte allen denen Bäder zu ermäßigten Preisen abgeben, die sich durch Steuerzettel legitimierten.“—e—.
Die Zuschrift zeigt wieder, wie berechtigt unsere Kritik war.
— Ueber die Lahnkanalisation hielt am Samstag Herr Bergrat Chelius⸗Darmstadt einen Vortrag im Leib'schen Saale, zu dem sich eine zahlreiche Zuhörerschaft eingefunden hatte. Der Herr Vortragende legte dar, daß in Oberhessen noch große Mengen guten Eisen⸗ erzes vorhanden seien, die des Abbaues harrten. Es müsse aber die Möglichkeit einer billigen
Verfrachtung geschaffen werden, damit die hesst⸗
schen Erze erfolgreich mit solchen anderer Her⸗ kunft in Konkurrenz treten könnten. Deshalb set die Schiffbarmachung der Lahn geboten, sie würde ganz Oberhessen Nutzen bringen.— Der Meinung sind wir auch. Für dergleichen Kultur⸗ aufgaben hat man aber in Deutschland kein Geld, weil man es hundertmilltonenweise für afrikanische Sandwüsten verpulvert! Mit einem winzigen Bruchteile dessen, was der Hererozug Nd 198585 die Lahnkanalisation ausgeführt werden
— Schwindel⸗Inserate. In den Zei⸗ tungen tauchen öfters und besonders jetzt vor Weihnachten Annoncen anf, in denen— meist von ausländischen Firmen— 150 oder gar 300„Prachtgegenstände“ für wenige Mark an⸗ geboten werden. Jeder halbwegs Denkfähige, ist sich über den Schwindel sofort klar, wenn er solche Anpreisungen liest. Dieser Tage ging uns von einer Firma Schmidt in Wien ein derartiges Inserat zu, in dem 140 Gegenstände, Uhren, Ketten, ze.— alles Gold natürlich— für ganze sieben Mark angeboten werden. Selbst⸗ verständlich lehnte unsere Expedition den Auf⸗ trag ab, wie sie es stets mit allen ähnlichen zu tun pflegt. Aber siehe da, die antisemitische „Deutsche Volkswacht“ in Friedberg, die sich in Mittelstandsretterei nicht genug tun kann und in jeder Nummer gegen die Warenhäuser wie toll wütet, brachte die Schwindel⸗An⸗ nonce des Wiener Ramschbazars! Denn um einen solchen handelt es sich ganz offenbar. Wieder ein kleines Beispiel antise⸗ mitischer Theorie und Praxis! Und da hatte der Antisemiterich Raab am Mittwoch im Reichstage die Unverfrorenheit, den„Vorwärts“ wegen Aufnahme von Inseraten der Waren⸗ häuser anzugreifen! So ein bißchen stttliche Eutrüstung heucheln, steht diesen politischen Bauernfängern doch gar zu schön!
— Milde Strafe. In Sachen der Studenten Hirsch und Bausch, gegen welche wegen nächtlichen Krakehls und Beleidigung der Polizeibeamten Strafverfolgung eingeleitet war— wir haben in voriger Nummer über die Schöffengerichtsverhandlung berichtet— wurde am Dienstag das Urteil verkündet. Es lautet gegen Hirsch auf 20 Mk. und gegen Bausch, der einem Schutzmann einen Stoß versetzte, daß er hinstürzte, auf ganze 40 Mk. Geldstrafe. Dafür können sie sich bald wieder das Vergnügen machen, nachts zu skandalieren,
Schutzleute zu frozzeln und womöglich zu prügeln.
— Auf Genossen Scheidemann ist das Gießener Amtsblatt begreiflicherweise nicht besonders gut zu sprechen. Es vermerkt ihm sein energisches Auf⸗ treten im Reichstage übel und sagt, er trage nicht dazu bei„Verhandlungen anziehend zu gestalten.“„An⸗ ziehender“ sind dem Anzeiger jedenfalls die Reden des Herrn Abgeordneten Hehyligenstädt.
— Eine allgemeine Wählerver⸗ sammlung haben die Freisinnigen und Nattonalliberalen auf Montag, den 5. Dez., abends 8½; Uhr nach dem Neuen Saalbau sfeisc Garten) einberufen. Abg. Dr. Gut⸗
leisch wird über das„Wahlrecht zum Land⸗ tag“ reden. Es ist jedenfalls auch für unsere Parteifreunde interessant zu hören, was der Abgeordnete für Gießen darüber zu sagen hat.
— Die Generalversammlung der
Ortskrankenkasse findet kommenden Mitt⸗ woch, den 7. Dez., abends /9 Uhr im„Post⸗ keller“ statt. Auf der Tagesordnung steht Bericht über den Krankenkassentag in München; ferner Wahl der Rechnungsprüfungskommission und Ersatzwahlen des Vorstandes. — Das Stiftungsfest der Freien Turnerschaft am Samstag war recht gut besucht und nahm den besten Verlauf. Die Turner bemühten sich im Verein mit den Sängern der „Eintracht“, den Festteilnehmern einen recht genußreichen Abend zu bieten, was ihnen auch vollkommen gelungen ist. Die Leistungen der am Theaterstücke Mitwirkenden verdienen volle Anerkennung.— Diesen Samstag hält der Brauer⸗ Verband seine Winterfestlichkeit im Leib'schen Saale ab. Unsere Gießener Gewerkschaftsmitglieder werden es sich nicht nehmen lassen, das Brauerfest, die letzte festliche Veranstaltung organisierter Arbeiter in diesem Jahre, zahlreich zu besuchen.
Aus dem Rreise gießen.
r Wissenschaftliche Vorträge in Lollar. Am vorigen Freitag hielt Genosse Dr. Michels ⸗ Warburg den zweiten seiner Vorträge. Er behandelte die Kulturgeschichte aus den Zeiten von der Reformation bis zur großen französischen Revolution. Seine Ausführungen waren kurz folgende: Die Kirche des Mittelalters war durch die Ueberhandnahme des griechischen Geistes und die wirtschaftlichen Umgestaltungen der großen Entdeckungen, aus einer düster-mönchischen zu einer üppig⸗heidnischen geworden. An die Stelle der Kastelung trat der Luxus, oft die Lüderlichkeit. Hier⸗ gegen setzte in allen Ländern, wenn auch mit verschiedenem Glück eine Bewegung ein, die wir als die der Refor⸗ mation betrachten. Dieselbe wurde getragen von hohem Idealismus der Weltverbesserung(Savonarola), von kleinlichen theologischen Bedenken(Luther) und von gemeiner Habsucht und Gier auf die reichen Kirchengüter (die Mehrzahl der deutschen Fürsten). Eine Besserung des sozialen Elends brachte der Protestantismus nicht. Luther verwies die Christen, mehr als die Päpste es jemals getan, auf ihre Sklavenpflichten gegenüber der Obrigkeit. Er gab uns die Institution des beschränkten Untertanenverstandes und warf sein Volk hierdurch noch um Jahrhunderte zurück. Er ließ die Bauern totschlagen und war der erste Fürstendiener. Im 17. und 18. Jahrhundert folgte die Zeit der großen nationalen Bil⸗ dungen. Der aufstrebende Handel verlangte die Nieder⸗ reißung der vielen beengenden Zollschranken und hiermit der kleinen Staaten und zeitigte den absolut regierten großen Einheitsstaat(Frankreich unter Ludwig XIV.). Nur Deutschland behielt seine Kleinstaatereien und seine „angestammten“ Fürsten alle. Bald tat Frankreich aber noch einen Schritt weiter. Das Bürgertum rüstete sich zur großen Abrechnung mit den die Entwicklung hin⸗ haltenden privilegierten Feudalklassen.— Von dieser Abrechnung„der sog, großen französischen Revolution“, wird der Referent in einer für Mitte Januar festzusetzen⸗ den Versammlung weitersprechen. Die Versammlung war trotz Schnee und Wetters gut besucht. Das In⸗ teresse sehr rege. Die Initiative der Lollarer Genossen zu dieser Veranstaltung der Arbetterbildung verdient volles Lob und reiche Nacheiferung. Wissen ist Macht!
r. Schuleinweihung in Watzenborn⸗Ste in⸗ berg. Hier erfolgte am Sonntag die Einweihung der neuen Schule, bei welcher Gelegenheit viele Reden ge⸗ halten wurden. Zuerst sprach der Herr Pfarrer, der erwähnte, wie erbärmlich die Schulverhältnisse in früheren Zeiten, im 16. und 17. Jahrhundert gewesen seien, in⸗ folge der unerschwinglichen Abgaben, welche dem Kloster Schiffenberg geleistet werden mußten. Seine Rede gipfelte in dem Satze„Kirche und Schule gehören zusammen“. Dem gegenüber betonen wir, soll unsere Schule wirkliches Wissen und Bildung verbreiten, so ist die Trennung der
Kirche von der Schule in erster Linie berbeizusühren.
Als Vertreter der Kreisbehörde sprach Kreisamtmann
Dr. Kranzbühler. Er meinte, in erster Linie sei die Schule dafür da, unsere Jugend zu willigen und ge⸗ horsamen Menschen heranzuziehen, dann müßte„echte vaterländische Gesinnung“ in unsere Jugend gepflanzt werden. dazu da, der Jugend das nötige Wissen beizub ringen und ihr die Wahrheit nicht vorzuenthalten, wie das jetzt großenteils geschieht, dann werden unsere Kinder, wenn sie erwachsen sind, schon wissen, welche Gesinnung sie zu betätigen haben. Als dritter sprach der Kreisschulrat über die Entwicklung der Schule im Allgemeinen. Er meinte, zwischen allen Kulturländern Europas sei ein förmlicher Wettbewerb in Bezug der Ausgestaltung der Schule zu beobachten, Deutschland marschiere stets an der Spitze. Diese Stellung dürften wir uns auch nicht
nehmen lassen.— So! Während Frankreich daran ist, die Schule von dem Einfluß des Pfaffentums zu befrein,
liefert man sie in Deutschland denselben mehr und mehr aus! Unser Herr Bürgermeister machte den Schluß. Er sprach den ganz vernünftigen Satz aus, daß kein Kapital besser, als für Bildung und Lrziehung angelegt werden könne. Darin pflichten wir ihm voll und ganz bei. Leider ist das Kapital, was heute in Deutschland dafür
angelegt wird, für einen Kulturstaat lächerlich winzig.
Wenn nur ein Dritteil der Riesensummen für Bildungs⸗ zwecke verwendet würde, die heute dem Militarismus, Marinismus, dem Kolonialwahnsinn und für Rachekriege geopfert werden, dann könnten wir sagen, Deutschland marschiert an der Spitze der Kultur. Aber für wahre Volksbildung ist unsere herrschende Gesellschaft nicht zu haben. Je dümmer das Volk, desto williger läßt es sich ausbeuten. Uebrigens wundern wir uns über den Ausspruch des Bürgermeisters; diesen Standpunkt hat er sonst nicht vertreten. Es soll uns aber freuen, wenn er sich eines Besseren besonnen hat. Aufgabe der So⸗ zialdemokratie wird es aber sein, dafür zu sorgen, daß die Schule immer mehr zu einer Pflegestätte wahrer Bildung wird, damit das arbeitende Volk seine Lage erkennen, sich von geistiger und politischer Bevornundung befreien kann und sich nicht als willenloses Werkzeug einer Handvoll Besitzender gebrauchen läßt.
Aus dem Rreise griedberg⸗Büdingen.
— Bei der Stadtverordnetenwahl in Friedberg war diesmal eine außerordentliche starke Beteiligung zu verzeichnen. Von rund 1000 Wählern machten 745, also 75 Prozent, von ihrem Wahlrechte Gebrauch. Wie in letzter Nummer bereits erwähnt, unterlag unser Genosse Busold dem vereinigten Misch⸗
masch. Für den sozialdemokralischen Zettel wurden 380
Stimmen abgegeben, gegen 375 bei der vorigen Wahl, doch ist unsere Stimmenzunahme bedeutend stärker, als es in diesen Zahlen zum Ausdruck kommt, weil damals Freisinn, Zentrum und Juden(die hier eine Partei für sich bilden) mit unserer Partei gegen die Nationalliberalen stimmten, diesmal waren aber alle
mit Ausnahme der Freisinnigen gegen uns vereinigt.“
Natürlich wurde kräftig der rote Lappen geschwungen, um den Spießern graulich zu machen. Es gelang das auch, obwohl Busold der einzige Gemeindevertreter war, der eine grundsätztiche Gemeindepolitik verfolgte.
** Verhafteter Gemeinderechner. In voriger Nummer gaben wir die Mitteilung wieder wonach dem Gemeinderechner in Petterweil aus seinem im Schlaf⸗ zimmer befindlichen Geldschranke 3000 Mark gestohlen worden seien. Bald stellte sich heraus, daß der gute Mann dieses Gerücht selber aufgebracht hat, weil er ein großes Defizit in der Kasse hatte. Man kam aber sehr bald hinter das durchsichtige Märchen und er wurde verhaftet.
Aus dem Rreise Alsseld⸗Cauter bach.
b. Die Gemeinderatswahl ist laut Bekannt⸗ machung des Bürgermeisters auf Montag, den 5. Dez. festgesetzt. Unsere Parteifreunde haben, wie bereits mit⸗ geteilt, die Genossen Jak. Eder und Wilh. Jakob aufgestellt. Es sind im ganzen sechs Gemeinderäte zu wählen. Für unsere Genossen empfiehlt es sich, nur Zettel abzugeben, welche bloß diese beiden Namen enthalten. mehr hinzufügen! Ein kurzes Flugblatt, das die Wahl unserer Kandidaten empfiehlt, gelangte bereits zur Ver⸗ teilung.— Sonntag Abend, den 4. Dez., findet im Saale„Zum Deutschen Kaiser“ eine öffentliche Ver⸗ sammlung statt, in welcher Redakteur Hauschild⸗ Offenbach über das sozialdemokratische Kommunalpro⸗ gramm sprechen wird. Die Arbeiterschaft Alsfelds wird um recht zahlreiches Erscheinen ersucht.
g. Wem wählen wir in den Gemeinderat? Diese Frage wird jetzt in Als feld viel erörtert. Im Amtsblatt erschien kürzlich ein„Eingesandt“, das sich lebhaft bemühte, ein Zusammengehen der Arbeiterschaft mit den Bürgerlichen als vorteilhaft für die letzteren hinzustellen. Nebenbei wurde die Frage aufgeworfen, ob„jeder“ von den vorgeschlagenen Kandidaten den
Unsere Schule ist doch wohl in erster Linie
Also keine Namen bürgerlicher Kandidaten
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