Ausgabe 
4.9.1904
 
Einzelbild herunterladen

. N !.. 88

8 ů

r 7 .

Seite 4.

Mitteldeutsche Sountaas⸗Zeitung.

Nr. 36.

Soziales, Gewerkschastliches, Arbeiterbewegung.

Lohnkämpfe. Der Maurerstreik in Ful da wurde nun auch beendet, nachdem er elf Wochen gedauert hat. Die Arbeiter erreichten, daß der Lohn vom 19. September ab bis Ende 7 1 1905 auf 37 Pfg. und von diesem

ermin bis 31. März 1906 auf 38 Pfg. er⸗ höht wird. 1

Es waren hierchristliche Arbeiter, die einen erbitterten Kampf mit ihren frommen Unternehmern führten, und was anerkannt werden muß, tapfer aushielten. Trotz ihrerchristlichen Nächstenliebe suchten die Ausbuter ihre christ⸗ lichen Brüder im Arbeitskittel mit Hilfe der Polizei und der Stadtbehörden zu unterdrücken und sträubten sich aufs äußerste gegen die be⸗ scheidenen Forderungen der Arbeiter. Manchem der letzteren wird das hoffentlich die Augen geöffnet haben!

Die vor Kurzem erfolgte Aus sperrung der Berliner Former und Gießer ist ebenfalls been det und zwar bedeuten die Beschlüsse der von beiden Teilen eingesetzten Einigungskommission einen Erfolg der Arbeiter. ... Leͤ!k

Pon Nah und Lern. Hessisches.

Gemeindewahlen. Einen schönen Erfolg erzielte unsere Partei in Eberstadt im Odenwald. Bei der dort am Freitag stattgefundenen Gemeinderatswahl wurden vier unserer Kandidaten gewählt und nur ein einziger der Gegner, die ihren Sieg schon vorher in der Tasche zu haben glaubten und unsere Kandidaturen sehr geringschätzig behandelten. Die Wahlbewegung war eine äußerst rege und machten von 1116 Wahlberechtigten 736 von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Die von unserer Seite Gewählten sind: Dr. Ascher, Ludwig Krug, Heinrich Pritsch und Georg Kölsch. Auch in Erzhausen eroberten unsere Ge⸗ nossen weitere zwei Sitze und verfügen nun im Ganzen über fünf.

Ein Pückler⸗Jünger. Seitdem das Blättchen der nicht bloß finanziell, sondern auch politisch und moralisch bankrotten antisemitischen Partei in Hessen aus der Krippe des Bundes der Landwirte frißt, ist es gegen früher noch eine gute Portion frecher geworden und das will schon etwas heißen bewegt sich auch sonst ganz auf der Geistes, höhe des Dresch⸗ grafen. Die letzte Nummer des sauberen Or⸗ gans, die als Nummer 1000 sogar illustriert ist auf der ersten Seite ist die Druckerei abgemalt, mit Herren Köhler, Hirschel und einem Hund im Vordergrunde enthält einen ganz gemeinen Anwurf auf Pernerstorfer, den die Leute von dem Bündlerblatt nicht leiden können. Sie hassen überhaupt alle ehrlichen Leute. Besonders die Sozial⸗ demokraten. Deshalb geiferte das Blättchen den Amsterdamer Kongreß folgendermaßen an:

Unter dem Titel Internationaler Sozialisten⸗Kongreß, ist soeben eine lächerliche Komödie in Amsterdam zu Ende Walde Faselhänse und verrückte

eiber aus der halben Welt klopften dort ihr bekanntes Blech und der deutsche Aug ust cute erzielte mit rollenden Augen und

chüttelnder Mähne einen großen Erfolg.

Damit ist der internationale Kongreß hoffent⸗ lich gerichtet. Weil Hirschel mit seinem Blatt in den Junkerbund eingeschwenkt ist, hat es sich auch einenfeudalen Redakteur in der Person des Leutnant a. D. Wolff zugelegt und den Proleten Reuther auf die Straße gesetzt. Warum wohl dieser Herr den vornehmsten Rock aus⸗ ziehen mußte? Allerdings, seine Leistungen in dem Blättchen zeigen ihn in aller Fülle erst⸗ klassiger Eigenschaften und einer solchen geistigen Stufe, daß sie Gründe genug vermuten lassen.

Gießener Angelegenheiten.

Im Leitartikel voriger Nummer sind in einem Teile der Auflage einige Satz⸗ fehler, enthalten, die wir hiermit richtig stellen.

Der in der ersten Spalte, der 25. Zeile von unten beginnende Satz muß richtig lauten:Das sogenannteeherne Lohngesetz, welches den Kernpunkt seiner volkswirtschaftlichen Lehre bildete, hat von der Sozialdemokratie, welche als eine Partei positiver Wissenschaft, niemals Schlacken und mögen ste ihr auch noch so lieb geworden sein, mit sich herumtragen darf, längst preisgegeben werden müssen. Ferner ist in der 3. Spalte 9. Zeile von oben von denschlafenden Riesen⸗Proletarier die Rede. Es muß richtig heißen, das Lassalle den schlafenden Riesen Proletariat aus der Lethargie rüttelte.

Amtsblatt⸗Denunziantentum. Ueber den glänzenden Verlauf der Pernerstorfer⸗ Demonstrationsversammlung in Offenbach hat sich derGießener Anzeiger fürchterlch geärgert. Er will dem Genossen Ulrich den Staats anwalt auf den Hals hetzen und sagt, Ulrichs Bemerk⸗ ung, daß Pernerstorfer in der Versammlung anwesend sei, wodurch die Polizei zum Suchen veranlaßt wurde, sei grober Unfug und nach Paragraph soundsoviel zu bestrafen. Der Amts⸗ blatt⸗Redakteur tritt also als Angeber, als Denunziant auf. Allgemein schätzt man im Volke solche Leute noch immer so ein, wie es in dem bekannten Volksliede zum Ausdruck kommt. Oder ob der Mann sich wie die Spitzel aus der Zeit des Sozialistengesetzes dasAll⸗ gemeine Ehrenzeichen verdienen will? Heute ist aber kein Puttkamer mehr da, der eklatante Genugtuungen giebt!

Zum Andenken Lassalles hatte auch der Gießener sozialdem. Wahlverein eine Versammlung auf Mittwoch Abend in das Lokal Orbig einberufen, in der Dr. Michels⸗ Marburg in zweistündigen sehr kla en Aus⸗ führungen unseren großen Vorkämpfer in seiner geistigen und geschichtlichen Bedeutung würdigte, dabei seine großen Vorzüge und Verdienste für die Arbeiterklasse, aber auch seine Schwächen auf politischem und ökonomischem Gebiete dar⸗ legte. Eine Diskusston schloß sich an den sehr beifällig aufgenommenen Vortrag nicht. Die Feier wurde erst am Samstag beschlossen.

Der Wahl verein hat in seiner nächsten Ver⸗ sammlung, Samstag, den 10. September eine sehr reich⸗ haltige Tagesordnung zu verhandeln, weshalb wir schon heute darauf aufmerksam machen und die Parteigenossen ersuchen, recht zahlreich zu erscheinen.

Auf die General⸗Versammlung des Konsumvereins, welche diesen Sonntag imGambrinus stattfindet, machen wir noch⸗ mals aufmerksam. Um auch den Frauen die Beteiligung an der Versammlung zu ermöglichen, ist dieselbe auf nachmittags 3 Uhr festgesetzt worden. Es wird erwartet, daß sich die Frauen besonders zahlreich einfinden, denn es bietet sich ihnen hier Gelegenheit, ihre Wünsche zum Ausdruck zu bringen und so ihrerseits mit an dem weiteren Ausbau der Genossenschaft zu arbeiten.

Das Stiftungsfest der Brauer auf der Pulvermühle war nur mäßig besucht. Die Solidarität der Gießener Arbeiter sollte bei solchen Anlässen mehr in Erscheinung treten, und sich jedes Gewerkschaftsmitglied verpflichtet fühlen, die befreundete Gewerkschaft zu unter stützen, zumal die Brauer stets überall am Platze sind.

Prof. Geheimrat Riegel, der Di⸗ rektor der hiestgen medizinischen Klinik, starb am Samstag in Ems an einem Herzschlage. Er wurde am Dienstag unter großer Beteiligung auf dem neuen Friedhofe beerdigt. Die Professoren Dr. Brauns, Poppert und andere würdigten am Grabe die großen Verdienste des Verstorbenen um die hiesige Klinik.

Aus dem Rreise gießen.

Die Wiesecker Gemeinderatswahl hatte eine ziemlich schwache Beteiligung aufzuweisen. Von 550 Wahlberechtigten stimmten nur 182 ab. Von unseren Kandidaten wurden zwei, Dech mit 106 und Deibel mit 94 Stimmen gewählt, während der dritte mit nur 6 Stimmen hinter dem Gegner, der 89 Stimmen erhielt, zurückblieb. Aus diesem Ergebnis sollten die Wiesecker Parteigenossen eine Lehre ziehen und nicht mehr sich so gleichgültig dazu verhalten, in dem Glauben, als kämen die Gegner hier nicht in Betracht. Mit

wenigen Stimmen konnte der Mißerfolg unseres dritten Kandidaten verhütet werden. Und gerade dieser tüchtige Genosse wurde mehrfach gestrichen, weil er fremd zuge zogen ist! Am Abend vor der Wahl war von gegne⸗ rischer Seite eine Versammlung einberufen worden, die jedoch resultatlos außeinander ging, weil der Einberufer gar nicht erschien. Unsere zahlreich erschienenen Genossen waren daher der Meinung, daß keine zweite Liste auf⸗ gestellt würde. Die Sache änderte sich aber. Am Wahl⸗ tag Vormittag erschien der 20 jährige Sohn eines Kan⸗ didaten bei Herrn Fabrikant Bramm mit einer andern Liste, für die dann kräftig bis zum letzten Augenbick agitiert wurde. Unterdes blieben die Arbeiter ruhig zu Hause. Infolgedessen wurde Herr Kimmel, für den leider auch einzelne Parteigenossen stimmten, gewählt. Niemals sollte aus persönlichen Gründen eine Streichung einzelner Namen stattfinden, das beweist stets eine schlechte Disziplin und wirkt schädigend für uns. Wie es heißt, soll die Wahl von der Gegenseite angefochten werden; hoffentlich sind bei einer künftigen Neuwahl die Drückeberger besser am Platze.

Einen glänzenden Erfolg erzielten unsere Parteifreunde in Heuchelheim bei der dort am Mittwoch stattgefundenen Gemeinderatswahl. Unsere Kandidaten erhielten 214 bis 302 Stimmen, während es die Gegner trotz lebhafter Agitation nur auf 117 135 brachten. Die Wahlbeteiligung war eine ziemlich rege, von 454 Wahlberechtigten stimmten 342 ab. Die Gegner suchten dadurch ihrer Liste zum Siege zu ver⸗ helfen, daß sie einen von unseren Kandidaten mit darauf setzten. Doch das nützte nichts, es war auch vergeblich, daß in Reimen und mittels Plakat zur Stimmabgabe für die gegnerische Liste eingeladen wurde. Ein Bravo! den Heuchelheimern!

r. Aus Watzenborn⸗Steinberg. Das Messen mit zweierlei Maß, wie es in unsermRechtsstaate so oft beliebt wird, gewöhnen sich nach und nach auch simple Dorfbürgermeister an. Das konnte man hier kürzlich wieder wahrnehmen. Unsere hiesigen Hurra⸗ patrioten veranstalteten am 18. August zur Ver⸗ herrlichung des Schlachttages von Gravelotte, an dem so mancher Volksgenosse sein Leben im Interesse beute⸗ gieriger Kapitalisten opfern mußte, einen großen Rummel. Abends gegen 10 Uhr zogen etwa zwei Dutzend dieser Kriegshelden, die aber nichtdabei waren, mit Musik und Fackeln durch Steinberg und Watzenborn. Natürlich gönnen wir den Leuten ihre Freude an der Ver⸗ herrlichung des organisierten Massenmordes, bedauern höchstens, daß es noch Arbeiter gibt, welche da noch mitlaufen und beim Ge öhlen der geist⸗ und sinnlosen Landsknechtslieder sich die Kehlen wund schreien. Es sei aber nur daran erinnert, daß bei unserm Kreisfest der Bürgerm eister uns den Umzug durch Watzenborn verweigerte, während hier ein paar Mann zu später Nachtzeit mit erheblichem Lärm durchs Dorf marschieren, ohne lange um Erlaubnis zu fragen. Wo bleibt da das gleiche Recht für alle? Als der Bürgermeister ge⸗

wählt sein wollte, gab er die Versicherung ab, daß er

der Arbeiterschaft nicht entgegentreten wolle. Es zeigt sich aber, daß bei ihm der Grundsatz:Ein Wort, ein Mann nicht zur Geltung kommt, Die Arbeiter merken sich hoffentlich die ungleiche Behandlung und geben den Herren bei den bevorstehenden Gemeinderats⸗ wahlen die richtige Antwort auf das zweierlei Maß.

Aus dem Nreise ꝗriedberg⸗Büdingen

a. Glänzend gesiegt hat unsere Partei bei der Gemeinderatswahl in Vilbel. Unsere Kandidaten wurden mit folgenden Stimmenzahlen gewählt: Jakob Möller, Schreiner mit 378, Friedr. Klinkel, Schreiner, 369, Friedr. Schmidt, Maurer, 361 und Franz Hoffmann, Maurer, 360. Die gegnerischen Kandidaten brachten nur 316340 Stimmen auf, trotzdem für sie eine ge⸗ waltige Agitation entfaltet wurde. Der Wahlkampf war ein sehr heißer. Von 887 Wahlberechtigten übten 732 ihr Dahlrecht aus. Am Sonntag verbreiteten wir ein wirksames Flugblatt und agitierten von Haus zu Haus, Es war nicht allzuschwer, die Wähler für unsere Kandidaten zu gewinnen, denn die Wirtschaft des verflossenen Gemeinderates spürt jeder Einwohner nur zu sehr an seinem Geldbeutel. Mit dieser Interessen⸗ politik wird nun gründlich aufgeräumt werden. Nament⸗ lich wird dafür gesorgt werden, daß die Gemeinderats⸗ verhandlungen in möglichster Oeffentlichkeit geführt und die Teilnahme an denselben jedem Ortsbürger ermög⸗ licht wird.

Saubere Metz ger. Ju höchst gewissen⸗ loser Weise setzten die Metzger Goldberg und Strauß in Vilbel die Gesundheit ihrer Mitmenschen aufs Spiel. Sie schmuggelten Fleisch nach Frankfurt, das von einem hochgradig tuberkulösen Rinde stammte, also höchst gesundheitsschädlich war. Glücklicher⸗ weise entdeckte der Fraukfurter Fleischkontroleur das kranke Fleisch noch rechtzeitig, so daß es konfisziert und unschädlich gemacht werden konnte. Immerhin waren schon etwa 20 Pfund davon verkauft und es fehlten verschiedene Stücke von dem Tier. Der Tier⸗Arzt Müller in Vilbel wurde vom Dienst suspendiert. Wie berichtet