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Seite 6.
Mitteldentsche Sonntags ⸗ Zeitung.
Nr. 36.
Ueber Jaurès und Guesde,
die beiden Führer der jetzt noch uneinigen fran⸗ fösthoren Sozialisten, plauderte Gen. Dr. Frank in der„Schwäb. Tagwacht“:
Ich schrieb vor ein paar Tagen an meine Freunde, Jaures machte den Eindruck eines kleinen Bierbrauers, er sei dick, kurz, vollbärtig, habe einen gemächlichen Gang und einen Regen⸗ schirm. So hatte ich ihn am Bahnhof, gesehen, — er war mit dem gleichen Zuge, wie ich, in Amsterdam angekommen. Als der Kongreß dem alten gedrückten Indiervolke und dessen ehrwürdigen, weißhaarigen Abgesandten seine Sympathie ausgedrückt hatte, verließ ich den großen Konzertsaal und ging eine Treppe höher, um den Verhandlungen der„Taktikkommission“ beizuwohnen. Nur mühsam konnte ich, die Tür öffnen, dichtgedrängt saßen da in dem kleinen Raum mehr als hundert Delegierte, Männer und Frauen, und alle schauten wie hypnotistert, unverwandt tief aufatmend und mit leidenschaft⸗ lich blitzenden Augen auf einen Mann— einen Redner, nein, einen Prediger und einen Künstler, der den Willen der Menschen formt wie weich gewordenen Wachs— und das war Jaures, der gleiche Jaures, über dessen Persön⸗ lichkeit ich mich mit ein paar flachen Witzeleien hinwegretten wollte. Ein alter Kritiker hat den Romandichtern das Rezept gegeben, sie müßten das Volk dort aufsuchen, wo es zu finden ist — nämlich bei der Arbeit. Ich bin heute zur Einsicht gelangt, daß derjenige, der sich ein Urteil über einen Menschen anmaßt, ihn auch zuerst dort gesehen haben muß, wo er sich selbst charakterisiert: bei der Arbeit,— und nachdem ich Jaurées jetzt bei der Arbeit gesehen habe, und sein Wort auf mich habe wirken lassen, bekenne ich reumütig:„Das ist ein Mann, ein ganzer Kerl.“ Viele deutsche Parteigenossen lauschten fast zwei Stunden lang seiner Rede, von denen ich weiß, daß ste seine französische Sprache nicht verstanden— und doch sah ich auf ihren vor Erregung geröteten Gesichtern alle Anzeichen tiefinnerlicher Teilnahme— die einschmeichelnde Stimme, die bald weich und gerührt zitterte, bald wie grolleader Donner anschwoll, bald hart und scharf wie zuckende Axtschläge einhieb, hatte eine fesselnde wunder⸗ bare Wirkung, die ich am liebsten in das Ge⸗ biet der Musik verweisen möchte. Und dazu die Bewegungen, die Redegesten! Jetzt duckt er sich, kauert fast am Boden, den Kopf zwischen den breiten Schultern eingezogen, die Augen funkeln nach allen Seiten, als wenn er ein Ziel suchen würde, er spricht leise, und allmählich wird die Stimme stärker und stärker, und gleichzeitig wächst die gedrungene Gestalt, sich erhebend, mehr und mehr, scheinbar weit über ihr natür⸗ liche Größe, und wie er stolz aufgerichtet da⸗ steht, sich mit der geballten Faust auf die Brust schlägt und aus seinen ersten Sätzen die letzten dröhnenden Konsequenzen zieht— so hat er die Hörer in seinen Bann gezwungen und wird von einem Meer des Beifalls umtost. Ob nun seine politische Taktik, seine„neue Methode“ für das französische Proletariat der richtige Weg ist—, weiß ich nicht—, aber er ist ein Könner, ein Willensmensch, und auch die besten Theorien können das Talent nicht überflüssig machen.
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Als Jaureès in seiner Rede den antimini⸗ steriellen Sozialisten den Vorwurf machte, ste e in einigen Gemeinde⸗Verwaltungen die ange behauptete Mehrheit schuldhaft wieder verloren, sprang auf der dunkeln Langseite des Saales ein bleicher Mann empor, außer sich vor Erregung, und rief ein paar Worte da⸗ zwischen, die einen entsetzlichen Lärm entfesselten, Empören bei den einen, Beifallstoben bei den anderen— das war Jules Gues de, in dem sich die„alte Methode“ verkörpert. Kaum hatte sich Jaures gesetzt, als sich Guesde zum Wort meldete und die Widerlegung seines Gegners versuchte. Es schien in jenem Augenblick fast unmöglich, den Eindruck der oratorischen Glanz⸗ leistung von Jaures zu verwischen— und doch ist dieses Guesdes bis zu einem gewissen Grad gelungen. Er fand tief ergreifende Herzens⸗ töne, seine Stimme sank manchmal herab bis
zum erschöpften Flüstern,— er kämpfte wie ein Verzweifelnder um einen Glauben, um eine Idee, für die er ein Leben lang treu gelitten hatte und die er nicht aufgeben kann, ohne sich selbst aufzugeben. Schon sein Aeußeres erinnert an einen begeisterten Apostel: Langes, ange⸗ grautes Haar fällt ihm dem Nacken hinunter, die Nase ist edel, fast römisch geformt und der lange, dünne Vollbart gibt dem Gesicht etwas Achtunggebietendes. Ich habe noch selten einen Menschen gehört, aus dessen Worten eine so unerschütterliche Ueberzeugung sprach, wie hier — in manchen Augenblicken allerdings schwieg der Politiker und nur der Fanatiker hatte das Wort, der die Festung selnen Dogmen verteidigt. Und gerade in solchen Momenten, übte er starke Wirkung—, eben durch Gewalt der in jeder Silbe gärenden Ueberzeugung. Hinter Guesde stand während seiner Rede eine schöne schwarz⸗ gekleidete Frau mit blassem Antlitz, die ihn immer ängstlich besorgt ansah und jeder seiner nervösen Bewegungen folgt— es war seine Tochter. Große Tropfen lagerten auf seiner Stirne, als er seine Rede schloß— und halb ohnmächtig sank er auf seinen Stuhl nieder—, sein Kind bemühte sich um ihn. Unwillkürlich richteten sich von ihm meine Blicke hinüber zu dem Platze von Jaurés. Und da saß er da, lächelnd, gesund, kampfbereit— und als mich ein Genosse jetzt fragte, was ich von dem Duell, dessen Zeugen wir gewesen, denn denke, da mußte ich antworten:„Jaures hat, so scheint es mir, den Fehler der Kraft und Guesde die Tugenden der Schwäche.“
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Unterhaltungs-Cril.
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Der Gekehrte.
Erzählung von Friedrich Gerstäcker.
3.(Fortsetzung.)
Patrick wäre nun auch mit dem größten Vergnügen diesen ganzen Abend noch Ketzer ge⸗ blieben, um sich immer mehr und freundlicher für seine guten Vorsätze belohnen zu lassen. Damit war aber die alte Dame nicht einver⸗ standen, und drängte und trieb zu dem guten Werk. Auch Pater Antonius kam bald darauf, sein neues Beichtkind abzuholen, und Patrick sah sich allerdings gegen seinen Wunsch, aus dem traulichen Kreis fortgerissen, seinen Geist, Pater Autonius hielt das für unbedingt nötig, heute abend auf die morgen stattfindende Zere⸗ monie gehörig vorbereiten zu können.
Die ganze Sache hatte sich Patrick übrigens viel leichter gedacht, und in seiner Unschuld ge⸗ glaubt, daß es nur einer einfachen Erklärung von seiner Seite bedürfe, die alte Religion aus⸗ und die neue anzuziehen, wie man etwa einen unbequemen Rock wechselt. Hierüber belehrte ihn Pater Antonius bald eines anderen.
Seine Erklärung, zur allein seligmachenden Kirche überzutreten, war nur eben der Anfang gewesen, das andere mußte jetzt nachfolgen. Vor allen Dingen wußte er wahrhaft entsetzen⸗ erregend wenig von irgend einer Religion über⸗ haupt,»esonders aber von der katholischen. Die einfachsten Glauben zsätze waren ihm voll⸗ kommen fremd, und alle die vielen Formeln und Gebeie kannte er nicht einmal dem Namen nach. Die jetzt auswendig zu lernen war die erste ihm gestellte Aufgabe, und Patrick fing schon im stillen an seinen Entschluß zu berenen.
„Hätt' ich das vorher gewußt,“ brummte er leise vor sich hin„würd' ich mich doch am Ende noch einmal besonnen haben. Alle Wetter, Pater Anselmus hätte die ganze Geschichte ja gar nicht strenger nehmen können.“— Aber der Kuß von Beatriz— der eine Kuß— und es waren eigentlich doch mehr wie einer ge⸗ wesen— übte größere Kraft auf das noch
keineswegs dem Himmel erschlossene Herz des jungen lebenskräftigen und frohen Iren, als alle Ueberzeugungsgründe und Gebetsformeln
des es sonst gewiß recht gut und aufrichtig meinenden frommen Paters. Wenn er in seinem Eifer aushielt und sich allem wacker unterwarf, was von ihm gefordert wurde— der Kuß bildete die Basis der Religton; und die Beloh⸗ nung, die er für seinen Fleiß verlangte, lag ihm näher als die einstige Seligkeit.
Aber der Pater Antonius nahm es doch entsetzlich schwer.
Am nächsten Morgen wollte sich Patrick nämlich einige Erholung gönnen, diese wurde ihm aber auf das entschiedenste und unnachsich⸗ tigste verweigert. Jede Zerstreuung, die ihn jetzt von seinem heiligen Werke abzog, konnte und mußte nach des Paters Meinung für ihn die verderblichsten Folgen haben, und die wirk⸗ liche Bekehrung nur noch verzögern, wenn nicht gänzlich unmöglich machen. Auch wurde ihm strenges Fasten auferlegt. Keine Fleischspeisen, keine geistigen Getränke durfte er zu sich nehmen und drei volle Tage dauerte die Vorbereitung zu dem„Schritt.“
Am vierten Tage endlich, an einem Sonn⸗ tag und in offener Kirche sollte der Uebertritt des jungen Mannes erfolgen. Die ganze Ge⸗ meinde war zu der feierlichen und freudigen Handlung eingeladen worden und Patrick schlug das Herz, wenn er daran dachte, daß auch die Beatriz Zeugin seiner„Bekehrung“ sein würde. Sonst hatte das Oeffentliche dieser Zermonie etwas Unbehagliches für ihn, er hatte auch schon versucht, den Pater davon abzubringen, ja ihm sogar erklärt, daß er sich einer solchen öffent⸗ lichen Ausstellung unter keiner Bedingung unter⸗ werfen wurde. Dieser aber beharrte auf der getroffenen Bestimmung, und Patrick war schon zu weit gegangen, um jetzt noch zurück zu können. Er wollte das alles auch nicht umsonst aus⸗ wendig gelernt haben.
Sein Auge suchte nach Beatriz und ihrer Mutter in der Kirche. Einer sehr löblichen und vernünftigen chilenischen Sitte aber gemäß, nach der die Frauen in Gottes Haus nur in einfach schwarzen, Gestalt und Antlitz dicht verhüllenden Gewändern erscheinen und ihrer Putzsucht an so heiliger Stätte nicht frönen dürfen, konnte er sie nicht aus den übrigen zahlreichen Frauen⸗ gestalten herauserkennen. Den jungen Carlos entdeckte er allerdings in der Schar der Beter, aber nur eine schwarzverhüllte Frau mit ihm. Das war jedenfalls die Mutter, und Beatriz hatte es doch nicht übers Herz bringen können, der feierlichen Handlung beizuwohnen. Die Angst um den Geliebten lies das vielleicht
nicht zu. Augst hatte Patrick übrigens selber genug.
Als der Zug in die Kirche ging, kam ihm un⸗ willkürlich der Gedanke, das Ganze sehe gerade so aus, als ob er zum Hochgericht geführt werden solle— und es war ihm auch ungefähr so zu Mute. Erst einmal ordentlich im Gang, biß er die Zähne aber fest zusammen, warf einen mehr krotzigen als demütigen Blick über die ganze Versammlung, gerade als ob er hätte sagen wollen:„wer etwa lacht, hat es mit Patrick O' Kearney zu tun“; und überstand die Zeremonie in aller Form und Genüge.
„Gott sei Dank!“— murmelte er leise vor sich hin, als er endlich aufstand— und zu seiner Schande muß ich gestehen, daß dies das erste wirklich brünstige Gebet war, was er an diesem feierlichen Tage dem Höchsten brachte— „datz die Sache endlich überstanden ist. Und nun zu Hause.“
Aber auch hierin hatte er geirrt, und die schwerste Zeit sollte jetzt erst für ihn beginnen. Der Pater erklärte ihm nämlich, daß seine ganze Bekehrung so gut wie null und nichtig sein würde, wenn er sich nicht jetzt die nötige Zeit und Buße anferlege, über den getanen Schritt auch ungestört und reiflich nachzudenken. Es sei keine Kleinigkeit, keine alltägliche Handlung, wie das Wechseln etwa eines Wohnortes, son⸗ dern das Wichtigste und Heiligste, was der Mensch in diesem Leben vornehmen könne, sich auf den Himmel vorzubereiten, und dazu, von dem Geistlichen geführt, die richtige Straße zu betreten, die allein nach oben führte.
Das war alles vernünftig genug gesprochen; auch dem Schritte, den er eben wirklich getan,


