Ausgabe 
4.9.1904
 
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Nr. 36.

Heberbringer eines Handschreibens an den da⸗

Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite.

maligen König Wilhelm von Preußen, durch welches sich der in Stettin inhaftierte Kurfürst die fernere Selbständigkeit seines Landes zu sichern versuchte, indem er bei seinem königlichen Vetter an die gemeinsam in Berlin verlebten Jugendjahre appellierte. Dieser Versuch miß⸗ lang bekanntlich und mit Furcht und Zagen reiste Herr v. Eschwege mit dem eigenhändig geschriebenen Absagebrief des preußischen Königs fu. seinem Gebieter zurück, in der une urchtbarer Szenen, wenn der jähzornige un aufbrausende Kurfürst den ungünstigen Ausgang seiner Misston erfahren wür de. Aber er hatte sich umsonst geängstigt.Mit zitternder Hand, die seine innere, lang unterdrückte Unruhe er⸗ kennen ließ, nahm der Kurfürst den Brief zur Hand, der ihm die letzte schwache Hoffnung auf Wiedererlangung seines Thrones raubte. Während er las, sank er in seinen Sessel in sich zusammen, stöhnte mehreremals laut und dann versank er in ein stundenlanges, düsteres Brüten, dabei fortwährend den Kopf in die Hände gestützt, auf das Schreiben des Königs starrend, so erzählte Herr von Eschwege oft seinen Vertrauten. Es wäre auch der Fall denkbar, daß der Brief statt von einem anderen

Fürsten von einer absoluten Volksversammlung ausginge.

Der Neid der Besitzenden oder der sozialdemokratische Damenachter.

Berliner Blätter berichteten kürzlich von einem außerordentlich elegantenDamenachter, der auf der Oberspree die Bewunderung der Sportsleute erregt habe. Was ift das, ein Damenachter? werden unsere Leser fragen. Wir müssen zu unserer Schande gestehen, daß wir es im ersten Augenblick auch nicht gleich wußten, so wenig sind wir mit sportlichen Dingen vertraut. Na, kurz, es ist ein Damen⸗ ruderboot zu acht Personen und das ist sein Verbrechen gehört dem soztaldemokratischen Ruderklub Vorwärts in Berlin.Seht, ist das dieVerelendung der Massen? Sind das die hungernden Proletarier, die Enterbten? Man e nur Millionärstöchter könnten sich

erartiges leisten. So schreit die bürgerliche Presse und selbstverständlich erhebt darüber auch das sich durch besondere Borniertheit auszeich⸗ nende Pücklerorgan in Friedberg sein wüstes Gebrüll. Freilich! See⸗ und andere Bäder, Sommerfrischen, Rudersport, Champagner und andere schöne Dinge sind nur für die oberen Zehntausend da. Die Masse der Arbeitstiere soll seine zwölf Stunden schuften, dann seine Brotrinde kauen und sich auf die Streu legen.

Treffend fertigt dieWelt am Montag ein bürgerliches Blatt die Schreier über den sozialdemokratischen Damenachter folgender⸗ maßen ab:

Es sind nicht die saubersten Motive, die der Notiz die beißende Würze gegeben haben. In ihr versteckt sich hinter politischer Kritik auch eine gemessene Portton Aerger darüber, daß Proletarierinnen sich auf Gebiete wagen, die bisher den Begüterten reserviert waren. EinDamenachter das WortDame wird tronisch betont besetzt von Sozialdemokra⸗ tinnen. Man rümpft die Nase. Unglaublich! Nächstens werden sie noch im Tiergarten reiten und im Lederkostüm Automobil fahren. Schließ⸗ lich bletbt als gentlemanlike(eines Bourgeois würdig) nur noch die Luftschiffahrt übrig.

Natürlich wäre es diesen herrschen⸗ den Klassen lieber, wenn die Arbeiter wie früher ihren Verdienst in Schnaps anlegten. Das sichert ihnen das Regime. Einsichtige aber werden das Erscheinen des Damenachters nur begrüßen. Die Zunahme der sportlichen Interessen in der Arbeiterbe⸗ wegung wird ihre Kraft nur vermehren.

Und der Vorwärts sagt derNationalztg., ihre Aufregung über das Schlagwort von der Verelendung der Massen solle als berechtigt anerkannt werden, wenn die letzte der Berliner Arbeiterinnen imDamenachter säße. Jetzt hätten erst acht davon ein Ruderboot. Und dies sei erreicht mit 30 Pfennig Wochenbeitrag, den man im Ruderklub Vorwärts zahle. Welche

Annehmlichkeiten müsse dann erst der vielver⸗ lästerte sozialdemokratische Zukunftsstaat bieten!

Der Platz an der Sonne

in Südwestafrika wird uns immer teurer. Die Gesamtkosten der Bekämpfung des Herero⸗Auf⸗ standes waren auf 50 Milltonen Mark be⸗ ziffert worden; wie aber jetzt verlautet, dürfte diese Summe keineswegs ausreichen. Wie es in der herrlichen Gegend überhaupt aussieht, schildert recht anschaulich ein Soldatenbrief, der in derMärkischen Volksstimme zum Abdruck gelangte. Der Soldat schreibt da unter anderem:

Fast jeden Tag kleine Ueberfälle. Wir liegen unter Gottes fretem Himmel mit zwei Decken, immer unser Gewehr links oder rechts geladen neben uns. Schakale oder Hyänen kommen oft bis an den einen oder anderen Schläfer, gehen jedoch gleich wieder erschreckt los. Sonst alles gut und gesund. Freilich Typhus herrscht hier zu Lande unter den Truppen. Lazarette alle voll. Wenig Essen.... Krieg kostet Millionen, weiß nicht, wo jemals die Kolonie das wie der einbringen soll.... Je länger der Krieg dauert, um so schlimmer für uns, denn Krankheiten greifen immer mehr um sich. Leicht erklärlich, jede Nacht ohne Zelt im Freien tegen, am Tage furchtbar heiß.. und Nachts gegen 2 Uhr tritt Kälte ein, daß es Eis auf dem Wasser gefriert. Dann nur 2 bis 3 Decken und Mantel, Rheumatismus tritt leicht ein. Wenig Lebensmittel, Magen ausgehungert, anstrengende Treks und Ritte; wo soll es anders hin. Keine Straßen, Sand, Sand und Dornen. Das ist unsere Kolonie.

Das Gras zum Weiden der Ochsen und Pferde brennen die Hereros ab. Hafer pro Woche für ein Pferd ein Kochgeschirrdeckel voll. Bei den Tieren kann man auf die Knochen die Hüte aufhängen. Und diese Tiere in den Krieg mit landeskundigen Eingeborenen.

Und für diese schöne Gegend muß das deutsche Volk viele Millionen Mark opfern.

Orduungsparteiliche Wahlfälschun gen bleiben straflos.

Der Bürgermeister von Bösgesäß(Wahl⸗ kreis Hanau), der Oekonom Christian Rausch, hat bei der letzten Reichstagswahl, bei der er Wahlvorsteher in Bösgesäß war, seinen Dienstknecht Möller aus Fischborn, nachdem dieser bereits in Bösgesäß seine Stimme abge⸗ geben hatte, durch ein Geldgeschenk ver⸗ anlaßt, noch einmal in Fischborn zu wählen, da sein Name dort ebenfalls in die Wählerliste eingetragen war. Dieser Vorgang wurde von unseren Genossen den Behörden mitgeteilt. Aber weder der Staatsanwalt in Hanau, noch der Oberstaatsanwalt in Kassel, noch das Oberlandesgericht in Kassel fanden, daß ein Anlaß zum strafrechtlichen Einschreiten vorliege, dergute Glaube an die Zu⸗ lässigkeit der Doppelwahl wurde den beiden Schuldigen zuerkannt. Sonderbar, höchst sonderbar! Als unser Genosse Abgeord⸗ neter Herzfeld bei der Stichwahl wo anders wählte als bei der Hauptwahl, bekam er zwei Wochen Gefängnis. Ihm wurde dergute Glaube nicht zugebilligt, obwohl außer Herz⸗ feld noch sehr viele andere Leute der Meinung waren und auch noch sind, wenn man in zwei Wählerlisten eingetragen sei, könne man bei Haupt⸗ und Stichwahlen wählen, b man wolle, nur nicht zweimal bei derselben Wahl. Herzfeld hat nur eine S. ime abgegeben, bei der Haupt⸗ wie bei der Stichwahl. Der brave Knecht Möller dagegen hat auf Anstiftung seines Herrn, eines staatserhaltenden Bürgermeisters, zwei Stimmen abgegeben. Herzfeld wurde verurteilt, Möller und Bürgermeister Rausch werden nicht verfolgt. Denn Staatsanwalt und Gericht meinen, ein Bürger⸗ meister, der einem anderen Geld gibt, damit er doppelt wähle, begehe nichts Unrechtes. Ar⸗ beiter freilich, die doppelt gewählt haben, sind in verschiedenen Orten Deutschlands zu Ge⸗ fängnisstrafen verurteilt worden. Die Rechts⸗ auffassungen der verschiedenen Gerichte sind eben verschteden. Der staatserhaltende Bürgermeister

daß er es mit Richtern von so milder Auf⸗ fassung zu tun hatte.

Kriegervereine und Gewerkschaften. Auf dem kürzlich stattgefundeneng Bezirks⸗ kriegertage des Bezirks Hannover⸗Linden wurde die Zugehörigkeit von Kriegervereinsmitgliedern zusozialdemokratischen Gewerkschaften ein⸗ gehend erörtert. Dabet machte Regierungsrat Schlosser vom hannoberschen Regterungs⸗ prästdium die eigenartige deeman 1 bestrebt, denjenigen Krieger vereinsm tgliedern, ie gewerblich gezwungen worden seien, einer sozialdemokratisch geleiteten Gewerkschaft beizutreten, den Anschluß an eine christliche Gewerkschaft zu ermöglichen. Die nach dieser Richtung angestelltenErmittlungen hätten längere Zeit in Anspruch genommen. In nächster Zeit würden indes den einzelnen Ver⸗ einen bestimmte Verhaltungsmaßregeln in dieser Beziehung zugehen. Eine absolute Scheidung der nichtchristlichen Gewerkschaften von den Kriegervereinen müsse Platz greifen. enSpitzen der Kirchenvereinler scheints demnach endlich zu dämmern, daß für den Arbeiter die Zugehörigkeit zu einer Gewerkschaft eine unerläßliche Notwendigkeit ist. Nur diesozialdemokratischen Gewerkschaften sollen den eue ore eee en verboten sein, also gerade die Berufsorganisattonen, die es wirklich ernst nehmen mit der Vertretung der Arbeiterinteresen. Den Anschluß an eine christliche Gewerkschaft will man ihnen gnädigst estatten. Es fragt sich nur, ob die Begnadeten ust haben, um sich die Teilnahme am Parade⸗ marsch und Fahnenschwenken zu stchern, ihre Berufsorganisation aufzugeben. Wir glauben, daß sich dazu nicht viele entschließen werden. Ob übrigens diechristlichen Gewerkschaften darüber erfreut sein werden, daß man sie für ungefährlich genug erachtet, um den Schwanz der Kriegervereine zu bilden?

Bei den Landtagswahlen in Oldenburg

fielen unserer Partei vier Mandate zu, während wir bis jetzt deren sechs inne hatten. Natürlich ist das Oldenburger Wahlrecht ein derartiges, das wie mit Absicht darauf zugeschnitten ist, sozialdemokratische Wahlen zu verhindern. Für uns verloren gingen die drei Mandate von Del menhorst, die unsere Partei bei der letzten Wahl mehr durch Zufall eroberte. Eins wurde neu gewonnen.

Der sozialdemokratische Gemeinde⸗ vorsteher.

Wie unser Zentralorgan mitteilte, erhielt der sozialdemokratische Gemeindevorsteher Brand in Woelfis, Sachsen⸗Coburg⸗Gotha, die behörd⸗ liche Bestätigung. Daß diese Tatsache, die doch eigentlich als Selbstverständlichkeit gelten müßte, als wunderbare Begebenheit von der ganzen Presse telegraphisch verbreitet wurde, ist auch ein Zeichen unserer heutigen Zustände.

Russisch⸗japanischer Krieg. Die Entscheidungsschlacht in der Mandschurei ist nach den letzten Nachrichten im vollen Gange. Es befindet sich fast die gesamte Macht beider Heere in der Feuerlinte. Auf beiden Seiten sollen zusammen über eine halbe Million Mann und etwa 2000 Geschütze betei⸗ ligt sein. Das Zentrum der Russen steht bei Liaujang, das stark befestigt ist. Bei dem An⸗ griff auf die russische Stellung sollen 200 000 Japaner mit über 1200 Geschützen beteiligt sein. Trotzdem sei der Angriff mißglückt. Vor Port Arthur müsse die Entscheidung in wenigen Tagen fallen. Die Lage General Stössels set verzweifelt, namentlich seitdem die Japaner die Wasserleitung von Port Ar⸗ thur bei Choneicingang erobert. Die Tragweite zusee Erfolges der Japaner ist noch nicht ab⸗ zusehen. Die russische Ostseeflotte, die schon seit langer Zeit nach Ostasien abgehen soll, be⸗ findet sich in so schlechtem Zustande, daß sie nicht in der Lage ist auszulaufen.

von Bösgesäß kann jedenfalls von Glück sagen,